Die Burkhardtshöhle ist eine im Zweiten Weltkrieg zerstörte Karsthöhle und ein archäologischer Fundplatz des Magdalénien am Nordrand der Mittleren Schwäbischen Alb. Sie liegt auf dem Gebiet der Gemeinde Westerheim im Alb-Donau-Kreis in Baden-Württemberg und ist heute als Höhlenruine erhalten.Ulrich Simon: Die Burkhardtshöhle – eine Magdalénienstation am Nordrand der Schwäbischen Alb. Magisterarbeit, Geowissenschaftliche Fakultät der Universität Tübingen, 1993, S. 5.

Details Als eine der seltenen altsteinzeitlichen Fundstellen im rauen Alb-Nordrand gilt sie als wichtige regionale Referenzfundstelle.Ulrich Simon: Die Burkhardtshöhle – eine Magdalénienstation am Nordrand der Schwäbischen Alb. In: Archäologische Informationen. Band 16, Heft 2, 1993, S. 341. Relevanz erlangte sie etwa in der modernen Paläogenetik durch die Entdeckung spätglazialer Menschenreste.Qiaomei Fu, Cosimo Posth, David Reich et al.: The genetic history of Ice Age Europe. In: Nature. Band 534, Nummer 7606, 2016, S. 200–205, Extended Data Table 1. Außerdem dokumentieren die in der Höhle gefundenen Werkzeuge weitreichende Mobilitätsnetzwerke eiszeitlicher Jäger- und Sammlergruppen.Ulrich Simon: Die Burkhardtshöhle – eine Magdalénienstation am Nordrand der Schwäbischen Alb. Magisterarbeit, Geowissenschaftliche Fakultät der Universität Tübingen, 1993, S. 85.Benjamin Schürch, Nicholas J. Conard, Patrick Schmidt: Examining Gravettian and Magdalenian mobility and technological organization with IR spectroscopy. In: Scientific Reports. Band 15, Artikelnummer 1897, 2025, doi:10.1038/s41598-024-84302-6, S. 11., Conclusion

Lage und Forschungsgeschichte Der Fundplatz befindet sich rund 3,5 Kilometer nordwestlich des Westerheimer Ortskerns in einem steilen Trockental im Waldgebiet Hochbuch auf einer Höhe von 735 m ü. NHN.Ulrich Simon: Die Burkhardtshöhle – eine Magdalénienstation am Nordrand der Schwäbischen Alb. Magisterarbeit, Geowissenschaftliche Fakultät der Universität Tübingen, 1993, S. 5.Westerheim OA. Geislingen. In: Fundberichte aus Schwaben. Neue Folge 8, 1935, S. 16., doi:10.11588/diglit.57656#0024 Die Höhlenruine bildet zusammen mit der benachbarten Schertelshöhle und dem Steinernen Haus einen offiziellen Geopoint des UNESCO Global Geoparks Schwäbische Alb.Geopark Entdeckerkarte Die Ruine der Burkhardtshöhle liegt dabei rund 300 Meter nördlich und talabwärts des Steinernen Hauses am rechten Talhang.Geopark Schwäbische Alb: Steckbrief Steinernes Haus, abgerufen am 13. August 2026.

Die Höhle wurde am 14. Februar 1933 von dem Archäologen und Geologen Gustav Riek entdeckt, der sie durch eine verbliebene, nur 40 Zentimeter hohe Spalte am Fuß einer niedrigen Felswand lokalisierte.Gustav Riek: Das federmesserführende Magdalenien der Burkhardtshöhle bei Westerheim im Kreis Münsingen (Schwäbische Alb). In: Fundberichte aus Schwaben. Neue Folge 15, 1959, S. 9. Riek benannte die Höhle zu Ehren des Geislinger Studiendirektors und Heimatforschers Georg Burkhardt, der in diesem Bereich eine verschüttete Höhle vermutet hatte. In zwei Grabungskampagnen im Frühjahr 1933 und im August 1934 räumte Riek die Erdschichten der kleinen, 6,50 Meter breiten und 4,00 Meter tiefen Halbhöhle in rund dreiwöchiger Arbeitszeit vollständig aus.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs nutzten deutsche Truppen die freigelegte Felshalle als Artilleriemunitionsdepot. Beim Rückzug im Frühjahr 1945 wurde die Munition gesprengt, wodurch das schützende Felsdach vollständig kollabierte und die Höhle in ein unzugängliches Trümmerfeld verwandelt wurde. Im Juni 1973 führte das Institut für Urgeschichte der Universität Tübingen eine Nachgrabung durch.Gerd Albrecht, Ingo Campen, Joachim Hahn et al.: Eine Nachgrabung in der Burkhardtshöhle, Gemeinde Westerheim, Alb-Donau-Kreis. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg. Band 3, 1977, S. 7–8. Da der Höhlenraum zerstört war, legten die Forscher ein Profil am östlichen Hangvorplatz an; dabei wurden hauptsächlich durch das systematische Schlämmen des alten Grabungsaushubs von Riek 48 vom Entdecker übersehene, kleine Steinartefakte des Magdaléniens geborgen.Gerd Albrecht, Ingo Campen, Joachim Hahn et al.: Eine Nachgrabung in der Burkhardtshöhle, Gemeinde Westerheim, Alb-Donau-Kreis. 1977, S. 11.

Stratigraphie und Steinartefakte Das von Riek dokumentierte, 6,62 Meter tiefe Sedimentprofil war zwar in 12 feinstufige Schichten gegliedert, die altsteinzeitliche Kulturschicht beschränkte sich jedoch ausschließlich auf die spätglazialen Kalkschuttsedimente der Schicht V.Ulrich Simon: Die Burkhardtshöhle – eine Magdalénienstation am Nordrand der Schwäbischen Alb. Magisterarbeit, Geowissenschaftliche Fakultät der Universität Tübingen, 1993, S. 18–19. Hier legte Riek zwei mit ortsfremden Kalkplatten künstlich ausgebildete Herdanlagen frei, die als Kochplätze und handwerkliche Arbeitsbereiche dienten.Gustav Riek: Das federmesserführende Magdalenien der Burkhardtshöhle bei Westerheim im Kreis Münsingen (Schwäbische Alb). In: Fundberichte aus Schwaben. Neue Folge 15, 1959, S. 23.

Das archäologische Gesamtinventar umfasst 825 Steinartefakte.Ulrich Simon: Die Burkhardtshöhle – eine Magdalénienstation am Nordrand der Schwäbischen Alb. Magisterarbeit, Geowissenschaftliche Fakultät der Universität Tübingen, 1993, S. 30. Das Werkzeugspektrum wird dominiert von Rückenspitzen (Federmessern, siehe auch Federmesser-Gruppen) und Sticheln, während Formen wie Bohrer oder Kratzer in deutlich geringerer Häufigkeit auftreten. Zudem konnten seltenere organische Objekte wie ein verzierter Knochenpfriem, eine Querangel zum Fischfang und ein gekerbter fossiler Belemnit als Schmuckanhänger nachgewiesen werden.Ulrich Simon: Die Burkhardtshöhle – eine Magdalénienstation am Nordrand der Schwäbischen Alb. Magisterarbeit, Geowissenschaftliche Fakultät der Universität Tübingen, 1993, S. 73 f.

Neben dem lokalen Jurahornstein der zentralen Schwäbischen Alb (57 %) wurde vor allem Tertiärhornstein aus dem nahen Randecker Maar (35 %) sowie Plattenhornstein aus Ostbayern (6 %) als Ausgangsmaterial für die Steinartefakte nachgewiesen.Benjamin Schürch, Nicholas J. Conard, Patrick Schmidt: Examining Gravettian and Magdalenian mobility and technological organization with IR spectroscopy. In: Scientific Reports. Band 15, Artikelnummer 1897, 2025, doi:10.1038/s41598-024-84302-6, S. 10 (Tabelle 7). Während der Hornstein aus dem Randecker Maar für die Burkhardtshöhle eine rein regionale Ressource darstellte, belegt das spektroskopisch nachgewiesene Auftreten dieses spezifischen Materials in weit entfernten Fundstellen des Ach- und Lonetals weitreichende Transportnetzwerke zur Albsüdseite. Umgekehrt dokumentiert der Import des ostbayerischen Plattenhornsteins zur Burkhardtshöhle Mobilitätsnetzwerke eiszeitlicher Jäger- und Sammlergruppen über Distanzen von mehr als 150 Kilometern entlang der Donau-Achse.Ulrich Simon: Die Burkhardtshöhle – eine Magdalénienstation am Nordrand der Schwäbischen Alb. Magisterarbeit, Geowissenschaftliche Fakultät der Universität Tübingen, 1993, S. 34 (Tabelle 5) u. S. 44.Benjamin Schürch, Nicholas J. Conard, Patrick Schmidt: Examining Gravettian and Magdalenian mobility and technological organization with IR spectroscopy. In: Scientific Reports. Band 15, Artikelnummer 1897, 2025, doi:10.1038/s41598-024-84302-6, S. 9.

Paläogenetik und Fauna Bei der wissenschaftlichen Neuaufnahme des Fundmaterials im Jahr 1993 wurden fünf menschliche Schädelfragmente entdeckt, die mittels Radiokarbondatierung auf ein Alter von 12.450 ± 110 BP bestimmt wurden.Joachim Hahn: Neue Beschleuniger-(14)C-Daten zum Jungpaläolithikum in Südwestdeutschland. In: Eiszeitalter und Gegenwart. Band 45, 1995, S. 89. Im Rahmen einer globalen Genomstudie im Jahr 2016 gelang die Sequenzierung der mitochondrialen DNA dieser Knochen, die der ur-europäischen Haplogruppe U8a zugeordnet wurden. Der Fund belegt die biologische Kontinuität und die Wiederbesiedlung Mitteleuropas aus südeuropäischen Refugien nach dem Höhepunkt der letzten Kaltzeit.

Die spätglaziale Jagdfauna wird nach der Neubestimmung der Nachgrabungsergebnisse durch Hubert Berke 1988 von den Resten des Wildpferdes und des Rentiers dominiert, die den Hauptanteil der eiszeitlichen Fleischversorgung ausmachten.Ulrich Simon: Die Burkhardtshöhle – eine Magdalénienstation am Nordrand der Schwäbischen Alb. Magisterarbeit, Geowissenschaftliche Fakultät der Universität Tübingen, 1993, S. 76 f. Als begleitende Jagd- und Beifunde traten Knochen von Schneehase, Polarfuchs, Steinbock, Braunbär und Elch auf. Zudem nachgewiesene Fischschuppen und Wirbel von Forelle und Hecht stammen wohl aus der nahen Fils.Gustav Riek: Das federmesserführende Magdalenien der Burkhardtshöhle bei Westerheim im Kreis Münsingen (Schwäbische Alb). In: Fundberichte aus Schwaben. Neue Folge 15, 1959, S. 17. Da das Trockental im Winter aufgrund von Inversionslagen als klimatische „Kältefalle“ fungierte, wird die Halbhöhle als kurzzeitiges Saisondomizil interpretiert, das von den Jägergruppen primär im Frühjahr und Sommer genutzt wurde.

Literatur Gustav Riek: Das federmesserführende Magdalénien der Burkhardtshöhle bei Westerheim im Kreis Münsingen (Schwäbische Alb). In: Fundberichte aus Schwaben. Neue Folge 15, 1959, S. 9–29, doi:10.11588/diglit.66263#0017. Gerd Albrecht, Joachim Hahn et al.: Eine Nachgrabung in der Burkhardtshöhle, Gemeinde Westerheim, Alb-Donau-Kreis. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg. Band 3, 1977, S. 6–13, doi:10.11588/fbbw.1977.0.24824. Ulrich Simon: Die Burkhardtshöhle – eine Magdalénienstation am Nordrand der Schwäbischen Alb. Magisterarbeit, Geowissenschaftliche Fakultät der Universität Tübingen, Wintersemester 1992/93, UB Tübingen. Ulrich Simon: Die Burkhardtshöhle – eine Magdalénienstation am Nordrand der Schwäbischen Alb. In: Archäologische Informationen. Band 16, Heft 2, 1993, S. 341–342, UB Heidelberg. Stefan Wettengel, Wolfram Freudenberg, Simon Fröhle, Günter Romberg, Harald Floss: Das Magdalénien im Umfeld des Randecker Maars und die Verbreitung der Randecker-Maar-Silices im Paläolithikum Südwestdeutschlands In: Das Magdalénien in Südwestdeutschland, im Elsass und in der Schweiz Kerns Verlag, Tübingen Publications in Prehistory, 2019, S. 105, ISBN 978-3-935751-29-2

Weblinks

Burkhardtshöhle – Naturhöhle im UNESCO Global Geopark Schwäbische Alb - Geopoint.

Einzelnachweise

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