Tasuja (zu Deutsch Der Rächer) ist eine historische Erzählung des estnischen Schriftstellers Eduard Bornhöhe (1862–1923). Sie trägt den Untertitel Jutustus Eesti vanast ajast („Eine Erzählung aus Estlands alter Zeit“).

Zusammenfassung Tasuja erschien im Jahr 1880 in Tallinn und gilt als die erste eigenständige historische Erzählung der estnischen Literatur. Mit ihr begründete Bornhöhe im Alter von erst achtzehn Jahren die Gattung des estnischen historischen Romans, die die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts prägen sollte.

Die Handlung spielt während des Aufstands in der Georgsnacht (estnisch Jüriöö ülestõus) von 1343. Sie schildert den Freiheitskampf estnischer Bauern gegen die deutschbaltische Gutsherrschaft anhand des Schicksals des Bauern Jaanus, der als Anführer der Aufständischen unter dem Beinamen „Tasuja“ – der Rächer – bekannt wird.

Das Werk verband estnisch-patriotischen Kampfgeist, das Motiv einer unmöglichen Liebe über Standesgrenzen hinweg und den persönlichen Racheimpuls des Helden miteinander. Durch die Kernbotschaft „Ende der Knechtschaft oder Tod“ wurde „Tasuja“ zu einem der wirkungsmächtigsten Prosatexte der estnischen nationalen Erweckungsbewegung Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.

Das Buch traf den Nerv der Zeit. Es wurde zu einem Massenerfolg in einer Periode, in der sich die Esten immer selbstbewusster gegenüber der kulturellen und gesellschaftlichen Dominanz der Deutschbalten und der russischen Obrigkeit in Estland und Livland behaupteten. Viele Esten waren in der Zeit ihres nationalen Erwachens auf der Suche nach einer nationalen Identifikationsfigur. Sie fanden sie im fiktiven Jaanus, dem Rächer, aus dem 14. Jahrhundert.

Inhaltsangabe Die Erzählung spannt einen Bogen über drei Generationen einer freien estnischen Bauernfamilie in der nordestnischen Landschaft Harjumaa (deutsch Harrien).

Stammvater ist Vahur, der sich der Überlieferung nach durch seine außergewöhnliche Körperkraft – bei einer gefährlichen Begegnung mit einem Bären im Wald – vom Tallinner Bischof die Rechte eines freien Mannes erwirkt, zu einer Zeit, in der die estnische Landbevölkerung überwiegend leibeigen ist.

Sein Sohn Tambet, ein kluger und besonnener Mann, bewirtschaftet den freien Hof weiter und pflegt eine von gegenseitigem Respekt getragene Freundschaft mit Konrad von Raupen, dem deutschbaltischen Lehnsherrn der benachbarten Burg Lodijärve (deutsch Lodi) bei Klooga (deutsch Lodensee).

Im Mittelpunkt der erzählerischen Handlung steht aber Tambets Sohn Jaanus, der die Körperkraft des Großvaters mit dem Verstand des Vaters vereint. Er wächst teils bei Mönchen auf, die ihm Lateinkenntnisse und Kriegskunst vermitteln, teils im Elternhaus – eine Erziehung „zwischen den Welten“, die ihm, ähnlich wie seinem Schöpfer Bornhöhe selbst, den Wert der eigenen Freiheit als freier estnischer Mann bewusst macht.

Von Kindheit an ist Jaanus mit den Kindern des deutschbaltischen Lehnsherrn befreundet, dem hochmütigen, aber nicht unmutigen Oodo von Raupen und dessen Schwester Emiilia. Mit zunehmendem Alter zerbricht diese Freundschaft: Oodo verträgt Jaanus’ Stolz und Unabhängigkeit als freier Bauer immer schlechter, während sich zwischen Jaanus und Emiilia eine Zuneigung entwickelt, die angesichts des Standesunterschieds zwischen einem freiem estnischem Bauern und einer baltischdeutschen Adligen keine Zukunft haben kann – ein Motiv der „unmöglichen Liebe“ zwischen Standesgrenzen, das in der estnischen Literatur von Carl Robert Jakobson bis Jaan Kross wiederkehrt.

Parallel dazu nimmt sich Jaanus des leibeigenen Jungen Maanus an, den er nach einer brutalen Auspeitschung durch den Gutsverwalter (kubjas) pflegt und bei sich aufnimmt. Als das Gut die Rückgabe des Jungen fordert, weist Jaanus die Abgesandten ab. Eine Kette weiterer Kränkungen und Gewalttaten, darunter ein Überfall auf Jaanus’ eigenen Hof, entfremdet die einstigen Gefährten endgültig und lässt in Jaanus den unbeugsamen Entschluss zur Vergeltung reifen.

Als im Frühjahr 1343 der estnische Aufstand in der Georgsnacht ausbricht, tritt Jaanus fortan unter dem Beinamen Tasuja als einer der Anführer der Erhebung in seiner Heimatregion auf. Unter seiner Führung greifen die Aufständischen deutschbaltische Gutshöfe und das Kloster Padise (deutsch Padis) an und ziehen schließlich gegen die Burg Lodijärve, den Sitz seiner einstigen Jugendfreunde.

Bei der Erstürmung der Burg durch die Esten fällt Oodo. Emiilia bittet Jaanus um Gnade und wird verschont. Sie erkennt dabei jedoch in seinem Blick, dass auch für ihn selbst kein Entkommen mehr möglich ist. Jaanus zieht mit den Aufständischen weiter gegen Tallinn und fällt dort in der entscheidenden Schlacht vor den Stadtmauern. Wie der historische Aufstand selbst endet auch sein persönlicher Rachefeldzug mit einer Niederlage.

Entstehung Bornhöhe verfasste Tasuja im Alter von nur 17 Jahren. Bei der Veröffentlichung 1880 war er 18. Nach eigener, später überlieferter Aussage wollte der jugendliche Autor den populären europäischen Räuber- und Abenteuerromanen der Zeit – etwa Erzählungen um Figuren wie Rinaldo Rinaldini – einen genuin estnischen Helden entgegensetzen, der ebenso das Schwert wie alte Sprachen zu führen und die Herzen der Damen zu gewinnen verstand. Da die Gegenwart kein glaubwürdiges Vorbild für eine solche Gestalt bot, wandte er sich der Vergangenheit zu. Damit traf er den Nerv seiner Zeit in Estland und Livland.

Seine Materialgrundlage war schmal: Erst in den 1870er Jahren war die Chronik von Johann Renner aus dem 16. Jahrhundert – bis heute eine der wichtigsten Quellen zum Aufstand in der Georgsnacht von 1343 – wiederentdeckt worden, wodurch erste Nachrichten über die einstige große Erhebung überhaupt erst in größerem Umfang in die estnischsprachige Öffentlichkeit gelangten.

Bornhöhe stützte sich für seine Arbeiten am „Tasuja“ vor allem auf die Chronik Balthasar Russows von 1578 und die Chronik Christian Kelchs von 1695. Mit sicherem erzählerischem Gespür verband er die spärlichen historischen Nachrichten über den Bauernaufstand mit dem jugendlichen Traum von einer estnischen Heldenfigur. Das literarische Ergebnis gilt rückblickend als Beginn der estnischen historischen Prosa.

Die im Werk gezeichnete Gesellschaftsordnung ist dabei historisch nicht unproblematisch: Literaturwissenschaftliche Analysen weisen darauf hin, dass Bornhöhe hier deutlich anachronistisch verfährt und Sozialstrukturen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts – etwa die Ständehierarchie aus Gutsherr, Verwalter, Amtmann und Leibeigenen – in das 14. Jahrhundert zurückprojiziert. Jaanus’ Status als freier Bauer ist in dieser Konstruktion die programmatische Ausnahme, die es dem Protagonisten erst ermöglicht, den adligen Gutsbewohnern fast auf Augenhöhe zu begegnen.

Rezeption Die Rezeption verlief zunächst schleppend, bis „Tasuja“ zu einem durchschlagenden Erfolg der estnischen Literatur wurde. Laut Cornelius Hasselblatt liegt dies vor allem „daran, dass die literarische Infrastruktur 1880 noch in den Anfängen steckte. Des weiteren spielte eine Rolle, dass der - unbekannte - Autor seine Erzählung in einem Tallinner Verlag veröffentlicht hatte, während zum damaligen Zeitpunkt alles Wichtige eigentlich bei zwei maßgeblichen Verlegern in Tartu erschien. So geschah es, dass keine einzige Rezention erschien und das Buch erst ganz allmählich in das Bewusstsein der Leserschaft drang. Die erste Auflage von 3000 Exemplare reichte acht Jahre, dann erst war die zweite Auflage notwendig, der allerdings schnell eine dritte folgte, und danach war die Kanonisierung erreicht.“Cornelius Hasselblatt: Geschichte der estnischen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2006, S. 295

„Tasuja“ machte dann aber die historische Erzählung für die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts zum populärsten Genre der estnischen Literatur. Nach Einschätzung des Literaturwissenschaftlers Marek Tamm lag ein wesentlicher Grund für die enorme gesellschaftliche und politische Wirkung des Textes in seiner erzählerischen Innenperspektive, die Figur und Erzähler eng aneinanderrückt. Das Werk weckte bei vielen estnischen Lesern ein neues Nationalgefühl und schärfte das estnische Selbstbewusstsein – ein Effekt, den Bornhöhe später selbst als sein eigentliches Ziel bezeichnet haben soll.

In einem 1935 veröffentlichten Beitrag berichtete der estnische Literaturwissenschaftler August Palm (1902–1972) von der Erinnerung Jaan Roos’ an einen in der Schlacht von Wenden während des Estnischen Freiheitskriegs 1919 gegen die Baltische Landeswehr gefallenen Mann, in dessen Tasche ein Exemplar von „Tasuja“ gefunden worden sei – ein Beleg dafür, wie tief das Buch im nationalen Bewusstsein Estlands verankert war.

Die Erzählung eröffnete zugleich einen regelrechten Boom historischer Erzählungen: In gut einem Jahrzehnt erschienen über dreißig vergleichbare Werke, bis die zaristische Zensur 1894 diesem Genre wegen seiner nationalpolitischen Brisanz weitgehend ein Ende setzte.

Die Figur des Tasuja entwickelte über Bornhöhes eigenes Werk hinaus ein literarisches Eigenleben: In seiner nächsten historischen Erzählung „Villu võitlused“ (1890) lässt Bornhöhe eine – nun mit geradezu übernatürlichen Zügen ausgestattete – Tasuja-Gestalt auftreten, die im Kampf gegen die Truppen des Deutschen Ordens vor Tallinn fällt.

1915 entstand mit Aleksander-Harald Trilljärvs (1861–1944) Schauspiel „Tasuja“ eine vergleichsweise freie Bühnenbearbeitung des Stoffs. Seither wurde „Tasuja“ wiederholt dramatisiert und auf die Bühne gebracht.

Der deutsche Historiker und Kulturforscher Martin Pabst weist darauf hin, dass das von Bornhöhe geprägte patriotische Deutungsmuster des Aufstands – ebenso wie später die sowjetestnische Lesart vom Klassenkampf gegen den Feudalismus – dem historischen Befund nur bedingt standhält: Die Aufständischen von 1343 handelten den überlieferten Quellen zufolge eher aus wirtschaftlicher Not angesichts drückender Abgaben als aus einem ausgeprägten Nationalbewusstsein.

Estnischsprachige Ausgaben und Übersetzungen Die Erzählung erschien erstmals 1880 in Tallinn im Verlag A. E. Brandt und wurde seither wiederholt neu aufgelegt, unter anderem 1905 in der Werkausgabe „Kirjatööde kogu“ (Verlag Keyler, Tallinn) und 1921 im Verlag Kool (Tallinn). Auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und bis in die Gegenwart erschienen weitere estnische Ausgaben. Das Werk gehört bis heute zur estnischen Schullektüre.

Von den fremdsprachigen Übersetzungen sind bislang vor allem dokumentiert:

Finnisch: Kostaja. Kertomus Viron kansan entisiltä ajoilta, übersetzt von Lilli Lilius, Helsinki: Suomalaisen Kirjallisuuden Seura / Porvoo: Söderström, 1888.

Litauisch: Keršytojas, übersetzt von Regina Mikalauskaitė, Vilnius: Alstybinė grožinės literatūros leidykla, 1955

Russisch: mehrfach übersetzt, erstmals 1952 als eigenständige Ausgabe Мститель: повесть из далекого прошлого эстонского народа (übersetzt von R. Trass, Tallinn: Estnischer Staatsverlag), danach in zahlreichen weiteren Auflagen bis in die 1990er Jahre sowie als Teil von Sammelbänden mit Bornhöhes historischen Erzählungen.

Ungarisch: ein Auszug unter dem Titel A bosszúálló in der von Jaan Kross zusammengestellten Anthologie Az észt irodalom kistükre, Budapest: Európa, 1969.

Esperanto: Venganto; Rakanto pri malnova tempo de Estonia, übersetzt von V. Kruusalu, Hyvinkää: OY Mendoservo AK, 1990.

Englisch: Auszüge (Kapitel XIII, XIV, XVI) unter dem Titel The Avenger in der von Hilary Bird herausgegebenen Anthologie An Introduction to Estonian Literature, Bloomington: Slavica, 2018.

Eine Übersetzung ins Deutsche liegt bislang nicht vor.

Literatur Cornelius Hasselblatt: Geschichte der estnischen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2006, S. 294f. Jaan Undusk: Eesti lugu: Eduard Bornhöhe „Tasuja“. In: Eesti Päevaleht, 31. Oktober 2008