Wenn der Wolf geht ist der Titel einer 1967in Federlese, Almanach des Deutschen PEN, hrsg. von Benno Reifenberg und Wolfgang Weyrauch. Desch Verlag München 1967. veröffentlichten satirischen Erzählung von Gabriele Wohmann. Sie handelt von zwei Schwestern, die sich selbstgerecht in ihrem behaglichen bürgerlichen carpe-diem-Leben eingerichtet haben, mit Ausnutzung ihres behinderten Bruders als Hausdiener, wie am pointierten Schluss verraten wird.
Inhalt In einem langen Monolog an einem Sonntagabend, mit einem pointierten, überraschenden Schlusssatz, berichtet die Erzählerin von der Störung ihres ruhigen und wohlgeordneten Lebens. Seit dem vergangenen Sonntag seien sie und ihre Schwester über den angekündigten Abschied ihres Hausburschen Karl „beunruhigt und schockiert […] auch gekränkt, wirklich, und mit gutem Recht, wie [sie] glauben“. Die ganze letzte Woche sei ihnen dadurch verdorben, der Sonntagabend sei völlig verpatzt gewesen und in Zorn vorbei- und in schlechten Schlaf übergegangen.
Die Erzählerin ist Studienrätin, ihre jüngere Schwester Verena arbeitet im Archiv der archäologischen Abteilung des Museums. Beide leben seit dem Tod des Vaters und nach der „Übersiedelung“ der Mutter ins Altersheim „Waldfriede“ allein im kleinen Familienhaus. Die Erzählerin klagt über den „erheblichen Betrag“, der für die Unterbringung der Mutter aufgebracht werden muss und der die Rücklagen des Vaters übersteigt: „Altersheime sind unerhört teuer, dabei essen die alten Leutchen kaum noch was.“Gabriele Wohmann: Wenn der Wolf geht. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 114.
Die Schwestern, „übers Ende der Dreißig hinaus“, haben sich vorgenommen, „jedem Tag die kleinen Freuden zu entnehmen, die er bietet, und er hat immer welche zu bieten, wenigstens Leuten, die aufpassen wie Verena und [sie], à la Horaz, erste Ode, Vers elf, Zeile acht“.Ode An Leukonoë: „Leuconoe, du sollst nicht fragen, welches Ende mir, welches Ende dir die Götter beschert haben - das zu wissen, wäre Frevel - und versuche keine babylonischen Zahlenkünste. Um wieviel ist es besser, zu ertragen, was auch immer geschieht, sei es, dass Jupiter mehrere Winter oder dass er den letzten zuteilt, der jetzt die Wogen des Tyrrenischen Meeres, die der Bimssteinklippe entgegenstehen, bricht. Du sollst wissen: Geklärte Weine und eine lange Hoffnung sollst du auf das Heute beschränken. Während wir reden, verstreicht die missgünstige Zeit: Pflücke den Tag, auf den folgenden vertraue so wenig leichtgläubig wie möglich.“ Die Erzählerin bezieht sich auf die Schlusszeile. Beide schlafen gerne lang und haben Karl angewiesen, morgens das Gartentürchen aufzuschließen, Brötchen und die Zeitung zu holen, im Winter Feuer zu machen und die Heizanlage regelmäßig zu reinigen „und so weiter, danach kommen die übrigen, variablen Aufträge“: Karl „dient“ in Haus und Garten. Vor seinem Umzug in ein Zimmer in der Nachbarschaft, zu „Lebzeiten des Vaters“, wohnte er im Haus, aber die Schwestern benötigten das heizbare Kellerzimmer „dringend als Fotolabor“, denn es war „immer so lästig, den ganzen Kram erst aufzubauen und das einzige Wohnzimmer, das [sie] haben, als Dunkelkammer einzurichten“: „Man mag das albern finden oder nicht: Fotografieren und was dazu gehört ist nun mal unsere Art, Horaz auszulegen. Nebenbei: keine selbstsüchtige“.Gabriele Wohmann: Wenn der Wolf geht. In. Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 118. Denn in ihrem Bekanntenkreis in der ganzen Stadt weiß man ihre Diaabende, wie „Ein Spaziergang in Ravenna“ oder „Zu Gast bei Buonaparte“ zu schätzen, zu denen Karl mit einem Handwägelchen Projektor und Leinwand transportiert und nach Ende der Vorführung in der Nacht wieder zurückbringt, denn die Erzählerin mag es nicht, „wenn ihre Besitztümer die Nacht außer Hause verbringen.“Gabriele Wohmann: Wenn der Wolf geht. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 119.
Jetzt hat sich Karl um die Stelle eines Kirchendieners beworben. Die Erzählerin ist skeptisch, ob er sie mit seinem niedrigen Intelligenzquotienten ausfüllen kann. Zudem ist er wegen seines Wolfsrachens, „Palatum fissum“, sprachlich behindert. Früher, als Kinder, haben auch die Schwestern gerufen: „Wenn der Wolf kommt, dann lauf ich! Wie Kinder so sind.“Gabriele Wohmann: Wenn der Wolf geht. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 117. „[J]etzt ist es umgekehrt. Der Wolf geht, wir laufen ihm nach“,Gabriele Wohmann: Wenn der Wolf geht. In: Fabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 119. klagt die Erzählerin und befürchtet, da werde die jüngere Verena wohl die körperlich schweren Arbeiten übernehmen müssen: „Tut mit leid. Ich kanns einfach nicht. Sorry“. Außerdem fragt sie rhetorisch: Gehen ihr als Lehrerin nicht schwere „Probleme wissenschaftlicher und pädagogischer Art, bis zum Einschlafen durch den Kopf? So ist es. Während Verenas Tätigkeit doch mehr schematischer Natur ist, ich meine, sie hält die Seele frei und schont das Privatleben.“Gabriele Wohmann: Wenn der Wolf geht. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren. Band 2. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 116.
Über ihre Reaktionen auf Karls Abschied sind die Schwestern unterschiedlicher Meinung. Die „rührend besorgte“ und „gefühlvolle“ Verena hat schon immer gemeint, es sei „klüger, Karl nicht so fest an die Zügel zu nehmen. Wir lebten in einer Zeit […], die dem Arbeitseifer nicht gerade hold sei.“Gabriele Wohmann: Wenn der Wolf geht. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 114. Auch hat sie an winterlichen Feiertagen für Karl Tannenzweige und Kerzen auf den Heizkessel gelegt, „[o]bwohl er natürlich offizielle Geschenke“ erhielt: zu Weihnachten das obligatorische Hemd aus Baumwolle und im Sommer „mal ein Fläschchen Bier, mal ein Glas Gelee“. Jetzt schlägt Verena vor, sich mit Karl zu versöhnen, ihm ein „neues und diesmal redliches Angebot“ zu machen, ihn besser zu bezahlen und ihm wieder sein altes Zimmer anzubieten.
Die Erzählerin folgt Verenas Vorschlägen nur teilweise. Sie plant zuerst den Pfarrer auf Karls geringe Intelligenz hinzuweisen und dann mit ihm selbst zu sprechen. Sie könnte ihm eine regelmäßige Zahlung zusagen, vielleicht auch das ehemalige Zimmer, und will ihm vor allem ins Gewissen reden: Karl, „wir wollen dein Bestes. Uns zu verlassen, wird dich nicht froh machen […] wer die materiellen Güter überschätzt, [gewinnt] am Ende nichts […] was würden deine Eltern denn zu diesem Bruch mit der Vergangenheit sagen“.Gabriele Wohmann: Wenn der Wolf geht. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 121. Als Abschluss denkt sich die Erzählerin, als große Schwester mit Führungverpflichtung, ihre Worte an Verena aus, die dann vermutlich an ihren Lippen hängt, „wie man sagt: ‚Verena-Schatz ich habe mit Karl reden müssen. Wir waren lang zusammen […] Karl verdient unser Mitgefühl. Er hat nicht viel Grips, aber ein gutes Herz […] Und schließlich ist er ja unser Bruder.‘“Gabriele Wohmann: Wenn der Wolf geht. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 122.
Rezeption und Interpretation Gabriele Wohmann war in den 1970er und 1980er Jahren eine erfolgreiche, viel gelesene Autorin und gilt als eine der bedeutendsten Repräsentantinnen der Kurzgeschichte in Deutschland. Nach Reich-Ranickis Einschätzung, gibt es im „Bereich der Kurzgeschichte […] im ganzen deutschen Sprachraum nur sehr wenige Schriftsteller, die Gabriele Wohmann auch nur gleichkommen“.Marcel Reich-Ranicki: Bitterkeit ohne Zorn. In: zeit.de. 21. Juli 1967 ScheidgenIlka Scheidgen: Fünfuhrgespräche. Zu Gast bei Günter Grass, Peter Härtling, Herta Müller, Peter Rühmkorf, Dorothee Sölle, Arnold Stadler, Carola Stern, Martin Walser, Gabriele Wohmann, Eva Zeller, Kaufmann. Lahr, 2008, S. 178. und KrauseTilman Krause: Die Gréco an der Schreibmaschine. In: welt.de. 19. Mai 2012 schließen sich diesem Urteil an: „Sie gilt unbestritten als die beste Autorin in der Beherrschung der Kurzgeschichte“, bzw. als „Königin der Kurzgeschichte“.
Literaturkritiker zählen wesentliche Teile von Wohmanns Werk der Neuen Innerlichkeit und teils thematisch der Frauenbewegung zu. Viele ihrer Romane und Erzählungen handeln von Familien- und Paarbeziehungen (Der Schwan, Ländliches Fest, Der Antrag, Sonntag bei den Kreisands) und von der Situation des Kindes in der Welt der Erwachsenen (Die Klavierstunde, Paulinchen war allein zu Haus).
Zwar sind zu Wohmanns Hunderten von Erzählungen und Kurzgeschichten nur wenige Einzelrezensionen bekannt, aber es gibt zahlreiche Untersuchungen zu ihren Themen und Stilmerkmalen, die auch auf die 1965 entstandene und zuerst 1967 in Federlese, Almanach des Deutschen PEN veröffentlichte Erzählung Wenn der Wolf geht zutreffen: Die „zentrale Situation […] ist das Beziehungsgefüge in der Familie oder in Kleingruppen, wobei sich die Konstellationen, jeweils nur leicht verändert, wiederholen“. Wohmanns Texte setzen sich „aus minutiös beschriebenen Kleinszenen oder Dialogen zusammen, die genaue Beobachtung ersetzt die klärende Reflexion“. Rötzers Beschreibung Wohmanns kann auf Wenn der Wolf geht übertragen werden: „Viele Gestalten sind Projektionen des eigenen Konflikts der Autorin: Sie durchschaut die antiintellektuelle Bürgerlichkeit, aber sie kann nicht das Stützkorsett bürgerlicher Lebensformen und Sozialordnungen ablegen.“Hans Gerd Rötzer: Geschichte der deutschen Literatur. Epochen Autoren Werke. C. C. Buchners Verlag Bamberg 1992, S. 455. Die Analyse der Verhältnisse von Menschen untereinander habe die Autorin bei Tschechow gelernt, seine ruhige Art der Konfliktbeschreibung sei auch die ihre.Jörg Sundermeier: Nachruf Gabriele Wohmann. Die begnadete Vielschreiberin. taz, 24. Juni 2015 https://taz.de/Nachruf-Gabriele-Wohmann/!5206651/ Als „Diagnostikerin des privaten Alltags“ könne man sie mit der Kanadierin Munro, dem Amerikaner Updike oder der Engländerin Simpson vergleichen.Eichmann-Leutenegger: Diagnostikerin des privaten Alltags. Zum 80. Geburtstag von Gabriele Wohmann. https://media.herder.de/files/0003366948_0001-id-9597.pdf
Hinck verweist in seiner Untersuchung auf Bergsdorfs („Die ganz normale Katastrophe des Alltäglichen“) Bemerkung, dass sich Wohmann auf die Wirklichkeit nicht politisch agitierend, sondern psychologisch sondierend einlässt und führt weiter aus, Wohmanns Feld sei, wenn sie sich mit „der Rolle der Frau und mit den Fragen der Erziehung“ auseinandersetze, nicht „die Gesellschaftskritik, die auf durchgreifende Änderungen dringt, sondern die Enthüllung zwischenmenschlicher Unstimmigkeiten und menschlicher Unzulänglichkeiten“. Wohmann betreibe „keine Denunziation, sondern Nachbarschafts-Diagnose, die insgeheim und ganz ohne moralische Appelle auf therapeutische Wirkung setzt“.Walter Hinck: Gabriele Wohmann zum Siebzigsten Rebellion gegen die Behaglichkeit. https://www.theologie-und-kirche.de/gabriele-wohmann.html