Gerd Klestadt (* 23. Dezember 1932 in Düsseldorf als Gerd Adolf Gruental Klestadt; † 30. Januar 2025 in Luxemburg) war ein deutscher Unternehmer und Überlebender des Holocaust. Er war als Geschäftsführer und Verwaltungsratsmitglied luxemburgischer Gesellschaften tätig. Später engagierte er sich als Zeitzeuge und berichtete insbesondere an Schulen über seine Verfolgung und die Haft im Durchgangslager Westerbork und KZ Bergen-Belsen.

Leben Klestadts Vater Josef Max Berthold Klestadt wurde am 13. November 1899 in Duisburg geboren und war Jurist und Richter in Düsseldorf. Er heiratete am 19. Dezember 1931 in Düsseldorf Ruth Grünthal. Das Paar hatte zwei Söhne: Gerd und Peter Moritz, geboren 1935. Die Familie war jüdisch.

Seine Mutter Ruth Klestadt-Grünthal stammte ebenfalls aus einer jüdischen Familie. Ihr Vater Moritz Grünthal (*30.7.1878) war Ingenieur, Unternehmer und Kunstsammler. Nachdem er 1936 unter dem Druck der antisemitischen Verfolgung aus seiner Firma EUMUCO bei Köln verdrängt worden war, ging er gemeinsam mit seiner Frau Anna Schild nach Liechtenstein, wo beide in Triesenberg eingebürgert wurden. 1942 geriet Moritz Grünthal in Liechtenstein ins Visier der nationalsozialistisch orientierten Volksdeutschen Bewegung. Ihr Funktionär Martin Hilti beschuldigte ihn, Nachrichten an die Rundfunksender in Boston und London übermittelt zu haben. Das liechtensteinische Sicherheitskorps fand jedoch keine ausreichenden Belege für die Vorwürfe. Er besaß vor der nationalsozialistischen Enteignung eine umfangreiche Kunstsammlung von rund 80 Werken. Zu seiner Sammlung gehörte unter anderem das Gemälde Die Landpartie von Ludwig Knaus, das während der NS-Zeit beschlagnahmt wurde und 1941 über die Kunsthändlerin Maria Almas-Dietrich für den „Sonderauftrag Linz“ in den Besitz Adolf Hitlers gelangte. Der Verbleib des Gemäldes ist nicht bekannt.

Als die Verfolgung jüdischer Menschen in Deutschland zunehmend verschärft wurde, flohen Gerd Klestadts Eltern zusammen mit ihm, seinem Bruder Berthold, Klestadts Mutter, Pauline Klestadt-Rhee nach Scheveningen. Nach der deutschen Invasion im Mai 1940 floh die Familie zunächst nach Den Haag und ließ sich schließlich in Baarn nieder, Mutter Pauline zog nach Naarden. Die Söhne besuchten die Nieuwe Baarnse Schule, bis Anfang 1942 die öffentliche Bildung für Juden verboten wurde. Die Familie geriet auch in finanzielle Schwierigkeiten. Ruth Klestadt gründete ihr eigenes Unternehmen: Sie fertigte Spielzeuge aus Baumwollstücken und Tierfiguren, die sie verkaufte.

Im November 1942 wurde das Wohnhaus der Familie in Baarn Ziel eines antisemitischen Angriffs, woraufhin sie zu Pauline Klestadt-Rhee nach Naarden übersiedelte. Anfang 1943 wurde die Familie von der Polizei verhaftet und in das Durchgangslager Westerbork deportiert. Pauline Klestadt-Rhee wurde von dort in das Vernichtungslager Sobibór deportiert und am 26. März 1943 ermordet.

Am 1. Februar 1944 wurde die Familie von Westerbork in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Gerd Klestadt wurde dort gemeinsam mit seinem Vater untergebracht, während seine Mutter und sein Bruder Peter in einer anderen Baracke lebten. Berthold Klestadt starb am 4. Februar 1945 im Alter von 45 Jahren in Bergen-Belsen. Gerd Klestadt, seine Mutter und sein Bruder überlebten die Lagerhaft. Nach der Befreiung kehrten sie im Juli 1945 nach Baarn zurück, wo sie zunächst bei Nachbarn unterkamen und später ihr früheres Wohnhaus zurückerhielten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte Gerd Klestadt zunächst in den Niederlanden und später mit seiner Familie in Südafrika. 1972 ließ er sich mit seiner zweiten Ehefrau Charlène in Luxemburg nieder. Dort bauten sie sich ein gemeinsames Leben auf und zogen zwei Töchter groß; eine weitere Tochter stammte aus Klestadts erster Ehe.

Seit den frühen 2000er Jahren engagierte sich Klestadt verstärkt als Zeitzeuge der Schoah. Er berichtete insbesondere an Schulen in Luxemburg über seine Verfolgung und die Haft in den Konzentrationslagern Westerbork und Bergen-Belsen. Insgesamt erzählte er nach eigenen Angaben mehr als 20.000 Schülerinnen und Schülern seine Geschichte. Als Symbol der Erinnerung verteilte er bei seinen Vorträgen Murmeln an die Jugendlichen.

Im Jahr 2024 veröffentlichte die Historikerin Kathrin Mess gemeinsam mit Klestadt dessen Lebenserinnerungen unter dem Titel Noch heute quält mich die Erinnerung … Gerd Klestadt als Junge im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Das Buch behandelt insbesondere seine Kindheit, die Verfolgung durch die Nationalsozialisten und seine Haft in Westerbork und im Bergen-Belsen.

Gerd Klestadt lebte zuletzt im französischen Longwy, nahe der luxemburgischen Grenze, und starb im Alter von 92 Jahren. Er wurde am „Bëschkierfecht Déifferdeng“ (Waldfriedhof Differdingen) beigesetzt.

Ehrungen 2013: „Mensch des Jahres“ der Israelitischen Kultusgemeinde Esch-sur-Alzette. 2014: Offizier des Ordens der Eichenkrone (Officier de l’Ordre national de la Couronne de chêne). Auszeichnung für sein pädagogisches Engagement und die Vermittlung der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. 2016: Bundesverdienstkreuz mit Schleife der Bundesrepublik Deutschland. 2023: Prix René Oppenheimer. Klestadt erhielt den Preis für sein Engagement als Zeitzeuge und gegen das Vergessen.

Literatur Kathrin Mess: Noch heute quält mich die Erinnerung … Gerd Klestadt als Junge im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Institut für Geschichte und Soziales Luxemburg, Luxemburg 2024, ISBN 978-2-919784-00-4. Peter Steinbach: Rezension zu Kathrin Mess: Noch heute quält mich die Erinnerung … Gerd Klestadt als Junge im Konzentrationslager Bergen-Belsen. In: Das Historisch-Politische Buch, 73. Jahrgang, 2025, S. 609–611. Gedenkstätte Bergen-Belsen: Zeitzeug*innen-Interviews mit Gerd Klestadt, 2013 und 2014.

Einzelnachweise

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