mini|Stefan Zweig (ca. 1912) mini|Porträt Joseph Fouchés Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen ist eine von Stefan Zweig verfasste Biographie des französischen Politikers Joseph Fouché, die 1929 erstmals im Insel Verlag erschien.
Hintergrund Die Biographie zu Joseph Fouché entstand Zweigs eigenen Angaben zufolge „zufällig“ und zum „privaten Vergnügen“. Sein Interesse an Fouché hatte Honoré de Balzac mit seinem Roman Une ténébreuse affaire geweckt.Zhang Yushu: Stefan Zweig — ein unpolitischer Mensch? In: Zeitschrift für Germanistik, Band 7 (1997), S. 25–37, hier: S. 27 Seine Recherche begann er 1926 mit der Lektüre der Fouchébiographie des französischen Historikers Louis Madelin. Zweig sollte sich auch später wiederholt mit der Französischen Revolution beschäftigen, so in der Biografie Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters oder dem Drama Das Lamm des Armen, in dem Fouché eine Nebenrolle spielt.Daniela Strigl: Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. S. 390–398, hier: S. 390–391
Ein Vorabdruck des Kapitels Endkampf mit Napoleon erschien am 19. Mai 1929 in der Neuen Freien Presse. Am 1. September wurde das Buch beim Insel Verlag erstveröffentlicht.Daniela Strigl: Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. S. 390–398, hier: S. 391
Inhalt Zweig beschreibt einleitend die kurze klerikale Laufbahn Fouchés, die dieser schon bald für eine Karriere in der Politik eintauschte. Nachdem er als Konservativer in die Revolutionswirren eingestiegen war, wechselte er schon bald seine Partei: Erst zu den Girondins, dann zu den Montagnards. Schnell etablierte er sich als einer der radikalsten Parteigenossen Maximilien Robespierres, indem er „ein radikalsozialistisches und bolschewistisches Programm“ publizierte – Zweig zufolge das erste kommunistische Manifest überhaupt. In seiner Heimatstadt Nantes profilierte sich der vormalige Geistliche als ein radikaler Verfechter der Entchristianisierung. Als Unterstützer der Terrorherrschaft ließ er im Kampf gegen die Konterrevolution 1600 Menschen hinrichten und etablierte so seinen Ruf als „Schlächter von Lyon“. Daraufhin wechselte er erneut seine Partei und beteiligte sich maßgeblich am Sturz seines ehemaligen Freundes Robespierre, der daraufhin ebenfalls hingerichtet wurde.Daniela Strigl: Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. S. 390–398, hier: S. 391–392
Unter dem neuen Regime, dem Direktorium, geriet Fouché zunächst ins politische Abseits. Seine Beteiligung am Staatsstreich des 18. Fructidor V ermöglichte ihm allerdings in der von Paul de Barras geleiteten Regierung den Aufstieg zum Polizeiminister. In diesem Amt baute er ein extensives Spitzelnetzwerk auf und ging gegen seine politischen Feinde vor. Persönlich schloss er den Jakobinerklub, dessen Mitglied er selbst war, und beendete damit in Zweigs Augen die Französische Revolution. Auch den Staatsstreich des 18. Brumaire VIII und die Schaffung des Konsulats überlebte Fouché politisch durch ein erneutes Seitenwechseln. Zwar verachtete ihn der neue Machthaber Napoleon Bonaparte persönlich als einen niederträchtigen Verräter, doch hielt er ihn mit einer zweijährigen Unterbrechung bis 1810 im Amt und erhob ihn 1809 zum Herzog von Otrante. Während der Herrschaft der Hundert Tage übernahm Fouché erneut den Posten des Polizeiministers, konspirierte jedoch mit den Bourbonen und behielt sein Amt in den ersten Monaten der Restauration – obwohl er 1792 noch für die Hinrichtung Ludwig XVI. gestimmt hatte, des Bruders des neuen Königs Ludwig XVIII. Schlussendlich wurde er dennoch nach Intrigen seines Widersachers Talleyrand entlassen und starb vergessen in Triest.Daniela Strigl: Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. S. 390–398, hier: S. 392–393
Rezeption und Forschung Zweigs Fouchébiographie wurde – zu seiner eigenen Überraschung – ein großer Publikumserfolg. Binnen einen Jahres wurden 50.000 Exemplare verkauft. Darüber hinaus wurde es in mehrere Sprachen übersetzt, darunter das Französische. Auch die zeitgenössische Kritik war lobend: Arthur Schnitzler, dem das Buch gewidmet war, nannte es eine der „besten biographischen Arbeiten“ Zweigs; die Buchbesprechungen von Carl von Ossietzky, Ernst Weiß, Ernst Fischer und Otto Flake waren ebenfalls wohlwollend. Kritisch äußerte sich hingegen Richard Schaukal, der Zweig ein „Sprachunvermögen“ attestierte. Noch heute zählt das Bildnis eines politischen Menschen zu den bekanntesten und meistgelesenen Werken Zweigs.Daniela Strigl: Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. S. 390–398, hier: S. 390, 395–396
Obwohl Zweig auf Dialoge und andere Literarisierungen verzichtet, erscheint seine Sprache dennoch durch den Historischen Präsens, einen „adjektivische[n] Stil“ und „forcierte Ausbeutung des Wortschatzes“ teils leidenschaftlich bis pathetisch. Die Erzählhaltung ist ironisch-distanziert und objektiviert das Geschehen durch differenzierte Kommentare.Daniela Strigl: Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. S. 390–398, hier: S. 393–394
Fouché wird von Zweig nicht als blutrünstiger Sadist beschrieben, sondern als ein kalkulierter Leidenschafts-, fast Charakterloser, der für seinen eigenen Aufstieg (und sein Überleben) bereit war, über Leichen zu steigen. Dabei bedient sich Zweig mehrmals der Metapher der Kaltblütigkeit oder auch des „Fischblütigen“. Zweig beabsichtigte mit diesem Porträt eine Warnung gegen Opportunisten, die seiner Meinung nach auch in seiner Epoche, der des Ersten Weltkrieges und der Weimarer Republik, über zu viel Macht verfügten. Fouché steht dabei, wenn auch als Extrembeispiel, für Politiker im Allgemeinen ein, die in Zweigs Augen allein schon durch ihr Gewerbe zu machthungrigen und ideallosen Individuen wurden.Leon Botstein: Stefan Zweig and the Illusion of the Jewish European In: Jewish Social Studies, Band 44 (1982), S. 63–84, hier: S. 68Zhang Yushu: Stefan Zweig — ein unpolitischer Mensch? In: Zeitschrift für Germanistik, Band 7 (1997), S. 25–37, hier: S. 28 Die Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl erkennt in dieser Darstellung Parallelen zu Hannah Arendts Konzeption der Banalität des Bösen, wobei Zweigs Fouché keine Befehle erhalte, sondern nach Gutdünken handle. Zudem zeigt Zweig Verbindungslinien zwischen den Exzessen des Terrors und denen zeitgenössischer Gewaltherrschaften, wie der der Bolschewiki in der Sowjetunion und der der Faschisten in Italien. Trotz allem erscheint Fouché, wie damals für Biographien üblich, als ein tatkräftiger „Großer Mann“.Daniela Strigl: Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. S. 390–398, hier: S. 394–395 Dementsprechend gelingt es Zweig – wie auch in seinen anderen Biographien und historischen Werken – nicht, ein tieferes Verständnis der sozialen Umstände zu Fouchés Zeiten oder auch der Hintergründe der Französischen Revolution zu entwickeln.Leon Botstein: Stefan Zweig and the Illusion of the Jewish European In: Jewish Social Studies, Band 44 (1982), S. 63–84, hier: S. 70
Ausgaben (Auswahl) Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen. Insel Verlag, Leipzig 1929. Joseph Fouche, The Portrait of a Politician. Viking Press, New York 1930. Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen. S. Fischer, Frankfurt 1999.
Literatur Daniela Strigl: Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. De Gruyter, Berlin 2018, S. 390–398
Einzelnachweise
Kategorie:Biografie Kategorie:Werk von Stefan Zweig