Armand D’Angour (* 23. November 1958 in London) ist ein britischer Klassischer Philologe und Musiker. Er ist Professor of Classics an der University of Oxford sowie Fellow und Tutor am Jesus College. Seine Arbeiten gelten vor allem der altgriechischen Musik, der griechischen und lateinischen Metrik und Lyrik, dem Phänomen der Neuerung in der griechischen Kultur sowie der Biographie des Sokrates. Daneben ist er als Verfasser von Gelegenheitsdichtung in altgriechischer und lateinischer Sprache hervorgetreten.

Leben

Ausbildung D’Angour besuchte die Sussex House School in London, wo er im Alter von sieben Jahren mit dem Lateinunterricht begann und bald darauf auch Griechisch lernte. Als King’s Scholar am Eton College gewann er 1976 die Newcastle Scholarship, den traditionsreichen Preis der Schule für klassische Studien. Zunächst wandte er sich jedoch der Musik zu. Von 1976 bis 1979 absolvierte er am Royal College of Music in London einen Performer’s Course mit Klavier und Violoncello als gleichrangigen Hauptfächern; seine Lehrer waren Angus Morrison (Klavier) sowie Anna Shuttleworth und Joan Dickson (Violoncello).Professor Armand D’Angour, Jesus College, Oxford.

Von 1979 bis 1983 studierte er als Postmaster (Stipendiat) am Merton College in Oxford Klassische Philologie. Sein Studium der Literae Humaniores schloss er mit einem Double First ab.

Musikerlaufbahn und Berufstätigkeit Nach dem Studium setzte D’Angour seine Cellostudien in den Niederlanden bei Anner Bylsma fort und arbeitete zunächst als Musiker. Er tritt bis heute als Cellist des London Brahms Trio auf. Von 1987 bis 1994 war er in einem Familienunternehmen tätig, das er zuletzt leitete.

Wissenschaftliche Laufbahn 1994 kehrte D’Angour an die Universität zurück und wurde 1998 am University College London mit einer Arbeit über die Dynamik der Innovation im Athen des Aristophanes promoviert. Bereits während der Promotion erschien 1997 im Classical Quarterly sein erster Aufsatz, in dem er die Eingangsverse eines Dithyrambos-Fragments Pindars (fr. 70b) so ergänzte, dass sie sich auf die Einrichtung des „Kreischores“ (kyklios choros) beziehen. 1999 legte er zudem eine Untersuchung zum technischen und politischen Hintergrund der Einführung des ionischen Alphabets in Athen durch das Dekret des Eukleides (403 v. Chr.) vor.

2000 wurde D’Angour zum Fellow in Classics am Jesus College in Oxford gewählt. Aus der zeitlich erweiterten Fassung seiner Dissertation ging 2011 die Monographie The Greeks and the New hervor. 2013 bis 2015 förderte ihn die British Academy mit einem Mid-Career-Fellowship für Forschungen zum Verhältnis von Musik und Text in der griechischen Dichtung. 2016/17 erhielt er ein Knowledge-Exchange-Fellowship der Universität Oxford zur Rekonstruktion eines euripideischen Chorlieds. 2020 wurde ihm im Verfahren der Recognition of Distinction der Titel eines Professor of Classics verliehen.

Forschungsschwerpunkte

Innovation in der griechischen Kultur In The Greeks and the New (2011) untersucht D’Angour, wie Neuheit und Neuerung im griechischen Denken sprachlich gefasst, bewertet und erfahren wurden. Die populär gehaltene Schrift How to Innovate (2021) überträgt Teile dieser Ergebnisse in ein vierteiliges Modell der Entstehung und Förderung von Innovation.

Altgriechische Musik Seit 2013 arbeitet D’Angour an der klanglichen Rekonstruktion der erhaltenen Zeugnisse altgriechischer Musik, insbesondere des auf Papyrus überlieferten Chorlieds aus Euripides’ Orestes (408 v. Chr.) und des delphischen Paian des Athenaios (127 v. Chr.). Er vertritt dabei die Auffassung, dass die Musik der klassischen Zeit tonal fundiert und affektiv-symbolisch aufgeladen gewesen sei und Verbindungslinien zu späteren europäischen Musiktraditionen aufweise. Aufführungen seiner Rekonstruktionen fanden unter anderem 2016 im British Museum und 2017 im Ashmolean Museum statt. 2015 wirkte er an der BBC-Four-Dokumentation Sappho mit, für die er zwei Strophen eines sapphischen Liedes vertonte. Für die öffentliche Vermittlung dieser Forschungen wurde er 2017 mit dem Preis der Universität Oxford für Public Engagement with Research ausgezeichnet.

Sokrates und Aspasia In Socrates in Love (2019) rekonstruiert D’Angour mit prosopographischen Mitteln die Jugend des Sokrates und argumentiert, Platon habe die Gestalt der Diotima im Symposion nach Aspasia von Milet modelliert. Damit verbindet er die These, dass Aspasia maßgeblichen Anteil an der Ausbildung der Vorstellung von „platonischer Liebe“ gehabt habe. Während etwa Tim Whitmarsh die prosopographische Methode würdigte, die biographische Konstruktion aber als spekulativ zurückwies, bemängelte David Sansone in der Bryn Mawr Classical Review die Sorgfalt im Umgang mit den Quellen.

Dichtung in den alten Sprachen D’Angour verfasst Gelegenheitsdichtung in altgriechischer und lateinischer Sprache. Auf Anregung von Mary Glen-Haig schrieb er 2004 eine Ode auf Athen in pindarischer Manier, dorischem Dialekt und daktyloepitritischem Versmaß, die bei der 116. Session des IOC vorgetragen wurde. Für die Olympischen Spiele 2012 beauftragte ihn der damalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson mit einer weiteren Ode in Griechisch und Englisch, die Johnson bei der Eröffnungsgala des IOC vortrug und die auf einer Bronzetafel im Queen Elizabeth Olympic Park angebracht wurde. Zum hundertjährigen Bestehen der Society for the Promotion of Roman Studies verfasste er 2010 im Namen der Society for the Promotion of Hellenic Studies ein lateinisches Gedicht in sapphischen Strophen.

Gemeinsam mit seiner Kollegin Melinda Letts fördert D’Angour seit 2019 am Jesus College die Wiederbelebung des Sprachunterrichts in der Zielsprache („Active Latin“).

Öffentliche Wirksamkeit D’Angours Video zur Rekonstruktion altgriechischer Musik (2017) sowie seine TED-Beiträge zum Archimedischen „Heureka“ und zu den Ursprüngen der Olympischen Spiele erreichten ein Millionenpublikum. Seit August 2024 moderiert er gemeinsam mit dem Fernsehproduzenten Jimmy Mulville den Podcast It’s All Greek (and Latin) to Me.

Schriften (Auswahl)

The Greeks and the New. Novelty in Ancient Greek Imagination and Experience. Cambridge University Press, Cambridge 2011. Music, Text, and Culture in Ancient Greece. Hrsg. mit Tom Phillips. Oxford University Press, Oxford 2018. Socrates in Love. The Making of a Philosopher. Bloomsbury, London 2019. How to Innovate. An Ancient Guide to Creative Thinking. Princeton University Press, Princeton 2021. How to Talk about Love. An Ancient Guide for Modern Lovers. Princeton University Press, Princeton 2025 (Übersetzung und Kommentierung von Auszügen aus Platons Symposion).

Aufsätze (Auswahl):

How the Dithyramb Got its Shape. In: Classical Quarterly 47, 1997, S. 331–351. Archinus, Eucleides and the Reform of the Athenian Alphabet. In: Bulletin of the Institute of Classical Studies 43, 1999, S. 109–130. Conquering Love. Sappho 31 and Catullus 51. In: Classical Quarterly 56, 2006, S. 297–300. Vocables and Microtones in Ancient Greek Music. In: Greek and Roman Musical Studies 4.2, 2016, S. 273–285. Recreating the Music of Euripides’ Orestes. In: Greek and Roman Musical Studies 9.1, 2021, S. 175–190.

Weblinks

Persönliche Website Seite an der Faculty of Classics der University of Oxford Seite am Jesus College, Oxford

Einzelnachweise

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