Die Dienststelle Niedermeyer war beim Militärbefehlshaber in Frankreich (MBF) von 1941 bis 1944 für die Arisierung des Vermögens ehemals reichsdeutscher, polnischer und tschechoslowakischer Juden im deutsch besetzten Frankreich zuständig. Dienstsitz war Paris.
Dienststelle Im Juli 1941 wurde Ferdinand Niedermeyer (1874–1947), ehemaliger Direktor der Deutschen Bank, nach Absprachen zwischen der Auslandsorganisation der NSDAP und dem MBF vom Referat Entjudung unter Kurt Blanke als Verwalter von Betrieben deutscher Juden, auch Arisierungskommissar, bestallt. Die Dienststelle unterstand der Militärverwaltung und führte zunächst die Amtsbezeichnung Sonderbeauftragter der Auslandsorganisation und dann Verwalter des dem Reich verfallenen Vermögens im Bereich des Militärbefehlshabers in Frankreich. Sie war eine Besonderheit, weil das Arisierungsvermögen in Frankreich lebender reichsdeutscher und österreichischer Juden dem Deutschen Reich zufloss, während die Arisierung französischen Judenvermögens unter deutscher Aufsichtsverwaltung vorrangig der Stärkung der französischen Wirtschaft für die Kriegführung dienen sollte.
Mit der Verordnung über den Verfall des Vermögens von Juden deutscher oder ehemals deutscher Staatsangehörigkeit zu Gunsten des Deutschen Reiches vom 2. Dezember 1942 (Verordnung Nr. 79) schuf der MBF die Grundlage für die Arisierung des Vermögens vormals deutscher Juden. Die Verordnung diente der Ausweitung der Maßnahmen der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz auf das besetzte Frankreich und wurde am 15. September 1943 durch die Verordnung Nr. 97Dokument VEJ 12/311 in: Katja Happe u. a. (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung), Band 12: West- und Nordeuropa, Juni 1942–1945. München 2015, ISBN 978-3-486-71843-0, S. 780f. vom BMF auf das Vermögen ehemals polnischer und tschechoslowakischer Juden ausgeweitet. Ähnliche Verordnungen gab es u. a. für die Befehlsbereiche des Militärbefehlshabers Belgien und Nordfrankreich (22. April 1942) und des Militärbefehlshabers Serbien (13. August 1942).
Möbel und sonstige Einrichtungsgegenstände aus „unbewachten jüdischen Wohnungen“ von geflohenen oder deportierten Juden aus Frankreich wurden ab 1942 wurde von einer „Dienststelle Westen“ des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete durch eine so genannten M-Aktion („M“ für Möbel) beschlagnahmt und verwertet.
Laut Angaben von Niedermeyer hatte die Dienststelle bis zu zwanzig Mitarbeiter, verwaltete dreitausend verschiedene Güter und ließ dem Deutschen Reich geschätzte hundert Millionen Reichsmark zufließen. Ein Wirtschaftsprüfer attestierte den Mitarbeitern große Gewissenhaftigkeit und Fleiß und verwies auf Organisationsdefizite hinsichtlich der Buchhaltung. Eine persönliche Bereicherung durch Niedermeyer hat offenbar nicht stattgefunden.
Die Dienststelle bestand bis 1944. Niedermeyer starb Anfang 1947 im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen.
Literatur
Einzelnachweise
Kategorie:Wirtschaftsgeschichte (Frankreich) Kategorie:Wirtschaftsorganisation (Deutsches Reich, 1933–1945) Kategorie:Wirtschaftspolitik (Deutsches Reich, 1933–1945) Kategorie:Wehrmacht Kategorie:Holocaust in Frankreich Kategorie:Gegründet 1941 Kategorie:Aufgelöst 1944