Die Companhia Colonial de Navegação war eine portugiesische Reederei, die von 1922 bis 1974 bestand. Sie zählte zu den wichtigsten Reedereien des Landes und betrieb Personen- sowie Frachttransporte vor allem zwischen dem Mutterland und den portugiesischen Kolonien in Afrika.
Geschichte Vorgeschichte Da Portugal während des Ersten Weltkrieges fast einhundert Schiffe mit einer Tonnage von 100.000 BRT verloren hatte, bestand die portugiesische Handelsflotte nach Kriegsende nur noch aus elf Schiffen mit 44.000 BRT und war aufgrund mangelnder Ankaufmöglichkeiten während des Krieges überaltert. Dazu kamen die verbliebenen Schiffe der 1916 gegründeten staatlichen Reederei Transportes Marítimos do Estado (TME), die bei Kriegseintritt Portugals 1916 mit beschlagnahmten deutschen Schiffen ausgestattet worden war.Companhia Colonial de Navegação, bei comm-pt
Gründung und Aufbau des Liniennetzes Gleichzeitig bestand nach 1918 in den portugiesischen Kolonien in Afrika Bedarf an Transportkapazitäten, um die Produkte auf den Markt des Mutterlandes zu bringen. Fehlende Erfahrungen und Mitarbeiter führten bei der staatlichen Transportes Marítimos do Estado zu Ineffizienz, so dass sich einige Unternehmer in den Kolonien entschieden, den Transport ihrer Waren selbst zu übernehmen. In angolanischen Luanda hatte die Sociedade Agrícola de Ganda 1920 das britische Frachtschiff General Allenby erworben, das sie in Ganda, und die in Guinea ansässige Firma Ed. Guedes den britischen Dampfer La Plata gekauft, den sie in Guiné umbenannt hatte. Zusammen mit der Companhia do Amboim aus der gleichnamigen angolanischen Stadt Porto Amboim gründeten sie am 3. Juli 1922 die Reederei Companhia Colonial de Navegação (CCN, dt.: „Kolonialreederei“), die beide Schiffe übernahm. Sitz der Reederei wurde zunächst Luanda, später Lissabon. Noch im selben Jahr eröffnete die CCN ihre erste Linienverbindung zwischen Lissabon und Luanda über São Vicente und Portugiesisch-Guinea nach Luanda. Damit trat sie – ohne eine Konzession eingeholt zu haben – in Konkurrenz zur staatlichen Transportes Marítimos do Estado und zur Companhia Nacional de Navegação.Clarence-Smith: The Third Portuguese Empire, S. 127Santos: O estado português, a marinha mercante e as colónias, 1926–1939
In den folgenden Jahren baute die Reederei ihre Flotte massiv aus: Ab 1924 kaufte sie von der in Auflösung befindlichen Reederei Transportes Marítimos do Estado zahlreiche Schiffe zu vergünstigten Konditionen auf. Mit Ende der Auflösung der TME 1925 und dem Verkauf der Schiffe an die Companhia Colonial de Navegação, an die 1919 gegründete Sociedade Geral de Comércio, Indústria e Transportes und an die 1920 gegründete Companhia de Navegação Carregadores Açorianos förderte die Regierung diese maßgeblich. Dazu erwarb die Companhia Colonial de Navegação 1924 die Dampfer Lobito, 1925 die Amboim, Benguela, Bissau und 1926 Cassequel, Loanda und Mendes Berata. Damit konnte die Reederei Lissabon regelmäßig mit Guinea, São Tomé und Angola mit einer Tonnage von rund 29.000 Tonnen verbinden. Von der TME konnte die Companhia Colonial de Navegação Aufträge und Routen übernehmen und baute ab 1925 eine Linienverbindung zwischen Lissabon und Portugiesisch-Guinea, in den folgenden Jahren eine weitere nach Le Havre, Antwerpen, Rotterdam und Hamburg auf.Notícias dos T.M.E., bei naviosenavegadores.blogspot.comda Brázia: A Marinha Mercante entre 1945–1985, S. 163f.
Für die Instandhaltung der Schiffe hatte die Reederei staatlich gestützte Kredite in Anspruch genommen, so dass sie in den folgenden Jahren verschuldet blieb. Die Salazar-Diktatur wiederum schützte aus politischen Gründen die heimischen Reedereien mit ihren Verbindungen zwischen Mutterland und Kolonien. Gleichzeitig nutzte sie die Schulden und die protektionistischen Maßnahmen, um Einfluss auf die Reedereipolitik zu nehmen – bis hin zur Festlegung der Preise für die Frachtraten. Diese Ambivalenz zwischen Schulden, Protektionismus und Einflussnahme blieb charakteristisch für die Reederei und die gesamte portugiesische Handelsmarine.
mini|rechts|João Belo im Jahr 1928 mini|rechts|Colonial zwischen 1929 und 1950 Mit der steigenden Auftragslage und der ersten Flottenerneuerung erwarb die Reederei zwischen 1928 und 1930 weitere Schiffe: die Kombischiffe João Belo, Colonial, Mouzinho und Guiné (II) sowie die Frachtschiffe Sena, Malange, Ganda (II), Pungue und Buzi. Sie ersetzten die ausgemusterten Ganda (I) und Mendes Berata, die verkaufte Bissau und die gestrandete Guiné (I). Gleichzeitig erweiterte die Reederei ihr Liniennetz 1930 mit der Verlängerung der Linie von Portugal über Angola hinaus nach Mosambik, auf der etwa die João Belo und die Colonial eingesetzt wurden. Weitere Ankäufe führte die Reederei in den 1930er Jahren nicht mehr durch.da Brázia: A Marinha Mercante entre 1945–1985, S. 164f.Geschichte der Serpa Pinto, bei novomilenio.inf.br
Vor Beginn des Zweiten Weltkrieges bestand die Flotte der Reederei aus elf Schiffen mit 46.000 BRT, allerdings waren alle Schiffe mit Ausnahme der Sena bereits vor dem Ersten Weltkrieg gebaut worden. Neben der Flotte waren auch die jährlichen Fracht- und Passagierzahlen gewachsen: Beförderte die Reederei zu Beginn jährlich 37.000 Tonnen Fracht und 2544 Passagiere, waren diese Zahlen im Jahr 1939 auf 288.000 Tonnen Fracht und 13.773 Passagiere gestiegen.da Brázia: A Marinha Mercante entre 1945–1985, S. 166
Zweiter Weltkrieg mini|rechts|Serpa Pinto zwischen 1940 und 1945 Als der Zweite Weltkrieg im September 1939 begann, transportierte die gesamte portugiesische Handelsflotte lediglich 15 Prozent der Importe und Exporte des Landes. Auf das Ausbleiben ausländischer Schiffe in den portugiesischen Häfen reagierte das Land im Oktober 1939 mit der Gründung der Junta Nacional da Marinha Mercante. Dieses „Nationale Schifffahrtsamt“ unterstand dem Marineministerium und sollte die effiziente Nutzung portugiesischer und gecharterter Tonnage gewährleisten.Luís Miguel Correia: Empresa de Navegação Madeirense 1907–2007, EIN Edicoes e Iniciativas Náuticus, Lissabon 2009, ISBN 978-972-8536-12-1, S. 37 Für die Companhia Colonial de Navegação war dies der Ausgangspunkt für weitere Ankäufe. Wo der Markt es zuließ, erwarb sie während des Krieges Schiffe, um die Versorgung des Landes zu sichern, aber auch um Verbindungen wegfallender Konkurrenten zu übernehmen.
mini|rechts|Lugela noch als Dortmund zwischen 1929 und 1936 Im Laufe des Krieges legte sich die Reederei insgesamt sieben Schiffe zu, von denen die in Jugoslawien gekaufte Serpa Pinto das erste und bekannteste Schiff war. Nach ihrer Antrittsreise unter portugiesischer Flagge im August 1940 war die Companhia Colonial de Navegação neben der ebenfalls portugiesischen Companhia Nacional de Navegação sowie der spanischen Reederei Ybarra y Cia. eine der wenigen Reedereien, die noch einen Passagierverkehr über den Atlantik durchführten. Dabei brachte die Serpa Pinto Flüchtlinge vor dem Nazi-Regime in Sicherheit nach Übersee und in der Gegenrichtung Deutsche und Deutschstämmige aus Übersee nach Europa.De Dijn: Das Schicksalschiff, S. 81, S. 99ff., S. 196ff. Weitere Ankäufe waren der kleine Küstendampfer Micondo, der an der Küste Afrikas blieb,Vapor português „Bútio“ / „Micondó“, bei naviosavista.blogspot.com der ehemals argentinische Frachter Luango sowie die zuerst internierten, 1943 dann angekauften deutschen Schiffe Lugela (ex Dortmund), Huambo (ex Wameru), Bailundo I (ex Wagogo) und Buzi II (ex Rufidji). Ergänzend baute die Reederei in Portugal für die Küstenschifffahrt den eigenen Schleppdienst aus und erweiterte ihn auf 23 Schlepper und Leichter zu.da Brázia: A Marinha Mercante entre 1945–1985, S. 166f.Os Batelões costeiros da Companhia Colonial de Navegacão (dt.: Die Küstenschiffe der Kolonialreederei), bei naviosavista.blogspot.com
Obwohl Portugal während des Zweiten Weltkrieges neutral blieb und die Schiffe als Neutrale kenntlich gemacht waren, erlitt die Reederei Verluste: Am 20. Juni 1941 versenkte das deutsche U-Boot U 123 die Ganda (II) auf dem Weg von Lissabon nach Luanda und am 14. Dezember 1941 U 108 die Cassequel, die ebenfalls auf dem Weg von Portugal nach Angola war.da Silva: Navios Portugueses afundados durante a II Guerra Mundial, S. 3f.
Flottenerneuerungsprogramm nach dem Zweiten Weltkrieg Nach dem Zweiten Weltkrieg beschloss die portugiesische Regierung, die Abhängigkeit von ausländischen Transportkapazitäten zu verringern und gleichzeitig die Modernisierung der portugiesischen Handelsflotte zu forcieren. Mit dem Despacho 100, der „Verordnung Nr. 100“, vom 10. August 1945, legte sie ein Programm auf, von dem auch die CNN profitierten sollte: Das Programm empfahl den Bau von insgesamt 70 Schiffen mit einer Tragfähigkeit von 373.300 Tonnen.zum „Despacho 100“ vgl. Luís Miguel Correia: Os navios do „Despacho 100“. In: Revista da Marinha. Nr. 954, März/April 2010 (Online-Version)
Auch hier griff die Salazar-Diktatur wieder in den Reedereibetrieb ein und legte fest, welche Reederei wie viele und welche Art von Schiffen erhalten sollte. Für die Companhia Colonial waren vom ursprünglichen Plan drei Passagierschiffe, vierzehn Frachtschiffe und zwei Tanker vorgesehen.da Brázia: A Marinha Mercante entre 1945–1985, S. 167 Für die Tanker wurde stattdessen eine eigene Reederei, die Sociedade Portuguesa de Navios Tanques (Soponata), gegründet, zu deren Gesellschaftern auch die CCN gehörte. Der erste der zwei für die Companhia Colonial vorgesehenen Tanker, die Sameiro, lief noch unter der CCN-Flagge vom Stapel, gehörte aber mit der Fertigstellung 1948 zur Soponata-Flotte.Luís Miguel Correia: Soponata 1947–1997. Grupo José de Mello / EIN – Edições e Iniciativas Náuticas, Lissabon 1997, ISBN 972-96940-3-6, S. 128 Bis 1951 erhielt die CCN im Rahmen des Despacho 100 insgesamt fünf Passagierschiffe und zehn Frachtschiffe: Die Passagierschiffe Pátria, Império sowie Uíge waren für die Afrikaroute und die Luxuspassagierschiffe Vera Cruz sowie Santa Maria für die Südamerikaroute vorgesehen. Die Anzahl der Frachtschiffe wurde von 14 auf zehn reduziert (Benguela (II), Ganda (III), Amboim (II), Luanda (II), Chaimite, Nampula, Sena (II), Lunda, Pebane, Quionga).da Brázia: A Marinha Mercante entre 1945–1985, S. 168f.Efemeride: Constituicao da Companhia Colonial de Navegacao, bei cultura.marinha.pt
Blütezeit der Reederei Die 1950er und 1960er Jahre gelten als die Blütezeit der Reederei wie der gesamten portugiesischen Handelsschifffahrt. Mit einer modernen Flotte bediente die Companhia Colonial nicht mehr nur die Routen zwischen dem Mutterland und den Kolonien in Afrika.vgl. auch: Junta Nacional da Marinha Mercante: Album dos Navios da Marinha Mercante Portuguesa
mini|rechts|Infante Dom Henrique im Jahr 1967 Bereits seit dem Zweiten Weltkrieg verkehrte die Serpa Pinto im Passagierdienst wechselnde Ziele auf dem amerikanischen Kontinent. Sie beförderte im Liniendienst zunächst portugiesische Auswanderer nach Brasilien und wechselte nach der Indienststellung von Vera Cruz sowie Santa Maria auf die Route nach Havanna, bevor sie 1954 abgewrackt wurde. Als die Zahlen portugiesischer Auswanderer in den 1950er Jahren zurückgingen, wurden auch diese Schiffe abgezogen und auf Routen nach Venezuela, in die Kolonien oder in der Kreuzfahrt eingesetzt.da Brázia: A Marinha Mercante entre 1945–1985, S. 169CCN – The Portuguese Line, bei timetableimages.com 1961 wurde das letzte große Passagierschiff, die Infante Dom Henrique, in Dienst gestellt und etwa zeitgleich begannen die Unabhängigkeitskriege in den portugiesischen Kolonien. Ab diesem Zeitpunkt charterte die Regierung zahlreiche Schiffe für Truppentransporte und militärische Nachschublieferungen.da Brázia: A Marinha Mercante entre 1945–1985, S. 109ff.