Drosera esperensis ist eine fleischfressende Pflanzenart aus der Gattung Sonnentau (Drosera) innerhalb der Familie der Sonnentaugewächse (Droseraceae). Die knollenbildende, sommerruhende Art ist ein Endemit des äußersten Südostens von Western Australia, wo sie bislang nur aus zwei Nationalparks östlich von Esperance bekannt ist. Sie wurde 2013/2014 von Allen Lowrie erstbeschrieben und gehört zum sogenannten Drosera-microphylla-Komplex, dessen Arten sich vor allem anhand der Blütenfarbe unterscheiden lassen; D. esperensis ist die weißblütige Art dieser Gruppe.
Beschreibung
Erscheinungsbild und vegetative Merkmale Drosera esperensis ist eine ausdauernde, knollenbildende krautige Pflanze, die häufig dichte, klonale, mattenartige Kolonien bildet. Die oberirdischen Teile erreichen einschließlich des Blütenstandes Wuchshöhen von 7 bis 20, selten bis 33 Zentimetern. Wie alle knollenbildenden Sonnentau-Arten überdauert sie die sommerliche Trockenzeit mit einer unterirdischen Speicherknolle; für D. esperensis selbst lagen bei der taxonomischen Revision von 2023 keine Knollenbelege vor („tubers not seen“).
Der aufrechte, selbsttragende, unverzweigte und im Querschnitt stielrunde Stängel ist ausgeprägt zickzackförmig (fractiflex), kahl und 4 bis 17, selten bis 29 Zentimeter lang. Nahe der Bodenoberfläche misst er 0,8 bis 1,3, selten bis 1,8 Millimeter im Durchmesser, an den Internodien 0,5 bis 0,9 Millimeter. Blühende Pflanzen tragen 8 bis 22 wechselständig angeordnete Laubblätter mit Internodien von 2 bis 18 Millimetern Länge.
Die Laubblätter sind langgestielt und in Blattstiel und Blattspreite gegliedert. Der Blattstiel ist 8 bis 22 Millimeter lang, an der Basis 0,3 bis 0,9 Millimeter breit und verschmälert sich zur Spreite hin auf 0,1 bis 0,3 Millimeter. Die schildförmig (peltat) angeheftete Blattspreite ist kreisrund, gelegentlich am oberen Rand leicht abgeflacht, flach bis tief konkav gewölbt und 2,0 bis 4,4 Millimeter lang sowie 2,1 bis 4,5 Millimeter breit. Sie trägt oberseits die für die Gattung typischen gestielten Klebdrüsen (Tentakel), mit denen kleine Insekten gefangen und verdaut werden.
Generative Merkmale Der endständige, einfache und einseitswendige Blütenstand ist ein Wickel (skorpioide Zyme) mit ein bis fünf, selten bis sieben Blüten und einer Länge von 1,5 bis 4,2 Zentimetern. Die Blütenstiele sind zur Fruchtzeit 10 bis 20 Millimeter lang und 0,5 bis 0,8 Millimeter dick. Sämtliche oberirdischen Teile einschließlich des Blütenstandes sind kahl.
Die zwittrigen Blüten sind radiärsymmetrisch und fünfzählig mit doppelter Blütenhülle. Auffällig sind die für den D.-microphylla-Komplex charakteristischen, vergleichsweise großen Kelchblätter, die die Kronblätter erreichen oder überragen: Sie sind 5 bis 10 Millimeter lang und 2,6 bis 4,1 Millimeter breit, rot oder selten gelblich grün gefärbt, oft mit winzigen schwarzen Punkten, und besitzen ganzrandige bis fein gekerbte Ränder. Die fünf Kronblätter sind tief konkav, 5,2 bis 6,5 Millimeter lang und 3,9 bis 5,3 Millimeter breit sowie weiß mit blass purpurroter Basis. Die fünf Staubblätter sind 2,8 bis 3,4 Millimeter lang; ihre Staubfäden sind annähernd linealisch und 0,3 bis 0,6 Millimeter breit, die Staubbeutel 0,6 bis 0,9 Millimeter breit mit blassgelben Theken. Der Fruchtknoten ist tiefrot und misst 1,0 bis 1,5 Millimeter im Durchmesser; die drei Griffel sind 1,2 bis 2,0 Millimeter lang, an der Basis rot bis purpurrot und gehen zur Narbe hin allmählich in Weiß über. Die Samen sind 1,9 bis 2,2 Millimeter lang und 0,3 bis 0,5 Millimeter breit mit blassbrauner Testa.
Wie bei allen Arten des D.-microphylla-Komplexes sind die Blüten nicht eintägig: Sie bleiben über mehrere Tage geöffnet und schließen sich lediglich allnächtlich.
Verbreitung und Standortansprüche Drosera esperensis ist ein enger Endemit der Südwestaustralischen Florenregion (Southwest Australian Floristic Region). Vorkommen sind ausschließlich aus dem Cape-Le-Grand-Nationalpark und dem Cape-Arid-Nationalpark östlich von Esperance bekannt; das Areal liegt damit rund 350 bis 400 Kilometer östlich der Vorkommen der nächstverwandten Arten im Raum Albany. Bislang wurden mindestens neun Populationen dokumentiert, die sämtlich auf Flächen des Department of Biodiversity, Conservation and Attractions (DBCA) liegen.
Die Art besiedelt feuchte, moosreiche Stellen auf und im Umfeld von Granitinselbergen und wächst dort in sandigem Ton oder in Torf. Auf den großen küstennahen Granitkuppeln bildet sie stellenweise sehr individuenreiche Bestände.
Ökologie Drosera esperensis ist wie alle Sonnentau-Arten karnivor und fängt kleine Gliederfüßer mit den klebrigen Drüsententakeln der schildförmigen Blattspreiten; die Nährstoffe aus der Beute gleichen die Armut der Böden an Stickstoff und Phosphor aus.
Die unterirdische Knolle ermöglicht es der Art, die ausgeprägte sommerliche Trockenperiode des mediterranen Klimas Südwestaustraliens unterirdisch zu überdauern; knollenbildende Sonnentau-Arten überstehen auf diese Weise auch Buschfeuer.
Die Blütezeit reicht von August bis Oktober; in besonders feuchten Habitaten oder Jahren wurde eine Blüte bis mindestens Dezember beobachtet. Als Blütenbesucher wurde ein pollenfressender Käfer aus der Familie der Speckkäfer (Dermestidae) dokumentiert.
Systematik
Erstbeschreibung und Nomenklatur Die Erstbeschreibung von Drosera esperensis erfolgte durch Allen Lowrie in Carnivorous Plants of Australia Magnum Opus, Band 3, Seite 1270. Das Werk wurde im Dezember 2013 ausgegeben, trägt jedoch das Druckjahr 2014, weshalb in der Literatur beide Jahresangaben zu finden sind.Drosera esperensis Lowrie. In: International Plant Names Index (IPNI). Abgerufen am 20. August 2026.Drosera esperensis Lowrie. In: Plants of the World Online. Royal Botanic Gardens, Kew. Abgerufen am 20. August 2026. Der Holotypus wurde am 31. August 2000 von Allen Lowrie am Cape Le Grand östlich von Esperance gesammelt (A. Lowrie 2566) und wird im Western Australian Herbarium (PERTH 08988307) aufbewahrt; ein Isotypus liegt im National Herbarium of Victoria (MEL 2457584).
Das Epitheton esperensis nimmt Bezug auf die Region um Esperance im Süden von Western Australia, auf die das Vorkommen der Art beschränkt ist.
Äußere und innere Systematik Drosera esperensis gehört zur Sektion Ergaleium der Gattung Drosera, der Gruppe der knollenbildenden Sonnentau-Arten, die mit 71 anerkannten Arten die artenreichste und morphologisch vielgestaltigste Linie der Gattung darstellt.
Innerhalb dieser Sektion wird die Art dem Drosera-microphylla-Komplex zugerechnet. Dessen Angehörige sind freistehende, aufrechte Knollen-Sonnentaue mit lang gestielten, schildförmigen Wechselblättern, langen Internodien, endständigen Blütenständen, verhältnismäßig großen Kelchblättern und tief konkaven Kronblättern. Bereits 1987 wies Lowrie darauf hin, dass sich innerhalb dieses Komplexes mindestens drei Sippen anhand der Blütenfarbe unterscheiden lassen, und hob dabei die weißblütigen Pflanzen der Umgebung von Esperance als möglicherweise eigenständig hervor; 2013/2014 beschrieb er sie als eigene Art.
Eine umfassende taxonomische Revision des Komplexes durch Thilo Krueger, Alastair Robinson, Greg Bourke und Andreas Fleischmann im Jahr 2023 bestätigte D. esperensis als eigenständige Art und verdreifachte zugleich die Artenzahl des Komplexes auf neun: Neben D. esperensis, D. microphylla und D. calycina werden darin D. atrata, D. hortiorum, D. koikyennuruff und D. reflexa neu beschrieben sowie D. macropetala und D. rubricalyx auf Artrang gestellt. Grundlage waren rund zwei Jahrzehnte Feldarbeit, die Auswertung von Herbarbelegen zahlreicher Sammlungen – darunter B, BM, G, K, M, MEL, PERTH und W – sowie in erheblichem Umfang Fotobelege von Bürgerwissenschaftlern aus iNaturalist und sozialen Netzwerken.
Von den morphologisch ähnlichen Arten D. koikyennuruff, D. microphylla und D. reflexa unterscheidet sich D. esperensis vor allem durch die Neigung zur Bildung dichter, klonaler, mattenartiger Kolonien, die weißen Kronblätter mit blass purpurroter Basis, die annähernd linealischen Staubfäden sowie durch das räumlich weit getrennte Verbreitungsgebiet.
Gefährdung In der Revision von 2023 wurde Drosera esperensis nach den Kriterien der IUCN als „nicht gefährdet“ (Least Concern, LC) eingestuft und als nicht für eine Aufnahme in den Western Australia Flora and Fauna Conservation Code geeignet bewertet. Ausschlaggebend sind die zum Teil sehr großen Bestände auf den küstennahen Granitkuppen sowie die Lage sämtlicher bekannter Populationen innerhalb von Schutzgebieten. Damit zählt die Art zu den wenigen Vertretern des D.-microphylla-Komplexes ohne Schutzbedarf; für sechs der neun Arten empfahlen die Autoren dagegen die Aufnahme in die Priority Flora List von Western Australia.
Literatur
Allen Lowrie: Carnivorous Plants of Australia Magnum Opus. Band 3. Redfern Natural History Productions, Poole 2013 (Druckjahr 2014), ISBN 978-1-908787-13-2, S. 1270.
Einzelnachweise
Weblinks
Drosera esperensis bei Plants of the World Online Revision des Drosera-microphylla-Komplexes (Volltext, Open Access)
Kategorie:Sonnentaugewächse Kategorie:Droseraceae