Die Medina von Tunis () ist die Altstadt der tunesischen Hauptstadt Tunis. Sie wurde um 698 n. Chr. von den Arabern um die Ez-Zitouna-Moschee herum gegründet und erlebte ihre Blüte unter den Hafsiden (13.–16. Jahrhundert) als eines der bedeutendsten Handels- und Gelehrtenzentren des Maghreb.
Die rund 296 Hektar große Medina wurde 1979 von der UNESCO zum Welterbe erklärt und gilt nach deren Einschätzung als eines der am besten erhaltenen historischen Stadtensembles der islamischen Welt. Trotz der modernen Bebauung der angrenzenden Ville nouvelle ist die historische Bausubstanz weitgehend erhalten.
Die Medina ist bis heute dicht besiedelt. Anfang der 2010er Jahre lebten dort noch rund 100.000 Menschen.
Lage und Stadtbild Die Medina liegt zwischen dem See von Tunis und der Sebkha Séjoumi auf leicht ansteigendem Gelände. Zum Welterbegebiet gehören neben der im 8. Jahrhundert entstandenen Kernstadt auch die im 13. Jahrhundert hinzugekommenen Vororte im Norden und Süden. Die Medina umfasst rund 700 Baudenkmäler, darunter Paläste, Moscheen, Mausoleen, Medresen und Brunnen. Das Straßennetz folgt keinem regelmäßigen Gittermuster, sondern einer hierarchischen Gliederung: Im Zentrum steht die Große Moschee (Ez-Zitouna), umgeben von den spezialisierten Handelsgassen der Souks, während die angrenzenden Wohnviertel durch ein verwinkeltes Netz aus Sackgassen und überwölbten Gassen vor Lärm und Einsicht geschützt sind. Am Westrand der Medina befindet sich die Kasbah. Von der einstigen Stadtmauer sind nur Reste erhalten, darunter die Tore Bab El Bhar und Bab Jedid.
Geschichte mini|hochkant|links|Stadtplan von 1887: die Medina im Zentrum, im Osten das neue Viertel Quartier Franc Die Siedlung Tunes wird erstmals im Jahr 396 v. Chr. beim griechischen Historiker Diodor erwähnt und reicht damit bis in die Antike zurück. Über die punische und römische Zeit hinaus bestand die Siedlung auch unter byzantinischer Herrschaft fort.
Die Medina als islamische Stadt wurde um 698 n. Chr. von den Arabern gegründet. Hintergrund war die Eroberung und Zerstörung des benachbarten Karthagos durch den umayyadischen Feldherrn Hassan ibn an-Numan im Jahr 698. Tunis wurde daraufhin zum militärischen Stützpunkt der Eroberer ausgebaut. Auf Befehl des Kalifen Abd al-Malik entstand um 704 ein Arsenal, für das eigens Schiffbauer aus Ägypten herbeigeholt wurden.
Im Zentrum der Neugründung entstand die große Freitagsmoschee (Ez-Zitouna). Unter den Aghlabiden wurde die Moschee im 9. Jahrhundert vollständig neu errichtet. Die Bauarbeiten wurden unter Emir Abū Ibrāhīm Ahmad (reg. 856–863) begonnen und 864 abgeschlossen.
Ihre eigentliche Blüte als islamische Metropole erlebte sie unter den Almohaden (12. Jahrhundert) und besonders den Hafsiden (13.–16. Jahrhundert), als sie zu einem der bedeutendsten Handels- und Gelehrtenzentren des Maghreb aufstieg.
Nach der Eroberung durch das Osmanische Reich im Jahr 1574 verlor die Stadt ihre politische Vormachtstellung an Istanbul, blieb aber kultureller und religiöser Mittelpunkt des Landes und erlebte im 17. Jahrhundert unter osmanischen Statthaltern eine erneute Blüte. Ab 1705 herrschte die einheimische Husainiden-Dynastie. Über die gesamte Epoche hinweg, zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert, statteten die Herrscher die Stadt mit zahlreichen Palästen und Residenzen, großen Moscheen, Zaouias und Madrasas aus. Ihre heute charakteristische Gestalt – Hofhäuser und ein enges Netz aus Straßen und Gassen – erhielt sie Ende des 18. Jahrhunderts.
Im 19. Jahrhundert setzte eine Modernisierung ein. Sie äußerte sich im schrittweisen Abriss der Stadtmauern (ab 1860) und, nach der Errichtung des französischen Protektorats (1881), in der Anlage der europäischen Neustadt (Ville nouvelle). Die städtebauliche Struktur der Medina blieb weitgehend intakt, doch verfielen viele Gebäude zusehends, begünstigt durch den Wegzug wohlhabender Schichten und die Zuwanderung ländlicher Bevölkerung. Parallel dazu verlor die jüdische Gemeinde der Stadt, die seit dem Mittelalter in der Hara im Nordosten der Medina ansässig war, im 20. Jahrhundert durch zunehmende Abwanderung in die Ville nouvelle deutlich an Bedeutung.
Die Bevölkerung der Medina erreichte 1956, im Jahr der Unabhängigkeit, mit 168.110 Einwohnern ihren Höchststand. Bis 1984 sank die Zahl auf 109.725 – ein Rückgang um mehr als ein Drittel.
Um den Verfall der Bausubstanz entgegenzuwirken, wurde 1967 die Association de Sauvegarde de la Médina de Tunis gegründet und 1979 erfolgte die Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste. Zum Zeitpunkt der Einschreibung galt die Hälfte des Baubestands als schlecht erhalten oder nahezu ruinös. Ab Mitte der 1990er Jahre sanierte die Association de Sauvegarde rund 600 sogenannte Oukalas – ursprünglich Herbergen, die Zimmer an Arbeiter vermieteten – und vermietete sie zimmerweise an rund 3000 Familien.
Bedeutende Bauwerke Neben der Ez-Zitouna-Moschee beherbergt die Medina zahlreiche weitere Monumente: Moscheen wie die Kasbah-Moschee und die Youssef-Dey-Moschee, historische Madrasas wie die Madrasa El Mountacir, die Slimaniya- und die Mouradiya-Madrasa, die Zaouia des Sidi Mehrez sowie repräsentative Wohnpaläste wie den Dar Lasram.
Die ersten Moscheen im osmanischen Stil entstanden im 17. Jahrhundert: die Youssef-Dey-Moschee, 1614/15 als erste türkische Moschee der Stadt errichtet, und die ihr nachempfundene Hammouda-Pascha-Moschee von 1655, die mit quadratischem Grundriss, grün glasiertem Pyramidendach und oktogonalem Minarett einen neuen Bautypus einführte und als Grabmoschee das Grabmal des Stifters mit dem Gotteshaus verbindet.
Das Tourbet el-Bey, die Nekropole der husainidischen Beys, wurde um 1770 von Ali II. Bey als eigenes Mausoleum angelegt. Der Stifter verband damit eine Koranschule (kuttāb), ein öffentliches Brunnenhaus (sabīl) und eine Madrasa. In den acht um zwei Höfe gruppierten Räumen ruhen 165 Tote, darunter die Beys, die Tunis zwischen 1759 und 1942 regierten (siehe Liste der Beys von Tunis). Es gilt als das größte fürstliche Mausoleum der osmanisch-husainidischen Zeit in Tunesien.
Das dichte Netzwerk der Souks gliedert sich in spezialisierte, teilweise überwölbte Handelsgassen, die sich um die Große Moschee gruppieren. Zu den bekanntesten zählen der Souq el-Attarine (Parfümmarkt) und der Souq ech-Chaouachia, der Markt der Chechia-Händler. Letzterer geht auf die im 17. Jahrhundert aus Spanien vertriebenen Morisken zurück, die die Herstellung der roten Wollkappe (Chechia) in Tunis etablierten. Die Chechia-Produktion erlebte ihren Höhepunkt im 19. Jahrhundert und wird bis heute fortgesetzt.
Unter den erhaltenen Palästen befindet sich der Dar Ben Abdallah aus dem Jahr 1796, der das Volkskundemuseum beherbergt. Der Dar Hussein erhielt seine heutige Gestalt im Wesentlichen zwischen 1758 und 1781 unter Ismail Kahia, einem Minister und Schwiegersohn Ali Beys, und ist Sitz des tunesischen Nationalinstituts für Kulturerbe. Die Kasbah am Westrand der Medina bildet das Verwaltungszentrum der Stadt und beherbergte unter anderem den ehemaligen Sitz der Beys.
Welterbestatus Die UNESCO erkannte die herausragende universelle Bedeutung der Altstadt 1979 an und nahm sie in die Welterbeliste auf. Als Begründung dienten ihre Vermittlerrolle zwischen dem Maghreb, Südeuropa und dem Orient (Kriterium ii), ihre Bedeutung als Zeugnis der Zivilisationen Ifrīqiyas (Kriterium iii) sowie ihr außergewöhnlich gut erhaltenes, gleichwohl durch den wirtschaftlichen und sozialen Wandel verwundbares Stadtgefüge (Kriterium v).
Da bei der Einschreibung 1979 keine genauen Gebietsgrenzen festgelegt worden waren, reichte Tunesien 2010 eine präzisierte Abgrenzung des Schutzgebiets ein. Das Welterbekomitee genehmigte auf seiner 34. Sitzung (2010) diese geringfügige Gebietsänderung (minor boundary modification) und legte erstmals eine Pufferzone fest. Die seither gültigen Flächen betragen 296,41 Hektar (Schutzgebiet) und 190,19 Hektar (Pufferzone).
Erhaltung und Management Das Welterbegebiet wird von mehreren nationalen und kommunalen Institutionen gemeinsam betreut, darunter das Nationalinstitut für Kulturerbe (INP). Rechtliche Grundlagen sind das tunesische Denkmalschutzgesetz von 1994 und ein eigener Bebauungsplan für die Medina. In einer 2021 veröffentlichten Fallstudie nennt der für die Medina zuständige Verwalter als zentrale Herausforderungen die veraltete Infrastruktur, prekäre Wohnverhältnisse der Bewohner, die Aufgabe angestammter Wohnhäuser, den Verfall der Bausubstanz, das Verschwinden traditioneller Wirtschaftstätigkeiten und das Fehlen eines übergreifenden Konzepts für Management und Schutz. Laufende Maßnahmen umfassen die Notkonsolidierung gefährdeter Gebäude, ein Inventar des Baubestands, Restaurierungen an Monumenten wie dem Tourbet el-Bey und dem Tor Bab Jedid sowie die Ausarbeitung eines Managementplans.
Ein strukturelles Hindernis für die Sanierung ist zudem die Eigentumsstruktur: Da Häuser nach islamischem Erbrecht unter allen Angehörigen aufgeteilt werden, stehen viele Gebäude wegen Erbstreitigkeiten leer, und private Wohnhäuser werden vielfach nicht unter Denkmalschutz gestellt, weil sich der Staat dann an ihren Sanierungskosten beteiligen müsste.
Literatur Jamila Binous: Maisons de la Médina de Tunis. Dar Ashraf Editions, Tunis 2001, ISBN 978-9973-75-513-1 (französisch). Alexandre Lézine: Deux villes d'Ifriqiya. Sousse, Tunis. Études d'archéologie, d'urbanisme, de démographie (= Bibliothèque d'études islamiques. Band 2). Paul Geuthner, Paris 1971 (französisch). M. Ben Miled, V. Bettaieb: Die Medina von Tunis. Spaziergang in einer arabischen Altstadt. Illustriert von Bruno Fourure. Übersetzt von Renate Ghorbal. Les Éditions de la Méditerranée, Tunis 1989, ISBN 9973-716-20-5. Ahmed Saadaoui: Tunis, ville ottomane. Trois siècles d'urbanisme et d'architecture. Centre de Publication Universitaire, Tunis 2001, ISBN 9973-37-023-6 (französisch).
Weblinks
Medina of Tunis (Tunisia). in: Urban Heritage Atlas, UNESCO (englisch).
Einzelnachweise
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