mini|St. Martinskirche Westportal Die römisch-katholische St. Martinskirche ist die Kirche der Pfarrgemeinde St. Martin Obersäckingen in der 2026 gebildeten Großpfarrei St. Fridolin. Sie steht in Hanglage am nordöstlichen Stadtrand von Bad Säckingen. Das Bauwerk nach Plänen des Großherzoglich Badischen Baudirektors Heinrich Hübsch entstand 1860–1863 und weist typische Merkmale des neoromanischen Rundbogenstils auf. Es ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Baudenkmal eingetragen.

Architektur mini|St. Martinskirche Flankenturm mini|Offene Dachstühle in St. Martin Die dreischiffige Basilika liegt dem Hangverlauf folgend über dem Hochrheintal und schließt im Osten mit einem Chorraum ab. Sein Halbrund wird von fünf Wandflächen gebildet und öffnet sich zum Mittelschiff. Die Orgelempore befindet sich über dem Rundbogenportal im Westen. Halbrundfenster und Okuli über Rundbogenfenstern zwischen Lisenen gliedern die Fassaden aus Sichtsteinquadern in hellen Ockertönen.Das Steinmaterial stammt Hübschs Architekturgedanken folgend aus der unmittelbaren Umgebung, dem Säckinger Stadtwald und einem bei Schopfheim gelegenen Sandsteinbruch.

Die offenen hölzernen Dachstühle des Langhauses unterscheiden den Bau von anderen Kirchen des Architekten. Die korrespondierenden Neigungswinkel der Dächer des Mittelschiffs und der Seitenschiffe überwinden die trennende Wirkung der Mittelschiffwände über Bogenarkaden. Konstruktive Klarheit und schlichte Ausführung verleihen dem Bau Leichtigkeit. Er gilt als harmonisches Spätwerk des Architekten.„Sein Credo war (...) die Verbindung oder besser, die Verbündung des Konstruktiven mit dem Ästhetischen.“ Denkmalstiftung Baden-Württemberg,abgerufen am 27. August 2026.

Der 41 m hohe schlanke Turm erhebt sich mittig am südlichen Seitenschiff über dem abfallenden Hang. Unter der Glockenstube befinden sich an drei Seiten Uhrenzifferblätter. Die erhaltene Kapelle des Vorgängerbaus (s. u.: Friedhofskapelle Obersäckingen) liegt sichtbar ca. 300 m südlich und 20 m tiefer im alten Ortskern von Obersäckingen.

Ausstattung mini|Innenraum von St. Martin mit Blick auf die Orgel

Die verputzten Wände im Inneren waren ursprünglich mit ornamentalen Malereien versehen.Als Beispiel für die dekorative Ausmalung eines Kirchenbaus von Heinrich Hübsch sei die Heilig-Kreuz-Kirche in Bietigheim genannt: Foto In den Jahren 1959 bis 1962 wurde der Innenraum nach den Vorgaben des Zweiten Vatikanischen Konzils umgestaltet. Die farbigen Dekorationen an den Wänden wurden durch weiße Flächen ersetzt, wodurch der Innenraum an Helligkeit gewann.

1960 erhielt der Chor neue Fenster in kontrastreich strahlenden Farben. Sie wurden von Roland Peter Litzenburger (1917–1987) gestaltet. Die zwei neuromanischen Seitenaltäre wurden 1961 durch moderne Altäre mit Gemälden von Edzard Seeger (1911–1990) ersetzt, darunter ein Motiv des Schutzpatrons St. Martin. Die Renovierung fand 1962 ihren Abschluss mit der Anbringung von 14 Kreuzweg-Tafeln an den Wänden der Seitenschiffe. Sie sind Werke des Künstlers Hans Baumhauer (1913–2001).Richard Kaiser: Vor 65 Jahren wurde in Obersäckingen die Kirche renoviert. In: Badische Zeitung, 8. November 2024.

Orgel Eine erste Orgel für das neue Gebäude wurde 1870 erworben. 1913 kaufte die Pfarrgemeinde die 1895 erbaute Chororgel des Konstanzer Münsters und ließ sie erweitern. Die heutige Orgel von 1988 mit drei Manualen und 34 Registern ist ein Neubau der Freiburger Orgelbaufirma Späth, bei dem einige Register des Vorgängerinstruments Verwendung fanden.Nähere Angaben zur Orgel auf Organindex.de

Glocken In der achteckigen Glockenstube unter dem spitzen Turmdach hängt heute ein Geläut von vier Glocken. Die kleinste wurde 1927, die drei größeren 1950 in der historischen Glockengießerei Grüninger Neu-Ulm, zuvor Villingen, gegossen.Tonaufnahmen auf Erzbistum Freiburg Glocken.de

Nach Fertigstellung des Kirchenbaus 1863 behalf sich die Gemeinde aus Geldmangel mit den beiden kleinen Glocken der alten Kirche. Eine kaiserliche Spende von 20 Zentnern Geschützbronze ermöglichte 1874/1875 den Guss von vier Glocken durch die Glockengießerei Rosenlächer in Konstanz. Die drei größeren wurden im Kriegsjahr 1917 eingeschmolzen und erst zehn Jahre später durch ein neues Geläut von vier Glocken ersetzt. 1942 wurden wiederum die großen Glocken zu Kriegszwecken abgeliefert. Bis zur Ergänzung des Geläuts in seiner heutigen Form dauerte es acht Jahre. Es ist zum sogenannten „Idealquartett“ aufeinander abgestimmt.Richard Kaiser: Seit 75 Jahren läuten die Obersäckinger Glocken. In: Südkurier, 6. November 2025.

Entstehungsgeschichte des Gebäudes Ab den 1830er Jahren zeichnete sich wegen Beengtheit und Baufälligkeit der alten romanischen Pfarrkirche in Ortsmitte die Notwendigkeit eines Neubaus ab. Als die großherzogliche Bauinspektion Waldshut ab 1847 verschiedene Pläne für eine einfache Dorfkirche an gleicher Stelle vorlegte, stießen diese bei der Gemeinde auf Ablehnung. Die Gläubigen wünschten sich eine stattliche Kirche als Gegenstück zum Fridolinsmünster im Stadtzentrum. Sie sollte am höher gelegenen Ortsrand errichtet werden, um den Bezug der Filialdörfer Harpolingen und Rippolingen zur Gemeinde sichtbar zu machen.

Ein Schreiben des Pfarrers unter Umgehung aller Instanzen an den obersten badischen Baubeamten führte 1857 unerwartet zum Erfolg. Der Karlsruher Baudirektor Heinrich Hübsch (1795–1863) übernahm die Planung selbst.Hübsch hatte in der näheren Umgebung bereits 1837 die Pfarrkirchen St. Konrad in Stühlingen-Weizen und St. Andreas in Oberlauchringen (Foto) erbaut. Außerdem war er 1858/1859 mit Arbeiten an der Turmfassade des Fridolinsmünsters betraut worden. Über die Finanzierung durch die staatliche Bauverwaltung wurde im Folgejahr noch in der zweiten Kammer des badischen Landtags gestritten. Im September 1860 war Grundsteinlegung.Richard Kaiser, Als Obersäckingen für seine Kirche stritt. In: Badische Zeitung, 8. November 2023.

Die Pläne des Architekten setzte ein örtlicher Bauleiter unverändert um.Abschlussprotokoll des Säckinger Werkmeisters Karl Schättgen vom 6. Oktober 1862. Näheres zum Fundort des Dokuments in der Kreuzkugel auf der Turmspitze: Richard Kaiser, Ein Dokument in luftiger Höhe. Badische Zeitung, 5. Oktober 2013 Drei Monate nach Hübschs Tod im April wurde die Kirche am 1. Juli 1863 eingeweiht.Zur gleichen Zeit entstanden nach Hübschs Plänen in Nordbaden die Heilig Kreuz-Kirche Bietigheim und St. Michael (Bühlertal) im Ortsteil Untertal. Letzterer Bau teilt die Besonderheiten des Flankenturms mit der Obersäckinger Kirche. Entwürfe von Hübsch wurden nach seinem Tod unter anderer Bauleitung noch nahe Bruchsal, St. Cosmas und Damian (Untergrombach), und bei Baden-Baden, St. Dionysius (Oos), verwirklicht. Hübsch hatte auf ein Honorar verzichtet und sich stattdessen erbeten, dass einmal im Jahr eine Messe für ihn gelesen würde.Richard Kaiser, Eine Messe pro Jahr als Honorar. In: Badische Zeitung, 12. April 2013

Geschichte der Pfarrei Obersäckingen Das Schicksal der Obersäckinger Pfarrei ist eng mit Kloster und Damenstift auf der früheren Säckinger Insel verwoben. Bis ins 16. Jahrhundert hatte die Pfarrei Obersäckingen mehr Gläubige als die neben dem Stiftsbezirk entstehende „Civitas“ (Stadt) Säckingen. Doch schon im Mittelalter verlor die Obersäckinger Pfarrei ihre Unabhängigkeit als Eigenkirche. Sie kam in ein Patronatsverhältnis zum Stift und wurde schließlich von ihm inkorporiert. Chronologie der Beziehungen zwischen St. Martin und dem Stift 7. Jh.:Gründung des Klosters und späteren Frauenstifts Säckingen8. Jh.:Errichtung einer Pfarrkirche in Obersäckingen, zuständig auch für Säckinger Gläubige außerhalb der Klostermauern1135:Einweihung der romanischen Pfarrkirche in Obersäckingen, Schutzpatron St. Martin14. Jh.:Bau einer „Liebfrauenkirche“ in der Stadt Säckingen als Filialkirche der Obersäckinger St. Martinskirche, genaue Lage und Aussehen unbekannt1345:Inkorporation„Einverleibung“ im Sinne der Übernahme von Einkünften und ggf. finanzieller Lasten; die Säckinger Stiftskirche war 1334 abgebrannt, die Finanzierung des Wiederaufbaus gestaltete sich schwierig. der Pfarrei St. Martin samt ihrer Säckinger Filialkirche in den Besitz des fürstlichen Stifts1416:Öffnung der Stiftskirche für Stiftsfremde und Umwandlung zur Pfarrkirche für Säckingen; Abriss der dadurch nicht mehr benötigten LiebfrauenkircheRichard Kaiser, Vor 600 Jahren wird das Fridolinsmünster gemeinsames Gotteshaus für alle Einwohner. Südkurier, 10. September 20161490:Anbau eines Chors in gotischem Stil an die Obersäckinger Filialkirche St. Martin in Stiftsbesitz1806:Auflösung des Stifts und Übergang der Liegenschaften auf die Großherzoglich Badische Domänenkammer (Säkularisation und Eingliederung in den badischen Staatsverband)1821:Auflösung des Bistums Konstanz; die Zuständigkeit für Säckingen geht auf das Erzbistum Freiburg über.1863:Abriss der romanischen Pfarrkirche Obersäckingen nach Fertigstellung der neuen St. Martins-Kirche2005:Streichung der Pfarrstelle in Obersäckingen; die Betreuung der Pfarrei geht an den Münsterpfarrer über.

Baudenkmale mit Bezug zu St. Martin Gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebte die Hälfte der Katholiken des Obersäckinger Pfarrsprengels in den Filialdörfern Harpolingen und Rippolingen. In beiden Ortschaften errichteten die Gläubigen eine Kapelle, um sich bei ungünstigem Wetter die Versammlung zum Gebet unter freien Himmel bzw. den beschwerlichen Fußweg zur Kirche im Rheintal zu ersparen.

mini|Herz-Jesu-Kapelle Harpolingen Herz-Jesu-Kapelle Harpolingen Nach Jahrzehnten der Planung und Spendensammlung wurde der Saalbau mit neugotischem Portal, Spitzbogenfenstern und halbrund geschlossenem Chor im Jahr 1888 fertiggestellt. Er weist eine originelle hölzerne Deckenkonstruktion auf und verfügt über eine Empore an der Westseite. Der Chor beherbergt einen Kreuzaltar des St. Märgener Rokoko-Holzschnitzers Matthias Faller (1707–1791). Er befand sich im Besitz der Pfarrkirche St. Jakobus in Eschbach nahe Stegen und stand 1888 zum Verkauf.Jannik Jürgens: Eine Kapelle für arme Fabrikarbeiter. In: Badische Zeitung, 6. Juni 2018.

mini|Schmerzenskapelle Rippolingen Schmerzenskapelle Rippolingen Die Rippolinger Kapelle, ein kleiner Saalbau mit dreiseitigem Chorschluss, wurde 1879 geweiht. Ihr ursprünglich spitzes Türmchen wurde 1912 aus Mitteln des Kapellenfonds durch die heutige Konstruktion mit Zwiebelhaube ersetzt. Seit 1946 steht eine holzgeschnitzte Pietà-Gruppe am Altar. Das Umriss-Fresko über dem Eingang, ebenfalls die Mutter Gottes mit dem toten Christus („Mater dolorosa“) darstellend, stammt aus den 1980er Jahren.Michael Gottstein: Eine Kapelle für die Rippolinger. In: Badische Zeitung, 17. September 2009.

mini|Friedhofskapelle Obersäckingen von Südosten Friedhofskapelle Obersäckingen Von der 1135 eingeweihten romanischen Kirche des früheren Bauern- und Fischerdorfs Obersäckingen ist nur der spätgotische 1490 erbaute Chor erhalten geblieben. Er dient heute, mit einem Vordach versehen, als Friedhofskapelle in der Ortsmitte. Den verbliebenen spätbarocken Altar von 1753 schuf Christoph Schlegel, Schreiner aus Unteralpfen. Das Altarbild (St. Martins Mantelteilung, in dem Medaillon darüber ein kleines Ursus-Motiv) malte Joseph Tröndlin aus Laufenburg. Von ihm stammt ebenfalls das Gemälde „Christus am Kreuz“ an der nördlichen Seitenwand.Richard Kaiser: Was St. Martin über die Kirchengeschichte in Obersäckingen berichten kann. In: Südkurier, 4. November 2019.

mini|Kath. Pfarrhaus Obersäckingen Kath. Pfarrhaus Obersäckingen Der zweistöckige Bau über nahezu quadratischem Grundriss ist geprägt von einem zentralen neugotischen Erker aus braunem Sandstein. Er ragt über der Eingangstür an der Ostseite bis ins Walmdach und liegt in der Verlängerung der Längsachse des Kirchenbaus im Osten. Ein ehemals großer eingefriedeter Pfarrgarten erstreckte sich oberhalb des Hauses in Hanglage.