mini|Bomber des Typs Gotha G.IV Der Luftangriff auf London am 13. Juni 1917 durch deutsche Maschinen des Typs Gotha G.IV war der erste Angriff auf die britische Hauptstadt durch mehrere Flugzeuge und der erste planmäßig durchgeführte Langstrecken-Bombenangriff durch einen Flugzeugverband auf eine Großstadt überhaupt. Großbritannien erlitt durch den Luftangriff 162 zivile Todesopfer, die höchste Zahl während des gesamten Ersten Weltkriegs.
Vorgeschichte
Vor dem Ersten Weltkrieg
Die Bombardierung von Städten im Krieg wurde schon vor hunderten von Jahren praktiziert, allerdings wurden bis ins 19. Jahrhundert hinein hierfür ausschließlich boden- oder schiffsgestützte Waffen verwendet (Katapulte, Rohrartillerie oder Raketenwerfer). Mit dem Aufkommen der Luftfahrt war es letztendlich nur eine Frage der Zeit, bis auch diese Technik militärisch genutzt werden würde. Zunächst wurde sie aber nur für die Aufklärung verwendet.
Während der Revolution von 1848/1849 im Kaisertum Österreich schlugen der österreichische Offizier und Erfinder Franz von Uchatius und sein Bruder Josef den Einsatz von unbemannten Ballonbomben gegen das belagerte Venedig vor. Im Sommer 1849 wurde der Vorschlag in die Tat umgesetzt. Die Ballons waren mit Wasserstoff gefüllt, eine langsam abbrennende Zündschnur löste den Abwurf des Sprengkörpers aus. Es wurden zwei Angriffe durchgeführt, jedoch scheiterte der erste und beim zweiten war die Trefferquote so niedrig (nur eine Bombe traf den Markusplatz), dass die österreichische Armee auf weitere Versuche verzichtete. Dies waren die ersten Einsätze von Luftfahrzeugen zur Bombardierung einer Stadt.
Am 29. Juli 1899 wurde auf der ersten Haager Friedenskonferenz eine Erklärung, betreffend das Verbot des Werfens von Geschossen und Sprengstoffen aus Luftschiffen oder auf anderen ähnlichen neuen Wegen unterzeichnet, diese hatte jedoch eine Laufzeit von nur fünf Jahren.
Der erste Einsatz von Flugzeugen für die Kriegsführung fand während des italienisch-türkischen Krieges statt, als Leutnant Giulio Gavotti am 1. November 1911 aus seiner Etrich Taube von Hand vier Bomben auf türkische Militärlager in der Nähe von Tripolis abwarf.
Erste Angriffe durch Flugzeuge im Ersten Weltkrieg
Im Ersten Weltkrieg wurden Luftangriffe mit Flugzeugen wegen der geringen Reichweite und Bombenlast der damaligen Typen zunächst nur in sehr begrenztem Rahmen geflogen. So warf am 30. August 1914 ein einzelnes deutsches Flugzeug einige kleine Bomben auf Paris ab. Die Briten flogen am 21. September mit drei Avro 504 von Belfort aus einen Angriff auf die Zeppelinwerft in Friedrichshafen, beschädigten ein Gaswerk, verfehlten jedoch die Luftschiffe. Am 8. Oktober starteten von Antwerpen aus zwei Sopwith Tabloids zu Angriffen auf die Luftschiffhallen in Düsseldorf und Köln. Das erste Flugzeug zerstörte ein Luftschiff (LZ 25) in seiner Halle, das zweite bombardierte nach britischen Angaben den Hauptbahnhof Köln, nach deutschen ein Gaswerk in Ehrenfeld, verursachte aber keine Schäden.
Über die Frage, welcher deutsche Pilot wann als erster Großbritannien bombardiert hat, gibt es unterschiedliche Angaben. Karl Caspar nahm für sich in Anspruch, am 25. Oktober 1914 in der Nähe von Dover aus seiner Gotha Taube eine 10-kg-Bombe abgeworfen zu haben, was von der deutschen Propaganda entsprechend aufgegriffen wurde. Nach britischen Angaben wurde die erste Bombe, die jemals britischen Boden traf, allerdings erst an Heiligabend 1914 von einer Friedrichshafen FF 29 auf Dover abgeworfen. Am Tag darauf erschien eine andere FF 29 über Südengland, konnte jedoch von einer Vickers F.B.5 von London abgedrängt werden und warf zwei Bomben über der Isle of Grain ab. Die gleiche Besatzung hatte bereits vier Tage vorher versucht, England zu bombardieren, jedoch nur zwei Bomben vor Dover ins Meer geworfen. In all diesen Fällen kamen keine Personen zu Schaden. In der Folge flogen wiederholt einzelne deutsche Flugzeuge Angriffe auf Ziele in England, meist im küstennahen Bereich.
Die meisten Angriffe durch Flugzeuge beschränkten sich jedoch auf die klassische Luftnahunterstützung und auf Angriffe im frontnahen Hinterland.
Angriffe durch Luftschiffe
mini|hochkant|Gedenktafel in London Als Alternative standen zu Beginn des Ersten Weltkriegs Luftschiffe zur Verfügung, die eine wesentlich größere Reichweite und Bombenzuladung hatten als die damaligen Flugzeugtypen. Zu Kriegsbeginn verfügte das deutsche Militär über sieben Zeppeline und ein Luftschiff des Typs Schütte-Lanz (nach anderen Quellen hatte die Kaiserliche Marine zu diesem Zeitpunkt ein einsatzfähiges Luftschiff (L3 / LZ 24), das Deutsche Heer immerhin zwölf). Insgesamt setzten Marine und Heer während des Krieges 123 Luftschiffe ein, darunter 101 des Herstellers Zeppelin. Nachdem jedoch bereits im August 1914 mehrere deutsche Luftschiffe im frontnahen Bereich durch Abwehrfeuer vom Boden irreparabel beschädigt worden waren (LZ 21 bei Lüttich, LZ 22 im Elsass), wurden die verbliebenen fortan hauptsächlich zu Aufklärungsmissionen und Angriffen fernab der Front oder über See eingesetzt.
Am 19. Januar 1915 starteten von Fuhlsbüttel aus drei Luftschiffe der deutschen Marine zum ersten Bombenangriff auf England. Während L6 (LZ 31) den Angriff abbrechen musste, setzten die beiden anderen ihre Fahrt fort. L3 (LZ 24) griff Great Yarmouth an, während L4 (LZ 27) seine Bomben über verschiedenen Zielen in der Grafschaft Norfolk abwarf. Dabei kamen vier Menschen ums Leben, zwanzig wurden verletzt. Der erste erfolgreiche Angriff auf London gelang am 31. Mai 1915 LZ 38, einem Luftschiff des Deutschen Heeres.
Die Bekämpfung der deutschen Luftschiffe erwies sich für die Gegner trotz der Füllung aus leicht brennbarem Wasserstoff zunächst als schwierig. Erst mit der Entwicklung neuer Spreng- und Brandgeschosse durch die Briten stiegen die Erfolge ihrer Jagdflugzeuge stark an. Spätestens Ende 1916 galten die Fernangriffe durch deutsche Luftschiffe aufgrund der hohen Verluste und der nur äußerst geringen Wirkung als gescheitert. Das Heer übergab seine verbliebenen Luftschiffe an die Marine. Diese setzte sie bis Kriegsende weiter ein, etwa beim Silent Raid am 19./20. Oktober 1917. Noch am 5. August 1918 starteten fünf Marineluftschiffe gegen England. Während dieses Einsatzes wurde L70 (LZ 112) über Norfolk von einer Airco DH.4 abgeschossen. Dabei kam auch der Führer der Luftschiffe (FdL) Peter Strasser ums Leben.
Operation „Türkenkreuz“
Aufstellung des Englandgeschwaders
mini|Das Kagohl 3 auf dem Flugplatz Gontrode, im Hintergrund die große Luftschiffhalle mini|Bodenmannschaften auf einem deutschen Flugplatz präsentieren vor einer Gotha G.V verschiedene PuW-Bomben von 12,5 bis 300 kg mini|hochkant|Bombenschütze und Pilot eines Gotha-Bombers mini|Deutscher Flieger mit Sauerstoffgerät (ca. 1917) Nach der Schaffung der Dienststelle des Kommandierenden Generals der Luftstreitkräfte (Kogenluft) verlegte sich das deutsche Heer auf Angriffe durch Flugzeuge. In einer Denkschrift vom Herbst 1916 hieß es:
Dazu sollten mit G-Flugzeugen ausgerüstete Bombengeschwader und mit R-Flugzeugen ausgerüstete Riesenflugzeugstaffeln aufgestellt werden (siehe hierzu auch Einteilung der deutschen Militärflugzeuge im Ersten Weltkrieg). Das G-Flugzeug sei bereits vorhanden, beim R-Flugzeug würde es in absehbarer Zeit so weit sein. Die erforderliche Anzahl von 30 Flugzeugen wäre bis zum 1. Februar 1917 vorhanden. Weiter wurde ausgeführt, bei einem Angriff mit 18 Flugzeugen mit je 300 kg Bombenlast könnten insgesamt 5400 kg Bomben auf London abgeworfen werden, was einem gleichzeitigen Einsatz von drei Luftschiffen entspräche. Die Vorschläge wurden von der Obersten Heeresleitung unter strenger Geheimhaltung genehmigt. Das neue Vorhaben erhielt den Codenamen Operation Türkenkreuz.
Hauptangriffsziel sollte London sein. Innerhalb Londons galten die Downing Street, der Sitz der Admiralität, die Bank of England und das Zeitungsviertel Fleet Street als Hochwertziele. Die Orte auf dem Weg nach London sowie die Küstenstädte zwischen Harwich und Folkestone sollten als Ausweichziele für den Fall fungieren, dass London nicht erreicht werden konnte. Eine entscheidende Rolle bei den Angriffen spielte aber auch der psychologisch-propagandistische Effekt:
Für den Langstreckeneinsatz gegen England wurde das vorhandene Halbgeschwader 1 ausgewählt und in Kampfgeschwader 3 der Obersten Heeresleitung (kurz: Kagohl 3) umbenannt (Ende 1917 wurde der Name in Bombengeschwader 3 der Obersten Heeresleitung / Bogohl 3 geändert). Der bisherige Kommandant wurde durch Ernst Brandenburg ersetzt. Zusätzlich zu den vorhandenen drei Staffeln wurde kurzfristig eine vierte aufgestellt, zwei weitere folgten im Juli 1917. Zwei der zunächst vier Staffeln wurden auf dem Flugplatz von St. Denis (heute Sint-Denijs-Westrem) stationiert, der Stab und zwei weitere Staffeln in Gontrode. Dazu kamen später noch die Ausweichflugplätze Mariakerke und Oostakker. Alle diese Flugplätze lagen in der Umgebung von Gent.
Ausrüstung
Bei der Gotha G.IV handelte es sich um einen zweimotorigen Doppeldecker mit Druckpropellern, einer Spannweite von 23,70 m und einer Länge von 11,86 m (zum Vergleich: die ebenfalls zweimotorige Heinkel He 111 aus dem Zweiten Weltkrieg hatte eine Spannweite von 22,50 m und war 16,38 m lang).
Standardmäßig hatte die G.IV drei Mann Besatzung. Im Bug befand sich der Bombenschütze und Navigator, der auch das Bug-MG bediente und in der Regel auch der Kommandant war. Hinter ihm saß der Pilot und hinter diesem der Heckschütze, der mit einem weiteren MG Angriffe von hinten abwehren sollte. Auf der in Flugrichtung rechten Seite befand sich ein schmaler Verbindungsgang. Im hinteren Bereich war die Unterseite des Bombers offen, so dass der Heckschütze auch nach unten schießen konnte.
Trotz der großen Reichweite der Gotha-Bomber genügte diese zunächst nicht, um nonstop von Gent nach London und zurück fliegen zu können. Die Flugzeuge mussten daher auf einem Flugfeld an der belgischen Küste zum Auftanken zwischenlanden. Nach dem Einbau von Zusatztanks war dies nicht mehr nötig.
Im August 1917 erhielt das Kagohl 3 die ersten 20 Maschinen des verbesserten Typs Gotha G.V.
Bei den in der ersten Hälfte des Krieges von den deutschen Luftschiffen abgeworfenen Bomben handelte es sich in der Regel um die relativ bauchigen Modelle der Firma Sprengstoff AG Carbonit oder aber um selbst angefertigte Provisorien (z. B. Artilleriegranaten mit nachträglich angebrachtem Leitwerk). Beide waren aber nicht sehr zielgenau und deswegen für präzise Angriffe aus großer Höhe nicht geeignet. Ab 1915 entwickelte daher die Prüfanstalt und Werft der Fliegertruppen (PuW) in Zusammenarbeit mit der Optischen Anstalt C. P. Goerz in Berlin eine neue Art von Fliegerbomben. Diese relativ schlanken Bomben zeichneten sich durch ihre Stromlinienform aus. Das Leitwerk bestand aus mehreren schräg angenieteten Blechen, die der fallenden Bombe einen stabilisierenden Drall verliehen. Außerdem sorgte die Rotation der Bombe nach dem Abwurf für die Schärfung des Aufschlagzünders. Die PuW-Bomben wurden in verschiedenen Größen produziert, von 12,5 bis 1000 kg. Dabei benutzten die G-Flugzeuge nur die Varianten bis maximal 100 kg, während die schwereren Bomben mit 300 kg und 1000 kg nur von den R-Flugzeugen mitgenommen wurden. Alle Ausführungen besaßen eine einheitliche Massenverteilung und Schwerpunktlage, was zu leicht berechenbaren Wurfbahnen führte. Während die 12,5-kg-Bombe vor allem als Splitterbombe konzipiert war, sollte die für Punktziele vorgesehene 50-kg-Variante vor allem durch ihre Detonationswelle wirken. Daher war bei ihr nur der Kopfbereich dickwandig, ansonsten betrug ihre Wandstärke lediglich 4 mm. Für die Bomben wurden auch spezielle Abwurfvorrichtungen entwickelt, bei der 12,5-kg-Bombe war der Abwurf von Hand aber weiterhin möglich.