Das Gewerkschaftshaus Wiesbaden (auch bekannt als Volkshaus Wellritzstraße oder Altes Gewerkschaftshaus) war ein bedeutendes Gebäude der Arbeiterbewegung in Wiesbaden. Es diente ab Anfang des 20. Jahrhunderts als zentrales Versammlungs- und Verwaltungsgebäude der Freien Gewerkschaften, der SPD und verbundener Organisationen. Während der Weimarer Republik war es ein politisches Zentrum des antifaschistischen Widerstands in der Stadt. Es steht direkt gegenüber der früheren Gewerbeschule (heute: Georg-Buch-Haus) in der Wellritzstraße 49.
Geschichte und Nutzung Vorgeschichte und Rahmenbedingungen Um die Jahrhundertwende war die organisierte Arbeiterbewegung in Wiesbaden schwach ausgebildet. Dies lag vor allem am Fehlen großer Industriebetriebe in der damaligen Kurstadt, wo Verwaltung, Kurbetrieb, Hotellerie und Kleingewerbe dominierten. Zudem führten die Auswirkungen des Sozialistengesetzes (1878–1890) im Frühjahr 1888 zum polizeilichen Verbot aller örtlichen Gewerkschaften.
Nach dem Verbot blieb die Wiesbadener Gewerkschaftsbewegung in kleine Einzelverbände zersplittert, die sich erst 1891/92 zu einem losen Gewerkschaftskartell zusammenschlossen. Da den einzelnen Fachverbänden die Mittel für eigene Büros fehlten, fanden Beratungen meist in Privatwohnungen, Gaststätten oder auf dem Arbeitsweg statt. Auch die Durchführung von Veranstaltungen in angemieteten Sälen gestaltete sich wegen polizeilicher Repressionen und Vorbehalten der Gastwirte schwierig.
Aus dieser Lage heraus entstand der Wunsch nach einem zentralen Gewerkschaftshaus mit integrierter Herberge für wandernde Gesellen. Erste Sondierungen der Schneider- und Schuhmacherverbände im Jahr 1886 blieben zunächst ohne konkretes Ergebnis, ehe schließlich das Anwesen in der Wellritzstraße 41 (später: 49) als geeigneter Standort identifiziert wurde.
Bau und frühe Nutzung Das Hauptgebäude wurde zusammen mit dem Seitenbau und dem Innenhof im Jahr 1887 errichtet. Am 28. Mai 1889 erwarb die Turngesellschaft Wiesbaden das Anwesen. Noch im selben Jahr ließ die Turngesellschaft ein Hinterhaus mit einer Turnhalle, einem Veranstaltungssaal sowie zwei Kegelbahnen im Kellergeschoss erbauen.
Am 19. November 1906 erwarb die im Jahr zuvor gegründete Bau- und Erwerbsgenossenschaft „Arbeitergesellschaftshaus“ das Anwesen samt Inventar. Der ausschließliche Zweck dieser eingetragenen Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht bestand laut Statut im Kauf und der Unterhaltung „eines Gesellschaftshauses zum Zwecke der Förderung des Erwerbes und der Wirtschaft der Mitglieder der Genossenschaft“. Den Genossenschaftsmitgliedern wurde in dem Haus geeignetes Logis und Beköstigung für ihren eigenen Bedarf zugesichert.
Mitte 1907 zog das erste Gewerkschaftskartell in das Haus ein, mit dem 1. Oktober 1907 wechselte auch das Arbeitersekretariat von der Wörthstraße 11 dorthin, das den lohnabhängig Beschäftigten als Auskunftei für alle Rechtsfragen und beruflichen Angelegenheiten täglich außer an Sonntag- und Feiertagen zur Verfügung stand.
Gemäß den Unterlagen der Gebäudesteuerverwaltung der Stadt Wiesbaden war das Hauptgebäude bereits zu dieser Zeit dreigeschossig. Im Parterre wurde eine Gastwirtschaft betrieben, während sich im dritten Obergeschoss und im Dachgeschoss insgesamt 13 Fremdenzimmer befanden.
Anfänge und Weimarer Republik Das Gebäude in der Wellritzstraße etablierte sich ab den 1910er Jahren als zentrales Verkehrslokal der organisierten Arbeiterschaft, des Gewerkschaftskartells, des Arbeitersekretariats sowie mehrerer Einzelgewerkschaften. Dazu gehörten unter anderem die Verbände der Bau-, Metall-, Holz-, Transport-, Bekleidungs- und Malerarbeiter, der Eisenbahner-Verband, der Verband der Staats- und Gemeindearbeiter sowie der Zentralverband der Angestellten.
Es umfasste Verwaltungsräume, zwei große Veranstaltungssäle sowie eine Zentral-Herberge mit Mittags- und Abendtisch. Im Gebäude befanden sich unter anderem die Büros des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) Ortsausschusses Wiesbaden, der örtlichen SPD sowie der Redaktion der Parteizeitung Volksstimme. Auch der Parteiverlag und Vertrieb der Tageszeitung befanden sich auf dem Areal. Außerdem hatte die 1917 gegründete USPD (bis zu deren Wiedervereinigung mit der SPD im Herbst 1922) dort ihren Sitz. Ab 1924 war zudem die KPD im Gebäude eingemietet.
In den Krisenjahren der Weimarer Republik nutzten Bündnisse wie die Eiserne Front und das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold das Volkshaus regelmäßig für Funktionärskonferenzen und Großveranstaltungen. Prominente Akteure der Wiesbadener Arbeiterbewegung vor Ort waren insbesondere der ADGB-Sekretär und Reichsbanner-Leiter Konrad Arndt sowie die späteren Politiker Otto Witte, Georg Buch und Eugen Dengel.
Ereignisse im Frühjahr 1933 Nach der Machtergreifung der NSDAP Ende Januar 1933 entwickelte sich das Volkshaus zu einem Zentrum der Proteste. Am 30. Januar 1933 fand dort eine spontane Massenkundgebung der Eisernen Front gegen die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler statt. Am 13. Februar 1933 berief Konrad Arndt im großen Saal des Volkshauses eine Versammlung aller Funktionäre der Freien Gewerkschaften, SPD und des Reichsbanners ein, um über die Bildung einer antifaschistischen „Einheitsfront“ mit der KPD zu beratschlagen.
Mit dem Inkrafttreten der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat nach dem Reichstagsbrand geriet das Haus ins Visier der Repressionsorgane: 28. Februar 1933: Erste polizeiliche und durch die SA durchgeführte Durchsuchung des Gebäudes. 13. März 1933: Einen Tag nach den Kommunalwahlen besetzten SA-Einheiten das Gewerkschaftshaus sowie die Räume der Volksstimme und der Eisernen Front vollkommen. Die Räumlichkeiten wurden versiegelt und die Arbeit der Organisationen unterbunden. 2. Mai 1933: Im Rahmen der deutschlandweiten Gleichschaltung der Gewerkschaften stürmte die SA unter Leitung des NSBO-Kreisleiters Franz Weismantel das Gebäude endgültig. Unterlagen, Bücher, Broschüren und Transparente wurden auf die Wellritzstraße geworfen und öffentlich verbrannt. Mehrere Gewerkschaftssekretäre, darunter Konrad Arndt, wurden festgenommen und misshandelt.
Nach der Enteignung und Zerschlagung der Gewerkschaften übernahm die Deutsche Arbeitsfront (DAF) die Immobilie. Allerdings beantragte die Vermögensverwaltung der Deutschen Arbeitsfront (DAF) erst 1939 beim Amtsgericht Wiesbaden die Eintragung als Eigentümerin im Grundbuch. Im Jahr 1942 verkaufte die DAF das Anwesen an den Pächter der im Gebäude betriebenen Gaststätte.
Rückgabe und Wiederaufbau nach 1945 Nach dem Zweiten Weltkrieg bemühten sich Wiesbadener Gewerkschafter um die Rückgabe des von den US-Streitkräften beschlagnahmten Gebäudes. Zu diesem Zweck wurde 1948 die Gemeinnützige Volkshaus-Genossenschaft eGmbH gegründet.
Unter der Leitung des Geschäftsführers Adolf Best erwirkte die Genossenschaft 1949 vor der Wiedergutmachungskammer des Landgerichts Frankfurt am Main einen Beschluss, der den Käufer von 1942 zur Rückgabe des Anwesens verpflichtete. Der Nachweis der ursprünglichen Eigentumsanteile der einzelnen Gewerkschaften gelang mithilfe erhaltener Spendenlisten aus der Erbauungszeit. Da sich das Gebäude bei der Übergabe in einem verwahrlosten und überschuldeten Zustand befand, schloss sich eine umfangreiche Instandsetzung an.
Entwicklung ab den 1950er-Jahren Nach dem Wiedereinzug der Gewerkschaften lehnte die lokale Volkshaus-Genossenschaft eine Übertragung des Gebäudes in den bundesweiten Immobilienbesitz des 1949 gegründeten Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) sowie spätere Kaufangebote ab.
Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der 1950er-Jahre entschied sich der DGB für den Neubau eines Bürogebäudes am Wiesbadener Bismarckring. Nach dessen Fertigstellung am 1. Oktober 1955 zogen die DGB-Gewerkschaften sowie der DGB-Kreisverband dorthin um. Als letzte gewerkschaftliche Vertretung unterhielt die IG Medien ihre Geschäftsstelle im früheren Gewerkschaftshaus. Im Zuge des Zusammenschlusses der Einzelgewerkschaften zur Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) im Jahr 2001 gab auch diese ihren Standort in der Wellritzstraße auf.
Im Gebäude in der Wellritzstraße verblieben lediglich die Arbeiterwohlfahrt sowie ein Kino, das die Volkshaus-Genossenschaft dort 1951 zur Konsolidierung ihrer Finanzen eingerichtet hatte. Die freigewordenen Büroräume wurden in der Folge zu Wohnungen umgebaut.
Umwandlung in den Verein „Volkshaus J.P.“ (1962/63) Da die einst im Gebäude betriebene Gesellenherberge nach 1945 nicht wiedereröffnet worden war, entzog das Finanzamt der Volkshaus-Genossenschaft die Gemeinnützigkeit, was Ende Oktober 1962 zum Ausschluss aus dem Prüfungsverband führte.
Um die Liquidation der Genossenschaft rechtlich abzufangen, gründeten neun Wiesbadener Einzelgewerkschaften am 8. April 1963 den Nachfolgeverein Volkshaus J.P., dessen ausschließlicher Satzungszweck in der Verwaltung des Anwesens in der Wellritzstraße bestand. Am 24. Juni 1963 beschloss die Generalversammlung der Volkshaus-Genossenschaft die Übertragung des gesamten Vermögens auf den neuen Verein zum 1. Oktober 1963 sowie die anschließende Auflösung der Genossenschaft.
Nutzung als Lichtspieltheater ab den 1960er-Jahren In den 1960er- und 1970er-Jahren führten häufige Pächterwechsel des Kinos zu wirtschaftlicher Unsicherheit. Erst 1978 übernahm der Wiesbadener Kinobetreiber Ewert das Filmtheater. Nach einer gemeinsamen Modernisierung durch den Verein Volkshaus J.P. und den Pächter wurde dort über zwei Jahrzehnte lang das „Passage Cinema“ betrieben, ehe es Ende 1999 schloss. Anschließend übernahm ein neuer Betreiber die Räumlichkeiten und führte sie als Programmkino „Neue Passage“ weiter.
Nutzung durch Wohlfahrtsverbände, Parteien und Gewerkschaften Über viele Jahre nutzte die Arbeiterwohlfahrt (AWO) das Gebäude für ihre örtliche Geschäftsstelle und eine Ambulante Sozialstation. In den 2000er-Jahren beherbergte der Komplex den AWO-Bezirk Hessen-Süd mit Angeboten zur Migrationsberatung sowie die Johann-Kummerer-Begegnungsstätte. Neben Gremien der AWO nutzten auch der Ortsbeirat, der SPD-Ortsverein Westend sowie der – ursprünglich von Georg Buch gegründete – Freundeskreis der ehemaligen Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) das Haus als Treffpunkt. Zudem bot die AWO-Familienbildungsstätte dort Sprachkurse an. Heute betreibt der Kubis e.V. im Ladenlokal sein Stadtteilbüro mit sozialen Dienstleistungen.
Gedenken Zur Erinnerung an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus und in Würdigung des Wiesbadener Arbeiters und KZ-Häftlings Konrad Arndt benannte der Verein Volkshaus J.P. auf Anregung der IG Metall (Verwaltungsstelle Wiesbaden-Limburg) das Gebäude offiziell in Konrad-Arndt-Haus um.
Siehe auch Gleichschaltung Emslandlager Konzentrationslager Sachsenhausen
Literatur Axel Ulrich: Konrad Arndt. Ein Wiesbadener Gewerkschafter und Sozialdemokrat im Kampf gegen den Faschismus. Mit einem Beitrag von Hajo Rübsam zur Geschichte des Alten Gewerkschaftshauses in Wiesbaden. Herausgegeben von der IG Metall Verwaltungsstelle Wiesbaden-Limburg und dem Verein Volkshaus J.P., Wiesbaden 2001 (Nachdruck 2020)
Einzelnachweise
Kategorie:Bauwerk in Wiesbaden