Frau Rettich, die Czerni und ich, Untertitel Eine Sommerverlobung, ist eine 1992 erschienene Erzählung von Simone Borowiak.
Kurzbeschreibung Die Icherzählerin fährt mit zwei Freundinnen, Frau Rettich und Frau Czerni, aus Hessen nach Spanien. Frau Rettich, die Fahrerin und Spanienkennerin, hat den Trip vorbereitet und einen wichtigen Reisegrund: Die gemeinsame Reise ist für sie nur eine Teilstrecke zu ihrem spanischen Geliebten. In Sitges verbringen die drei Frauen ihre gemeinsame Zeit am Strand, mit Essen und mit Trinken, in Barcelona mit Essen, Trinken, den üblichen touristischen Highlights und Alltagsgeschäften wie einem Friseurbesuch. Schließlich trennt sich die Gruppe: Rettich fährt nach Madrid zu ihrem Geliebten weiter, die Erzählerin und Czerni kehren per Zug nach Deutschland zurück.
Inhalt Die Ich-Erzählerin verlässt mit zwei „Frauen, die ich mehr liebe als mein Konto“ das heimische Hessen: Frau Rettich und Frau Czerni. Frau Rettich ist „die schönste Frau der Welt, meine beste Freundin übrigens, eine ausgezeichnete Autofahrerin und bedeutende Spanienkennerin“ und hat zuvor den beiden anderen Frauen vier Wochen lang versucht, bei sich daheim Spanisch beizubringen. Denn nach Spanien soll es gehen, per Auto. „Geraucht wird alle achtzig Kilometer. Mit diesem Edikt hat Frau Czerni die aufgekratzte Stimmung gedämpft. Sie müsse sonst speien, sagt Czerni.“ Während der Reise, die Rettich letztlich zu einem spanischen Geliebten namens „Pupsi“ führen soll, kommt es gelegentlich zu einem „rettich-rituellen Großumtrunk“ und während der Frankreich-Passage zu frankophoben Ausfällen Rettichs: Sie „gibt eine hochintolerante Franzosen-Anekdote nach der anderen zum Besten, bis Frau Czerni und mir der antifaschistische Schweiß auf die Stirn tritt“. Unter anderem vertritt Rettich die Auffassung, die Franzosen „sollten viel öfter von ihrer Guillotine Gebrauch machen“, das sei die einzig gute Idee, die dieses Land je hervorgebracht habe. In Spanien angelangt, erholen sich die Frauen erst einmal 14 Tage am „Strand von Sitges“. Ein gewöhnlicher Tag beginnt damit, dass ein „rituelles Frühstückslokal“ ihnen „fettig gebackene Spiegeleier mit fettigem Schinken und Bier“ serviert, und „die Wirkung ist phänomenal: Bis zum Abend hört man aus dem Magen nicht das leiseste Knurren und im Meer schwimmt man immer auf der Stelle“. Manchmal nach entsprechenden vorangegangenen Strand-Dialogen: „Ich geh jetzt ins Wasser. Schwimm nicht so weit raus. Ich geh ja nicht zum Schwimmen rein, sondern weil ich mal muß. Du Sau. Das Bier, mach was dran.“ Doch nicht nur Bier wird kredenzt: „Kalter Wein, in glühende Schädel gefüllt, löscht schnell das heiße Hirnchen ab und brummt lange nach.“ Und so „versäuseln die Stunden am Strand“, auch mit barbusigen Bräunungs-Versuchen von Rettich und Czerni, was die Ich-Erzählerin nicht gut findet: „Man muß nicht unbedingt katholisch sein, um beim Anblick der beiden halbnackten Taugenichtse die Sinnfrage zu stellen: Woher kommen die? Wohin gehen die? Wer will mit denen befreundet sein? Und warum, zum Teufel, halten die ihre Dudeln in die Sonne?“ Am Tag nach einer Fronleichnams-Prozession reisen die drei Frauen gen Barcelona weiter, jetzt schon voll Wehmut: „Und nächste Woche für immer heim, zum tiefen Himmel“. In Barcelona allerdings wird von einer Ferienwohnung aus erst einmal touristisches Programm angegangen, während der Ich-Erzählerin die „Sommergrippe naht“ und sie in einer katalanischen Boutique dank deren zu enger Kleidung oder auf einem katalanischen Klosett dank dessen zu großzügiger Hygieneauffassung akrobatische Einlagen übt: „Der weibliche Mensch kann bekanntlich, so seine Blase gefüllt ist, auf jedem Klo der Welt über sich hinauswachsen.“ Außerdem tut sich die Ich-Erzählerin unter anderem am Vormittagsprogramm im spanischen Fernsehen gütlich, erlebt den Horror eines Friseurbesuchs oder das Innere des Museu Picasso: „Andachtsvoll umschleichen die Gäste Picasso. Kopfschüttelnd stehen sie vor dem Frühwerk, kopfschüttelnd vor dem Alterswerk, und ich kopfschüttelnd immer mittendrin. Ich verstehe nämlich gar nichts von Malerei“. Doch in der Folgewoche ihrer Ankunft trennen sich die Wege der drei Frauen: Frau Rettich wird sich mit dem Auto zu „Pupsi“ nach Madrid aufmachen, um ihn „noch in diesem Sommer zu ehelichen“. Frau Czerni und die Ich-Erzählerin fahren per Zug nach Deutschland zurück.
Textanalyse Die in Ich-Form erzählte „Satire“ Frau Rettich, die Czerni und ich spielt im Mai/Juni 1991.Die Handlung spielt nach der Wiedervereinigung (Simone Borowiak: Frau Rettich, die Czerni und ich, S. 27), aber zu einem Zeitpunkt, an dem die Baumaßnahmen für die Olympischen Sommerspiele 1992 noch lange nicht beendet sind (S. 116). Der Aufenthalt in Sitges dauerte 14 Tage (S. 83) und endete am Tag nach Fronleichnam (S. 57), was auf den 30. Mai 1991 fiel. In der Folgewoche soll es für Frau Czerni und die Ich-Erzählerin per Zug wieder nach Deutschland zurückgehen (S. 61). Orte der Handlung sind die hessische Heimat der drei Frauen irgendwo im Dunstkreis von „Bergen-Enkheim, Gonzenheim oder Bad Vilbel“ sowie Orte und Regionen der Autobahnfahrt gen Spanien: Frankfurter Kreuz, Wiesbaden, Baden-Baden, Offenburg, Frankreich, Lloret de Mar. Hinzu kommen Sitges und Barcelona.
Themen Ausgelöst durch das Thema Liebe, das die Ich-Erzählerin bei Rettich gelegentlich kritisch sieht („Die viele Libido hat ihr wohl das Hirn erweicht“), und immer wieder durchsetzt mit komischer Kritik an Kultur und Alltagswelt, beispielsweise der Sinnhaftigkeit von übermäßigem Reichtum („Der letzte Nerz hat keine Taschen“), ist Frau Rettich, die Czerni und ich vor allem eine Schilderung weiblicher Freundschaft und einer gemeinsamen Reise. Beides wird ambivalent geschildert. Hinsichtlich der Reisegefühle haben die Ich-Erzählerin und Czerni einerseits Heimweh, insbesondere auf der Hinfahrt: „Oh Deutschland, du fernes beklopptes Vaterland! Zum Weinen bescheuert und wiedervereinigt, nie warst du mir näher als hier, im spanischen Staube, wo die Menschen schnell sprechen und das noch nicht mal auf deutsch.“ Andererseits wollen sie, einmal in Barcelona angekommen, nicht mehr heim: „Eigentlich will ich nicht zurück. Der Czerni ergeht es wohl ähnlich“. Einerseits wollen sie nicht als Touristen gelten, andererseits können sie aber nicht anders: „Die Angst, irgendwo als Tourist erkennbar zu sein, sitzt tief. Für mich sind Touristen Menschen zweiter Klasse. Sie halten sich auf, wo sie nichts zu suchen haben, sie glotzen und lärmen, werfen Papiertüten in den Wald, sagen, etwas sei schweineteuer oder saumäßig billig hier. [...] Touristen sind unfein und unrein; und ich würde um nichts in der Welt freiwillig Tourist sein, oder mit einem tauschen, wollte ich nicht manchmal doch ein fremdes Land aus der Nähe sehen.“ Und ebenso wie das Reise-Gefühl ambivalent ist, ist es auch das Gefühl der Freundschaft: Einerseits nerven sich die drei befreundeten Frauen gelegentlich, raufen sich andererseits dann aber bald wieder zusammen, „weil der Mensch ein Zoon politikon ist und keine Minute lang allein sein kann, obwohl ihm andere Menschen im Grunde herzlich auf die Nerven gehen und unbequem sind“, so dass die Ich-Erzählerin „die beiden Schachteln, die mir so innig ans Herz gewachsen sind“, letztlich nicht missen will.
Figuren (Auswahl) Frau Rettich: Diese Zigaretten qualmende, „ausnehmend schnittige Weibsperson“ mit der „tiefgerauchten Stimme“ steht vor dem Staatsexamen, kennt „nur Mittelständler“ und gebärdet sich wie im unendlichen Wohlstand aufgewachsen: „Wie gut, daß Frau Rettich unser Geld mit beiden Händen rauswirft und uns so einen Hauch von Savoir-vivre vermittelt.“ Sie „ist eine sentimentale Schnalle, hemmungslos, eine Hardcore-Romantikerin von der ganz unbelehrbaren Schule“ und trotz „zementenen Willens und Damenstarrsinns noch launisch und sprunghaft […]. Doch verliert sie hierbei nie Warmherzigkeit, Güte und tiefe Leidensfähigkeit, zum Beispiel, wenn sie wieder einen Mann vor die Tür gesetzt hat. Das geschieht in regelmäßigen Intervallen und darf nie lautlos über die Bühne gehen; die zahlreichen Scheidungen von Frau Rettich gelten nur dann als rechtskräftig, wenn es dabei scheppert“. Wegen „glühendem Patriotismus“ müsste sie „Spanierin ehrenhalber werden“, wohingegen andere Nationen schlecht wegkommen: „Stundenlang kann sie sich ereifern, nicht nur über Franzosen. Auch der Niederländer findet bei ihr kaum Gnade, der Amerikaner nicht und nicht der Engländer. Ihr Wissen bezieht sie aus eigenem Hörensagen sowie von den Kellnern in Sitges.“ Ganz fatal jedoch endet eine Begegnung mit Japanern, über die sie meint: „Die sind ja noch schlimmer als Franzosen! Die halten alles, was keine Schlitze hat, für Untermenschen!“ Äußerlich kennzeichnet Frau Rettich „ein prächtiger Arsch, den Frau Rettich auf den zartesten Fesseln Mitteleuropas spazieren führt; und alles, alles, der Arsch, die Fesseln und Mitteleuropa wird regiert von Rettichs schönem blonden Kopf, der aus purem Granit geschaffen ist“, so dass die neidische Ich-Erzählerin sich fragt: „Was hat denn Frau Rettich, was ich nicht habe, abgesehen von Schönheit, Klugheit, Klassefigur, natürlicher Intelligenz, Schick, Stil, Geschmack, Fingerspitzen- und Taktgefühl, reichen Eltern und schönen Männern? Na? Na also!“ Czerni: Nach der „Fuldaer Grundschule“ hat die ex-katholische SPD-Sympathisantin Frau Czerni „die mittlere Reife, die Handelsschule“ hinter sich gebracht, wohnt in Frankfurt und ist von den drei Frauen die Sprachunbegabteste „in unserem kleinen Sprachkurs“. Nur „in Speisekarten ist sie gut, in jeder Sprache der Welt“, dieses „verfressene Aas“, das gleichzeitig „eine rechte Sickergrube ist, in die viel Flüssigkeit hineinpaßt“, wohingegen Frau Czerni dem Rauchen abhold ist. Sie ist eine „eher scheue“ Person, artikuliert sich gelegentlich „wohlerzogen und bräsig“. Czerni hat „die Welt ja auch noch nicht gesehen, kennt kaum fremde Länder und Menschen; ja, wenn ich mir ihren Glockenrock so betrachte, dann möchte ich meinen, sie ist noch nie weiter gekommen als bis kurz hinter Fulda“. Sie ist flachbrüstig, hat einen „schmalen Rachen“ sowie einen „Hang zum Höheren (A 13 brutto)“, vielleicht, damit sie ihrer Leidenschaft frönen kann: „Ständig kauft sie neue Schuhe – wohl aus sexuellen Gründen“. Ich-Erzählerin: Diese „raumgreifende nordische“, ex-katholische Raucherin mit ihrer Konfektionsgröße 40, den „roten Haaren“, den „abstehenden Ohren“ und der „stramm sozialistischen Gesinnung“ hat das „große Latinum“ und „lebte sehr lange Zeit nur in der Nähe von Fulda. Noch nicht mal mittendrin.“ Sie ist eine „eher scheue“ Person, auch hinsichtlich unnötig erscheinender Geldausgaben, und damit das Gegenteil von Frau Rettich, deren finanzielles Gebaren bei der Ich-Erzählerin folgende Erscheinungen auslöst: „Einen Stich verspüre ich im Portemonnaie, Angstschweiß tritt aus.“ Außer gegen unnötige Geldausgaben hat die Ich-Erzählerin auch eine Aversion gegen Friseure und deren Kreationen auf ihrem Kopf: „Mal ist's ein Pagenkopf geworden, mal etwas schickes kryptofaschistisch Ausrasiertes, mal ummanteln mich gußeisern Locken, mal sehe ich aus wie meine Schwester, mal aufgebauscht, mal plattgedrückt, und immer stinkend wie ein Drogerie-Biber; einmal hatte ich sogar das ungute Gefühl, den Kopf von Rita Süßmuth aus dem Salon zu tragen.“
Rezeption und Adaption