mini|Lage des Venezulanischen Küstengebirges mit der Serranía del Litoral im Norden und der Serranía del Interior im Süden Das Venezolanische Küstengebirge (Venezuelan Coastal Range), auch Cordillera de la Costa genannt, ist ein Gebirgszug im Norden Venezuelas. Es verläuft quasi parallel am nördlichen Rand Venezuelas an der Küste des Karibischen Meeres etwa 720 Kilometer (km) ostwärts vom Bundesstaat Yaracuy bis zur Halbinsel Paria im Bundesstaat Sucre. Die Gebirgskette besteht aus zwei Teilgebirgen, der nördlichen Serranía del Litoral und der südlichen Serranía del Interior, die durch von Verwerfungen verlaufende Täler, wie das Caracas-Tal voneinander getrennt sind. Der Gebirgszug erhebt sich abrupt auf Höhen von über 2000 Metern (m) mit dem höchsten Berggipfel des 2765 m hohen Pico Naiguatá im Bundesstaat Miranda.
Geologisch gesehen stellt dieser Gebirgszug eine komplexe Ansammlung von Terranen, tektonischen Decken und Überschiebungen dar, die aus der schrägen Kollision zwischen der Karibischen Platte und der Südamerikanischen Platte seit dem Mesozoikum entstand. Seitdem bewegt sich Letztere um ca. 20 mm pro Jahr entlang der Ersteren. Diese Relativverschiebungen verlaufen entlang eines komplexen Verwerfungssystems, an dem sich seither viele große Erdbeben enteigneten. Das Erdbeben am 24. Juni 2026 wurde verursacht durch zwei starke Blattverschiebungen im Nordwesten und im Zentrum Venezuelas. Es war ein Doppelerdbeben, bei dem sich zwei Erdbeben kurz hintereinander ereigneten. Das erste hatte eine Magnitude von 7,2, das zweite von 7,5. Sie verursachten katastrophale Schäden und forderten eine große Anzahl von toten und verletzten Menschen.
Geographie
Das Venezolanische Küstengebirge (VKG) ist ein markantes Gebirgssystem im Norden Venezuelas, welches sich geographisch/geologisch am nordwestlichen Kontinentalrand der Südamerikanischen Platte und dem südöstlichen Rand der Karibischen Platte erstreckt, wo es eine natürliche Barriere zum Karibischen Meer bildet. Es schließt an die nordöstlichen Ausläufer der Cordillera de Mérida an und erstreckt sich etwa 720 km vom Bundesstaat Yaracuy ostwärts bis zur Halbinsel im Bundesstaat Sucre. Das VKG gliedert sich in die nördliche Serranía del Litoral und die südlich anschließende Serranía del Interior. Zwischen beiden verläuft das Valenciasee-Verwerfungssystems.
Serranía del Litoral
Die Serranía del Litoral durchquert die Bundesstaaten Yaracuy im Westen, gefolgt von Carabobo, La Guaira, Aragua bis hin zu Miranda im Osten. In ihr befinden sich u. a. die Städte Valencia, Maracay und Caracas. Geographisch erstreckt sich die Serranía del Interior von der Depression des Río Yaracuy, der die venezolanische Cordillera de Mérida von der südlich anschließenden kolumbischen Cordillera Oriental trennt, bis hin zum Tal des Unare Rivers am östlichen Rand vom Bundesstaat Miranda, wo der Fluss ins Karibische Meer mündet.
Die Serranía del Litoral ist ein steiler Gebirgszug, der sich an der schmalen Küstentiefebene parallel zum Karibischen Meer erstreckt. Er weist abrupte Steilhänge auf, die sich auf kurzen horizontalen Distanzen vom Meeresspiegel auf 1000 über 2600 m Höhe erheben. Dies führt zu einem stark stark strukturiertem Gelände mit überwiegend zerklüfteten und schroffen steilen Bergen und engen Tälern. Die Hänge weisen Neigungen oft über 45 Grad auf. Zu den Gipfeln zählen markante Berge, wie der im Bundesstaat Miranda gelegene Pico Naiguatá mit 2765 m, der die höchste Erhebung des Venezolanischen Küstengebirges darstellt. Er liegt an der Grenze der venezolanischen Bundesstaaten Miranda und La Guaira. Weitere Gipfel befinden sich im Nationalpark El Ávila, wie der Pico El Ávila (2250 m), der Pico Oriental (2480 m) und der Pico Occidental (2640 m). Quertäler dienen als wichtige Pässe, die die Küste am Karibischen Meer mit dem Hinterland verbinden.
Serranía del Interior
Die Serranía del Interior durchquert die Bundesstaaten Yaracuy, Carabobo, Cojedes, Guárico, Aragua, Miranda, Anzoátegui, Monagas und Sucre. In ihnen befinden sich mehrere bedeutende Städte, wie San Felipe, Bergantín, San Juan de los Morros, Barcelona, Puerto La Cruz, Cumaná, Tinaquillo und Nirgua.
mini|Lage der Llanos
Geographisch erstreckt sich die Serranía del Interior von der Depression des Río Yaracuy, der die Cordillera de Mérida vom Venezolanischen Küstengebirge trennt, weiter durch das Tal von Caracas im Bundesstaat Yaracuy mit dem Valenciasee bis zur Halbinsel Paria im Bundesstaat Sucre. Geographisch bildet sie eine breite landeinwärts gerichtete Ausdehnung mit relativ sanfter Topographie. Sie zeichnet sich durch höhere Hochebenen, Bergrücken, sanfte Hügel bzw. Hügelketten und breite Täler aus, Die Hänge sind im Vergleich zu denen in der Serranía del Litoral mit durchschnittlich 15 bis 30 Grad relativ flach geneigt. Im Süden geht sie über in die Tieflandebene der Llanos, die zum Einzugsgebiet des Orinocos gehören.
mini|Luftbildaufnahme vom Valenciasee
Die durchschnittliche Höhe beträgt ca. 1100 m. Die höchsten Erhebungen sind der Cerro Tristeza (2660 m) im Bundesstaat Anzoátegui und der Pico Turimiquire (2596 m) an der Grenze zwischen den Bundesstaaten Sucre und Monagas sowie der Cerro Platillón (1930 m) und das Bergmassiv Topo Cataurito (1568 m) im Bundesstaat Aragua sowie der Cerro Humo (1374 m) und der Cerro Patao (1048 m) auf der Halbinsel Paria.
Geologie und Tektonik
Geologisch gesehen stellt das Venezolanische Küstengebirge eine komplexe Ansammlung von orogenen Gürteln, Terranen und tektonischen Decken dar, die aus der schrägen Kollision zwischen der Karibischen Platte und der Südamerikanischen Platte seit dem Mesozoikum resultierten. Diese tektonischen Gebilde weisen verschiedene Gesteinssequenzen auf, darunter kristalline Schiefer, Gneise, Granite, verschiedene Sedimente und Marmore sowie ophiolithische Komplexe, die auf Subduktions- und Obduktionsprozesse sowie Überschiebungen hinweisen.
Die tektonische Entwicklung begann mit vor- und mesozoischen kontinentalen Grundgebirgseinheiten in Gürteln wie Ávila und Caucagua-El Tinaco, die von passiven Randsedimenten aus dem Jura und der frühen Kreidezeit überlagert wurden, welche sich während der frühen Kreidezeit zu Subduktionsablagerungen entwickelten. Zu den wichtigsten Strukturelementen gehören in Nord-Süd-Richtung gestapelte Terrane, wie die Serranía del Litoral mit Subduktionsmelanges, der Villa de Cura, der eine Hochdruck-/Niedertemperatur-Metamorphose mit einem Höhepunkt um 96 mya belegt und ophiolithische Splitter, wie der Loma de Hierro Komplex, der exhumierte ozeanische Lithosphäre mit Affinitäten zu Mittelozeanrückenbasalten (MORB) darstellt. Die Exhumierung erfolgte in Phasen, darunter eine Dehnung in der späten Kreidezeit und eine Überschiebung im Miozän nach Süden auf den venezolanischen Kontinentalrand, wobei die Neotektonik entlang von Verwerfungen, wie dem Río Guárico-System, andauert und eine rechtslaterale Blattverschiebung im Quartär zeigt. Durch diese Prozesse ist ein zerklüftetes Gelände mit tiefen Tälern, steilen Abbruchkanten und intramontanen Becken entstanden, was sich insbesondere auf die regionale Seismizität auswirkt.
Das Venezolanische Küstengebirge besteht geologisch/tektonisch aus mehreren orogenen Gürtel und Terrane. Von Norden nach Süden sind es der Serranía del Litoral-Gürtel mit dem Costal-Terran, dem Ávila-Gürtel und dem Caracas-Gürtel. In dem südlich anschließenden Serranía del Interior-Gürtel befinden sich das Loma de Hierro-Terran, das Caucagua-El Tinaco-Terran und das Villa de Cura-Terran.
Serranía del Litoral-Gürtel
Die Costal-Terrane enthält verschiedenartige kristalline Schiefer und Metatuffe, die in einem Forarc-Becken entstanden sind. In einer Subduktionszone bildete sich eine Melange mit Gabbros und Basalte, die eine mittelozeanische Rückenbasalte (MORB)-Affinität aufweisen. Auch wurden Elemente einer ozeanischen Lithosphäre nachgewiesen, die mit marinen Sedimenten vermischt sind und Elemente der kontinentale Kruste beinhalten. Des Weiteren entstanden Marmore mit Eklogit- und Amphibolit-Boudinagen. serpentinisierte Peridotitkörper bildeten sich entlang großer Verwerfungen. Bis auf die älteren Gesteinssequenzen der Subduktionszone datieren die übrigen in die frühe Kreidezeit.
Der Ávila-Gürtel weist verschiedenartige Plutonite aus Granite, Gneise, Tonalite, Trondhjemite, Diorite, Epidot-Amphibolite sowie unterschiedliche Sedimente auf. Sie werden dem Zeitraum vom Mesozoikum oder früher zugeordnet.
Der Caracas-Gürtel besteht überwiegend aus verschieden zusammengesetzten kristallinen Schiefern, unterschiedlichen Sandsteinen, Konglomeraten und hektometer große Marmorkörper, die entlang eines passiven Kontinentalrandes entstanden. Einige Gesteinssequenzen wurden turbiditisch abgelagert, andere entstanden in einem sauerstofffreien und/oder hochproduktiven Sedimentbecken. Deren Alter datiert zwischen dem Spätjura und der frühen Kreidezeit. Regional bilden silurische Gneise und Granite die Basis der Ablagerungen.
Der Serranía del Interior-Gürtel
Das Loma de Hierro-Terran bildet eine Überschiebungseinheit eines Ophiolithkomplex mit sedimentärer Bedeckung. In ihr sind Gabbros und Basalte mit MORB-Affinität, Ultramafite und Vulkanite enthalten. Diese werden als einer Splitter einer ozeanischen Lithosphäre angesehen. Das Alter wird dem Zeitraum vom Spätjura bis zur frühen Kreidezeit zugeordnet.
Das Caucagua-El Tinaco-Terran enthält Diorite, tonalitische Gneise, tonalitische Diorite, kristalline Schiefer und unterschiedliche Glimmerschiefer. Die Basis bildet ein Kristallinkomplex, plutonitischem, vulkanitischem und sedimentärem Ursprungs. Alle Ablagerungen zeigen Affinitäten einer kontinentalen Kruste. Sie werden dem Zeitraum vom Proterozoikum bis Paläozoikum zugeordnet.
Das Villa de Cura-Terran setzt sich zusammen aus vulkanischen Sedimenten, Tuffe, Laven, in denen pyroxenhaltige Basalte eingelagert sind, sowie örtlich vorkommende kristallinen Schiefer und Ultramafite. Sie lagerten sich in Backarcbecken, die später in einer Subduktionszone mit einem Inselbogen einbezogen wurden. Das Alter datiert von der mitleren bis in die späte Kreidezeit.
Erdbeben
mini|Karte des Boconó-Verwerfungssystems mit der San-Sebastián-Verwerfung und der La Victoria-Verwerfung
Die geologischen und tektonischen Prozesse des Venezolanischen Küstengebirges, wie auch der benachbarten Gebiete, erzeugen seit eher oft sehr starke Erdbeben mit katastrophalen Auswirkungen. Ursachen ist die breite, transpressive (eine kombinierte Kompression mit einer seitlichen Scherung) Grenzzone zwischen dem nördlichen Kontinentalrand der Südamerikanischen Platte und dem südöstlichen Rand der Karibischen Platte entlang eines Verwerfungssystems. Dessen wichtigste aktive Struktur ist das Boconó-, San-Sebastián-, El-Pilar-Verwerfungssystem, dessen Verschiebung sich weiter östlich über die Los-Bajos-Verwerfung und auf die Warm-Springs-Verwerfung nahe Trinidad ausbreitet. Es handelt sich um ein kompressives, rechtslaterales Blattverschiebungssystem, das sich über mehr als 1300 km von den Venezolanischen Anden bis nach Trinidad erstreckt und einen Großteil der dextralen (rechtsverlaufende) Bewegung zwischen der Südamerikanischen Platte und der Karibischen Platte mit etwa 20 mm pro Jahr aufnimmt.
Die San-Sebastián-Verwerfung verläuft größtenteils vor der Küste im nördlichen Zentralvenezuela, nördlich der Venezolanischen Küstenkordillere. Ein kurzes, landseitiges Segment in der Nähe des internationalen Flughafens Simón Bolívar ist auch als Bruscas-Verwerfung bekannt. Weiter östlich werden die San-Sebastián- und die El-Pilar-Verwerfung durch das Cariaco-Pull-Apart-Becken getrennt. Die vor der Küste verlaufenden San-Sebastián- und El-Pilar-Verwerfungen erstrecken sich über 400 km der Gesamtlänge der Plattengrenze zwischen den Längengraden −68° und −64°.