Ferdinand II. Karl Benedikt Ritter und Edler von Poschinger (* 8. Juli 1857 in Buchenau; † 10. Oktober 1921 ebenda) war ein bayerischer Glasfabrikant und Gutsherr. Unter seiner Leitung erlangte das farbige Tafelglas des Glashüttenguts Buchenau internationale Beachtung. Für Neuerungen der Glasherstellung erhielt er mehrere Patente.
Herkunft
Poschinger entstammte dem Adelsgeschlecht Poschinger, das seit dem Erwerb des Glashüttenguts Zwieselau durch Joachim Poschinger im Jahr 1568 im Bayerischen Wald als Glashütten- und Gutsherrengeschlecht ansässig war.
Er war der älteste Sohn des Gutsherrn Ferdinand I. Friedrich Wilhelm von Poschinger (1815–1867) und dessen Ehefrau Ferdinande Sophie Amalie, geborene Lezl. Als der Vater 1867 starb, hinterließ er die Witwe und fünf seiner sieben Kinder. Von den Brüdern wurde Karl Albert Benedikt (1861–1942) Oberamtsrichter in Eggenfelden und verfasste 1908 eine Geschichte der Familie, Albert Friedrich Benedikt (1865–1932) war Orthopäde in München.
Glashüttengut Buchenau mini|Schloss Buchenau Gemäß dem Erb- und Ehevertrag seiner Eltern übernahm Poschinger 1881 im Alter von 24 Jahren die Leitung der Glashüttenwerke Buchenau.
Der Betrieb bestand aus zwei Werken mit unterschiedlichem Programm. Eine zeitgenössische Beschreibung von 1900 hält fest, dass das eine Werk ausschließlich Antik-, Kathedral- und Opaleszentglas erzeugte, während sich das andere neben Luxus- und Gebrauchsgegenständen auch mit der Herstellung von Kunstgläsern der modernen Richtung befasste.
Die Glasherstellung erforderte große Mengen Holz, sowohl zur Befeuerung der Öfen als auch zur Gewinnung von Pottasche als Flussmittel. Poschinger stellte die Befeuerung seiner Hütten auf das von den Brüdern Siemens entwickelte Verfahren um, bei dem böhmische Braunkohle in Generatoren vergast wurde und das Gas die Glasöfen heizte. Damit schonte er zugleich seinen Waldbestand.
Die Dekore der um 1900 entstandenen Buchenauer Kunstgläser stammten nach dieser Quelle von den in München tätigen Künstlern Julius Diez und Karl Schmoll von Eisenwerth. Die Neue Deutsche Biographie fasst zusammen, die Hütte Buchenau habe unter Poschingers Leitung Weltgeltung in der Produktion von farbigem Flachglas erlangt, und nennt neben Diez und Schmoll von Eisenwerth auch Hans Christiansen und Richard Riemerschmid als Künstler der Poschinger-Hütten.
Neben dem Hüttenbetrieb ließ Poschinger Straßen durch die Gutswaldungen bis zur böhmischen Landesgrenze anlegen und errichtete in Buchenau ein Forstverwaltungsgebäude, ein Schulhaus sowie mehrere Wirtschaftsgebäude. In Spiegelhütte entstand vor 1914 eine neue Schleiferei aus Bruchstein sowie eine Villa für den dortigen Hüttendirektor.
Ausstellungen
1893 war die Glasfabrik auf der World’s Columbian Exposition in Chicago vertreten, wo sie im amtlichen Katalog unter Gruppe 94 mit Erzeugnissen der Tafelglas- und Hohlglasfabrikation geführt wird. Sie war damit die einzige katalogisierte Glashütte des Bayerischen Waldes auf dieser Weltausstellung.
Auf der Weltausstellung Paris 1900 erhielt Poschinger eine silberne Medaille. Auf derselben Ausstellung war ein monumentales Fenster nach einem Entwurf von Hans Christiansen zu sehen, das aus Poschinger’schen Gläsern hergestellt worden war. Für das großformatige Mosaikfenster im Erker der 1901 auf der Mathildenhöhe in Darmstadt erbauten Villa In Rosen lieferte Buchenau das Opaleszentglas, ausgeführt wurde das Mosaik von der Mosaikfabrik Wilhelm Schmitz in Rüttenscheid bei Essen.
Auf der Bayerischen Jubiläums-Landes-Industrie-, Gewerbe- und Kunstausstellung 1906 in Nürnberg traten die drei Poschinger-Hütten Frauenau, Oberzwieselau und Buchenau gemeinsam auf. Der Berichterstatter Ludwig Gmelin bezeichnete als bedeutendstes Stück der Gruppe eine Vase, die nach einem Entwurf Richard Riemerschmids von der Glashütte Ferdinand von Poschinger in Buchenau ausgeführt worden war.
Technik und Schutzrechte
Poschinger stand technischen Neuerungen aufgeschlossen gegenüber. Für die Flachglasherstellung in Buchenau entwickelte er Streck- und Kühlöfen, eine maschinelle Ablegevorrichtung und einen elektrischen Heizkörper und ließ diese Entwicklungen patentieren.
Am 29. Juli 1892 erteilte das Eidgenössische Amt für Geistiges Eigentum zwei Patente der Klasse 12. Das Patent Nr. 5649 betrifft einen elektrischen Ofen, dessen Innenwand mit einer Schicht aus feuerfestem Material und gemahlenem Graphit versehen ist, sodass sie beim Durchgang eines Stromes zum Erglühen kommt. Das Patent Nr. 5765 schützt die dazugehörigen Kunststeine.
Das k. k. Patentamt in Wien erteilte ihm 1902 unter der Nummer 8859 ein Patent der Klasse 32 auf eine Tafelglas-Walzvorrichtung, bei der die flüssige Glasmasse zwischen zwei Formwalzen zur Tafel geformt und über ein Transportgitter aus der Vorrichtung gefördert wird.
In Großbritannien erhielt Poschinger 1902 unter der Nummer 3514 ein Patent auf Kathedralglas mit eingebettetem Draht oder Drahtgewebe, das die Festigkeit erhöhen und das Splittern beim Bruch verhindern sollte, wobei das Drahtnetz zugleich als Dekor wirken konnte. Ein weiteres britisches Patent von 1906 unter der Nummer 22 958 betrifft eine Vorrichtung zur mechanischen Entnahme von Glastafeln aus dem Streck- und Kühlofen. Ein Schwingrahmen richtet die getemperten Tafeln auf, sodass sie ohne Berührung durch den Arbeiter abtransportiert werden können.
1895 führte Poschinger in Buchenau elektrische Straßenbeleuchtung ein, gespeist von einem Elektrizitätswerk mit 45 PS Leistung.
Meteorologische Station Buchenau
Seit 1877 sammelte Poschinger aus privatem Interesse meteorologische Daten. Ab 1893 tat er dies im Auftrag der 1879 gegründeten Königlich Bayerischen Meteorologischen Centralstation, die ab 1917 den Namen Bayerische Landeswetterwarte trug. Er trug die Kosten der Buchenauer Wetterstation selbst, richtete sie ein, betrieb sie und übermittelte täglich ein Telegramm mit den örtlichen Wetterdaten nach München. Erst im Zuge der Erbauseinandersetzungen nach seinem Tod wurde die Station aufgegeben.
Familie und Persönlichkeit
1883 heiratete Poschinger Margarethe Juliane, genannt Julie, Scharvogel (1858–1934) aus Mainz. Ihr Bruder war der Jugendstilkeramiker Jakob Julius Scharvogel, zeitweilig Mitglied der Darmstädter Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe, der sich Anfang der 1880er Jahre längere Zeit in Buchenau aufhielt und dort mit Glas experimentierte.
Julie von Poschinger war eine Musikliebhaberin und über ihren Vater mit Engelbert Humperdinck befreundet. Der Komponist hielt sich mehrfach in Buchenau auf und schrieb dort Teile seiner Märchenoper Hänsel und Gretel. Von 1908 bis 1910 stand sein jüngerer Bruder Max Humperdinck als Förster in Diensten der Familie.
Aus der Ehe ging 1898 der Sohn Günther hervor.
Als der Prinzregent Poschinger 1909 wegen seiner Verdienste den Titel eines Kommerzienrats verlieh, gab dieser die Urkunde mit der Begründung zurück, ein solcher Titel sei ihm durchaus unerwünscht. Nach einem mehrmonatigen Schriftwechsel erreichte er, dass die Verleihung zurückgezogen wurde.
Erster Weltkrieg und Tod
Im Juni 1915 musste die Flachglashütte wegen Mangels an Arbeitern und Heizmaterial stillgelegt werden. In der Spiegelhütte lief die Produktion zunächst weiter und wurde auf Gebrauchsartikel umgestellt, darunter Einmach- und Konservengläser sowie Artikel für den Krankenhausbedarf. Beliefert wurde auch die kaiserliche Marine. Im Sommer 1918 musste trotz mehrerer Eingaben auch dieses Werk die Arbeit einstellen.
Poschinger starb am 10. Oktober 1921 in Buchenau an einem Krebsleiden und wurde auf dem Friedhof von Frauenau bestattet. Die Münchner Neuesten Nachrichten meldeten wenige Tage später, er sei nach mehrmonatigem Leiden im 65. Lebensjahr gestorben.
Nachwirkung
Die Leitung des Guts übernahm die Witwe Juliane. Ab Mitte der 1920er Jahre verdrängte die maschinelle Herstellung das mundgeblasene Flachglas, und Buchenau litt gegenüber Frauenau unter dem Nachteil, über keinen Eisenbahnanschluss zu verfügen. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 und ein schwerer Windbruch konnten vom Unternehmen nicht mehr verkraftet werden. Die Spiegelhütte wurde 1931 und Buchenau 1932 aufgegeben.
Der einzige Sohn und Erbe Günther von Poschinger (1898–1958) war 1917 eingezogen worden und zunächst in Rumänien, dann in der Ukraine eingesetzt. Am 10. Dezember 1918 verließ er seine Einheit und setzte sich zu den Sowjets ab. Als er 1936 aus der Sowjetunion zurückkehrte, war der gesamte Besitz in Staatseigentum übergegangen. Seine Versuche, das Gut nach 1945 zurückzuerhalten, blieben erfolglos.
Ferdinand von Poschinger ist die Hauptfigur des historischen Romans Die Leute von Buchenau (1998) von Marianne Wintersteiner, der 2004 unter dem Titel Glashimmel. Die Leute von Buchenau neu aufgelegt wurde.
Literatur
Eva Chrambach: Kammzug und Pfauenauge. Geschichte der Jugendstilglashütte des Ferdinand von Poschinger in Buchenau. Morsak, Grafenau 1999, ISBN 3-87553-532-4. Preis-Liste der Crystall-Glas-Fabrik v. Ferd. v. Poschinger Buchenau. Katalog der Glasproduktion aus dem Jahr 1888, mit einem Vorwort von Erwin Steckbauer, Reprint 1987.
Einzelnachweise
Eva Chrambach: Kammzug und Pfauenauge. Geschichte der Jugendstilglashütte des Ferdinand von Poschinger in Buchenau. Morsak, Grafenau 1999.
Kurt Pittrof, Maria Schimke: Poschinger von Frauenau, Freiherren. In: Neue Deutsche Biographie. Band 20, Berlin 2001, S. 649 f.
Karl Ritter von Poschinger: Geschichte der Poschinger und ihrer Güter. Pullach bei Aibling 1908, S. 255 f.
Ferd. von Poschinger’s Glashütten in Buchenau b. Zwiesel. In: Deutsche Kunst und Dekoration, 1900, S. 534.
Ludwig Gmelin: Das Kunstgewerbe auf der Nürnberger Ausstellung (Schluß). In: Kunst und Handwerk. Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk, 56. Jahrgang 1905/06, Heft 12, S. 350 und S. 566.
Benno Rüttenauer: Kunst und Handwerk. Ueber Kunst der Neuzeit, 7. Heft. J. H. Ed. Heitz, Straßburg 1902, Kapitel „Hans Christiansen und sein Haus“.
Iris Romanos: Theresienthal vom Biedermeier bis zur frühen Moderne. Dissertation, LMU München 2015, S. 28 f. und S. 189.
Vermischtes aus Bayern. In: Münchner Neueste Nachrichten, Nr. 433, Morgen-Ausgabe vom 13. Oktober 1921, S. 7.
Schweizerische Eidgenossenschaft, Eidgenössisches Amt für Geistiges Eigentum: Patent Nr. 5649, Klasse 12, Elektrischer Ofen, erteilt am 29. Juli 1892.
Schweizerische Eidgenossenschaft, Eidgenössisches Amt für Geistiges Eigentum: Patent Nr. 5765, Klasse 12, Den elektrischen Strom leitende Kunststeine aus feuerfestem Material, erteilt am 29. Juli 1892.
K. k. Patentamt: Österreichische Patentschrift Nr. 8859, Classe 32, Tafelglas-Walzvorrichtung, angemeldet am 5. August 1901, ausgegeben am 25. August 1902.
Patent Office London: Nr. 3514 A.D. 1902, Improvements in the Manufacture of Cathedral Glass, angemeldet am 11. Februar 1902, angenommen am 18. Dezember 1902.
Patent Office London: Nr. 22,958 A.D. 1906, Improved Device for Mechanically Removing Sheets of Glass from Glass Furnaces, angemeldet am 17. Oktober 1906, angenommen am 14. März 1907.
Ferdinand 02 Ferdinand 02 Kategorie:Unternehmer (19. Jahrhundert) Kategorie:Unternehmer (20. Jahrhundert) Kategorie:Glasmacher Kategorie:Unternehmer (Bayern) Kategorie:Person (Landkreis Regen) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1857 Kategorie:Gestorben 1921 Kategorie:Mann