Ryke Geerd Hamer (* 17. Mai 1935 in Mettmann; † 2. Juli 2017 in Sandefjord, Norwegen) war ein deutscher Mediziner und später als Wunderheiler auftretender, mehrfach verurteilter Straftäter und Antisemit, welchem infolge seiner unwissenschaftlichen und empirisch widerlegten Behandlungsmethoden die ärztliche Approbation entzogen wurde.

Er postulierte 1981 eine Eiserne Regel des Krebs und später seine Fünf Biologischen Naturgesetze, auf denen er die von ihm erfundene, medizinisch unwirksame und zudem mit erheblichen Risiken und Gefahren verbundene Behandlungsmethode Neue Medizin aufbaute. Später benannte er die Neue Medizin in Germanische Neue Medizin (GNM, auch als „Germanische Heilkunde“ bezeichnet) um.

Hamer wurde am 8. April 1986 die deutsche Approbation entzogen. Er war wegen fortgesetzten illegalen Praktizierens und Betrugs mehrfach in Deutschland und Frankreich in Haft. Es standen mehrere Haftbefehle gegen ihn aus. Bis zum Jahr 1995 wurden in Deutschland und Österreich über 80 Todesfälle von durch Hamer behandelten Patienten von den Behörden untersucht. Besonderes Aufsehen erregte 1995 der Fall der damals sechsjährigen Olivia Pilhar, deren Eltern die Therapie einer Krebserkrankung zugunsten der Methoden Hamers verweigerten und, nachdem ihnen das Sorgerecht entzogen worden war, mit dem Kind nach Spanien flohen. Erst mehrere Wochen später konnte die Sechsjährige erfolgreich mit einem anerkannten medizinischen Verfahren geheilt werden.

Hamer vertrat in Verbindung mit seiner Lehre auch antisemitische Positionen, die er im Rahmen von Verschwörungstheorien äußerte.

Biografie Ryke Geerd Hamer wurde am 17. Mai 1935 in Mettmann geboren. Er machte 1953 sein Abitur in Krefeld. 1953 begann Hamer an der Eberhard Karls Universität Tübingen mit dem Studium der Humanmedizin und der evangelischen Theologie. Die ärztliche Approbation erhielt er am 10. April 1962, im Dezember 1963 wurde er mit der Arbeit Untersuchungen über den Einfluß des Adaptinols auf die Dunkeladaptation des gesunden Auges promoviert.Daten aus dem Gerichtsbeschluss des OVG Koblenz vom 21. Dezember 1990, Hamers eigene Angaben datieren in Diskrepanz dazu auf 1961. 1972 legte er die Facharztprüfung zum Internisten ab. Mit seiner Ehefrau Sigrid Hamer, einer Ärztin, hatte er vier Kinder. Eines davon, das spätere Fotomodell Birgit Hamer, war 1976 die deutsche Kandidatin zur Wahl der Miss Universe. Zwischen 1967 und 1976 praktizierten Sigrid und Geerd Hamer zusammen größtenteils im Raum Heidelberg. Wegen Unregelmäßigkeiten bei der Leistungsabrechnung verzichteten 1976 Hamer und 1978 seine Ehefrau auf die kassenärztliche Zulassung. Hamer wollte eine von ihm erfundene Knochensäge und ein Skalpell, die er weltweit patentieren ließ, durch die Firma Kienzle vermarkten; jedoch erwies sich das Skalpell herkömmlichen chirurgischen Instrumenten unterlegen und verursachte unnötige Wunden. Wegen Rückzahlungsforderungen von Gläubigern und zahlreichen Eintragungen im deutschen Schuldnerverzeichnis floh Hamer 1978 nach Italien.

Hamer starb am 2. Juli 2017 im Alter von 82 Jahren in Norwegen an einem Schlaganfall.

Entstehung der Germanischen Neuen Medizin Im Dezember 1978 starb Hamers Sohn Dirk im Alter von 19 Jahren, nachdem er vier Monate zuvor während eines Aufenthaltes auf Korsika durch einen Schuss in der Leistengegend schwer verletzt worden war. Dieser Schuss war infolge eines vermeintlichen Bootsdiebstahls abgegeben worden, wobei der schlafende und unbeteiligte Dirk Hamer getroffen wurde. Die Abläufe dieses Abends wurden gerichtlich später nur unzureichend aufgeklärt. Der Schütze, Viktor Emanuel von Savoyen, wurde im ersten Verfahren freigesprochen, unter anderem weil Hamer seinen Sohn gegen den Rat der behandelnden Ärzte in einem kritischen Zustand nach Deutschland in das Universitätsklinikum Heidelberg hatte verlegen lassen, so dass sich der Tod nicht mehr einwandfrei allein auf die Schussverletzung zurückführen ließ. Später wurde von Savoyen zu einer Bewährungsstrafe wegen illegalen Waffenbesitzes verurteilt.Fakten nach einem Beschluss des European Court of Human Rights 1996, den Hamers Tochter Birgit Hamer anrief. , auf: sim.law.uu.nl Außergerichtliche Schmerzensgeldforderungen in Millionenhöhe führten im September 1978 fast zu einer Einigung, wurden aber abgebrochen, da Hamer Druck mit möglichen Aussagen seiner zur Tatzeit schlafenden Tochter ausübte. Die Familie Savoyen überwies 200.000 DM zur Abgeltung der Krankenhauskosten.

Einige Monate später wurde 1979 bei Hamer Hodenkrebs diagnostiziert. Er ließ sich diesen Tumor chirurgisch entfernen. Hamer behauptete im Nachhinein, dass er der chirurgischen Entfernung nicht zugestimmt hätte, wenn er sein Wissen zu dieser Zeit bereits besessen hätte. In der Folge entwickelte er eine Theorie über die Entstehung von Krebserkrankungen, die ihm, wie er behauptete, von seinem verstorbenen Sohn Dirk mehrfach in Träumen bestätigt wurde. Die so entwickelten Konzepte reichte Hamer im Oktober 1981 mit dem Titel „Das Hamer-Syndrom und die Eiserne Regel des Krebs“ an der Universität Tübingen als Habilitationsschrift ein. Das Habilitationsgesuch wurde nach Begutachtung wegen wissenschaftlicher Mängel in Form und Methodik der Arbeit abgelehnt. Wegen eines Formfehlers beim Habilitationsverfahren wurde ihm zwar gerichtlich eine zweite Chance eingeräumt. So versuchte Hamer erfolglos mit juristischen Mitteln eine erneute Überprüfung seiner Habilitationsschrift zu erwirken. Die Klage wurde im Juni 2010 durch das Verwaltungsgericht Sigmaringen abgewiesen. Hamer hatte keine Erfahrung oder Ausbildung als Onkologe.

Ursprünglich nannte Hamer sein Behandlungskonzept „Neue Medizin“. Da es ihm aber nicht gelang, den Namen schützen zu lassen, und 15 andere „alternative Therapien“ ebenfalls die Bezeichnung „Neue Medizin“ trugen, beschloss er 2003 ihre Umbenennung in „Germanische Neue Medizin“, da laut Hamer „diese Medizin in Germanien, dem Volk der Dichter und Denker, der Musiker, Erfinder und Entdecker entdeckt wurde“Matthias Pöhlmann: Rechte Esoterik. Wenn sich alternatives Denken und Extremismus gefährlich vermischen. Herder, Freiburg 2021, S. 174 (vgl. Neue Deutsche Heilkunde).

Hamer generalisierte seine Theorien zur Krebsentstehung bald auf alle Krankheiten. Bis zum Entzug seiner Approbation behandelte er in den folgenden Jahren ohne Kassenzulassung an wechselnden Orten in Deutschland und Österreich hauptsächlich krebskranke Patienten. Dazu gründete er verschiedene Privatkliniken („Dammersmoor“, „Rosenhof“), die teilweise wegen fehlender Zulassung illegal waren.Kampf gegen die Stärksten. In: Der Spiegel. 32/1995, S. 154–162. In einer dieser Kliniken überlebten nach Recherchen des Stern nach einem Jahr „Therapie“ von 50 Patienten nur 7, und keiner der Überlebenden war gesund. Vorher behauptete Hamer auf einem Heilpraktiker-Kongress in Mainz dagegen, dass von den 50 behandelten Patienten 7 wegen „Komplikationen während der Genesung“ gestorben seien.

Hinsichtlich der Opfer seiner Behandlungsmethoden sagte Hamer in einem Fernsehinterview, er könne „nicht jeden Patienten retten. Wenn der von der Schulmedizin nach der zehnten Chemorunde kommt und ist kaputt, da ist alles kaputt, [...] vergiftet worden. Ja, da können Sie nicht sagen: ‚Ja, der ist jetzt zum Hamer und dann ist er da doch gestorben.‘ Natürlich stirbt er da. Das ist immer möglich. Aber es sterben jeden Tag in Deutschland Zigtausende, und wenn da wirklich hundert bei mir gestorben wären, die vorher schulmedizinisch behandelt waren, das wäre gar nichts.“Kontrovers extra: Todesfalle Germanische Neue Medizin programm.ard.de, 27. Mai 2010Ungeschnittene Fassung des Interviews in der Sendung Kontrovers extra: Todesfalle Germanische Neue Medizin vom 27. Mai 2010, vimeo.com Eine Krankenschwester, die in einer der Kliniken Hamers gearbeitet hatte, sagte aus, Hamer habe kaum nach den Patienten geschaut. Die Therapie habe vor allem aus gemeinsamem Singen und Essen bestanden. Wenn es ans Sterben gegangen sei, habe Hamer die Patienten nach Hause geschickt.Pia Lamberty, Katharina Nocun: Gefährlicher Glaube. Die radikale Gedankenwelt der Esoterik. Quadriga, Köln 2022, S. 65

Es gibt Schätzungen, wonach 500 Menschen, die nach Hamers Methode behandelt wurden, den Tod fanden.Matthias Pöhlmann: Rechte Esoterik. Wenn sich alternatives Denken und Extremismus gefährlich vermischen. Herder, Freiburg 2021, S. 176

Approbationsentzug, Verurteilungen und Haftstrafen Hamer wurde 1986 die Zulassung als Arzt entzogen. Das Verwaltungsgericht Koblenz hielt dazu im Urteil vom 19. Juli 1989 fest, dass Hamer wegen einer Schwäche seiner geistigen Kräfte, wegen Unzuverlässigkeit und wegen seiner psychopathologischen Persönlichkeitsstruktur sowie wegen mangelnder Einsichtsfähigkeit zur Ausübung des ärztlichen Berufes unfähig geworden sei (VG Koblenz, Az. 9K215/8).Urteil des Verwaltungsgerichts Koblenz, Aktenzeichen 9 K 215/87. Trotzdem praktizierte Hamer illegal weiter. 1992 wurde er in Köln zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, nachdem einem jungen Mann nach Falschbehandlung ein Bein amputiert werden musste. Die Strafe wurde später auf vier Monate verkürzt.

1997 wurde Hamer wiederum in Köln verhaftet und wegen Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetz zu einer Freiheitsstrafe von 19 Monaten ohne Bewährung verurteilt, von denen er 12 in der Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf verbüßte. Ausgangspunkt der Anklage waren Anzeigen von Angehörigen nach dem Tod von drei Krebspatienten, die nach der Neuen Medizin behandelt worden waren.

Ab 1990 hatte Hamer im Schloss Burgau Räume vom Eigentümer, der Gemeinde Burgau (Steiermark), angemietet und ein Zentrum für Neue Medizin eingerichtet, das 1995 behördlich geschlossen wurde.

Hamer verlagerte in den 1990er Jahren seine Aktivitäten nach Frankreich und Spanien. Von September 2004 bis zu seiner vorzeitigen Entlassung im Februar 2006 saß Hamer in Frankreich eine dreijährige Haftstrafe nach dem Tod mehrerer Krebspatienten ab. Zuvor wurde er durch das Berufungsgericht Chambéry in Abwesenheit wegen Betrugs und der Komplizenschaft bei der illegalen Ausübung einer medizinischen Tätigkeit verurteilt. Die Verhaftung erfolgte im September 2004 in Málaga, er wurde danach nach Frankreich ausgeliefert. Geklagt hatten Angehörige mehrerer verstorbener Patienten.

In Österreich, wo besonders der Fall Olivia Pilhar Aufmerksamkeit erregte, bestand ein Haftbefehl gegen ihn. Auch in Deutschland lag ein Haftbefehl vor, dem er sich durch Flucht ins Ausland (Norwegen) entzog. In Europa sind mittlerweile viele Tote durch die GNM gerichtsbekannt, allein bis zum Jahr 1995 wurden in Deutschland und Österreich über 80 Todesfälle von durch Hamer behandelten Patienten von den Behörden untersucht. Die Medizinjournalistin Krista Federspiel geht davon aus, dass etwa 500 Menschen infolge der „Behandlung“ von Hamer gestorben seien.

Seit 2007 hielt sich Hamer in Norwegen auf, um sich deutschen und österreichischen Strafverfahren wegen Volksverhetzung und Körperverletzung mit Todesfolge zu entziehen. Er trat dort als „Rektor“ der „Universitet Sandefjord“ auf, einer Scheinuniversität, unter deren Namen er einen Kleinverlag betrieb. Sein Gesuch, in Norwegen approbiert zu werden, wurde im April 2010 vom Gericht in Sandefjord abgewiesen.Hamer får ikke jobbe som lege. In: Tvedestrandsposten. 30. April 2010.

Nach 2008 versuchte Hamer erneut, vor Gericht seine deutsche Approbation zurückzuerlangen. Sein Gesuch wurde jedoch im Februar 2017 abgewiesen (VG Frankfurt Main. Az. 4K3468/16.F).Verwaltungsgericht Frankfurt am Main lehnt die Wiedererteilung der Approbation für den Entwickler der sogenannten „Germanischen Neuen Medizin“ ab. Aktenzeichen: 4 K 3468/16.F, Pressestelle, 17. Februar 2017, abgerufen am 5. Juli 2017.

Germanische Neue Medizin