mini|Afsaneh Gächter auf der Internationalen Tagung The Exchange of Medical Knowledge Past and Presence between Austria and Iran, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien 2017 (Bild: Shahrzad Irannejad) Afsaneh Gächter (* 15. Juni 1965 in Teheran) ist eine iranisch-österreichische Wissenschaftlerin, Hochschullehrerin und Autorin. Ihre interdisziplinäre Forschung verbindet Ansätze der Soziologie, Ethnologie und Geschichtswissenschaften. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen soziokulturelle Transformationen im modernen Iran, der medizinische Wissenstransfer zwischen Persien und dem Habsburgerreich im 19. Jh., sowie Transkulturalität im Gesundheitswesen. Des Weiteren publizierte sie zu verschiedenen Themenbereichen der Medical/Health Humanities und forscht zur psychischen Gesundheit der österreichischen Bevölkerung.
Afsaneh Gächter lebt in Wien und lehrt am Department für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität für Weiterbildung Krems in Niederösterreich. Seit 2023 leitet sie das dort angesiedelte Zentrum zur Erforschung psychischer Gesundheit.
Als Befürworterin von Citizen-Science-Programmen, die den vielfältigen mobilen und hybriden Lebensentwürfen in globalisierten Gesellschaften Rechnung tragen, engagiert sie sich für eine interkulturelle Wissenschaftskommunikation. Die Förderung eines lebendigen Dialogs zwischen europäischen und asiatischen Denkweisen ist ihr ein besonderes Anliegen.
Sie begleitete eine Delegation des OeAD in den Iran, beriet das österreichische Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Fragen internationaler akademischer Anerkennung und organisierte verschiedene wissenschaftliche Tagungen. Mehrfach zu Gast in öffentlichen Foren, ist sie eine gefragte Interviewpartnerin in Funk und Presse.
Biografie und beruflicher Werdegang Afsaneh Gächter wuchs in Teheran auf und besuchte dort die Schule. Im Anschluss an einen Vorstudienlehrgang zur Anerkennung ihrer iranischen Reifeprüfung in Österreich erhielt sie in diesem Land 1991 die Zulassung für ein Studium. Sie schrieb sich an der Universität Wien ein und belegte die Fächerkombination Ethnologie, Soziologie und Geschichte. Mit einer Studie zu iranisch-schiitischen Trauerritualen schloss sie 1997 den Diplomstudiengang Ethnologie ab. In der Folge nahm sie ein Doktoratsstudium am Institut für Soziologie auf und wurde 2003 mit einer Arbeit zum Thema Elitenzirkulation in Transformationsgesellschaften – Eine soziologische Fallstudie zur Zirkulation der Eliten im Iran promoviert.
Von 2003 bis 2004 absolvierte Afsaneh Gächter im Rahmen des EQUAL-Programms eine Ausbildung zur Fachberaterin für interkulturelles Coaching und Diversitätsmanagement. Die intensive Auseinandersetzung mit Bedingungen, Möglichkeiten und Herausforderungen einer Verständigung zwischen Kulturen und Zivilisationen im 21. Jahrhundert bewegten sie 2005 zu einem Buchprojekt über und in engem Austausch mit dem bedeutenden iranischen Kulturphilosophen Daryush Shayegan (1935–2018), dem Gründer des ersten iranischen Zentrums für Studien der Kulturen.
Von 2007 bis 2012 war Afsaneh Gächter als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften tätig. Erkenntnisse ihrer Dissertation vertiefend, initiierte sie das vom FWF geförderte Forschungsprojekt Wissenstransfer zwischen Österreich und Iran: Jacob E. Polak (1818–1891). Im Mittelpunkt ihrer Recherchen standen das Leben sowie die interkulturelle Vermittlerrolle des österreichischen Arztes und Ethnographen, der 1851 die erste moderne medizinische Schule in Teheran begründet hatte, dort lehrte und schließlich zum „königlich persischen Leibarzt“ avancierte. Nach seiner Rückkehr betätigte er sich in Österreich auf verschiedenen institutionellen Ebenen und verkehrte in diversen Netzwerken. Gächter konnte zeigen, dass sein vielseitiges Wirken zu einer nachhaltigen Verdichtung der Beziehungen zwischen dem Habsburgerreich und dem Iran geführt hat. Im Verlauf ihrer Forschungstätigkeiten entdeckte sie Fragmente eines Grabsteins für den Gelehrten auf dem Wiener Zentralfriedhof und veranlasste eine Überführung in das Weltmuseum Wien.
In den Jahren 2013 und 2014 arbeitete Afsaneh Gächter im Auftrag von Hubert Dürrstein, dem damaligen Geschäftsführer der Österreichischen Austauschdienst-Gesellschaft (OeAD-GmbH), an einem Pilotprojekt zum iranischen Bildungssystem. Darüber hinaus organisierte sie Delegationsreisen österreichischer Hochschulen in den Iran. Mit dem Ziel gelingender Integration beriet sie die Arbeiterkammer Wien in der Frage, wie Bildungsvoraussetzungen, Kompetenzen und Qualifikationen von Personen erfolgreich angebracht werden können, die aus dem Iran in Österreich einwanderten. Aufgrund ihrer Expertise wurde Afsaneh Gächter in der Periode 2021/2022 vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung als Referentin für akademische Anerkennung bei ENIC NARIC Austria bestellt. In ihr Arbeitsgebiet fiel die Betreuung multilateraler und bilateraler Anerkennungsabkommen und insbesondere die grenzüberschreitende Bewertung von Hochschulqualifikationen.
2015 wandte sie sich erneut ihrem Interessensschwerpunkt um Jacob E. Polak zu und leitete an der Medizinischen Universität Wien ein über zwei Jahre laufendes Forschungsprojekt mit dem Titel Kulturtransfer zwischen Österreich und Iran im 19. Jahrhundert: Der Arzt und Gelehrte Jacob E. Polak. Am Josephinum angesiedelt, wurde das Projekt aus Mitteln des Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank gefördert. Die Ergebnisse mündeten in eine Tagung und flossen in eine Biografie über Jacob E. Polak ein. Beides fand breite Resonanz.
Von 2015 bis 2025 war sie Mitglied der Arbeitsgruppe für Geschichte der Medizin und Medical/Health Humanities der Kommission für Geschichte und Philosophie der Wissenschaften (ÖAW), die von Helmut Denk, Wolfgang Schütz und Felicitas Seebacher geleitet wurde. Afsaneh Gächter übernahm tragende Funktionen. So organisierte sie in Kooperation mit der Österreichisch-Iranischen Ärztegesellschaft die interdisziplinäre Tagung Transkulturalität im österreichischen Gesundheitswesen, die bereits im Vorfeld hohe Medienaufmerksamkeit erhielt.
Mit Übernahme der Leitung des Zentrums zur Erforschung psychischer Gesundheit an der Universität für Weiterbildung in Krems 2023 erweiterten sich ihre Forschungsagenden. Vermehrt forschte sie nun zu den Herausforderungen gegenwärtiger Gesundheitspolitiken in Österreich. Quantitative und qualitative Herangehensweisen verbindend, analysierte und publizierte sie zu Gefährdungen mentaler Gesundheit während der Coronakrise, zur wachsenden Suizidalität österreichischer Landwirte oder zu den schwerwiegenden Folgen erhöhten Smartphone-Gebrauchs für Jugendliche.
Afsaneh Gächter ist Mitherausgeberin des Sammelbandes Break Through. Denkräume der Medizingeschichte und Medical Humanities in Österreich. Der Band enthält ausgewählte Beiträge von 20 Autoren, die auf Sitzungen des genannten Arbeitskreises für Geschichte der Medizin und Medical/Health Humanities vorgestellt und diskutiert wurden. Er liefert ein vielstimmiges Bild dieser sich seit den 1970er Jahren dynamisch entwickelnden Disziplin an der Grenze von Medizin, Geschichte, Soziologie, Kultur und Ethik und adressiert Forschung, Lehre und Praxis.
Publikationen (Auswahl) Monographien
In persischer Sprache
Herausgeberschaften
Beiträge in Sammelwerken
Weblinks (Auswahl) Website von Afsaneh Gächter auf den Seiten der Universität für Weiterbildung in Krems Literatur von Afsaneh Gächter: DNB, Katalog der Deutschen Nationalbibliothek Interview mit Afsaneh Gächter auf der Website der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Afsaneh Gächter: Die Wiener Medizin an den Hochschulen im Iran. Akteure und ihre Netzwerke im 19. und 20. Jh., Vortrag (12.04.2019), am Institut für Wissenschaft und Kunst, Wien
Einzelnachweise
Kategorie:Wissenschaftler Kategorie:Hochschullehrer (Universität für Weiterbildung Krems) Kategorie:Autor Kategorie:Absolvent der Universität Wien Kategorie:Wissenschaftler (21. Jahrhundert) Kategorie:Wissenschaftshistoriker Kategorie:Iraner Kategorie:Österreicher Kategorie:Geboren 1965 Kategorie:Frau