mini|Musée Lapidaire, Avignon Das Musée lapidaire d’Avignon ist eine archäologische Außenstelle des Musée Calvet in Avignon, Frankreich. Es beherbergt die antiken Sammlungsbestände der Stadt und ist in der ehemaligen Kapelle des Jesuitenkollegs in der Rue de la République untergebracht.

Geschichte Das Museum ist in der ehemaligen Kirche des Jesuitenkollegs von Avignon untergebracht, einem Bauwerk der Barockarchitektur. Die ersten Pläne für den Bau wurden 1616 von dem Jesuitenbruder und Architekten Étienne Martellange (1569–1641) entworfen. Ab 1620 übernahm François de Royers de la Valfenière (1575–1667) die Bauleitung und errichtete die Wände bis zur Hauptgesimshöhe des Kirchenschiffs. Die Kirche wurde 1655 geweiht. Seit dem 21. Juni 1928 ist das Gebäude als Monument historique unter der Bezeichnung Chapelle du lycée ou ancienne chapelle des Jésuites klassifiziert (Base Mérimée, Nummer PA00081918).

Durch die Überführung und Aufstellung der Antikensammlungen im Jahr 1933 wurde die Kapelle zum Musée lapidaire, einem Ausstellungsort für die archäologischen Bestände des Musée Calvet. Zuvor waren antike Werke unter anderem im Mittelalterlichen Saal und im Ehrenhof des Museums ausgestellt. Der Ursprung der Sammlung geht auf das Kuriositätenkabinett des Arztes und Sammlers Esprit Calvet (1728–1810) zurück. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Sammlung durch zahlreiche Ankäufe und Schenkungen erweitert, darunter 1841 der Erwerb eines Teils der venezianischen Sammlung Nani di San Trovaso sowie 1986 die Schenkung des Sammlers Marcel Puech. Die Säle im linken Teil des Kirchenschiffs wurden 2014 fertiggestellt.

Architektur Der Grundriss des Gebäudes ist sehr schlicht. Die Anlage besteht aus einem einschiffigen Langhaus mit vorgelagertem Narthex. Es folgt ein kurzes Chorjoch mit fünfeckiger Apsis, die von zwei Sakristeien flankiert wird. Das Kirchenschiff wird beidseitig von fünf Jochen mit Arkaden gegliedert, über denen sich Emporen mit Balustraden erheben. Darüber befinden sich ein Fries mit vegetabilem Dekor, ein Gesims, ein Attikageschoss sowie große Fensteröffnungen, die ursprünglich verglast waren und heute teils vermauert sind. Der reiche plastische Dekor des Frieses oberhalb der Tribünen steht im Kontrast zur allgemeinen Schlichtheit des Baus. Er geht auf eine Überarbeitung des Dekors in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zurück.

Sammlung mini|Tarasque de Noves, Kalksteinskulptur aus der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. Die Sammlung des Musée lapidaire umfasst archäologische Objekte von der Vorgeschichte bis zur frühchristlichen Zeit. Sie ist nach Kulturräumen gegliedert. Griechische, italienische und hellenistische Bestände: Im linken Teil des Kirchenschiffs sind griechische Grabreliefs und Weihreliefs, attische, korinthische und italiotische Vasen, Terrakottas sowie einzelne vollplastische Werke ausgestellt, darunter ein griechisches Original aus hellenistischer Zeit. Römische Bestände: Im rechten Teil des Kirchenschiffs werden Skulpturen aus der Zeit des Römischen Kaiserreichs gezeigt, darunter eine monumentale Statue einer drapierten Frau aus der Sammlung des Kardinals Richelieu. Keltische und gallo-römische Bestände: Die keltische Abteilung umfasst zwei besonders hervorgehobene Stücke: Die Tarasque de Noves ist eine androphage (menschenverschlingende) Mischwesenstatue aus weichem burdigalischem Muschelkalk. Sie wurde 1849 zufällig in der Nähe des heutigen Friedhofs von Noves entdeckt. Die Skulptur wird heute auf die Zeit zwischen 50 v. Chr. und den ersten Jahren des 1. Jahrhunderts n. Chr. datiert. Sie zeigt ein zwischen Wolf und Löwe changierendes, ithyphallisches Mischwesen, das mit seinen Vorderpranken auf zwei bärtigen, maskenartig gestalteten Männerköpfen ruht und einen menschlichen Körper verschlingt, von dem ein aus dem Maul ragender rechter Arm und ein Fuß erhalten sind. Die Statue des Kriegers von Mondragon ist eine Kalksteinfigur, die 1834 in Mondragon (Vaucluse) entdeckt und noch im selben Jahr von der Fondation Calvet erworben wurde. Die Statue wird an das Ende des 2. bzw. den Beginn des 1. Jahrhunderts v. Chr. datiert und ist heute kopflos. Dargestellt ist ein Krieger mit einem an der rechten Schulter mit einer Fibel gehaltenen Wollmantel (Sagum), einem ovalen Schild mit metallenen Schildbuckeln, einem kurzen Schwert am Gürtel und einem Halsring (Torques) in der rechten Hand. Der Bestand wird durch umfangreiche Reihen von Inschriften, Statuen und architektonischen Dekorelementen der römischen Gallia ergänzt. Diese stammen aus Grabungen im Vaucluse seit dem 19. Jahrhundert. Dazu zählt auch der Krieger von Vachères, eine Kalksteinstatue aus der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr., die um 1865 im Gemeindegebiet von Vachères (Alpes-de-Haute-Provence) entdeckt wurde. Es handelt sich um ein Grabmal zu Ehren eines einheimischen Honoratioren, der als Angehöriger der Hilfstruppen in der römischen Armee Karriere machte.

Weitere Bestände Im Jahr 2018 wurde der Bestand des Musée lapidaire um eine Auswahl ägyptischer Antiquitäten aus dem Musée Calvet erweitert. Seit dem 15. September 2018 werden im Rahmen der neu gestalteten Dauerausstellung Des rives du Nil à la Gaule romaine neben keltischen und gallo-römischen Werken auch ausgewählte ägyptische Werke gezeigt.

Werke (Auswahl)

Literatur Joseph Girard: L’ancienne église du collège des jésuites et le musée lapidaire d’Avignon. Mémoire de l’Académie de Vaucluse, 1933. Joseph Girard: Histoire du Musée Calvet. 1955. Joseph Girard: Évocation du vieil Avignon. Les Éditions de Minuit, Paris 1958. Sylvain Gagnière, Pierre de Brun: Les Lampes antiques du musée Calvet d’Avignon. 1937. Odile Cavalier (Hrsg.): La Tarasque de Noves: réflexions sur un motif iconographique et sa postérité. Musée Calvet, Avignon 2004. Odile Cavalier (Hrsg.): Terres sacrées de Perséphone: collections italiotes du Musée Calvet, Avignon. A. Biro, Paris 2000. Odile Cavalier (Hrsg.): Le guerrier de Mondragon: recherches sur une sculpture celtique de la fin de l’âge du fer. Silvana Editoriale, Milano 2018. Pascale Picard (Hrsg.): Mirabilis: Collections d’Avignon. Silvana Editoriale, Milan 2018.

Weblinks

Website des Museums Un jour au musée Tarasque de Noves L’institut Calvet – les collections

Einzelnachweise

Kategorie:Monument historique in Avignon Kategorie:Erbaut im 17. Jahrhundert Kategorie:Monument historique seit 1928 Kategorie:Museumsgründung 1933 Kategorie:Archäologische Sammlung in Frankreich Kategorie:Museum in Provence-Alpes-Côte d’Azur