Rainer (René) Emile Schlegel; auch Rainer Schlegel-Ramstein (* 2. November 1893 in Straßburg, Deutsches Kaiserreich; † 29. Oktober 1968 in Karlsruhe) war ein autonomistischer elsässischer Politiker, Drucker, Zeitschriftenredakteur, Journalist und NSDAP-Funktionär. Mit seiner Flucht am 21. April 1945 vor der anrückenden französischen Armee endete seine nur dreiwöchige Amtszeit als Bürgermeister von Radolfzell am Bodensee.

Leben Der elsässische Autonomist (1919–1939) Der in der Landeshauptstadt Straßburg im damaligen Reichsland Elsass-Lothringen geborene und aufgewachsene René (ab 1940: Rainer) Emile Schlegel war der Sohn von Emile Schlegel und Emilie Liebert. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst im Deutschen Heer; bis 1918 war er an der russischen Front und zuletzt an der Ostfront eingesetzt. In Straßburg, das durch den Versailler Vertrag 1919 Frankreich zugesprochen wurde, führte Schlegel von 1919 bis 1928 eine Druckerei (Atelier de Reproductions de Plans et de Dessins).

Im Januar 1926 folgte er Paul Schall als Geschäftsführer der satirischen autonomistischen Wochenzeitschrift D’Schliffstaan, die am 26. November 1927 von den französischen Behörden jedoch verboten wurde. Im selben Jahr war Schlegel einer der Unterzeichner des Gründungsmanifests des „Elsaß-lothringischen Heimatbundes“, einer Autonomiebewegung der Zwischenkriegszeit, deren Sekretär er 1926 in der Straßburger Ortsgruppe wurde. Ferner wurde er Mitglied des Leitungsausschusses der 1927 gebildeten „Unabhängigen Landespartei für Elsaß-Lothringen“ (ULP).Léon Strauss: ‘‘Schlegel, Emile René‘‘, in: ‚‘Nouveau dictionnaire de biographie alsacienne‘‘, Strasbourg 1998, Vol. 7, S. 3449–3450.

René Schlegel wurde bei Hausdurchsuchungen im Umfeld des Elsaß-lothringischen Heimatbundes und der ULP am 30. Dezember 1927 verhaftet. Im Mai 1928 war er einer von 15 Angeklagten im Colmarer Autonomisten-Prozess, die der „Verschwörung gegen die Staatssicherheit (atteinte à la sûreté de l'Etat)“ beschuldigt wurden. Die Gerichtsverhandlung im Colmarer Schwurgericht endete für Schlegel und zehn weitere Angeklagte am 24. Mai 1928 mit einem Freispruch.Karl-Heinz Rothenberger: Die elsass-lothringische Heimat- und Autonomiebewegung, Peter Lang, Frankfurt a. M. 1975, S. 158–162.

Nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft war Schlegel vom 7. Juli 1928 bis 29. Dezember 1931 Chefredakteur des elsässischen autonomistisch-satirischen Wochenblatts Das Narrenschiff. In dieser Eigenschaft wurde er mehrfach wegen Verleumdung verurteilt. Die Zeitschrift bezog seinerzeit eindeutig Position für rechte politische Strömungen und veröffentlichte bisweilen aggressive, antisemitisch geprägte Zeichnungen. Zudem waren ihre Beiträge von einer gewissen Frankophobie geprägt.Das Narrenschiff, 1928-1939, La tribune des autonomistes alsaciens des années 1930, unter numistral.fr. Ferner arbeitete Schlegel für die autonomistische, von Paul Schall geleitete Tageszeitung Elsass-Lothringer Zeitung, deren Redakteur er vom 27. September 1935 bis zu ihrem Verbot am 28. August 1939 war. Er ist außerdem der Autor einer Komödie in elsässischer Mundart mit dem Titel s`Paradies, die an den Theatern von Hagenau und Straßburg 1931 aufgeführt wurde.Léon Strauss: Schlegel, Emile René, in: Nouveau dictionnaire de biographie alsacienne, Strasbourg 1998, Vol. 7, S. 3449–3450.

René Schlegel trat im Mai 1929 in den Straßburger Stadtrat ein und wurde unter Bürgermeister Charles Hueber stellvertretender Bürgermeister, zuständig für das Standesamt. Er behielt sein Mandat bis 1935, gehörte jedoch zur Opposition gegen den republikanischen Bürgermeister Charles Frey.Léon Strauss: Schlegel, Emile René, in: Nouveau dictionnaire de biographie alsacienne, Strasbourg 1998, Vol. 7, S. 3449–3450.

NSDAP-Kreisleiter im besetzten Elsass und Dreiwochen-Bürgermeister von Radolfzell (1940–1945) Schlegel wurde im September 1939 mit anderen Autonomisten unter Anklage des Hoch- und Landesverrats verhaftet und kam ins Militärgefängnis von Nancy. Die Gruppe, die später unter dem Namen Die Nanziger (Nancéiens) bekannt wurde, hatte im Kontext der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland ihre anfänglich autonomistisch-föderalistische Agenda der 1920er Jahre längst aufgegeben, sympathisierte offen mit der NS-Bewegung und forderte programmatisch, das Elsass an das Deutsche Reich zurück- und anzugliedern. Die Nanziger übernahmen dabei Inhalte des NSDAP-Programms und vertraten auch dessen antisemitische Positionen.Michel Krempper: Faut-il réhabiliter les 'Nanziger'? In: Land un Sproch. Les cahiers du bilinguisme 199 (2016), S. 17–18.

Mit Beginn des deutschen Westfeldzugs 1940 war das Militärgefängnis von Nancy am 14. Juni 1940 vorübergehend geräumt worden: Die Inhaftierten Nanziger wurden zunächst nach Lyon und dann nach Südfrankreich verlegt, eine erste Gruppe, bestehend aus dem Führer der Jungmannschaft Hermann Bickler und den Straßburger Stadträten René Hauss, Paul Schall und René Schlegel nach Privas, eine zweite Gruppe nach Carcassonne. Von einem Sonderkommando der Abwehr der Wehrmacht „befreit“, erfolgte ihre Übergabe an deutsche Truppen am 17. Juli 1940 in Chalon-sur-Saône. Sie kehrten über Trois-Épis (Drei-Ähren) nach Straßburg zurück und wurden mit großem propagandistischen Begleitprogramm von den deutschen Besatzern empfangen; das sogenannte Manifest von Drei-Ähren vom 17. Juli 1940, dessen Mitunterzeichner Rainer Schlegel war, inszenierte sie als „Vorkämpfer unseres elsässischen und deutsch-lothringischen Volkes“.Karl-Heinz Rothenberger: Die elsass-lothringische Heimat- und Autonomiebewegung zwischen den beiden Weltkriegen. Peter Lang, Frankfurt a. Main 1976 (Europäische Hochschulschriften, 42), ISBN 3-261-01485-7.

Die Gruppe war zuvor in einem Hotel in Trois-Épis von Robert Ernst erwartet worden. Während einer zweitägigen Klausur versuchte Ernst die Nanziger für eine Tätigkeit im Elsässischen Hilfsdienst (EHD) beim Aufbau des nationalsozialistischen „Großdeutschland“ zu gewinnen, um sich mit diesen zusammen frühzeitig genügend politischen Einfluss im Sinne der Autonomisten zu sichern. Der badische Gauleiter Robert Wagner als Chef der deutschen Zivilverwaltung im Elsass verhinderte dies allerdings, so dass den Nanzigern schließlich nur NSDAP-Funktionen der mittleren Leitungsebene zugewiesen wurden.

Im November 1940 arrangierte Robert Ernst während einer Informationsreise nach Berlin einen Empfang der Männer durch Heinrich Himmler. Ernst, Schall, Bickler und Schlegel nahmen 1940 im Beisein von Karl Haushofer und Franz Ritter von Epp in München an den jährlichen Gedenkfeiern zum Hitlerputsch teil. Sämtlich mit dem Kriegsverdienstkreuz ausgezeichnet, erhielten sie eine Entschädigung für ihre Inhaftierung im Jahr 1939. Am 25. August 1942 wurde ihnen per Gauleiter-Erlass die deutsche Staatsangehörigkeit verliehen.Michèle Ludmann: L’Alsace pendant l’annexion de fait (1940-1945). Lexique. Archives departementales du Bas-Rhin 2019. Online unter archives.alsace.eu (PDF). Schlegel beantragte am 28. Januar 1941 die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 1. April desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 7.848.497).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/19050761 mini|„Männer des Elsass!“ NS-Propaganda-Aufruf zum freiwilligen Kriegsdienst in der Wehrmacht 1942; „für die elsässischen Kriegsfreiwilligen und Frontkämpfer 1914/18“ unterschrieben u. a. von Rainer Schlegel. Schlegel war zunächst Volkstumsreferent unter Gaupropagandaleiter Adolf Schmid und wurde am 14. Februar 1942 zum Ratsherr in Straßburg ernannt. Anschließend als Bürgermeister von Saverne (Zabern) eingesetzt, avancierte er 1942 daselbst zum Nachfolger von NSDAP-Kreisleiter Rudolf (Rodolphe) Lang (1909–1979), abgelöst 1944 von Hans Rothacker (1904–1946). Ende 1944 war Schlegel Mitbegründer der Elsässischen Freiheitsfront in Colmar. Léon Strauss: Schlegel, Emile René, in: Nouveau dictionnaire de biographie alsacienne, Strasbourg 1998, Vol. 7, S. 3449–3450.Wolfgang Proske: Lexikon der Kleinen Hitler! Die NS-Kreisleiter in Baden, Württemberg-Hohenzollern und im besetzten Elsass, ca. 1928–1945. Kugelberg Verlag, Gerstetten 2024, S. 140.

Zum 1. April 1945 wurde Schlegel von Robert Wagner als neuer Bürgermeister der SS-Garnisonsstadt Radolfzell am Bodensee eingesetzt, wo er den bisherigen, kommissarisch amtierenden Bürgermeister August Kratt hauptamtlich ersetzen sollte. Den Amtsstatus als Bürgermeisterstellvertreter (nunmehr Schlegels) verlor Kratt nicht. Bereits am 21. April soll Schlegel vor der anrückenden französischen Armee aus Radolfzell geflüchtet sein, oder, wie Kratt im Rahmen seiner Entnazifizierung formulierte: „Aus Sicherheitsgründen verließ Bürgermeister Schlegel bereits am 21. April 1945 Radolfzell, um sich nach Bregenz zu begeben.“ Danach verliert sich seine Spur. Die näheren Umstände sowohl der Amtseinsetzung Schlegels durch Wagner als auch die anschließende, angebliche „Selbstwiedereinsetzung“ Kratts sind bislang nicht bekannt und bedürfen einer quellenkritischen Aufarbeitung.Markus Wolter: Die SS-Garnison Radolfzell 1937–1945. In: Stadt Radolfzell am Bodensee, Abteilung Stadtgeschichte (Hrsg.): Radolfzell am Bodensee – Die Chronik. Stadler, Konstanz 2017, ISBN 978-3-7977-0723-9, S. 297 ff. Die Personalie Rainer Schlegel, des nach Eugen Speer, Josef Jöhle und August Kratt vierten NS-Bürgermeisters von Radolfzell in den Jahren 1934–1945, war in der bisherigen Radolfzeller Stadtgeschichte bis auf die bloße Namensnennung und Angabe seiner kurzen Amtszeit nicht näher untersucht worden.Wiki-Seite zur NS-Geschichte Radolfzells; Dokumentation zu Rainer Schlegel (Markus Wolter, 2026).

Todesurteil wegen Kollaboration 1947 und Nachkriegsbiografie in Deutschland Am 4. September 1947 verhängte das Schwurgericht von Straßburg wegen „geheimer Absprachen mit dem Feind“ (Kollaboration) Freiheitsstrafen und Zwangsarbeit gegen die Nanziger sowie sieben Todesurteile – sechs davon in Abwesenheit; gegen Hermann Bickler, René Hauss, Rodolphe Lang, Edmond Nussbaum, Paul Schall und René Schlegel.Philip Bankwitz: Les chefs autonomistes alsaciens 1919–1947 (auch: Alsatian autonomist leaders 1919–1947, The Regents Presse of Kansas, Lawrence 1978) aus dem Englischen ins Französische übersetzt. In: Saisons d'Alsace 71 (1980). Das bereits seit März 1947 unter Zwangsverwaltung stehende Vermögen des flüchtigen französischen Staatsbürgers René Schlegel wurde eingezogen.Journal officiel de la République francaise, 29. September 1947, S. 9849.

Wie der ebenfalls zum Tod verurteilte Nanziger Paul Schall dürfte auch Schlegel 1945 zunächst nach Württemberg geflüchtet sein. So war er 1952 und 1953 nachweislich als Mitarbeiter des Süddeutschen Rundfunks Stuttgart, Abteilung Volks- und Landeskunde, unter Fastnachtsforscher Wilhelm Kutter tätig. Laut der Karlsruher Einwohnerkartei und den Einwohnerbüchern 1950–1968 zog Schlegel im September 1956, aus Berlin kommend, nach Karlsruhe und meldete sich dort unter dem Namen René Schlegel und mit der Berufsbezeichnung Journalist an. Seine erste Wohnadresse war eine Mietwohnung in der Klosestraße 32. Auch Paul Schall lebte in dieser Zeit bereits in Karlsruhe und gab von 1955 bis 1958 unter dem Pseudonym Paul Stadtler als Chefredakteur die nationalistische Zeitung Nationale Rundschau heraus, zusammen mit dem ehemaligen KZ-Kommandanten Werner Schäfer. Von 1959 bis 1966 führten die Karlsruher Adressbücher Schlegel dann mit dem Pseudonym Rainer Schlegel-Ramstein, der Berufsbezeichnung Schriftsteller und mit Angabe seiner Telefonnummer in der Karlstraße 41–43.Wiki-Seite zur NS-Geschichte Radolfzells; Dokumentation zu Rainer Schlegel (Markus Wolter, 2026).

Rainer Schlegel war verheiratet und hatte zwei Kinder. Er starb am 29. Oktober 1968 in Karlsruhe.

Seinen schmalen literarischen, unveröffentlichten Nachlass verwahrt das Oberrheinische Literaturarchiv in Karlsruhe unter dem Namen Rainer Ramstein-Schlegel.

Literatur