mini|Pūtōrino aus dunkelbraunem poliertem Hartholz. Anblasöffnung oben, in der Mitte eine ovales Schallloch. Länge 40 Zentimeter, um 1825 Pūtōrino (maorisch), seltener pūhoho, früher englisch bugle-flute, ist ein mit seiner dreifachen Spieltechnik einzigartiges Blasinstrument der Maori in Neuseeland in der Form eines sich zur Mitte konisch verbreiternden hölzernen Rohrs von etwa 30 bis 60 Zentimetern Länge, das in der Mitte ein Schallloch, am oberen „weiblichen“ Ende ein größeres Einblasloch und am unteren „männlichen“ Ende ein kleineres Loch besitzt. Über das größere Loch kann die pūtōrino wie eine Längsflöte für einen weichen klagenden Ton oder wie eine Trompete für einen lauten Signalton angeblasen werden, weshalb der Klangerzeuger im 19. Jahrhundert als bugle-flute („Signaltrompeten-Flöte“) in die englischsprachige Musikliteratur einging. Seltener wurde für den Trompetenton in das kleinere Loch eingeblasen und gelegentlich wurde auch in die pūtōrino eingesungen, um den Klang der Stimme zu verzerren. Die unerwarteten Klangmöglichkeiten trugen zur früheren magischen Bedeutung der pūtōrino bei, deren ältere Exemplare durch ihre aufwendig mit geschnitzten Ornamenten verzierte Oberfläche wertvolle Kultobjekte darstellen. Unter dem Einfluss europäischer Einwanderer verschwand die pūtōrino wie die anderen traditionellen Musikinstrumente im Verlauf des 19. Jahrhunderts weitgehend; eine kulturelle Rückbesinnung Ende des 20. Jahrhunderts sorgt für ihren neuerlichen Einsatz in der Musik der Maori.
Herkunft und Verbreitung Durch die unterschiedlichen Möglichkeiten der Tonproduktion sind Flöten allgemein, Gefäßflöten und Naturtrompeten denkbare Ausgangspunkte für die Herkunft dieses besonderen Instrumententyps.
Als Flöte Neuseeland gehört innerhalb der Inselwelt Ozeaniens zur Kulturregion Polynesien, die auch im Bereich der Musikinstrumente durch einige Gemeinsamkeiten charakterisiert ist. Dazu gehören quer geblasene Nasenflöten aus Bambusrohren mit relativ großen Durchmessern. Neuseeland macht hier eine Ausnahme, denn dort fehlen Bambusflöten, da auf den neuseeländischen Inseln kein Bambus wächst. Dies könnte erklären, weshalb sich in Neuseeland eigene Formen von Holzflöten entwickelt haben.
Bei den stets mit der Nase angeblasenen Bambusflöten bestehen Unterschiede zwischen denen in Ost- und Westpolynesien, zwei sich vielfach kulturell unterscheidene Regionen.Richard M. Moyle: Ozeanien. D. Polynesien. (1997) In: MGG Online, November 2017 Auf den östlichen Inseln, wie Hawaii, Tahiti, den Cookinseln und den Marquesas, besitzen die Flöten ein Blasloch am durch einen Wachstumsknoten geschlossenen oberen Ende und ein offenes unteres Ende. Die Bambusflöten Westpolynesiens, etwa von Tonga, Uvea, Fidschi und Rotuma, haben eine an beiden Enden geschlossene Spielröhre und eine symmetrische Anordnung der Grifflöcher gemeinsam. Über das beidseitige Anblasloch lassen sich westpolynesische Bambusflöten generell von beiden Seiten spielen. Die Anzahl der Grifflöcher variiert zwischen fünf Löchern und drei Löchern in gleichen Abständen in einer Reihe. Beide Typen besitzen jeweils ein weiteres Griffloch in der Mitte gegenüber.Hans Fischer, 1958, S. 53f
Eine klare Symmetrie um ein mittiges Loch und kleinere Enddurchmesser kennzeichnen auch die hölzerne pūtōrino. Die anderen neuseeländischen Flöten, die alle überwiegend mit dem Mund geblasen werden, haben keine Gemeinsamkeiten mit denen im übrigen Polynesien. Als Material wurde früher außer Holz auch Knochen (von einem Menschen oder einem Albatros) verwendet.
Die kōauau der Maori ist eine an beiden Ende offene Längsflöte aus Holz von durchschnittlich 15 Zentimetern Länge mit drei Grifflöchern an der Oberseiten, von denen sich zwei enger nebeneinander auf einer Seite befinden. Auch eine dünne Vogelknochenflöte mit drei Grifflöchern wurde früher als kōauau bezeichnet. Die pōrutu ist eine weitere Längsflöte von größerer Länge, deren Grifflöcher nahe am unteren Ende angebracht sind. Die rehu entspricht einer pōrutu, deren oberes Ende verschlossen ist und die durch ein seitliches Loch am oberen Ende quer geblasen wird. Die Querflöte rehu hat gewissen Ähnlichkeiten mit Flöten in Ostpolynesien, die neuseeländischen Längsflöten sind am ehesten denen der in der Musik Neuguineas im Süden der zu Melanesien gehörenden Insel vergleichbar.
Die nguruNguru. Museum of New Zealand (Suchergebnisse, Abbildungen) ist eine sehr kurze Längsflöte aus Holz, Ton, Stein oder Walfischzahn, deren unteres Ende mit einer kleinen Öffnung nach oben gebogen ist. Einige Exemplare dieser schrille Töne produzierenden Signalpfeife könnten früher auch mit der Nase geblasen worden sein. Der Forschungsreisende und Ethnologe Thor Heyerdahl verglich in seiner Theorie, mit der er eine von Südamerika ausgehende Besiedelung Polynesiens behauptete, die nguru mit einem besonderen Typ einer historischen Tonflöte aus Peru (allgemein quena),Thor Heyerdahl: American Indians in the Pacific. The Theory behind the Kon-Tiki Expedition. George Allen & Unwin Ltd, London 1952, S. 675f die am unteren Ende hochgebogen ist, sodass der Schall rechtwinklig zur Röhre austritt.Vgl. Karl Gustav Izikowitz: Musical and other sound instruments of the South American Indians, a comparative ethnographical study. Elanders Boktryckeri Aktiebolag, Göteborg 1935, S. 321 Ohne Berücksichtigung der jeweiligen Spielweisen sind solche Vergleiche jedoch nicht aussagekräftig, um damit eine mögliche Herkunft zu belegen. Eine Abstammung der nguru aus Südamerika erscheint unwahrscheinlich, weil sonst wohl zuerst die spieltechnischen Höherentwicklungen (Kerbe am Anblasende, fünf Grifflöcher) von dieser quena übernommen worden wären. Da die nguru eher den Gefäßflöten zuzuordnen ist, verweist Hans Fischer (1961) stattdessen auf eine javanische Gefäßflöte aus Ton mit drei Grifflöchern, die aus dem Ende des Majapahit-Reichs (bis Anfang 16. Jahrhundert) stammen könnte.Jaap Kunst: Music in Java. Its History, its Theory and its Technique. (1949) 3. Auflage herausgegeben von Ernst L. Heins. Zwei Bände. Martinus Nijhoff, Den Haag 1973, Band 1, S. 110; Band 2, Abb. III, 58 Ebenso abwegig wie die Herkunft der nguru von einer Flöte in Peru erscheint Heyerdahls Vergleich einer „flageolet“ der Maori (gemeint pūtōrino) mit ähnlich kunstvoll geschnitzten Blasinstrumenten der Kwakiutl im Royal British Columbia Museum in Kanada.Hans Fischer: Polynesische Musikinstrumente: Innerpolynesische Gliederung – außerpolynesische Parallelen. In: Zeitschrift für Ethnologie, Band 86, Heft 2, 1961, S. 282–302, hier S. 294f
Flöten wurden früher in Polynesien bevorzugt zum musikalischen Austausch unter Liebenden von Männern und Frauen gleichermaßen gespielt, mit Ausnahme von Neuseeland, wo Flöten Männerinstrumente waren. Der Flötenton der pūtōrino entsteht wie bei praktisch allen polynesischen Flöten durch schräges Anblasen der oberen Kante. Kernspaltflöten aus Bambus sind nur von den Marquesas in Ostpolynesien bekannt und wahrscheinlich europäischen Ursprungs.Hans Fischer, 1958, S. 55f
Als Trompete oder Stimmenverzerrer mini|hochkant|Obere Anblasöffnung Die pūtōrino wurde bereits im 18. Jahrhundert als Trompete bezeichnet. Der britische Forschungsreisende und Zeichner Sydney Parkinson hielt sich als Teilnehmer der ersten Reise von James Cook im März 1770 in Neuseeland auf und fertigte dort auch Zeichnungen von Alltagsgegenständen mit erklärenden Texten. Er hörte offenbar, wie die von ihm beschriebenen pūtōrino als Trompete geblasen wurden, denn sie „produzierten einen harten schrillen Ton“.Stanfield Parkinson (Hrsg.): A Journal of a Voyage to the South Seas, in His Majesty's Ship, the Endeavour. Faithfully transcribed from the Papers of the late Sydney Parkinson, Draughtsman to Joseph Banks, Esq. on his late expedition, … round the world. Embellished with views and designs. Stanfield Parkinson, London 1773, S. 131, Abbildung nach S. 128
Eine „Trompete“ hat keine eindeutig bestimmte Form, sondern ist als ein Blasinstrument definiert, dessen Töne mit den vibrierenden Lippen nach dem Prinzip einer Polsterpfeife erzeugt werden. So ist bei einer pūtōrino die geeignete Anblastechnik nicht erkennbar und auch bei den anderen polynesischen Naturtrompeten (die alle keine Ventile oder andere Vorrichtungen zur Verkürzung der Rohrlänge haben) ist die Unterscheidung zwischen Flöte und Trompete anhand der Bauform manchmal schwierig. Außerdem ist es möglich, viele Trompeten lediglich als Verstärker (Megafon) für die eingesungene Stimme zu verwenden.
Wie eine Trompete werden in Polynesien hauptsächlich Schneckenhörner angeblasen. Die einzigen Trompeteninstrumente in Polynesien waren ansonsten ein Bambusrohr mit einem langen konischen Schalltrichter, das auf den Marquesas als Signalinstrument diente, sowie in Neuseeland die bis zu 2,5 Meter lange Holztrompete pūkāea der Maori, die im Krieg eingesetzt wurde, und die pūtōrino.
Auf der Insel Simbo (damals Eddystone) der zu Melanesien gehörenden Salomonen fand der britische Ethnologe Arthur Maurice Hocart um 1910 ein Doppelblasinstrument bestehend aus zwei verbundenen Bambusrohren, das zur Begleitung von Kriegstänzen verwendet wurde. Bei einem Exemplar hatte das größere Rohr eine Länge von 116 Zentimetern und einen Innendurchmesser von 5 Zentimetern, das kleinere Rohr maß 101 Zentimeter in der Länge und am oberen Ende 0,8 Zentimeter im Durchmesser. Das Blasinstrument konnte ungefähr senkrecht nach unten gehalten und schräg über die oberen offenen Enden hinweg als Längsflöte geblasen werden, was einen geräuschhaften tiefen Ton ergab. Hielt der Spieler das Instrument waagrecht und blies es als Trompete an, so entstand ein höherer und klarerer Ton.Arthur Maurice Hocart: Warfare in Eddystone of the Solomon Islands. In: The Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland, Band 61, Juli–Dezember 1931, S. 301–324, hier S. 318, 320
Vereinzelt wurden auch in der Musik Neuguineas zylindrische Bambustrompeten und längs oder quer geblasene konische Holztrompeten verwendet. Der englische Anthropologe Gregory Bateson berichtet 1932 von einem maskierten Tänzer der Baining auf Neubritannien, der bei einem Schlangentanz in ein etwa 120 Zentimeter langes Bambusrohr mit einem Durchmesser von 10 Zentimetern blies, das an der Mundöffnung seiner Maske befestigt war. Damit produzierte er, während er sich tanzend bewegte, entweder einen brummenden Trompetenton oder einen verstärkten Ton seiner Stimme.Gregory Bateson: Further Notes on a Snake Dance of the Baining. In: Oceania, Band 2, Nr. 3, März 1932, S. 334–341, hier S. 335 Wenn Männer bei Ritualen auf Neuguinea mit einer Röhre oder einer Kalebasse ihre Stimme (beim Heulen oder Rufen) verzerrten, so diente dies allgemein dazu, den abseits stehenden Frauen eine Geisterstimme vorzutäuschen.Hans Fischer, 1958, S. 65f
Der Naturforscher Georg Forster, der 1777 den Bericht Reise um die Welt üner die zweite Südseereise (1772–1775) von James Cook veröffentlichte, und andere Teilnehmer dieser Expedition zeigten ein besonderes Interesse an Musikinstrumenten, darunter waren tahitianische Nasenflöten und „Trompeten“ der Maori, die sie sammelten und als Exotika nach Großbritannien zurückbrachten. Einer der ersten Artikel über die gesammelten Instrumente aus dem Jahr 1775 behandelte zwei Panflöten aus Tonga und eine Nasenflöte aus Tahiti aus einem europäischen Blickwinkel, denn niemand hatte die polynesischen Musikinstrumente spielen gehört. Ohne genaues Verständnis derselben wurde dennoch die Andersartigkeit der polynesischen Musik akzeptiert und diese trug zum romantischen Idealbild von der Südseemusik bei; zu einer Zeit, als europäische Volksmusikinstrumente in die romantische Musikliteratur aufgenommen wurden.Adrienne L. Kaeppler: Polynesian music, Captain Cook, and the Romantic movement in Europe. In: Music Educators Journal, Band 65, Nr. 3, 1978, S. 54–60, hier S. 57, 59
Bezeichnungen