mini|288x288px|Shang-Orakelschriftzeichen für 帝 Dì, die höchste Gottheit als Himmelspol mini|Das jährliche Opfer an den Himmel ( jìtiān) zu Ehren der höchsten Gottheit, des Himmlischen Herrschers ( Huángtiān Shàngdì), wird am Himmelstempel in Peking vollzogen. Staatliche Zeremonien und verschiedene konfuzianische Religionsgemeinschaften trugen in den 2000er Jahren zur Wiederbelebung der Verehrung der höchsten Gottheit bei.|230x230px Shangdi (), auch einfach Di () genannt, ist die Bezeichnung für die höchste chinesische Gottheit beziehungsweise den „Herrn in der Höhe“ in der Philosophie der klassischen chinesischen Texte. Das Konzept geht insbesondere auf die Shang-Dynastie zurück und findet eine Entsprechung im späteren Tian („Himmel“ beziehungsweise „großes Ganzes“) der Zhou-Dynastie.Robert Eno 2008, S. 70.
Obwohl heute in der chinesischen Religion überwiegend der Begriff Tian zur Bezeichnung der absoluten Gottheit des Universums verwendet wird, findet Shangdi weiterhin in verschiedenen Traditionen Verwendung. Dazu gehören bestimmte chinesische philosophische Schulen,Ruth H. Chang: Understanding Di and Tian: Deity and Heaven from Shang to Tang Dynasties Strömungen des chinesischen Buddhismus, des Daoismus und Konfuzianismus,Yong Huang 2007, S. 457. einige chinesische religiöse Bewegungen, insbesondere Yiguandao, sowie das chinesische protestantische Christentum. Darüber hinaus wird der Begriff von chinesischsprachigen Menschen auf dem chinesischen Festland und in Übersee sowie von religiösen und säkularen Gruppen in Ostasien als Bezeichnung einer einzigen universalen Gottheit und auch als Übersetzung des Begriffs von Gott aus den abrahamitischen Religionen verwendet.
Etymologie
Shangdi ist die Pinyin-Umschrift zweier chinesischer Schriftzeichen. Das erste, Shàng, bedeutet „hoch“, „höchste“, „erste“ oder „ursprüngliche“. Das zweite, Dì, wird im modernen Chinesisch häufig mit dem in Huangdi () vorkommenden Di in Verbindung gebracht, dem Titel der Kaiser von China, der erstmals vor etwa 2200 Jahren von Qin Shihuangdi verwendet wurde und gewöhnlich als „Kaiser“ übersetzt wird. Der Begriff steht außerdem in Verbindung mit den Urkaisern Chinas, zu denen auch der Gelbe Kaiser () gehört, der in der chinesischen Mythologie als Begründer der chinesischen Zivilisation und Ahnherr der Chinesen gilt. Das Schriftzeichen bezeichnete jedoch bereits bei den Shang eine höchste Gottheit und besaß somit ursprünglich die Bedeutung „Gottheit“ beziehungsweise „manifestierter Gott“.
Shangdi kann daher als „höchste Gottheit“ übersetzt werden und besitzt im klassischen Chinesisch zugleich die Konnotation einer „ursprünglichen“ oder „ersten Gottheit“. Die Bezeichnung der Gottheit ging dem kaiserlichen Titel voraus; die chinesischen Kaiser wurden in ihrer Funktion als Tianzi, „Söhne des Himmels“, nach diesem religiösen Konzept benannt. In den klassischen Texten wird die höchste Vorstellung des Himmels häufig mit Shangdi identifiziert, dem zum Teil anthropomorphe Eigenschaften zugeschrieben werden. Außerdem wurde er mit dem Polarstern beziehungsweise dem Himmelspol in Verbindung gebracht. Die Vorstellungen vom höchsten Herrscher Shangdi und vom erhabenen Himmel (, Huángtiān) verschmolzen später zunehmend miteinander.
Verwendung während der Shang-Dynastie Die Aussprache von Di während der Shang-Zeit wird als *têks rekonstruiert. Während der Shang-Dynastie entstanden 23 Varianten des Schriftzeichens für Di, die auf einem gemeinsamen Grundmuster beruhten. Der Begriff erscheint in zahlreichen Inschriften, unter anderem in Verbindung mit Naturgeistern und bei der Anrufung von Ahnengottheiten. Es existierte außerdem eine als „Di-Opfer“ bezeichnete Form des Opfers, mit der Repräsentanten von Di verehrt wurden.
Geschichte Es gibt Hinweise darauf, dass sich „tian“ ursprünglich auf den Himmel bezog, während „Shangdi“ den dort wohnenden obersten Ahnherren bezeichnete. Die erste Erwähnung von „tian“ scheint zu Beginn der Zhou-Dynastie (1046–256 v. Chr.) erfolgt zu sein, und es wird angenommen, dass „tian“ Shangdi, den obersten Gott der vorangegangenen Shang-Dynastie (ca. Mitte des 16. Jahrhunderts – Mitte des 11. Jahrhunderts v. Chr.), in sich aufnahm.
Shang-Dynastie mini|270x270px|Orakelknochenschrift, die älteste bekannte Form der chinesischen Schrift. Die frühesten bekannten Hinweise auf Shangdi finden sich auf Orakelknochen aus der Shang-Dynastie im 2. Jahrtausend v. Chr. Das später entstandene Buch der Urkunden behauptet allerdings, bereits Kaiser Shun habe der Gottheit jährlich Opfer dargebracht, noch vor der Xia-Dynastie.
Shangdi galt der herrschenden Elite der Shang als höchste spirituelle Macht. Man schrieb ihm die Kontrolle über Siege im Krieg, Erfolg oder Misserfolg der Ernten, Wettererscheinungen wie Überschwemmungen des Gelben Flusses sowie über das Schicksal der Hauptstadt und des gesamten Reiches zu. Shangdi scheint an der Spitze einer Hierarchie von Gottheiten gestanden zu haben, die verschiedene Naturerscheinungen kontrollierten; auch die Geister Verstorbener waren ihm untergeordnet.Yanxia Zhao: Chinese Religion: A Contextual Approach. 2010, S. 154. Vergleichbare Vorstellungen finden sich später in der daoistischen Vorstellung des Jadekaisers und seiner himmlischen Bürokratie. Shangdi wurde in späteren Jahrhunderten teilweise mit dem Jadekaiser synkretisiert.
Shangdi wurde wahrscheinlich eher als transzendente denn als immanente Gottheit verstanden, die durch untergeordnete Götter wirkte.Yanxia Zhao: Chinese Religion: A Contextual Approach. 2010, S. 154. Für gewöhnliche Menschen galt Shangdi als zu entfernt und hochstehend, um direkt verehrt zu werden. Die Shang-Könige erklärten dagegen, Shangdi sei über die Seelen ihrer königlichen Vorfahren zugänglich.Jeaneane D. Fowler, Merv Fowler: Chinese Religions: Beliefs and Practices. Sussex Academic Press, 2008. Dies galt sowohl für legendäre Ahnen als auch für verstorbene Shang-Könige, die sich Shangdi nach ihrem Tod angeschlossen hätten. Die Könige konnten Shangdi daher nach dieser Vorstellung unmittelbar um Unterstützung bitten.K. C. Wu 1982, S. 8. Zahlreiche Orakelknocheninschriften enthalten derartige Bitten, insbesondere um Regen,K. C. Wu 1982, S. 173. aber auch um Shangdis Zustimmung zu staatlichen Entscheidungen.
Shangdi wurde während dieser Zeit teilweise menschenähnlich beziehungsweise anthropomorph verstanden und von einigen Gläubigen als „größter Ahne“ angesehen.
Zhou-Dynastie Während der späten Shang- und der Zhou-Dynastie wurde Shangdi zunehmend mit dem Himmel (, Tiān) gleichgesetzt. Der Herzog von Zhou rechtfertigte die Machtübernahme seiner Dynastie mit dem Konzept des Mandats des Himmels. Danach hing der Schutz Shangdis nicht von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Herrscherdynastie ab, sondern von gerechter Herrschaft. Shangdi wurde damit nicht mehr ausschließlich als Stammesgottheit verstanden, sondern zunehmend als moralische Kraft, die ihre Macht nach bestimmten ethischen Maßstäben ausübte.Buch der Urkunden. Seine Gunst konnte einer Dynastie entzogen und auf eine andere übertragen werden, sofern diese die erforderlichen Rituale und moralischen Verpflichtungen erfüllte.
Die moderne Forschung hat sich insbesondere mit der Übernahme religiöser Praktiken der Shang durch die Zhou beschäftigt und mit der fortgesetzten Verehrung Shangdis in veränderter Form. Die Regentschaft des Herzogs von Zhou war nach dieser Interpretation unter anderem darauf ausgerichtet, die Herrschaft der neuen Dynastie zu stabilisieren. Der Zhou-Hof übernahm hierbei Praktiken der Shang, bei denen lokale Kulte und Stammesgottheiten in die offizielle Religion integriert worden waren. Nach Ruth H. Chang bot die Fortführung der Shang-Religion zugleich die Möglichkeit, die religiösen Praktiken der eroberten Shang-Bevölkerung mit jenen der Zhou zu verbinden. Die Zhou bemühten sich demnach darum, den Eindruck zu vermitteln, dass auch der Begriff Di zu ihrer eigenen religiösen Tradition gehörte. Chang interpretiert dies als Versuch, Shang und Zhou auch religiös innerhalb eines gemeinsamen politischen Systems zu vereinen.
Ein weiterer Grund für die Verbindung von Di mit Tian lag möglicherweise in der Vorstellung göttlich legitimierter Herrschaft. Orakelknocheninschriften deuten darauf hin, dass die Shang glaubten, der König erhalte Shangdis Segen. Einige Forscher interpretierten dies als Vorstellung einer von der Gottheit verliehenen Herrschaftsautorität. Eine ähnliche Funktion besaß das Zhou-Konzept des Himmelsmandats. Die Übernahme dieses Konzepts konnte daher für die Shang-Bevölkerung an bereits bekannte religiöse Vorstellungen anknüpfen.Ruth H. Chang 2000, S. 15.
Da zahlreiche Rituale eng mit dem Herrscherhaus der Shang verbunden waren, behielten Shang-Adlige auch nach dem Dynastiewechsel lokale Herrschaftspositionen und dienten als Berater und Priester am Hof. Der Herzog von Zhou ließ in Luoyang eine nach strengen kosmologischen Prinzipien angelegte Zeremonialstadt für die Shang-Aristokratie und die Neun Dreifußkessel errichten, welche die Herrschaft über die chinesische Welt symbolisierten. Die Shang wurden mit der Bewahrung der Riten der Zhou betraut. Aus den niederen Adelshäusern der Shang beziehungsweise der Klasse der shi entwickelte sich später die konfuzianisch gebildete Beamten- und Gelehrtenschicht, die die Zhou-Herrscher in Fragen von Hofetikette und Ritual beriet.Chinese Philosophy. China Renmin University, 2006.
Die Fünf Klassiker des Konfuzianismus bewahrten und ordneten zahlreiche ältere Traditionen, einschließlich der Verehrung Shangdis. Alle fünf Werke enthalten entsprechende Erwähnungen: +Erwähnungen Shangdis in den Fünf KlassikernChinesischer NamePinyinDeutscher NameErwähnungenShujingBuch der Urkunden32ShijingBuch der Lieder24LijiBuch der Riten20ChunqiuFrühlings- und Herbstannalen8YijingBuch der Wandlungen2 Auch die Vier Bücher erwähnen Shangdi, allerdings wesentlich seltener und abstrakter. Da Shangdi in den älteren Texten häufiger erscheint, könnte dies eine zunehmende Rationalisierung des Begriffs widerspiegeln: von einer bekannten und teilweise willkürlich handelnden Stammesgottheit hin zu einer abstrakteren philosophischen Vorstellung oder zu einer Verschmelzung mit anderen Gottheiten.Im Buch der Urkunden heißt es sinngemäß: „Der erhabene Himmel kennt keine parteiische Zuneigung; er unterstützt allein die Tugendhaften.“Im Zuo Zhuan heißt es sinngemäß: „Wenn jemand nicht tugendhaft ist, werden die Menschen nicht in Harmonie leben und die Geister seine Opfer nicht annehmen. Was die Geister anzieht, ist die Tugend.“
Bereits während der Westlichen Zhou waren Di und Tian weitgehend synonym geworden und wurden in verschiedenen Bronzeinschriften austauschbar verwendet. Ein Beispiel findet sich in Bronzeinschriften aus der Regierungszeit von König Li von Zhou im 9. Jahrhundert v. Chr.
Han-Dynastie Zur Zeit der Han-Dynastie erklärte der einflussreiche konfuzianische Gelehrte Zheng Xuan: „Shangdi ist ein anderer Name für den Himmel.“ Dong Zhongshu schrieb: „Der Himmel ist die höchste Autorität, der König der Götter, den der König verehren sollte.“Dong Zhongshu: Chunqiu Fanlu.
Die Bedeutung von Di hatte sich zu dieser Zeit erheblich erweitert. In manchen Zusammenhängen bezeichnete das Wort weiterhin eine hohe Gottheit mit besonderer Autorität über himmlische Erscheinungen, in anderen wurde es mit weiteren Begriffen verbunden und verlieh diesen eine göttliche Bedeutung. Di findet sich beispielsweise in den Namen des Gelben Kaisers (Huangdi), des Flammenkaisers (Yandi) und zahlreicher weiterer Gestalten.
In späteren Epochen wurde Shangdi häufig als „Himmlischer Herrschender Höchster Gott“ (, Huángtiān Shàngdì) bezeichnet. In dieser Verwendung wurde er insbesondere mit dem daoistischen Jadekaiser gleichgesetzt.
Eigenschaften
Shangdi als Ahnherr der Shang