Eugen Joseph (* 19. August 1854 in Stargard, Pommern, heute Stargard (Polen); † 17. Mai 1901 in Marburg) war ein Germanist, Mittelalter- und Goethe-Forscher und lehrte in Straßburg und Marburg.
Leben Eugen Joseph wurde als Sohn des begüterten und wohltätigen jüdischen Kaufmanns Jakob Joseph und seiner Frau Bertha, geb. Feig geboren. Seine Mutter zog nach dem frühen Tod ihres Mannes (er hatte sich bei einem hungrigen Landstreicher, dem er Kost und Logis gewährte, an dessen Läusen mit Fleckenfieber, damals „Hungerthyphus“ genannt, infiziert) im Jahre 1866 mit vier Kindern nach Berlin.
Auffallend spät, im Jahre 1875, in seinem 22. Lebensjahr, machte, Joseph in Berlin sein Abitur, am protestantischen Gymnasium zum Grauen Kloster. Er begann zunächst ein Studium der Medizin, ab Sommer 1876 dann aber der Deutschen, Englischen und Romanischen Philologie, zunächst in Straßburg bei Wilhelm Scherer und Erich Schmidt, Bernhard ten Brink und Gustav Gröber; 1877 folgte er Scherer von Straßburg nach Berlin. Wiederum auffallend spät, im Jahre 1885, promovierte ihn Ernst Martin, Scherers Nachfolger in Straßburg, mit einer Arbeit über Konrad von Würzburg. Die Dissertationsschrift ist im Druck seinem Schwager Gustav Jacobsthal zugeeignet. Bevor er von 1887 bis 1899 als Privatdozent (und ab 1899 als außerordentlicher Professor) für Deutsche Philologie in Straßburg lehrte, arbeitete er als Volontär im Kgl. Kupferstichkabinett in Berlin und wurde von Scherer an einigen Publikationsprojekten beteiligt. Aus dieser Zeit stammt ein Brief an Gustav Jacobsthal, der ein ziemlich klares Bild von Eugen Josephs Situation kurz nach der Promotion und seiner labilen Selbsteinschätzung sowie der einflussreichen Stellung gibt, die Jacobsthal als Förderer bei seinem Freund Scherer und dessen Straßburger Nachfolger Ernst Martin gehabt haben soll.Dieser Brief vom 25. Oktober 1885 ist im Nachlass Jacobsthal, Teil CII8, I, in einer dreiseitigen, nicht von Jacobsthals Hand (sondern von Eugen Joseph) stammenden Abschrift von „De Cymbalis Musicis“ (66a + b) eingelegt und bei Peter Sühring, Gustav Jacobsthal, ein Musikologe im deutschen Kaiserreich, Hildesheim 2012, S. 587f. abgedruckt. Auch die Vorahnung, als Jude letztlich erfolglos bleiben zu müssen, ist spürbar, mit Scherers Tod im Jahre 1886 verlor er seinen entscheidenden Protektor.
Eugen Joseph vollzog seine Konversion zum evangelischen Christentum anlässlich seiner Heirat mit Noëmi Candidus im Jahre 1890. Josephs Berufung zum Extraordinarius nach Marburg erfolgte Anfang des Jahres 1900, in einem Alter, in dem es aus seiner Sicht, „mit der Fähigkeit zu jugendlichen Empfindungen ganz vorbei“ war (Brief an Gustav Jacobsthal vom 25. Oktober 1885) und wo er im Mai 1901 infolge Nervenzerrüttung, wie es offiziell hieß, den Freitod suchte. Erwin Jacobsthal gab in seiner Autobiografie Wechselspiel eines Lebens von seinem Onkel ein eigenes Bild seines Charakters, seiner Ehe mit Noëmi Candidus und seines Todes:
„Onkel Eugen war ein ziemlich stiller, sensibler Mensch. Er studierte deutsche Philologie bei Wilhelm Scherer und Erich Schmidt. Später hat ihm dann mein Vater verschafft, daß er sich in Straßburg für germanische Philologie habilitieren durfte. Dann wurde er als außerordentlicher Professor nach Marburg berufen. Ich erinnere mich noch, wie er eines Tages überraschend erschien, um zu berichten, daß er sich mit Noemi Candidus verlobt habe. Tante Noemi war erstens eine Christin und zweitens arm. Tante Noëmi war eine von vier besonders feinen Geschwistern. Sie stammten aus einem Pfarrergeschlecht, das seit dem evangelischen, elsässischen Reformator Buzer nur aus Pfarrern bestand. Ihr Vater war Pfarrer in Rußland und damit sie wohl auch geborene Russin. Tante Noemi discutierte, während ihr erster Sohn Carli geboren wurde, sehr intensiv über die Philosophie des Descartes. Ich habe bei Onkel Eugen in seinem germanistischen Seminar der Strassburger Universität gearbeitet und damals ein Referat über Goethes „Wanderer“ gehalten. Aber leider war Onkel Eugen ein Neurastheniker, und oft konnte er sich nicht, wie er wollte, concentrieren. So kam über ihn jenes tragische Schicksal so mancher Wissenschaftler, die an einer Incongruenz zwischen Wollen und Leistung leiden. Mitten aus einer sehr glücklichen Ehe schied er unerwartet, indem er sich im Keller in Marburg erschoss. Ich war auf seiner Beerdigung, an der die ganze Universität teilnahm.“Gekürzte Wiedergabe einer Passage aus Erwin Jacobsthals Autobiografie Wechselspiel eines Lebens, abgedruckt in: P. Sühring, G. Jacobsthal, ein Musikologe, S. 44f.
Wirken Neben alt- und mittelhochdeutschen Editionen und Kommentaren zu Konrad von Würzburg und einigen Minnesängern beteiligte sich Joseph an der Goethe-Forschung und gab Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahre zusammen mit dem Goethe-Forscher Julius Wahle als Bände 24 und 25 der 1. Abteilung der Weimarer Sophienausgabe der Werke Goethes, Weimar 1894/95, heraus. Julius Wahle veröffentlichte aus dem Nachlass Josephs den philologischen Kommentar zu den Wanderjahren als Band 25,2 (1905), bestehend aus Lesarten und Paralipomena. Der von Joseph vorbereitete eigentliche Kommentar zu den „Wanderjahren“ in der Sophien-Ausgabe in Form einer „ausführlichen Einleitung – ausführlicher als sonst im Rahmen der Weimarischen Ausgabe üblich“ (Wahle) blieb leider ungeschrieben und ist auch nicht aus den Vorarbeiten von anderer Hand vollendet worden, so dass dieses Werk Goethes innerhalb der Sophien-Ausgabe ohne Kommentar geblieben ist. Nach Ansicht von Julius Wahle, der anstelle von Joseph eine rein editorische Einleitung schrieb und sich mit der Redigierung der von Joseph gesammelten Lesarten und Paralipomena begnügte, zeige, „die grosse Masse der Vorarbeiten (…) noch anschaulicher als die gedruckten Lesarten [und Paralipomena], welchen Aufwand von Fleiss und Mühe, von gründlicher und scharfsinniger Gedankenarbeit der Verstorbene diesem im Fortgange ihm immer lieber gewordenen Werke zugewandt hat.“Goethes Werke, herausgegeben im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen, 25. Bd., 2. Abt., Weimar 1905, S. V). Der Germanist Max Hecker war es schließlich, die einen alten unvollendeten Plan Eugen Josephs im Jahr 1947 verwirklichte, Goethes Gedichte chronologisch nach der Zeit ihres Entstehens sortiert herauszugeben (Insel Verlag).
Schriften
Konrads von Würzburg Klage der Kunst, Strassburg 1885 Die Frühzeit des deutschen Minnesangs. 1. Die Lieder des Kürenbergers, Strassburg 1896 Das Heidenröslein 1897 Goethe und Lili, 1899 Das Liederbuch Meinlohs von Sevelingen und Schemata anderer Liederbücher, 1899
Herausgeber: Konrad von Würzburg, Engelhard: Eine Erzählung, Leipzig 1890 Zusammen mit Julius Wahle, Goethes Werke im Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen, Bände 24 und 25: Wilhelm Meisters Wanderjahre, Weimar 1894/95; Band 25,2: Lesarten und Paralipomena zu Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahre nach den Unterlagen Eugen Josephs, redigiert von Julius Wahle, Weimar 1905.
Literatur Peter Sühring, Gustav Jacobsthal. Ein Musikologe im deutschen Kaiserreich. Musik inmitten von Natur, Geschichte und Sprache. Eine ideen- und kulturgeschichtliche Biographie mit Dokumenten und Briefen, Hildesheim 2012, S. 43–45.
Einzelnachweise
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