mini|Porträt Ortega y Gassets von Leandro Oroz, 1928 Vom Einfluss der Frau auf die Geschichte ist ein Essay des spanischen Kulturphilosophen und Soziologen Ortega y Gasset, der 1929 unter diesem Titel erstmals im Verlag der Neuen Schweizer Rundschau in Zürich, übersetzt und eingeleitet von Fritz Ernst, veröffentlicht worden ist. 1933 wurde der Text ebenfalls in dem Sammelband Über die Liebe in der Übersetzung durch Helene Weyl von der deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart publiziert, zusammen mit sechs weiteren Essays Ortegas, die zwischen 1926 und 1927 in El Sol und in La Nación de Buenos Aires abgedruckt wurden.Estudios sobre el amor Allianza Editorial, abgerufen am 7. August 2026Über die Liebe, Meditationen, buchfreund.de, abgerufen am 6. August 2026
Der Essay
Der Essay ist der argentinischen Schriftstellerin Victoria Ocampo gewidmet. Victoria Ocampo hatte 1924 ein Buch über Dantes Göttliche Komödie veröffentlicht, zu dem Ortega einen Epilog geschrieben hatte.Victoria Ocampo: De Francesca a Beatrice. Revista de Occidente, Madrid 1924.
Ortegas Essay ist geschrieben als Brief an die Autorin, mit der er eng befreundet war. Für ihn ist sie die Verkörperung des „beispielhaften Frauentums“ (S. 5).alle wörtlichen Zitate aus José Ortega y Gasset: Vom Einfluss der Frau auf die Geschichte. Rinn, 3. Aufl. München nach 1955. Nach Ortega gibt es Epochen, die männlich und andere, die weiblich bestimmt sind. Als Beispiele nennt er das Frühe Mittelalter, in dem sich die Männer dem Kriegshandwerk widmeten, sich die Zeit bei „barischen Trink- und Sangesfesten die Zeit vertrieben“ und Frauen nicht am öffentlichen Leben teilnehmen, während im späten Mittelalters „am Horizont das Gestirn der Frau emporsteigt.“ (S. 10) Nach Ortega ist der Einfluss der Frau auf die Geschichte ein Thema, über das keiner Bescheid wisse. Und bisher habe noch niemand versucht, die Geschichte des Gefühls zu beschreiben, das der Mann der Frau entgegenbringe. Am Beispiel von Dante und Beatrice entwickelt er seine These, wie „die Frau zur Erzieherin des Mannes wird“. Er spricht von der „hohe[n] biologische[n] Aufgabe, die dem Weib zukomme“ und geht dann auf Ocampos Dante-Interpretation ein. „Die Frau als Norm“ (S. 8) sei die große Entdeckung Dantes.
Es folgt ein Exkurs über den Idealismus, über den man mit „verdrießlicher Hartnäckigkeit“ (S. 17) seit 200 Jahren spreche. Auch zur modernen Frauenbewegung hat er eine Meinung: „Mir scheint, daß mir ihre konkreten Ziele Achtung und Förderung zu verdienen scheinen“. (S. 28) Dennoch wage er zu behaupten, sie sei im ganzen eine oberflächliche Bewegung, welche die große Frage, nach dem spezifischen weiblichen Einfluss auf die Geschichte unbeantwortet lasse. Mangel an geistigem Weitblick habe dazu geführt, in sochen Tätigkeitsformen zu suchen, die den männlichen ähnlich sind. Wenn man so vorgehe, werde man natürlich auf Lücken stoßen. (S. 28)
Rezeption Das Buch wurde bei Erscheinen durchaus positiv aufgenommen. Die Badische Presse, Karlsruhe, schrieb damals: „Aus der umfangreichen Literatur, die über dieses Thema geschrieben worden ist, wüßte ich kein Werk zu nennen, das an Scharfsinn und Tiefe, an Gerechtigkeit und Liebe diesem schmalen Bändchen gleichkäme. Jeder Satz enthält eine Einsicht. Absolute Zweckmäßigkeit der Gliederung, stählernes Gefüge des Satzbaues gibt den Werken Ortegas die aristotelische Klarheit ihres Stils“.Zitiert aus: Ortegy y Gasset. Der Aufstand der Massen. Deutsche Verl. Anst. Stuttgart, S. 201.
Stefan Diebitz schreibt anlässlich der Veröffentlichung des Essaybandes „Über die Liebe“ im Jahre 2012, der Titel des Buchs könne den Leser leicht in die Irre führen, obwohl in den Aufsätzen wiederholt von der Liebe und der Verliebtheit die Rede sei. Tatsächlich gehe es in den Aufsätzen aber eher um eine „Philosophie der Kultur“. Jeder der Aufsätze versuche die Frage „Wie entsteht Kultur und welchen Anteil hat die Frau daran?“ aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Der Essay „Vom Einfluß der Frau auf die Geschichte“, schreibt Diebitz, schildere „wie die Frau die Erzieherin des Mannes wird, wie nämlich der Mann durch den irrealen Meißel des Weiblichen zu einem neuen Menschen umgeschaffen, sprich kultiviert wird“. Hier werde deutlich, dass Ortegas Bild der Frau nicht unbedingt auch jenes der Frauen von heute sei, zeigten diese sich davonüberzeugt, im Gegensatz zu Männern multitaskingfähig zu sein, so denke Ortega, dass die Aufmerksamkeit „der Frau zusammengefaßter, mehr bei sich selbst und geschmeidiger ist […]“. Die Seele der Frau bewege sich sozusagen um eine einzige attentionale Achse, die in jeder Epoche ihres Lebens auf einem einzigen Gegenstand ruhe.Stefan Diebitz: Der Meißel des Weiblichen, literaturkritik.de, Oktober 2012, abgerufen am 6. August 2026
Ausgaben Eine spanische Ausgabe erschien erstmals 1941 unter dem Titel Epílogo al libro «De Francesca a Beatrice» innerhalb Ortegas Essaysammlung Estudios sobre el amor, 12 Jahre nach der deutschen Übersetzung. Estudios sobre el amor. In corporación a las Obras completas, 1947. Neu hrsg. in der Alianza Editorial 2022. ISBN 978-84-1362-852-3 deutsche Übersetzungen Vom Einfluss der Frau auf die Geschichte. Verlag der Neuen Schweizer Rundschau, Zürich 1929. Über die Liebe. Meditationen. Unter Mitwirkung von Fritz Ernst aus dem Spanischen übersetzt und herausgegeben von Helene Weyl. Deutsche Verl. Anst., Stuttgart 1933. Vom Einfluss der Frau auf die Geschichte. Mit einem Beitrag von Carl J. Burckhardt «Begegnung mit Ortega». Übers. Ulrich Weber. Rinn, München 1956. Betrachtungen über die Liebe. In: José Ortega y Gasset: Gesammelte Werke. Übersetzt von Helma Flessa, Karl August Horst, Ulrich Weber und Helene Weyl. Bechtermünz, Augsburg 1978. Band 4. S. 262–339.
Literatur José Javier Díaz Freire: Ortega sobre el amor. Un diálogo con Victoria Ocampo, in: Revista de estudios sociales. Nr. 80. 2022. S. 21–36. José González-Sandoval Buedo: Sobre el amor en Ortega. Revista de Estudios Orteguianos. 2011. Nr. 22. S. 197–226. Roberto E. Aras: Ortega, lector de Dante, in: Revista de Estudios Orteguianos, Nr. 2023, S. 145–173. doi:10.63487/reo.77
Weblinks Michael Kühler: Liebe, Verliebtheit und Nichtwissen: Ortegas Kritik an Stendhals Kristallisationstheorie praefaktisch.de, 21. April 2020 Alejandro Gamero: Estudios sobre el amor, de José Ortega y Gasset La piedra di Sísifo, 10. September 2019 Aitana Pascual: Ortega y Gasset sobre el amor: «El enamoramiento es un estado de miseria mental en que la vida de nuestra conciencia se estrecha y se empobrece» okdiario, 3. Juni 2026
Einzelnachweise
Kategorie:Essay Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Spanisch) Kategorie:Frauengeschichte