Die Aktiengesellschaft für Steinkohleverflüssigung und Steinkohleveredelung war eine 1927 gegründete deutsche Versuchs- und Forschungsgesellschaft der Ruhrindustrie. Sie erprobte auf Grundlage des von Friedrich Bergius entwickelten Verfahrens zur Hochdruckhydrierung die großtechnische Umwandlung heimischer Steinkohle in flüssige Kraftstoffe wie Benzin, um die Abhängigkeit Deutschlands von ausländischem Erdöl zu verringern.
1929 nahm die Gesellschaft in Duisburg-Meiderich eine Großversuchsanlage zur Kohleverflüssigung in Betrieb. Aufgrund der Weltwirtschaftskrise, der Konkurrenz zum Leuna-Benzin der I.G. Farben und insbesondere der für den rheinisch-westfälischen Steinkohlebergbau zunehmenden Bedeutung des Fischer-Tropsch-Verfahrens wurden die Versuche 1931 eingestellt. Auf technisch-wissenschaftlichem Gebiet leistete das Unternehmen Pionierarbeit und meldete zahlreiche Patente zur Tieftemperaturverkokung, Hydrierung und Spaltung von Urteer und Phenolen an. Die Gesellschaft wurde 1940 abgewickelt.
Entstehung Die Entstehung des Unternehmens steht im Zusammenhang mit der zunehmenden industriellen Nutzung des Steinkohlenteers. 1905 gründeten Zechenbetreiber des Ruhrgebiets die Gesellschaft für Teerverwertung (GfT), die sich auf die Verarbeitung des bei der Verkokung von Steinkohle anfallenden Teers spezialisierte. In ihren Anlagen wurden unter anderem Pech, Leicht-, Mittel- und Schweröle sowie aromatische Verbindungen gewonnen.Gesellschaft für Teerverwertung (Hrsg.): Gesellschaft für Teerverwertung m. b. H. Duisburg-Meiderich 1905–1930. Festschrift. Verlag Wilhelm Girardet, Essen 1930.
Nach dem Ersten Weltkrieg erlangte der Rohstoff Kohle für die Herstellung von Treibstoffen und chemischen Grundstoffen infolge der Autarkiebestrebungen in der Weimarer Republik eine tiefgreifende Bedeutung. Einen möglichen Weg zur Herstellung flüssiger Kohlenwasserstoffe bot das von Friedrich Bergius entwickelte Verfahren der direkten Hydrierung von Kohle. 1922 erwarb die Steinkohlen Bergin AG (Kobergin), als Tochterunternehmen der Gesellschaft für Teerverwertung, die deutschen Schutzrechte des Bergius-Verfahrens für die Hydrierung von Steinkohle, Steinkohlenteeren und deren Derivaten. Damit ging die Verpflichtung einher, innerhalb einer bestimmten Frist eine großtechnische Versuchsanlage zu errichten.Titus Kockel: Deutsche Ölpolitik 1928–1938. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2019, S. 19 ff., S. 34–35, S. 209.Manfred Rasch: Möhrle, Eduard. In: Neue Deutsche Biographie, Band 17, Duncker & Humblot, Berlin 1994, S. 623.
Das Bergius-Verfahren war 1922 für den industriellen Einsatz jedoch noch nicht ausgereift. Die Hyperinflation (1923) und Ruhrbesetzung (1923–1925) erschwerten zudem die Finanzierung des Projekts. Obwohl sich vor diesem Hintergrund die rheinisch-westfälischen Bergbauunternehmen zunächst auf die Sicherung ihrer laufenden Betriebe konzentrierten, wurden zwischen 1922 und dem Baubeginn der ersten Großversuchsanlage im Ruhrgebiet bereits zahlreiche Verbesserungen an dem Hydrierverfahren, insbesondere hinsichtlich Reaktionsführung, Katalysatoren, Suspension (Slurry) der Aktivkohle und der Aufarbeitung der Produkte entwickelt.Peter Hayes: Industry and Ideology. IG Farben in the Nazi Era. Cambridge University Press, 1987, S. 183, 188.
Im Juli 1925 schloss Friedrich Bergius eine bilaterale Vereinbarung mit dem Industriellen Hermann Schmitz und verkaufte seine Patentrechte zur Hydrierung von Braunkohle für eine Million Reichsmark (RM) an die BASF.Danziger Volksstimme vom 18. Dezember 1926, S. 26: Der Stand der Kohleverflüssigungsversuche Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, abgerufen am 12. August 2026.Anand Toprani: Oil and the Great Powers. Britain and Germany, 1914–1945. Oxford University Press, 2019, S. 149. Diese Summe entspricht heute Euro. Bergius besaß die Patente jedoch nicht als Privatperson, sondern hielt sie über ein Geflecht aus Holding-Konstrukten und Gesellschaften, von denen die Kobergin die Rechte kontrollierte. Am 15. Oktober 1925 schloss Bergius mit der BASF – die im Dezember desselben Jahres die treibende Kraft bei der Gründung der I.G. Farben wurde – und weiteren Akteuren einen multilateralen Vertrag über exklusive Mitbenutzungsrechte für die Steinkohlehydrierung in Deutschland.Anthony N. Stranges: Petroleum from Coal. A Century of Synthesis. Brill, 2024, S. 52 ff, 147–216.
Die Rechte der BASF gingen am 2. Dezember 1925 auf den neuen Großkonzern über. Um sich das Monopol für die Kohleverflüssigung zu sichern, erwarb die I.G. Farben zeitgleich den Großteil der ausländischen Bergius-Patente. Diese lagen bei der International Bergin Co. in Den Haag, die wiederum ihrerseits einem britischen Konsortium die Rechte zur weiteren Förderung des Verfahrens eingeräumt hatte. Zudem kaufte sich die I.G. Farben massiv in die Steinkohlen Bergin AG ein und übernahm eine Aktienmehrheit von 65 Prozent; die restlichen 35 Prozent verblieben bei der Gesellschaft für Teerverwertung.U.S. Congress, Congressional Record, 70th Cong., 1st sess., vol. 69, pt. 3 (21 February 1928), S. 3357–3358 (hier S. 45–46) US Congress.gov API, abgerufen am 12. August 2026.Doreen Warriner: Combines and Rationalisation in Germany, 1924–1928. P. S. King & Son, London, 1931, S. 180.
Durch die Mehrheitsbeteiligung an der Kobergin AG und die Bündelung weiterer Bergius-Patente baute die I.G. Farben bis Ende 1926 eine beherrschende Stellung in der Kohlehydrierung auf. Damit verfügte sie nicht nur über die ausschließlichen Bergius-Patentrechte für die Braunkohle, sondern hatte sich zugleich über die Kobergin AG die Mitbenutzung des Verfahrens für Steinkohle gesichert.Merseburger Korrespondent vom 8. Januar 1927, S. 12: Interessenausgleich Ruhrkohle–Farbentrust? Open Data Uni-Halle, abgerufen am 12. August 2026. Die Steinkohlen Bergin AG agierte fortan nicht mehr als Konkurrentin, sondern wurde als Instrument in die I.G. Farben eingegliedert.
Die feindliche Übernahme der Steinkohlen-Bergin AG stieß auf massiven Widerstand. In Kreisen des Ruhrbergbaus bestanden „starke Strömungen“ gegen eine weitere Ausweitung des Einflusses der I.G. Farben. Die Gründung der Aktiengesellschaft für Steinkohleverflüssigung und Steinkohleveredelung am 27. April 1927 war Teil des Versuchs der Ruhrindustrie, ihre eigenen Bergius-Rechte für die Hydrierung von Steinkohle und Steinkohlenteer gegenüber der I.G. Farben wirtschaftlich zu nutzen. Die ab dem 1. April 1927 einsetzende Produktion des Leuna-Benzins verschärfte die Konkurrenz zwischen der I.G. Farben und der Ruhrindustrie auf dem Gebiet der Kohleverflüssigung.Dokumente und Presseartikel AG für Steinkohleverflüssigung und Steinkohleveredelung 1927–1940 HWWA, abgerufen am 12. August 2026.
Aktionäre Die Gründung der AG für Steinkohleverflüssigung und Steinkohleveredelung erfolgte unter der Führung der Gesellschaft für Teerverwertung. Zu den Aktionären zählte die Mehrheit der Bergwerksunternehmen des Rheinisch-westfälischen Industriegebiets und des Aachener Steinkohlenreviers, namentlich insbesondere: die
Vereinigte Stahlwerke AG Gelsenkirchener Bergwerks-AG Thyssen AG Fried. Krupp AG Siemens AG Zeche Dahlbusch AG Zeche Friedrich Ernestine Arenberg Bergbau-Gesellschaft mbH Gewerkschaft Victor Gewerkschaft Deutscher Kaiser Zeche Zollverein Zeche Consolidation
Dem Unternehmen traten bei: die
Hibernia AG Harpener Bergbau AG Gewerkschaft König Ludwig Rütgerswerke AG Essener Steinkohlenbergwerke AG Ruhrgas AG
Damit deckten sich die Aktionäre der AG für Steinkohleverflüssigung und Steinkohleveredelung weitgehend mit den Mitgliedern des Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikats.
Dem Aufsichtsrat gehörten unter anderem an: der Bergrat Fritz Winkhaus, der Oberbergrat Otto von Velsen, die Bergassessoren Otto Krawehl und Erich Fickler sowie der Bergwerksdirektor Gustav Knepper. Ferner trat im Mai 1927 Alfred Pott in den Aufsichtsrat ein. Pott war Mitbegründer der Aktiengesellschaft für Kohleverwertung bzw. Ruhrgas AG. Gemeinsam mit Hans Broche meldete er am 13. Juli 1927 das Patent „Verfahren zur Gewinnung von Kohlenwasserstoffölen aus festem, kohlenstoffhaltigem Material“ an.Patentanmeldung DE632631C Google Patents, abgerufen am 13. August 2026. Der darin beschriebene Prozess wurde später als Pott-Broche-Verfahren bekannt und baute konzeptionell auf den Grundlagen der von Friedrich Bergius entwickelten Kohlenhochdruckverflüssigung auf.Southwest Research Institute (Hrsg.): Identifikation of Probable Automotive Fuels Composition, 1985–2000. U.S. Department of Energy, 1978, S. 81.Karl-Heinz Schmidt, Ingo Romey, Fritz Mensch: Kohle, Erdöl, Erdgas: Chemie und Technologie. Vogel-Verlag, Würzburg 1981, S. 45.
Zum Vorstand wurden Adolf Spilker (Vorsitz) und Rudolf Weißgerber (vormals Leiter des wissenschaftlichen Laboratoriums der GfT) berufen. Die technische Leitung des Unternehmens übernahm ab Oktober 1927 der Chemiker Eduard Möhrle. Er war seit 1919 bei der Gesellschaft für Teerverwertung tätig gewesen und hatte sich dort unter anderem mit der Aufarbeitung von Urteer, Phenolen und der Kohlehydrierung beschäftigt.Manfred Rasch: Möhrle, Eduard. in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 623.
Pilotbetrieb Ab 1928 errichtete die Aktiengesellschaft für Steinkohleverflüssigung und Steinkohleveredelung auf dem Gelände der Gesellschaft für Teerverwertung (GfT) in Duisburg-Meiderich eine Großversuchsanlage zur technischen Erprobung des Bergius-Verfahrens. Die Anlage nahm im Oktober 1929 den Betrieb auf und war für eine Jahreskapazität von rund 30.000 Tonnen ausgelegt. Die Baukosten wurden mit rund 7 Millionen RM angegeben, was heute Euro entspricht.
Neben Steinkohle dienten insbesondere Steinkohlenteer, Teeröle und Steinkohlenteerpech als Ausgangsstoffe. Durch die Zugabe von Wasserstoff ließen sich die komplexen organischen Bestandteile in flüssige Kohlenwasserstoffe umwandeln, die anschließend weiter aufbereitet werden konnten. Unter technischer Leitung von Eduard Möhrle erhielt dabei die Hydrierung von Steinkohlenteerpech besondere Bedeutung. Laborversuche hatten gezeigt, dass sich der bei der Teerdestillation anfallende schwere Rückstand in höherwertige flüssige Produkte umwandeln ließ. Im kontinuierlichen Betrieb konnten bis zu 100 Tonnen Pech täglich verarbeitet werden; dabei gingen bis zu etwa 75 Prozent des Einsatzstoffes in leichte und schwere Ölfraktionen über. Möhrle erkannte zudem die Möglichkeit, auf diesem Weg hochklopffeste Treibstoffe zu gewinnen.Glückauf – Berg- und Hüttenmännische Zeitschrift vom 3. August 1940, S. 429 (hier S. 9): Rückblick auf die Tätigkeit der Aktiengesellschaft für Steinkohleverflüssigung und Steinkohleveredlung in Duisburg-Meiderich Digitization Laboratory – Library of the Silesian University of Technology (Gleiwitz), abgerufen am 12. August 2026.
Das angestrebte Produktspektrum umfasste vor allem Benzin, Dieselkraftstoff und Schmieröl. Als Zielgröße galten aus einer Tonne Steinkohle etwa 150 Kilogramm Benzin, 200 Kilogramm Dieselkraftstoff und 80 Kilogramm Schmieröl zu gewinnen. Daneben entstanden weitere Öl- und Gasfraktionen, die sich durch Destillation und nachfolgende chemische Verfahren weiterverarbeiten ließen. Die Versuche erstreckten sich damit sowohl auf die Herstellung synthetischer Kraftstoffe als auch auf die Gewinnung anderer chemischen Stoffe aus Steinkohle.
Die Arbeiten knüpften unmittelbar an die Tätigkeit der GfT an, die Steinkohlenteer destillierte und daraus unter anderem Benzol, Phenol, Naphthalin, Anthracen, Kresole sowie verschiedene Ölfraktionen und Pech gewann. Die Hydrierung eröffnete die Möglichkeit, auch schwere Rückstände der Teerverarbeitung weiter zu veredeln. Darüber hinaus reichte das Tätigkeitsfeld in die chemische Werkstoffproduktion hinein. Die technische Erprobung lieferte zugleich die Grundlage für künftige Arbeiten zur Hydrierung, Spaltung und Verarbeitung bituminöser Stoffe.