mini|SA-Leute besetzen das Gewerkschaftshaus am Engelufer in Berlin-Mitte, 2. Mai 1933.

Als Zerschlagung der Gewerkschaften wird das Ende der deutschen Gewerkschaften am 2. Mai 1933 zu Beginn der Zeit des Nationalsozialismus bezeichnet. Die Gewerkschaftshäuser, Redaktionen und Zahlstellen des vormals SPD-nahen Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds (ADGB) wurden durch Angehörige der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO), der SA und der SS besetzt, seine Funktionäre kamen in die neu entstandenen Konzentrationslager, das Vermögen ging an die NSBO über. Zwei Tage später unterstellten sich auch die christlichen und die Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine der NSBO, sie alle gingen in der Deutschen Arbeitsfront (DAF) auf. Vorausgegangen waren nationalsozialistische Terrorakte gegen die sozialistischen Gewerkschaften, deren Versuche, sich opportunistisch an das NS-Regime anzupassen, und der von diesem organisierte „Tag der nationalen Arbeit“ am 1. Mai, an dessen Feierlichkeit sich viele Gewerkschaftsmitglieder beteiligt hatten.

Beginn der staatlichen Repression Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und insbesondere nach der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat, die faktisch den Ausnahmezustand verhängte, kam es in ganz Deutschland zu bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen der SA, die zur Hilfspolizei ernannt worden war, gegen Kommunisten und Sozialdemokraten.Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4: Vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914–1949 C.H. Beck, München 2003, ISBN 978-3-406-57872-4, S. 604 f. Davon waren auch die im ADGB zusammengeschlossenen Freien Gewerkschaften betroffen: Gewerkschaftshäuser wurden überfallen, Funktionäre verprügelt oder in ein Konzentrationslager eingeliefert.Hans Mommsen: 2. Mai 1933 – ein Rückblick von Hans Mommsen, auf boeckler.de, April 2003. Nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933, bei der die NSDAP 43,9 % der abgegebenen Stimmen erhalten hatte, wurden der ADGB-Spitze solche Gewaltvorfälle nahezu täglich gemeldet.Heinrich August Winkler: Der Weg in die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1930 bis 1933 (= Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik, Band 3). Dietz J.H.W. Nachf., Bonn 1990, ISBN 3-8012-0095-7, S. 910.

Am 4. April wurden zudem die bereits laufenden Betriebsratswahlen gesetzlich ausgesetzt. Hintergrund war, dass die NSBO zumeist deutlich schlechter abschnitt, als die Nationalsozialisten erwartet hatten. Meist hatten die freigewerkschaftlichen Kandidaten gewonnen. In den Berliner Elektrizitäts-Werken etwa hatte 91 % der Belegschaft für sie gestimmt. Einzig in der Ruhrindustrie, nämlich in einigen Werken der Friedrich Krupp AG und im Ruhrbergbau, hatte die NSBO eine Stimmenmehrheit errungen. Der Historiker Wolfgang Zollitsch führt dies unter anderem darauf zurück, dass unter Tage besonders viele Ungelernte arbeiteten, die keine enge Gewerkschaftsbindung hatten. Auch habe es viele Protestwähler gegeben, die zuvor den Kandidaten der kommunistischen Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition ihre Stimme gegeben hatten; diese war aber nur noch im Untergrund tätig. Aufgrund der ansonsten für sie enttäuschenden Ergebnisse hatte die NSBO von sich aus weitere Betriebsratswahlen verhindert, bis die Regierung Hitler mit dem Gesetz nachzog. Das Gesetz gab den obersten Landesbehörden außerdem die Befugnis, Betriebsratsmitglieder, die sich „in staatsfeindlichem, insbesondere kommunistischen Sinn“ betätigt hätten, zu ersetzen.Heinrich August Winkler: Der Weg in die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1930 bis 1933. Dietz J.H.W. Nachf., Bonn 1990, S. 907 ff.

Reaktionen der Gewerkschaften Die ADGB-Führung unter Theodor Leipart entschied sich demgegenüber zu einem legalistischen Anpassungskurs an das Regime.Knud Andresen: Gewerkschaftsgeschichte. Version: 1.0: In: Docupedia-Zeitgeschichte, 26. August 2021. Diese Linie hatte Leipart bereits kurz nach Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler ausgegeben, als viele die Zeit für einen Generalstreik, die Mobilisierung des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold und der Eisernen Front gekommen sahen. „Organisation – nicht Demonstration ist die Parole der Stunde“, erklärte er am 31. Januar 1933: Es gelte Disziplin und Einigkeit zu wahren und keine unüberlegten Aktionen zu starten. Im Frühjahr 1933 verfolgte die ADGB-Führung zwei Strategien: Sie passte sich in ihren Veröffentlichungen an das neue Regime an und sie bereitete die Bildung einer Einheitsgewerkschaft vor.

Ideologische Anpassung Hitlers Rede vor dem Deutschen Reichstag am 23. März 1933 wurde in der Gewerkschafts-Zeitung des ADGB positiv bewertet: Zustimmend zitierte Redakteur Richard Seidel Adolf Hitlers Aussage: „Das Volk lebt nicht für die Wirtschaft, und die Wirtschaft existiert nicht für das Kapital, sondern das Kapital dient der Wirtschaft und die Wirtschaft dem Volk“, und lobte weitere Äußerungen von ihm namentlich zur Aufrechterhaltung der Sozialversicherungen. Kritisch bewertete Seidel allenfalls, dass er nichts über die Gewerkschaftsfrage gesagt hatte.

mini|Ausriss aus der Ausgabe der Hamburger Zeitung des ADGB Die freie Gewerkschaft vom 16. März 1933 mit der Mahnung, Ruhe zu bewahren und sich mit Blick auf die Betriebsratswahlen jeglicher Parteipolitik zu enthalten, ausgestellt in der Gedenkstätte Ernst Thälmann, Hamburg-Eppendorf Auch auf die Aussetzung der Betriebsratswahlen folgte kein Wort der Kritik in der Gewerkschaftspresse. Im Gegenteil, die Gewerkschafts-Zeitung bewertete es positiv, dass „alle Maßnahmen außergesetzlicher Art nunmehr unzulässig“ seien; das Regime wurde aufgefordert, die Möglichkeit, Betriebsratsmitglieder zu entlassen, nur auf Kommunisten anzuwenden – „die Gewerkschaften waren und sind parteipolitisch ungebunden“. Damit distanzierte sich das Blatt erstmals von der SPD, der die im ADGB versammelten Gewerkschaften traditionell immer nahegestanden hatten.Heinrich August Winkler: Der Weg in die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1930 bis 1933. Dietz J.H.W. Nachf., Bonn 1990, S. 920. Am 20. März beschloss der ADGB-Vorstand eine Erklärung, die tags darauf auch Hitler zugeleitet wurde. Darin hieß es, die Gewerkschaften seien „ein unerläßlicher Bestandteil der sozialen Ordnung selbst“, der „im Verlauf ihrer Geschichte aus natürlichen Gründen mehr und mehr mit dem Staat verwachsen sei“; dies gelte „gleichviel welcher Art das Staatsregime ist“. Werte wie Demokratie und Sozialismus kamen nicht mehr vor, auch die Bindung an die SPD war damit gekappt. Die Erklärung kam, wie Erich Matthias schreibt, einer „Loyalitätsversicherung“ an Hitler gleich.Erich Matthias: Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands. In: derselbe, Rudolf Morsey (Hrsg.): Das Ende der Parteien 1933. Darstellungen und Dokumente. Unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1960, Droste, Düsseldorf 1979, S. 101–278, hier S. 177 f. Am 15. April zitierte die Gewerkschafts-Zeitung Leipart, der das Kabinett Hitler eine Regierung nannte, „die sich das große und auch von den Gewerkschaften anerkannte Ziel setzt, die innere und äußere Freiheit der Nation auf die schöpferischen Kräfte des ganzen Volkes zu gründen“ – gerade eine solche Regierung müsse die „geschichtliche Leistung der Gewerkschaften“ anerkennen. Der Historiker Heinrich August Winkler nennt diese Töne „eine politische Verbeugung“ vor Hitler, Hans-Ulrich Wehler schreibt von einem „abstoßenden Akt opportunistischen Anbiederns“.Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4: Vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914–1949 C.H. Beck, München 2003, S. 609.

Diese Haltung steigerte sich noch, als das NS-Regime den 1. Mai als Tag der nationalen Arbeit zum Feiertag erhob und zu Massendemonstrationen aufrief. In einem „öffentlichen Unterwerfungsakt“ (Heinrich August Winkler) begrüßte der ADGB-Vorstand diesen Schritt in einem Aufruf vom 15. April und übernahm dabei teilweise sogar die Sprache des Nationalsozialismus:

Am 22. April rief der ADGB-Vorstand sogar explizit zur Teilnahme an den Mai-Demonstrationen auf – zuvor hatte Leipart dem Fraktionsvorsitzenden der SPD im Reichstag Otto Wels noch zugesagt, dass genau das nicht geschehen werde.Heinrich August Winkler: Der Weg in die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1930 bis 1933. Dietz J.H.W. Nachf., Bonn 1990, S. 921 f. In der gleichen Ausgabe der Gewerkschafts-Zeitung lobte Franz Josef Furtwängler die Gleichschaltung der Länder („Reichseinheit nach 300 Jahren!)“ und delegitimierte die Weimarer Republik als „Exekutivorgan der Versailler Ordnung“. In der Ausgabe vom 29. April nahm Walter Pahl die Werte Nationalismus und Sozialismus für die Gewerkschaften in Anspruch, die sich von der NSDAP lediglich, was die Priorität betreffe, unterscheiden würden:

Doch nicht alle sozialistischen Gewerkschafter waren mit diesem Kurs einverstanden. Siegfried Aufhäuser, der hauptamtliche Leiter des Allgemeinen freien Angestelltenbundes (AfA-Bund), der jüdischer Herkunft war, trat aus Protest am 28. März 1933 zurück. Zwei Tage später löste sich der AfA-Bund selbst auf.Ulrich Borsdorf: Aufhäuser, Siegfried, Gewerkschafter. In: Wolfgang Benz, Hermann Graml (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Weimarer Republik. C.H. Beck Verlag, München 1988, S. 13.

Ansätze zu einer Einheitsgewerkschaft

Die zweite Strategie, die die Gewerkschaften im Frühjahr 1933 verfolgten, war die Bildung einer Einheitsgewerkschaft. Hierzu rief Richard Seidel am 1. April in der Gewerkschafts-Zeitung auf und erklärte, nach ihrem Zustandekommen bedürfe es „keiner richtungsmäßigen Unterscheidungsmerkmale politischer und weltanschaulicher Art mehr“ – eine klare Absage an die SPD. Ähnliche Töne waren aus den christlichen und den liberalen Gewerkschaften sowie vom nationalen Gewerkschaftsbund der Angestellten zu hören. Am 13. April trafen sich Leipart und Wilhelm Leuschner mit Ludwig Brucker vom Bundesvorstand der NSBO, der behauptete, die Nationalsozialisten strebten ebenfalls eine Einheitsgewerkschaft an: Diese solle NSBO-Führer Walter Schuhmann unterstehen. Leipart und die ADGB-Spitze hätten zurückzutreten, mit den anderen Gewerkschaftern werde man zusammenarbeiten. Leipart protestierte gegen die Gewalt gegen Gewerkschafter, Leuschner versuchte Brucker auf den Grundsatz festzulegen, dass die Gewerkschaften nicht zerschlagen werden würden. Das Gespräch blieb ohne Ergebnis.Heinrich August Winkler: Der Weg in die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1930 bis 1933. Dietz J.H.W. Nachf., Bonn 1990, S. 920 f.

Konkrete Einigungsgespräche mit Vertretern der christlichen und der Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften begann Leuschner dann im privaten Rahmen am 20. April.Gerhard Beier: Gleichschaltung und Widerstand. Zum Verhalten der deutschen Gewerkschaften im April 1933 im Lichte bisher unbekannter Dokumente. In: Gewerkschaftliche Monatshefte 26 (1975), Heft 7, S. 410–421, hier S. 416. Am 28. April 1933 einigte man sich schließlich auf ein Gründungsmanifest für den „Führerkreis der vereinigten Gewerkschaften“, der die Keimzelle der neuen Einheitsgewerkschaft werden sollte. Das Manifest stammte in der Hauptsache von den christlichen Gewerkschaftern Theodor Brauer und Jakob Kaiser und enthielt, wie Heinrich August Winkler urteilt, nachgerade einen „Hymnus auf das ‚Dritte Reich‘“: