San Diego Surf ist ein avantgardistischer Experimentalfilm aus dem Jahr 1968 mit einem Drehbuch von Paul Morrissey. Der Film wurde durch Morrissey ab 1995 fertiggestellt und erst im Jahr 2012 veröffentlicht; er gilt als einer der letzten Filme, an denen Pop-Art-Ikone Andy Warhol direkt als Regisseur, Kameramann und Produzent mitwirkte. Die Hauptrollen spielten Mitglieder von Warhols „Factory“.
Handlung Das unglückliche Ehepaar Mr. und Mrs. Oceanview hat im kalifornischen La Jolla ein Strandhaus gemietet. Um Geld zu sparen – und um sich mit attraktiven Männern zu umgeben –, vermieten sie ein Nebengebäude an eine Gruppe Surfer. Mrs. Oceanview schlägt sich mit Haushalt und Eheproblemen herum und beschwert sich in langen Monologen über ihren Mann. Dieser ist offensichtlich bisexuell, flirtet ungeniert mit den Surfern im Haus und versucht verzweifelt, die Aufmerksamkeit der jungen Männer auf sich zu ziehen.
Die ältere Tochter des Paares stößt dazu. Sie ist ungewollt schwanger und sucht dringend nach einem Ehemann, damit das Kind nicht unehelich zur Welt kommt. Mr. Oceanview versucht eifrig, sie mit einem der Surfer zu verkuppeln, auch um seine eigenen sexuellen Begehrlichkeiten gegenüber den Surfern unter dem Vorwand der Brautschau zu kaschieren; die Surfer sind aber desinteressiert.
Das Geschehen verfällt immer wieder in bizarre Monologe, beiläufige Flirts, Streitereien, alberne Gesangseinlagen und exzentrische Szenen – etwa als die Tochter eine Zyste am Rücken eines Surfers ausdrückt, während Nawana Kinderlieder singt. Die Charaktere verlieren zudem immer wieder die Lust oder Aufmerksamkeit an ihren eigenen Flirts.
Mr. Oceanview beschließt, selbst das Surfen zu lernen, um von den jungen Surfern akzeptiert und begehrt zu werden. Der blonde Surfer Tom erklärt sich bereit, ihm eine „Trockenübung“ zu geben. Ein Surfbrett wird auf einen Tisch gelegt und Tom fordert Mr. Oceanview auf, sich auf das Brett zu legen. Dieser klettert extrem unbeholfen und spreizbeinig – in Slapstick-Manier – auf das Brett. Er fällt schließlich vom Brett auf den Boden, legt sich dem Surfer zu Füßen und beginnt an zu jammern und zu flehen. Er hält ein Plädoyer über die Demütigung der bürgerlichen Mittelschicht gegenüber den perfekten, unerreichbaren Surfer-Körpern: „Wir Menschen aus der Mittelschicht leiden, wenn wir euch beim Surfen zusehen… könnt ihr nicht einfach auf uns pinkeln?“
Tom stellt sich über Mr. Oceanview und uriniert in einer Nahaufnahme auf ihn. Dieser verkündet anschließend triumphierend: „Jetzt bin ich ein echter Surfer!“
Hintergrund San Diego Surf verbindet Surfkultur, Satire und den typischen improvisierten Underground-Stil der „Warhol“-Factory. Wie viele Werke Warhols folgt der Film keiner klassischen, strukturierten Handlung, sondern lebt von Improvisation und skurrilen Dialogen.
Vor der Kamera agierten Warhols „Superstars“, die prägenden Gesichter der New Yorker „Factory“ zu dieser Zeit, deren Rollen teils eng mit ihren eigenen Persönlichkeiten verwoben waren. Die Hauptrollen des zerstrittenen Ehepaars spielten Viva (bürgerlich Susan Hoffman) als die schrille Ehefrau Mrs. Oceanview und Taylor Mead als ihr bisexueller Ehemann Mr. Oceanview. Ihre schwangere Tochter wurde von Ingrid Superstar verkörpert.
In den Rollen der Gruppe von Surfern, die das Strandhaus beziehen, sind Warhols Musen Joe Dallesandro als Joe, Tom Hompertz als Tom sowie Louis Waldon und Eric Emerson zu sehen. Das Ensemble wird komplettiert durch Nawana Davis als Nawana. Hompertz war einer der wenigen innerhalb der Besetzung, die im echten Leben tatsächlich surfen konnten.
Den Höhepunkt und Abschluss des Films bildet eine „Golden-Shower“-Szene, die zu den berüchtigtsten Szenen in Warhols Filmen gehörte, bei der Hompertz auf den vor ihm liegenden Mead uriniert. Sie fungiert als radikale, subversive Parodie auf die kalifornische Surf-Kultur der 1960er-Jahre und deren Körperkult: Indem sie mit der gängigen Hollywood-Romantik bricht und das Bild des makellosen, heterosexuellen Surfers zu einem Akt masochistischer Fetischisierung verzerrt, wird die bürgerliche Utopie von Freiheit und Männlichkeit durch Warhols absurden Fetischhumor komplett untergraben und entlarvt den gesellschaftlichen Neid.
Produktion Zwischen 1967 und Mai 1968 führte Andy Warhol mit seiner festen „Factory“-Besetzung um Viva, Taylor Mead, Joe Dallesandro und Louis Waldon Regie bei den oft sexualisierten und homoerotischen Satiren I, a Man, The Nude Restaurant, Lonesome Cowboys und schließlich San Diego Surf Regie. Er produzierte die Filme mit seiner eigenen Produktionsfirma Andy Warhol Films.
Die geplanten Dreharbeiten von San Diego Surf wurde laut des Daily Emerald von der Darstellerin Viva am 21. Februar 1968 bei einem gemeinsamen Auftritt mit Warhol und Morrissey an der Universität von Ohio erwähnt. Der Termin war nötig geworden, da Warhol im Oktober 1967 für mehrere College-Auftritte gebucht war, sich aber von Allen Midgette verkörpern ließ.
San Diego Surf wurde laut Popism im Mai 1968 am Strand von La Jolla, nahe San Diego, gedreht und folgte Warhols ebenso umstrittener Western-Persiflage Lonesome Cowboys, der Ende 1967 und Anfang 1968 in Arizona entstand. Während in Lonesome Cowboys eine satirische Dekonstruktion des klassischen Western-Genres erfolgte, parodierte San Diego Surf die Surfkultur. Die Dreharbeiten erstreckten sich laut Joe Dallesandro über nahezu drei Wochen; dieser erinnerte sich, dass die Darsteller bei ihrer Ankunft in Kalifornien kaum wussten, was gedreht werden sollte. Eine frühe Idee bestand darin, das ursprünglich für Lonesome Cowboys angedachte Romeo-und-Julia-Motiv fortzuführen, zumal ein Großteil des Ensembles identisch war: Eine geplante Eröffnungsszene sollte ursprünglich Louis Waldon zeigen, wie er Michael Boosins „sehr, sehr psychedelische Corvette“ fährt. In frühem Rohmaterial, das Boosin zu sehen bekam, saß Ingrid Superstar auf seinem Schoß und stellte ihm improvisierte Fragen, beispielsweise, was er wohl „für ein Ehemann“ wäre.
Regie und Kamera teilten sich Andy Warhol und Paul Morrissey, die das Geschehen laut J. Hoberman von der New York Times mit zwei Kameras auf 16-mm-Farbfilm erfassten. Morrissey, der bereits bei Lonesome Cowboys Regie geführt hatte, sagte zu Entstehung von San Diego Surf später: „Ich habe ihn besetzt, ich habe ihn geschrieben, ich habe ihn produziert. Ich habe alles gemacht. Warum schreiben sie ihn nicht einfach Lady Gaga zu? Sie ist viel berühmter als Andy.“ (im Original: I cast it, I wrote it, I prodced it. I did everything. Why don’t they attribute it to Lady Gaga? She’s much more famous than Andy.) Für Boosin blieb Warhol zudem eine schwer zugängliche Persönlichkeit: „ruhig, zurückgezogen, mit minimalem, leise gesprochenem Wortanteil. […] Wenn Warhol am Set etwas mitzuteilen hatte, tat er dies ausschließlich über Morrissey, dem er seine Anweisungen diskret zuflüsterte.“
Während der Produktion kam es zu Spannungen, insbesondere zwischen Viva und Morrissey. Victor Bockris berichtete, dass diese zunehmend über Morrisseys Vorgehensweise verärgert war und in einem Moment Louis Waldon zurief, er solle Morrissey „verprügeln und diesen Film vor seinen billigen kommerziellen Tricks retten“. Warhol äußerte sich später dennoch begeistert über die Dreharbeiten in Kalifornien, die Teil der Dokumentation Andy Makes a Movie waren. Die entspannte Strandatmosphäre habe die gewohnte Hektik und Anspannung des New Yorker „Factory“-Lebens fast vollständig verfliegen lassen.
Allerdings wurden die Dreharbeiten laut Popism von einer starken Polizeipräsenz überschattet: Laut Victor Bockris wurden Warhol und seine Gruppe bereits bei ihrer Ankunft massiv kontrolliert, während das FBI wegen Lonesome Cowboys ermittelte. Viva erinnerte sich in einem Interview, von der Polizei angehalten worden zu sein, weil sie ohne Bikinioberteil unterwegs war. Warhols Team wurde bei der Suche nach geeigneten Drehorten mit ihrem Fahrzeug gestoppt: Die Polizei durchsuchte alle Insassen auf Drogen, darunter Warhol, und verhörte sie – sie fand aber nichts. Louis Waldon nannte die Behandlung feindselig und würdelos – obwohl am Set sowohl Barbiturate als auch Mescalin konsumiert wurden.
Nur wenige Wochen nach Abschluss der Dreharbeiten wurde Andy Warhol am 3. Juni 1968 von Valerie Solanas angeschossen. Er überlebte, zog sich aber weitgehend hinter die Kamera zurück. Der Film markierte damit das praktische Ende seiner aktiven Phase als Experimentalfilmer. Aufgrund des Attentats erfolgte 1968 nur ein Rohschnitt des Films und er wanderte mit offenen Produktionsnotizen unfertig ins Filmarchiv. Während Warhol im Krankenhaus lag, führte Paul Morrissey ein weiteres Filmprojekt fort: Flesh (1968). Flesh wurde noch vor Lonesome Cowboys in New York uraufgeführt, obwohl dieser laut der Ausgabe der Village Voice vom 8. April 1968 später entstanden war. Zur angekündigten Aufführung von San Diego Surf kam es aufgrund der Umstände nicht mehr. Morrissey übernahm ab diesem Zeitpunkt weitgehend die Regie der „Factory“-Produktionen, während Warhol nur noch als Namensgeber und Produzent in Erscheinung trat. Morrissey und Warhol beendeten später ihre Zusammenarbeit.
Nach der Vorführung von Lonesome Cowboys beim San Francisco International Film Festival im November 1968 wurden Tom Hompertz, Taylor Mead und Bruce Haines am folgenden Tag von Claire Clouzet auf KPFA Radio interviewt; das Interview wurde am 16. Dezember desselben Jahres ausgestrahlt. Während des Interviews wurde Hompertz gefragt, ob er in Warhols „Surffilm“ mitgespielt habe, was er knapp bestätigte: Er sei „ein bisschen“ dabei und habe „ein wenig gesurft“. Auf die Frage, ob der Film bereits geschnitten sei, antwortete Mead, der Schnitt sei „fast fertig“, […] „es fehle lediglich mehr Surfmaterial“, da man „nicht viel bekommen“ habe.
Eine weitere Erklärung – warum San Diego Surf möglicherweise damals nicht veröffentlicht wurde – lieferte das Buch Popism: The Warhol Sixties: „Das gedrehte Material sei schlicht nicht besonders aufregend gewesen.“ Warhol beschrieb La Jolla als „einen der schönsten Orte, die er je gesehen habe. Die Crew wohnte in Häusern direkt am Meer, war entspannt und frei von den üblichen New Yorker Spannungen.“ Er versuchte „gelegentlich, Konflikte zu provozieren, doch die gelöste Stimmung verhinderte jede Dramatik.“ So wurde der Dreh eher zu einer „Erinnerung an gemeinsame Urlaubstage“ als zu einem Film mit erzählerischer Schärfe.
Veröffentlichung 1995 beauftragte die Andy Warhol Foundation Morrissey, das Material anhand der alten Produktionsnotizen fertig zu schneiden. Morrissey bestritt, dass es diese Notizen gab und der Film damals nur teilweise geschnitten wurde. Er trat jedoch die Rechte des Films, zusammen mit Lonesome Cowboys, an die Foundation ab und erhielt im Gegenzug die Eigentumsrechte an Werken wie Trash und Flesh. Weltpremiere feierte der 90-minütige Film am 16. Oktober 2012 im Museum of Modern Art (MoMA) in New York City – 44 Jahre nach den Dreharbeiten – während des 11. International Festival of Film Preservation („To Save and Project“). Warhol und einige Darsteller, darunter Ingrid Superstar, Tom Hompertz und Eric Emerson, waren zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben. Die Rechte liegen heute beim Andy Warhol Museum.
Drehorte Neben den Außenaufnahmen am Strand von La Jolla und damit verbundenen Surfszenen wurde ein Teil des Films in einem angemieteten Haus gedreht.