NAZA ist ein Dokumentarfilm von Yuval Abraham und Rachel Szor aus dem Jahr 2026. In anonymisierten Interviews enthüllen israelische Militärangehörige und Geheimdienstler die KI-gestützten Systeme, Strategien und Vorgehensweisen, die zu einer hohen Zahl ziviler palästinensischer Todesopfer und zu weitflächigen Zerstörungen im Gazastreifen führten. Die britische Produktion entstand in Zusammenarbeit mit der Tageszeitung The Guardian. Jonathan Glazer trat als Executive Producer auf. Der Titel geht auf ein hebräisches Militärkürzel für „Kollateralschaden“ zurück.

NAZA wurde im September 2026 im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Venedig uraufgeführt und gewann dort den Sonderpreis der Jury. Die israelische Regierung warf dem Regisseurduo Landesverrat vor und kündigte an, man wolle den beiden die Staatsbürgerschaft entziehen. Der Film kam Ende September 2026 in die Kinos und erhielt international überwiegend positive Rezensionen. Gegen Ende November 2026 soll er zum kostenlosen Streamen auf der Guardian-Webseite verfügbar gemacht werden.

Inhalt Über einen Zeitraum von drei JahrenNAZA. In: labiennale.org (abgerufen am 24. August 2026). wurden nachts auf Hochhausdächern in der israelischen Küstenstadt Tel Aviv Interviews mit 24 israelischen Soldaten und Geheimdienstlern, darunter Datenanalysten, Drohnenpiloten und Scharfschützen, geführt. Die Gesprächspartner werden nur als dunkle Silhouetten gezeigt, auch ihre Stimmen sind zum Schutz ihrer Identität verfremdet. Sie beschreiben die KI-Systeme zur Festlegung von Angriffszielen in Gaza, die diesen Interviews zufolge dort zu massenhaften Tötungen palästinensischer Zivilisten führten. Dazwischen erscheinen Aufnahmen des nächtlichen Tel Aviv, darunter auch der Kinemathek in Tel Aviv, auf deren Leuchtreklame eine Hommage an Shoah-Regisseur Claude Lanzmann angekündigt wird. Einleitende Montagesequenzen beschreiben kurz den kriegsauslösenden Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 und dessen Opfer.

Einer der interviewten Soldaten erklärt das Kürzel „NAZA“. Jedem potenziellen Ziel – beispielsweise einem mutmaßlichen Hamas-Mitglied – sei in der KI-Software ein NAZA-Wert zugeordnet. Dieser Wert stehe für die erwartete Anzahl ziviler Todesopfer bei einem Luftangriff auf dieses Ziel (NAZA kommt von hebräisch Nezek Agavi, Kollateralschaden). Ziele mit Werten unter 20 NAZA bräuchten keine besondere Genehmigung, einmal habe es eine Freigabe für 500 NAZA gegeben. Die kombinierten NAZA-Werte aller potenziellen Hamas-Kämpfer überstiegen die Gesamtbevölkerung Gazas, erklärt einer der Interviewten.

Als die Palästinenser aus dem nördlichen Teil des Küstenstreifens vertrieben werden sollten, hätten die Landkarten unterschiedlich gefärbte Quadranten gehabt, um noch bewohnte Gebiete (violett) von zerstörten Gebieten (weiß) zu unterscheiden. Das Ziel sei gewesen, violette Kästchen in weiße zu verwandeln, „wie ein Videospiel“. Es habe die Anweisung gegeben, so viel wie möglich zu zerstören, ehe Zweifel an der Legitimität der Militäreinsätze auftreten könnten. Von Tel Aviv aus seien Todeszonen in Gaza festgelegt worden; wo diese verliefen, hätten die Palästinenser gelernt, indem sie erschossen wurden, wenn sie diese Zonen betraten. Einer der Gesprächspartner spricht davon, wie israelische Scharfschützen auf Hungernde bei einer Essensausgabe feuerten. Anhand einer Strichmännchen-Zeichnung illustriert er das Geschehen. Leichen seien auf den Straßen liegengeblieben, bis sie von Hunden gefressen wurden.

Die meisten Interviewten beschreiben das Töten aus großer Entfernung als einen alltäglichen Bürojob. Die zuverlässigsten Ziele seien nicht Hamas-Kämpfer, sondern deren Häuser gewesen, in denen auch ihre Familien schliefen. Jedes Gebäude im Gazastreifen sei nummeriert und die Stockwerke jedes Gebäudes seien erfasst. Die relevanten Häuser seien durch die Überwachung aller Handys in Gaza identifiziert worden, Teil eines „Lavender“ genannten KI-Systems, das riesige Datenmengen verarbeite. Ein Interviewpartner spricht von einer „Fabrik von Zielen“. Das System habe Zugriff auf die Kameras und Mikrofone der Handys gehabt, einschließlich der Handys von Kindern. Dabei sei insbesondere auf Aussagen wie „Papa ist wieder zu Hause“ geachtet worden. Aus diesem Grund habe sich der Begriff „Where is Daddy“ („Wo ist Papa?“) für das Abhörsystem eingebürgert. Die Nachricht von der Rückkehr des Vaters sei dann das Signal für einen Drohnen- oder Raketenangriff gewesen, der die gesamte Familie mitsamt Besuchern und Nachbarn tötete. Ein Mann erzählt von einer 12-Jährigen: „Du hackst ihr Handy und bringst sie dann um.“ Einer der Interviewten schildert einen Fall, bei dem der Palästinenser, der das eigentliche Ziel des Angriffs war, sein Handy zufällig daheim vergessen hatte, als er das Haus verließ; so tötete die auf die Wohnung abgefeuerte Rakete seine Familie, während er selbst verschont blieb. Im Rahmen des Überwachungssystems seien vielfach Tonaufnahmen und Fotos von gezielten Tötungen entstanden. Ein Mann berichtet, er habe über das Handy eines palästinensischen Vaters live verfolgt, wie dessen in Fotos auf dem Handy gezeigte Tochter bei lebendigem Leib verbrannt sei. Man fühle sich wie Gott, erklärt ein Mann, denn man könne alles hören, was gesagt werde.

Die Tötung von Kindern und Zivilisten sei nicht nur in Kauf genommen, sondern auch als Aufgabe betrachtet worden, sagen mehrere der Soldaten. Es gebe in Gaza keine Unschuldigen. Nach dem 7. Oktober habe im israelischen Militär eine Atmosphäre des Hasses geherrscht. Niemand hätte die massenhafte Tötung von Zivilisten infrage gestellt. Einer der Befragten sagt, Palästinenser zu töten, die Mission zu erfüllen, fühle sich gut an. Psychologische Betreuung sei erhältlich gewesen, aber keiner aus seiner Einheit habe sie gebraucht. Ein anderer sagt: „Wir töten diese Kinder absichtlich.“

In einer im Film enthaltenen Archivaufnahme erklärt Benjamin Netanjahu, Terrorismus sei „das vorsätzliche und systematische Morden, Verstümmeln und Bedrohen von Unschuldigen zu politischen Zwecken“. Eine gegen Ende des Films erscheinende kurze Dokumentarsequenz aus dem Gazastreifen zeigt einen Vater, der in ein zerstörtes Gebäude hineinruft, auf der Suche nach seinen Kindern, und unter einer Betonplatte hervorragende Kinderbeine.

Die Frage, ob er an einem Genozid beteiligt gewesen sei, beantwortet einer der Interviewten, ohne zu zögern, mit Ja. Ein Mitglied einer Eliteeinheit erklärt, unter Verweis auf den Holocaust, er verstehe inzwischen, wie es sein könne, dass man ein ganzes Gebäude zerstört, mit all den darin befindlichen Menschen, und das Leben dann trotzdem einfach weitergeht, und „man macht seinen Abschluss in klinischer Psychologie“.

Regisseur Yuval Abraham erklärte bei der Pressekonferenz anlässlich der Filmpremiere in Venedig, wenn auch das Geschehen in Gaza nicht dasselbe sei wie der Holocaust, es gebe ein gemeinsames Element – das der Entmenschlichung. Dies solle der Film zeigen.

Produktion NAZA ist der zweite Langfilm der israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor. Beide waren bereits zuvor – gemeinsam mit Basel Adra und Hamdan Ballal – Teil des vierköpfigen israelisch-palästinensischen Regiekollektivs des Dokumentarfilms No Other Land (2024) über die ethnische Säuberung palästinensischer Gemeinden in der Region von Masafer Yatta im Westjordanland, der unter anderem ausgezeichnet wurde mit dem Berlinale Dokumentarfilmpreis 2024 sowie dem Oscar als bester Dokumentarfilm 2025.Human Rights Defender Killed in Shooting Attack by Israeli Settler in Hebron, as Israeli Judiciary Is Complicit in His Release, Palästinensisches Zentrum für Menschenrechte, 31. Juli 2025Remembering Awdah Hathaleen, Jewish Currents, 21. August 2025A year after Awdah’s killing, Umm Al-Khair struggles for its own survival, +972 Magazine, 29. Juli 2026

Der Inhalt von NAZA basiert auf Enthüllungen, die zwischen 2023 und 2025 zuerst vom palästinensisch-israelischen Online-Portal +972 Magazine, der hebräischsprachigen Nachrichten-Webseite Local Call ( Sicha Mekomit) und The Guardian veröffentlicht wurden. Die britische Tageszeitung führte im Vorfeld investigative Recherchen zu den geschilderten Sachverhalten durch und trat neben James Wilson (JW Films) auch als Produzent des Films auf. Regisseur Jonathan Glazer, der bei seinem Oscar-prämierten Spielfilm The Zone of Interest (2023) über die Villa des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß mit Wilson zusammengearbeitet hatte, war als Executive Producer an NAZA beteiligt. Ebenfalls unterstützt wurde das Projekt von den Unternehmen Placeholder Films und Unseen Hand.NAZA - a new film directed by Yuval Abraham and Rachel Szor, produced by the Guardian. In: theguardian.com (abgerufen am 24. August 2026).

Das Kamerateam blieb mit Ausnahme von Rachel Szor anonym. Für den Ton zeichneten die Deutschen Lars Ginzel und Benjamin Hörbe sowie der Brite Robert Farr verantwortlich.

Veröffentlichung Die weltweiten Vertriebsrechte sicherte sich das französische Unternehmen mk2 Films.Zac Ntim: MK2 Films Boards Yuval Abraham & Rachel Szor’s Venice Doc ‘NAZA’. In: deadline.com, 25. August 2026 (abgerufen am 25. August 2026). Der Film kam ab 28. September in mehr als 50 Märkten – darunter Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien, Portugal, Belgien, Niederlande, Schweden, Dänemark, Norwegen, Griechenland, Türkei, Nahostländer, Polen, Litauen, Rumänien, Bulgarien, Australien, Neuseeland, Japan, Hongkong, Indonesien, Thailand, USA, Kanada, Brasilien und Mittelamerika – in die Kinos. Der Guardian und mk2 ließen verlauten, der Film sei auch einer Reihe von Verleihern und Kinos in Israel angeboten worden. Es würden auch Möglichkeiten untersucht, den Film in den besetzten palästinensischen Gebieten zu zeigen.

Der Guardian hat angekündigt, dass der Film nach einer etwa zweimonatigen Laufzeit in den Kinos ab Ende November 2026 auf der Guardian-Webseite ohne Bezahlschranke zum Streamen verfügbar sein wird.

Rezeption Die Uraufführung von NAZA erfolgte am 10. September 2026 im Rahmen des 83. Internationalen Filmfestivals von Venedig. Der Beitrag wurde als einziger Dokumentarfilm in den Hauptwettbewerb aufgenommen und neun Tage vor Festivalbeginn nachgereicht.A new film has been added to the program for the 83rd Venice Film Festival. In: labiennale.org, 24. August 2026 (abgerufen am 24. August 2026). Der Grund sollen Sicherheitsbedenken gewesen sein.Jordan Ruimy: Venice Film Festival Schedule Reveals “Mystery Film” Held Back for “Security Reasons,” to Be Announced Soon. In: worldofreel.com, 7. August 2026 (abgerufen am 24. August 2026).

NAZA gewann den Sonderpreis der Jury in Venedig. Das Premierenpublikum spendete Abrahams und Szors Regiearbeit rund 25 Minuten Applaus nach der Vorstellung – die längste Ovation, die es je bei den Filmfestspielen von Venedig gab. Der Film übertraf den Rekord von 24 Minuten, den Die Stimme von Hind Rajab im Vorjahr aufgestellt hatte.Melanie Goodfellow, Zac Ntim: Gaza Doc ‘NAZA’ Gets 25-Minute Venice Ovation, Setting New A-List Festival Record As Palestinian Flags Fly In Sala Grande. In: deadline.com, 10. September 2026 (abgerufen am 11. September 2026).David Mouriquand: Gaza documentary ‘NAZA’ wows Venice and breaks standing ovation record. In: euronews.com, 11. September 2026 (abgerufen am 11. September 2026). Reaktion in Israel Das israelische Militär erklärte in einer Stellungnahme nach dem Preisgewinn in Venedig, die Glaubwürdigkeit der in dem Film interviewten Personen ließe sich nicht beurteilen und es sei nicht wahr, dass palästinensische Zivilisten absichtlich getötet worden seien. Insbesondere die Behauptung, es habe einmal einen Fall mit 500 NAZA gegeben, wurde scharf zurückgewiesen. Israelische Völkerrechtler forderten indes eine unabhängige Untersuchung; eine pauschale Zurückweisung der Vorwürfe sei unangemessen.