Die Erdbebenkommission des Naturwissenschaftlichen Vereins in Karlsruhe (historisch auch als Badische Erdbebenkommission bezeichnet) war eine im Jahr 1880 gegründete wissenschaftliche Institution zur systematischen Überwachung, Erfassung und Erforschung seismischer Aktivitäten im Großherzogtum Baden.Matthäus Haid: Die seismischen Stationen Durlach und Freiburg i. B. Denkschrift zum 25jährigen Bestehen der Erdbebenkommission des Naturwissenschaftlichen Vereins in Karlsruhe. Druck der G. Braunschen Hofbuchdruckerei, Karlsruhe 1906, S. 7–9. Sie leistete bedeutende Pionierarbeit für die instrumentelle Seismologie im Oberrheingraben und im Schwarzwald und war eine der ersten staatlich unterstützten geophysikalischen Einrichtungen im Deutschen Kaiserreich.
Geschichte und Organisation Vorgänger und Einordnung Die Gründung der Karlsruher Erdbebenkommission im Jahr 1880 erfolgte in einer frühen Phase der Institutionalisierung der weltweiten Seismologie. Sie war nach der Schweizer Erdbebenkommission (1878) und der kaiserlich-japanischen Struktur, aus der die Seismological Society of Japan (1880) hervorging, eine der ältesten dauerhaften Erdbebenorganisationen weltweit. Im regionalen Umfeld ging sie der Württembergischen Erdbebenkommission (1886) um sechs Jahre sowie der Österreichischen Erdbebenkommission (1895) um fünfzehn Jahre voraus.Heinz Mälzer: Die Erdbebenwarte des Geodätischen Instituts (1904–1966). In: Festschrift zur 150-Jahr-Feier des Geodätischen Instituts (1868–2018). KIT-Scientific Publishing, Karlsruhe 2018, S. 45–47.
Gründung und Akteure Die Initiative zur Gründung ging von Geowissenschaftlern, Geodäten und Naturforschern aus, die im Naturwissenschaftlichen Verein in Karlsruhe sowie an der Grossherzoglichen Technischen Hochschule (dem heutigen Karlsruher Institut für Technologie) organisiert waren. Ziel war die systematische Beobachtung der tektonischen Bruchlinien entlang des seismisch aktiven Oberrheingrabens.
In den ersten Jahrzehnten wurde die Arbeit maßgeblich von namhaften Karlsruher Geologen getragen, welche die makroseismischen Berichte und tektonischen Analysen der badischen Erdstöße auswerteten, darunter: Karl Futterer Emil Böse Karl von Kraatz-Koschlau (1867–1900) Richard Langenbeck
Wissenschaftliche Arbeit und Instrumentalisierung In der Frühphase ab 1880 stützte sich die Kommission vor allem auf die Methoden der Makroseismik. Durch den systematischen Einsatz von Fragebögen an lokale Chronisten, Lehrer und Beamte im Großherzogtum wurden gefühlte Erschütterungen und Gebäudeschäden ausgewertet, um Epizentren einzugrenzen und Isoseistenkarten zu zeichnen. Die Kommission gab hierzu die regelmäßigen Mittheilungen der Erdbebencommission des Naturwissenschaftlichen Vereins zu Karlsruhe heraus.Verhandlungen des Naturwissenschaftlichen Vereins in Karlsruhe (Beilage: Mittheilungen der Erdbebencommission). In: Zeitschriftendatenbank (ZDB), ID: 519368-0, abgerufen am 9. August 2026.
Die Ära Matthäus Haid Eine grundlegende Modernisierung und der Übergang zur instrumentellen (gerätegestützten) Seismologie vollzog sich ab dem Jahr 1903, als der Geodät und Geophysiker Matthäus Haid die Leitung der Erdbebenkommission übernahm.Matthäus Franz Haid. In: Stadtlexikon Karlsruhe, Institut für Stadtgeschichte, abgerufen am 9. August 2026. Haid beendete die Phase der rein beschreibenden Berichte und trieb die Errichtung fester, hochempfindlicher seismischer Messstationen voran.
Unter seiner Ägide wurden zwei bedeutende seismologische Stationen im Großherzogtum Baden eingerichtet, die weitgehend erschütterungsfrei im massiven Felsgestein installiert wurden: Station Durlach: Eingerichtet in einem tiefen, stillgelegten Stollen unter dem Turmberg. Station Freiburg: Eingerichtet in einem geschützten Felsenkeller unter dem Freiburger Schlossberg.
Diese Stationen wurden mit hochentwickelten Horizontalpendeln (unter anderem der Bauart Oskar Hecker) ausgestattet. Neben der Erdbebenaufzeichnung dienten die feinen Messungen Haid auch zur Erforschung der Gezeiten und der Starrheitskoeffizienten der festen Erdkruste. Der Turmberg in Durlach – und mit ihm ganz Mitteleuropa – hebt und senkt sich im Rhythmus der Erdgezeiten um bis zu 30 bis 50 Zentimeter.
Historisches Erbe und Verbleib Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Tod Haids im Jahr 1919 wurden die Aufgaben und Messstationen der Kommission schrittweise und vollständig in das Geodätische Institut der Hochschule Karlsruhe überführt, wo sie als universitäre Erdbebenwarte weiterbetrieben wurden.
Die über Jahrzehnte gesammelten makroseismischen Daten und instrumentellen Aufzeichnungen bildeten im Jahr 1993 eine der tragenden Säulen bei der Zusammenführung der historischen Archive zum heutigen Landeserdbebendienst Baden-Württemberg (LED) im Regierungspräsidium Freiburg.
Einzelnachweise
Literatur Matthäus Haid: Die seismischen Stationen Durlach und Freiburg i. B. Denkschrift zum 25jährigen Bestehen der Erdbebenkommission des Naturwissenschaftlichen Vereins in Karlsruhe. Druck der G. Braunschen Hofbuchdruckerei, Karlsruhe 1906. Heinz Mälzer: Die Erdbebenwarte des Geodätischen Instituts (1904–1966). In: Festschrift zur 150-Jahr-Feier des Geodätischen Instituts (1868–2018). KIT-Scientific Publishing, Karlsruhe 2018, S. 45–47.
Kategorie:Seismik Kategorie:Geologie Deutschlands Kategorie:Organisation (Erdbeben) Kategorie:Gegründet 1880 Kategorie:Forschungsinstitut in Karlsruhe