Baptisten in Sierra Leone gibt es nachweislich seit 1792. Ihre Anfänge gehen auf den bekannten schwarzen US-amerikanischen Missionar David George (1742–1810) zurück. Neben einigen unabhängigen Baptistengemeinden existieren zwei nationale Baptistenbünde, die 1974 gegründete Baptist Convention of Sierra Leone (BCoSL) sowie die Emmanuel Baptist Conference (EBC), die sich 1993 konstituierte.
Geschichte Die Geschichte der Baptisten in Sierra Leone ist mit der beginnenden baptistischen Sklavenmission in den Vereinigten Staaten sowie mit der Sklavenbefreiung im britischen Kolonialreich verbunden.
Vorgeschichte mini|hochkant|Schwarze Baptistengemeinde Silver Bluff (South Carolina) Im Jahr 1773 entstand durch den weißen Wanderevangelisten „Brother“ Palmer am Silver Bluff (Aiken County, South Carolina) die erste bekannte schwarze Baptistengemeinde. Zu den Gründungsmitglieder, allesamt Sklaven und Sklavinnen des Plantagenbesitzers George Galpin, gehörte auch David George und dessen Frau Jesse Pete. George wurde auf Empfehlung Palsmers zum Pastor ordiniert. Innerhalb kurzer Zeit wuchs die jungen Gemeinde unter seiner Leitung auf mehr als dreißig gläubig getaufte Mitglieder. In den Wirren der Amerikanischen Revolution floh George mit seiner Gemeinde zunächst nach Savannah (Georgia), das vorübergehend von den Briten besetzt worden war, und 1782 schließlich nach Kanada, wo George in den sogenannten Seeprovinzen zum baptistischen Pionier wurde.Rex Butler: Early Black Baptists live out a ‘Book of Acts’ kind of faith; abgerufen am 24. August 2026 (englisch).
1787 gründete Großbritannien Sierra Leone als Zufluchtsort für ehemalige Sklaven. Zu den frühen Siedlern gehörte eine Gruppe von schwarzen Baptisten aus Nova Scotia, die unter der Leitung von David George 1792 in Freetown eine Gemeinde gründeten. Die von ihnen noch im selben Jahre errichtete Kirche ist das älteste baptische Gotteshaus des afrikanischen Kontinents. Zwei Jahre später erreichte ein Missionar der Baptist Missionary Society das westafrikanische Land. Sein Dienst war aber nur von kurzer Dauer. Da er sich in koloniale Angelegenheiten eingemischt hatte, wurde er 1797 von den britischen Behörden aus Sierra Leone ausgewiesen.Albert W. Wardin (Hrsg.): Baptists Around the World. A Comprehensive Handbook. Broadman and Holman Publishers: Nashville (Tennessee) 1995. S. 85 (englisch).
19. Jahrhundert Im Jahr 1810 verstarb David George. Die von ihm gegründete Gemeinde war die kleinste der drei Freetowner Gemeinden. Zu ihr gehörten vor allem Menschen, deren Leben von Armut geprägt war. Erst um 1855 fand die baptistische Missionsarbeit in Sierra Leone wieder Unterstützung von außerhalb. Diesmal waren es die Südlichen Baptisten der USA, deren Foreign Mission Board zwei Missionare für die Arbeit in Freetown anstellte. Allerdings hatte diese Hilfe mit ständiger Geldknappheit zu kämpfen. Die Situation verschärfte sich weiter nach Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861–1865).William H. Brackney: Historical Dictionary of the Baptists. The Scarecrow Press, Inc.: Lanham, Maryland, and London 1999. S. 381 (englisch). Trotz dieser Schwierigkeiten konnte die baptistische Bewegung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ihre Eigenständigkeit bewahren.
20. Jahrhundert Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schlossen sich die Baptisten Sierra Leones mit der Free-Will-Baptist Church of GodUnter dieser Bezeichnung existieren mehrere Freikirchen. Die Kirche in Freetown, mit der sich die Baptisten zusammenschlossen, entsprach in etwa der deutschen Gemeinde Gottes, deren Dachverband sich heute Freikirchlicher Bund der Gemeinde Gottes nennt; vgl. dazu Albert W. Wardin (Hrsg.): Baptists Around the World. A Comprehensive Handbook. Broadman and Holman Publishers: Nashville (Tennessee) 1995. S. 85 f. (englisch). unter dem Namen Church of God Baptist zusammen. Gründer der Free-Will-Baptist Church of God war der irische Holzhändler und spätere Pastor John MacCormac(k) (1791–1865). Er hatte nach einem Konkurs einen beträchtlichen Teil seines Vermögens verloren und war dadurch in eine innere Krise geraten. Nach einer Zeit intensiven Suchens er lebte er im Jahr 1852 während einer Reise nach Liverpool seine Bekehrung führte. Er stellte nach seiner Rückkehr sein Herrenhaus für gottesdienstliche Versammlungen zur Verfügung, die schließlich in Gründung der genannten Gemeinde mündeten. MacCormac(k) wurde ihr erster Pasor. Nach seinem Tod errichtete die Gemeinde an der Freetowner Regent Road ein eigenes Gotteshaus. Die dafür notwendigen Geldmittel stammten aus der Hinterlassenschaft des früheren Holzhändlers. Neuer Leiter der Gemeinde wurde William Thomas George Lawson,Albert W. Wardin (Hrsg.): Baptists Around the World. A Comprehensive Handbook. Broadman and Holman Publishers: Nashville (Tennessee) 1995. S. 86. (englisch) Sohn eines Oberhäuptlings, der zeitweilig von MacCormac(k)s unterrichtet worden war und dessen Haushalt gelebt hatte.C. Magbaily Fyle: (englisch). Über viele Jahre sorgte die BMS-Organisation Baptist Commonwealth and Colonial Society (BCCS) für die notwendige finanzielle Unterstützung der vereinigten Kirche. Auch die Robert-Street-Baptist-Church, die 1921 von Mary Snowball unter Migranten des nigerianischen Bassa-Volkes gegründet worden waren, wurde durch die BCCS bezuschusst.Albert W. Wardin (Hrsg.): Baptists Around the World. A Comprehensive Handbook. Broadman and Holman Publishers: Nashville (Tennessee) 1995. S. 86. Personelle und finanzielle Hilfe für die kleine baptistische Gemeinschaft kam auch über viele Jahre hinweg von den Baptisten auf Jamaika sowie vom nigerianischen Baptistenbund. Letzterer gründete unter anderem eine Gemeinde in Bumbuna. Im Jahr 1966 begann in Absprache mit der BCCS die Zusammenarbeit der Europäisch-Baptistische Missionsgesellschaft mit den Baptisten in Sierra Leone.William H. Brackney: Historical Dictionary of the Baptists. The Scarecrow Press, Inc.: Lanham, Maryland, and London 1999. S. 381
Im Jahr 1974 schlossen sich die meisten Baptistengemeinden Sierra Leones zur nationalen Baptistenunion BCoSL zusammen. Lunsar wurde Sitz der Vereinigung. Im Jahr 1995 bestanden 74 Gemeinden mit insgesamt 5700 gläubig getauften Mitgliedern.William H. Brackney: Historical Dictionary of the Baptists. The Scarecrow Press, Inc.: Lanham, Maryland, and London 1999. S. 382. Neben der zentralen Geschäftsstelle befinden sich dort auch weitere von der BCoSL betriebene Einrichtungen, darunter Radiostation, eine 1975 eröffnete Augenklinik sowie eine Primary School und zwei weiterführende Schulen. Die Geschäftsstelle hat inzwischen ihren Sitz nach Freetown verlegt.
Durch die Arbeit der nigerianischen Baptisten entstanden seit 1972 weitere Ortsgemeinden. Sie konstituierten sich 1993 mit 22 örtlichen Kirchengemeinden zur Emmanuel Baptist Conference.Albert W. Wardin (Hrsg.): Baptists Around the World. A Comprehensive Handbook. Broadman and Holman Publishers: Nashville (Tennessee) 1995. S. 86. Weitere baptistische Missionsarbeiten entstanden in den 1980er und 1990er Jahren. Unter anderem gründete 1984 die US-amerikanischen Southern Baptists eine eigene Niederlassung in dem westafrikanischen Land. Im Jahr 1997 folgte die unabhängige Missionsgesellschaft Baptist Bible Fellowship.William H. Brackney: Historical Dictionary of the Baptists. The Scarecrow Press, Inc.: Lanham, Maryland, and London 1999. S. 381 f.
Organisation und Einrichtungen Die BCoSL verfügt über 65 konfessionelle Schulen. Die Aus- und Weiterbildung hauptamtlicher Geistlicher erfolgt Baptist Theological Seminary in Lunsar. Eine weitere Ausbildungsstätte, das Evangelical College of Theology, wird von mehreren protestantischen Kirchen, darunter auch die BCoSL, betrieben. In Kassirie und Nonkoba ist die BCoSL Trägerin von Krankenhäusern. Außerdem besitzt sie in Lunsar eine Augenklinik. Alle Einrichtungen werden von der Europäisch-Baptistischen Missionsgesellschaft partnerschaftlich unterstützt.
Literatur Sylvanus O. Valcarcel: A Short History of Baptists in Sierra Leone, 1792–1984. Europäisch-Baptistische Missionsgesellschaft: Bad Homburg 1984. Grant Gordon: From Slavery to Freedom. The Life of David George, Pioneer Black Baptist Minister. Lancelot Press: Hansfort (Nova Scotia, Kanada) 1992. Albert W. Wardin (Hrsg.): Baptists Around the World. A Comprehensive Handbook. Broadman and Holman Publishers: Nashville (Tennessee) 1995. ISBN 0-8054-1076-7. S. 85–87. William H. Brackney: Historical Dictionary of the Baptists. The Scarecrow Press, Inc.: Lanham, Maryland, and London 1999. ISBN 0-8108-3652-1. S. 381 f.
Weblinks
Kurzbiographie David George im Dictionary of Canadian Biography Internetauftritt des Baptistischen Weltbundes: Baptist Convention of Sierra Leone (BCoSL)
Einzelnachweise
Sierra Leone Kategorie:Christentum in Sierra Leone Kategorie:Gegründet 1792