Rasswet (russisch Рассвет „Morgendämmerung“, in englischer Transkription Rassvet) ist ein im Aufbau befindliches russisches Satellitenkommunikationssystem, das breitbandigen Internetzugang aus einer niedrigen Erdumlaufbahn bereitstellen soll. Betreiber und Hersteller ist das Moskauer Unternehmen Bureau 1440 (russisch Бюро 1440), das zur IKS Holding gehört. Im Endausbau sind mehr als 900 Satelliten vorgesehen, der kommerzielle Betrieb ist für 2027 geplant. Wegen seiner Zielsetzung wird das Vorhaben in Medien und Fachpublikationen häufig mit Starlink verglichen.
Nach zwei Erprobungsmissionen mit jeweils drei Satelliten in den Jahren 2023 und 2024 begann am 23. März 2026 der Aufbau der operativen Konstellation. Bis August 2026 wurden in zwei Starts 32 Seriensatelliten in eine Umlaufbahn gebracht, von denen einer verloren ging.
Betreiberunternehmen
Bureau 1440 ging im November 2020 aus einem Projektbüro des Mobilfunkanbieters MegaFon hervor und trug zunächst den Namen MegaFon 1440. Die Zahl im Firmennamen verweist auf die 1440 Erdumkreisungen des ersten künstlichen Erdsatelliten Sputnik 1. 2021 erwarb die Bankengruppe VTB einen Anteil von 15 Prozent. Seit 2022 gehört das Unternehmen zur IKS Holding, einem russischen IT-Konzern, zu dem unter anderem der Rechnertechnikhersteller Yadro zählt.
Eigentümer der Holding war bis zu seinem Tod am 22. Juli 2023 der Unternehmer Anton Tscherepennikow. Die IKS Holding wurde im Februar 2023 vom US-Finanzministerium mit Sanktionen belegt. Nach Unternehmensangaben beschäftigt Bureau 1440 rund 2500 Menschen (Stand März 2026). Die Wertschöpfung ist nach eigener Darstellung vertikal integriert und umfasst Satelliten, Nutzerterminals und Bodeninfrastruktur.
Technik
Satelliten
Die Erprobungssatelliten der ersten Serie (Rassvet-1) wogen etwa 80 Kilogramm, die der zweiten Serie (Rassvet-2) rund 120 Kilogramm. Die seit 2026 gestarteten Seriensatelliten der Bauart Rassvet-3 haben eine Masse von etwa 370 Kilogramm, sind rund vier Meter lang und erreichen mit ausgeklappten Solarzellenauslegern eine Spannweite von etwa zehn Metern. Für Bahnanhebung und Bahnhaltung dienen elektrische Triebwerke, die nach Angaben von Gunter's Space Page mit Krypton als Stützmasse arbeiten. Die Auslegungslebensdauer beträgt etwa fünf Jahre.
Gefertigt werden die Satelliten in Moskau, wo die IKS Holding im Technopark ZIL rund 50.000 Quadratmeter für Produktion, Labore und Konstruktionsbüros angemietet hat. Im Juni 2025 nahm das Unternehmen in der Technopolis Petschatniki eine automatisierte Fertigungslinie für weltraumtaugliche Solarmodule mit einer Jahreskapazität von bis zu 750.000 Watt in Betrieb.
Umlaufbahn
Bei der Internationalen Fernmeldeunion meldete Bureau 1440 im Jahr 2023 Bahnen in 800 Kilometern Höhe bei einer Bahnneigung von 82,3 Grad an. Die im März 2026 gestartete erste Charge erreichte diese Höhe binnen vier Monaten nicht. Der Branchenfachmann Andrei Grizenko vermutete daraufhin im Juli 2026, das Unternehmen habe die Zielhöhe auf etwa 514 Kilometer abgesenkt; eine Bestätigung durch den Betreiber steht aus. Auswertungen von Bahndaten ergaben Ende Juli 2026 Bahnhöhen zwischen etwa 500 und 550 Kilometern. Grizenko wies darauf hin, dass eine Bahn in dieser Höhe von der bisherigen Anmeldung bei der Fernmeldeunion abweicht.
Funkverbindungen
Die russische Staatskommission für Funkfrequenzen wies dem Vorhaben im November 2021 Frequenzen im Ku-Band und im Ka-Band zu. Angestrebt werden Datenraten von bis zu 1 Gbit/s je Nutzerterminal bei einer Signallaufzeit von etwa 50 bis 70 Millisekunden. Bei Tests mit den Erprobungssatelliten erreichte das Unternehmen im Downlink 48 Mbit/s bei einer Latenz von 38 Millisekunden.
Die Satelliten der zweiten Erprobungsserie trugen erstmals optische Terminals für Verbindungen zwischen Satelliten sowie Technik für den Mobilfunkstandard 5G NTN, der die Anbindung von Endgeräten ohne Zwischenstation vorsieht. Während der Testkampagne 2024 übertrug Bureau 1440 nach eigenen Angaben insgesamt etwa 1,5 Terabyte über Laserstrecken, in einer einzelnen Sitzung bis zu 450 Gigabyte.
Nutzerterminals
Für den Endkundenbetrieb entwickelt das Unternehmen stationäre und mobile Terminals mit aktiver phasengesteuerter Antenne. Das Basismodell soll eine Kantenlänge von bis zu 60 Zentimetern und eine Masse unter 15 Kilogramm haben. In Arbeit sind daneben Varianten für Verkehrsflugzeuge sowie für Schienenfahrzeuge, die bei Geschwindigkeiten bis 400 km/h arbeiten sollen.
Missionen
Datum Trägerrakete Startplatz Nutzlast COSPAR-Bezeichnung Anmerkungen 27. Juni 2023 Sojus-2.1b mit Fregat Wostotschny 3 Satelliten (Rassvet-1) 2023-091 Mitflug bei einem Start mit dem Wettersatelliten Meteor-M Nr. 2–3; erster Verbindungstest am 1. Juli 2023 17. Mai 2024 Sojus-2.1b mit Fregat Plessezk 3 Satelliten (Rassvet-2) 2024-092 erstmals mit Lasterminals und 5G-NTN-Technik 23. März 2026 Sojus-2.1b Plessezk 16 Satelliten (Rassvet-3) 2026-061 erster Start von Seriensatelliten; ein Satellit verglühte Anfang Juni 2026 nach einem Defekt am Triebwerk 19. Juli 2026 Sojus-2.1b Plessezk 16 Satelliten (Rassvet-3) 2026-165 zweiter Serienstart
Ausbauplanung und Finanzierung
Rasswet ist Bestandteil des nationalen Projekts „Ökonomie der Daten“ und dort dem Teilprojekt zum Ausbau des Internetzugangs zugeordnet, das den Anteil der Haushalte mit Breitbandanschluss bis 2030 auf 97 Prozent erhöhen soll. Der Finanzrahmen bis 2030 beläuft sich auf 432 Milliarden Rubel, davon 102,8 Milliarden aus dem Bundeshaushalt und 329 Milliarden aus Eigenmitteln des Unternehmens. Ein für die Jahre 2025 bis 2027 vorgesehener zinsvergünstigter Kredit über 93,5 Milliarden Rubel kam 2025 nicht zustande, weil der hohe Leitzins der russischen Zentralbank die dafür nötige Zinsausgleichszahlung nicht gedeckt sah.
Der Projektfahrplan sieht 156 Satelliten bis Ende 2026 vor, 292 Satelliten und den kommerziellen Betriebsbeginn 2027 sowie rund 610 Satelliten bis 2028. Der ursprünglich für Ende 2025 geplante erste Serienstart verzögerte sich wegen Engpässen in der Fertigung um mehrere Monate. Um das Ziel für 2026 zu erreichen, wären nach dem Fahrplan neun Starts nötig, von denen bis Anfang August 2026 zwei erfolgt waren.
Nutzung
Als Zielgruppen nennt der Betreiber abgelegene und nördliche Regionen, den See- und Luftverkehr, den Schienenverkehr sowie die Rohstoff- und Energiewirtschaft. Absichtserklärungen bestehen unter anderem mit der Eisenbahngesellschaft RŽD und der Fluggesellschaft Aeroflot. Das Unternehmen rechnet mit 1,5 bis 2 Millionen Kunden in Russland.
Wegen der staatlichen Förderung und der Möglichkeit, Drohnen und militärische Führungsmittel anzubinden, wird dem System ein doppelter Verwendungszweck zugeschrieben. Ukrainische Fachleute und Medien sehen darin den eigentlichen Antrieb des Vorhabens. An Bedeutung gewann es, nachdem SpaceX Anfang 2026 über Drittstaaten eingeführte Starlink-Terminals in russischer Nutzung abschaltete und die russische Regierung Ende April 2026 die Einfuhr ausländischer Satellitenendgeräte untersagte.
Einordnung und Kritik
Im Vergleich mit ausländischen Systemen ist Rasswet klein: Starlink umfasste im August 2026 mehr als 11.000 aktive Satelliten, OneWeb rund 650 und Amazon Leo über 300. Kritisch gesehen wird vor allem die benötigte Startrate. Bei einer gesamtrussischen Kadenz von etwa 20 Raketenstarts im Jahr würde der geplante Aufbau einen erheblichen Teil des nationalen Startprogramms binden.
Hinzu kommen der Verlust eines Seriensatelliten, der verzögerte Bahnaufstieg weiterer Exemplare und die ungeklärte Frage der Zielbahn. Fachleute bezweifeln zudem, dass das System als kommerzielles Angebot mit Starlink mithalten kann. Mit Blick auf Weltraummüll wird angeführt, dass der Betreiber keiner der internationalen Selbstverpflichtungen zur nachhaltigen Nutzung des Orbits beigetreten ist und die stark geneigte Bahn die Bahnschalen von Starlink in spitzem Winkel kreuzt.
Siehe auch
Liste der Megakonstellationen
Weblinks
Offizielle Website von Bureau 1440 (russisch) Rassvet-3 in Gunter's Space Page (englisch)
Einzelnachweise
Kategorie:Kommunikationssatellitenkonstellation Kategorie:Raumfahrt (Russland) Kategorie:Telekommunikation (Russland)