Otto Mühlschlegel (* 30. Dezember 1898 in Ulm als Gustav Adolf Otto Mühlschlegel; † 10. Oktober 1995) war ein deutscher Ingenieur, Unternehmer und Stifter. Er war Inhaber und Leiter der Autotechnischen Vertriebs- und Organisationsgesellschaft (AVOG) in der Gemeinde Bühlertal, Landkreis Rastatt.

Leben und Werk Herkunft und Ausbildung Otto Mühlschlegel wuchs mit zwei älteren Geschwistern in einer wohlhabenden Familie in Ulm auf. Dort betrieb sein Vater, der als „Münsterbäcker“ bekannte Konditor Adolf Gustav Mühlschlegel,Familienregister des Standesamts Ulm (Band 27, Blatt 169). am Münsterplatz das traditionsreiche Café Tröglen mit eigener Konditorei.Werbeanzeige für das Café Tröglen, Adressbuch Ulm 1898, S. 72.

Den Ersten Weltkrieg erlebte Otto Mühlschlegel als Kriegsfreiwilliger im Fronteinsatz; sein Bruder Alfred starb bereits 1914 als Soldat in Belgien. Kurz nach Kriegsende ermöglichte ihm sein Vater ein Ingenieurstudium in Stuttgart. Bereits während des Studiums entwickelte Mühlschlegel unternehmerische Fähigkeiten und betrieb eine Tankstelle. 1922 schloss er sein Studium als Diplom-Ingenieur der Fachrichtung Maschinenbau ab.

Werdegang als Unternehmer Im Jahr 1930, inmitten der Weltwirtschaftskrise, erwarb Mühlschlegel die Stuttgarter Autotechnikvertriebs- und Organisationsgesellschaft (AVOG), ein feinmechanisches Werk, das als erstes auf dem europäischen Kontinent elektrische Scheibenwischer herstellte. Mühlschlegel konnte nach und nach Großfirmen von der Nützlichkeit dieses Produkts überzeugen, ab 1936 mit der Produktion in Serie gehen und expandieren, so dass 1938 ein Umzug des Betriebs in die badische Gemeinde Bühlertal im Schwarzwald erfolgte. Auf diesen Ort war Mühlschlegel durch eine Verkaufsanzeige aufmerksam geworden.

Im Zweiten Weltkrieg geriet das Unternehmen in Schwierigkeiten, so dass die Firma gezwungen war, auf kriegswichtige Produkte umzustellen. Nach Kriegsende demontierte die französische Besatzungsmacht einen Großteil der Maschinen des Betriebs im Rahmen ihrer Ansprüche auf Reparationen.

Mit der marktwirtschaftlichen Produktionsweise und der Herstellung von Übergangsprodukten gelang der Aufstieg zu einem bedeutenden Mittelstandsbetrieb der Nachkriegszeit im Südwesten Deutschlands. Nach der Währungsreform blühte das Werk weiter auf, und um 1959 hatte die AVOG mehr als 1500 Beschäftigte. Die Firma belieferte wieder die Automobilindustrie mit Wischermotoren und erweiterte die Produktpalette mit Haushaltsgeräten, beispielsweise Nähmaschinenmotoren, Handmixern, Elektrorasierern, die der Firmenchef mitentwickelte. Für die Fertigung von Kleinmotoren wurde die Tochtergesellschaft Elektromotorenbau GmbH Bühlertal (EMB, später EMOB) gegründet. So stieg das Unternehmen zum größten Arbeit- und Finanzgeber der Gemeinde und ihrem Umland auf.

Der sparsam und vorausschauend wirtschaftende Mühlschlegel hatte sich immer umfassend für sein Unternehmen eingesetzt und sich kaum Urlaub gegönnt, so dass er nach dreißig Jahren gesundheitlich angeschlagen war. Daher vereinbarte er 1959 einen Betriebsführungsvertrag mit der Firma Robert Bosch GmbH in Stuttgart, der einen sukzessiven Verkauf vorsah. Mühlschlegel war in zweiter Ehe kinderlos geblieben und sah in der Transaktion eine Möglichkeit, die Zukunft seines Unternehmens langfristig zu sichern. Ab 1965 lag das Unternehmen mit seinen Werken in den Händen der Firma Bosch. Als beratender Geschäftsführer blieb Mühlschlegel aber der AVOG erhalten.

1969 erhielt Mühlschlegel anlässlich seines siebzigsten Geburtstages die Ehrenbürgerwürde der Gemeinde Bühlertal für seine Verdienste um die wirtschaftliche Entwicklung der Gemeinde. Das Museum Geiserschmiede in Bühlertal widmet seit 2001 einen Raum der AVOG.

Stifter und Stiftung Mühlschlegels spätere Jahre waren, nach einer gewissen Phase des privaten Rückzugs, von seiner Stiftungstätigkeit geprägt. Angeregt wurde er durch Robert Bosch, dessen Unternehmerpersönlichkeit und Aktivitäten im Bereich des Gemeinwohls für Mühlschlegel ein Vorbild waren.

Zusammen mit seiner zweiten Ehefrau Edith, geb. Heermann (* 1913 in Stuttgart; † 2006 in Baden-Baden), die schon seit 1930 im Unternehmen tätig war und die er 1952 geheiratet hatte, gründete Mühlschlegel 1978 in Stuttgart die „Otto und Edith Mühlschlegel Stiftung“ aus dem Erlös der Firma und dem Verkauf von Grundstücken. Der Stiftungszweck war die Altenhilfe und -pflege, ein Bereich, in dem die Stifter Defizite sahen. Durch den Bau von altersgerechten Wohnanlagen sollten ältere Menschen möglichst lange selbstständig leben können, verbunden mit neuen Impulsen in der stationären Altenpflege. Das erste große Projekt dieser Stiftung wurde schon 1980 begonnen und 1992 vollendet – das Haus am Weinberg in Stuttgart-Obertürkheim. Es verband modellhaft selbstständiges Wohnen mit sicherer Dienstleistung und notwendiger Pflege. In Bühlertal konnte die Gemeinde 1996, dank der Stiftungsgelder und weiterer finanzieller Unterstützung, ein modernes Seniorenzentrum eröffnen. Auch in Weinstadt verwirklichte die Mühlschlegel-Stiftung 2002 den Bau einer Altenhilfeeinrichtung (Otto-Mühlschlegel-Haus), die heute zur Diakonie Stetten im Remstal gehört.

Bis ins hohe Alter war Otto Mühlschlegel aktiv und absolvierte bis zu seinem 95. Lebensjahr volle Arbeitstage im Dienst seiner Stiftung, in deren Belange er und seine Frau eng eingebunden waren. Edith Mühlschlegel führte das Stiftungswerk nach dem Tod ihres Mannes weiter.

2002 wurde das Vermögen der Stiftung unter das Dach der Robert Bosch Stiftung übertragen. Daraus resultierte die unselbstständige Otto und Edith Mühlschlegel Stiftung. Zudem wurde ein Otto Mühlschlegel Preis ausgelobt, der 2004 erstmals vergeben wurde. Alle zwei Jahre würdigte er vorbildliche Projekte, die den Bedürfnissen alter Menschen Rechnung trugen hinsichtlich Betreuung, Pflege oder Gestaltung des Lebensraums.

Von 2012 bis 2020 ergänzte die Robert Bosch Stiftung GmbH die Auszeichnung durch eine jährliche Vergabe des Deutschen Alterspreises mit einer Gesamtpreissumme von 120 000 Euro und etablierte bis 2020 den Otto Mühlschlegel Preis als undotierten Ehrenpreis, der Persönlichkeiten ehrte, die besondere Verdienste um das Alter und das Altern erworben hatten. Die Preisträger durften eine Organisation ihrer Wahl, die sich um Belange des Alters bzw. alter Menschen kümmerte, mit 30 000 Euro unterstützen.

2024 wurde dieser Preis umgewandelt in die vom Health Campus der Robert Bosch Stiftung alle zwei Jahre vergebene Auszeichnung Ideas for Impact. Der mit 100.000 Euro dotierte Preis, der sich als ganzheitlicher Gesundheitspreis versteht, zeichnet innovative Modelle in Deutschland aus, die wegweisende Konzepte zur gesundheitlichen Versorgung und Lebensqualität älterer Menschen aufweisen.

Literatur Robert Bosch Stiftung (Hrsg.): Otto und Edith Mühlschlegel Stiftung – ein Stifterwerk bleibt lebendig. Stuttgart 2018, PDF. Robert Bosch Stiftung (Hrsg.): Otto und Edith Mühlschlegel. Stuttgart 2006. Judith Feuerer: Otto Mühlschlegel – ein Glücksfall für Bühlertal. In: Die Gemeinde BWGZ. Jg. 128, 2005, S. 155–156.

Weblinks Webauftritt der Gemeinde Bühlertal (wirtschaftliche Entwicklung) Webauftritt der Firma Robert Bosch (Werke in Bühl / Bühlertal)

Einzelnachweise

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