mini|Tannhäuser und Venus (Gabriel von Max, 1878) Der Tannhäuser ist eine Ballade von Heinrich Heine, die 1837 im 3. Band von Heines Sammelwerk Der Salon am Ende seines Essays Elementargeister erschienen ist. 1844 erschien das Gedicht in veränderter Fassung als Teil des Zyklus Verschiedene in Heines Gedichtband Neue Gedichte. Das Gedicht lehnt sich vor allem eingangs stark an die als Tannhäuser-Ballade bekannte Volksballade an und handelt wie diese von der Sage vom Ritter Tannhäuser, seinem Aufenthalt im Venusberg, seiner Bußfahrt nach Rom und seiner Rückkehr zu Frau Venus.
Wie die Volksballade besteht das Heine-Gedicht aus vierzeiligen, kreuzweise gereimten Strophen. Die Verse sind jambische Vierheber, wobei der 1. und 3. Vers katalektisch, also um eine Silbe verkürzt ist und auf einer Hebung endet. Das Gedicht hat 228 Verse, entsprechend 57 Strophen und ist damit mehr als doppelt so lange wie die meist etwa 2 Dutzend Strophen umfassenden Texte der Volksballade.
Hintergrund
Das Gedicht ist vermutlich im Oktober 1836 entstanden. Der Text des Schlusses des dritten Bandes des Salons mit dem Tannhäuser-Gedicht wurde in einem Brief vom 5. November an den Verleger Campe geschickt. „Das große Gedicht am Schluß des Buches ist, wie Sie wohl merken ganz von mir“, heißt es am Ende des Briefes.Heine-Säkularausgabe Band 21. Briefe 1831-1841. Hrsg. von Fritz H. Eisner. Akademie Verlag, Berlin 1970, ISBN 3-05-005343-7, S. 167.
Der Stoff der Tannhäuser-Sage war Heine schon lange bekannt, schon während seines Studiums in Göttingen hatte er nachweislich entsprechendes Material aus der Universitätsbibliothek entliehen. Anfang 1824 hatte er dort die Sammlung Des Knaben Wunderhorn von Achim von Arnim und Clemens Brentano entliehen, worin die Volksballade abgedruckt war.Achim von Arnim und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Hrsg. von Heinz Rölleke. Band 1. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1979, . Zwei weitere Quellen, aus denen Stoff und Ballade Heine bekannt waren, waren Heinrich Kornmanns Mons Veneris, Fraw Veneris Berg von 1644Heinrich Kornmann: Mons Veneris, Fraw Veneris Berg. Das ist, Wunderbare vnd eigentliche Beschreibung der alten Haydnischen vnd Newen Scribenten Meynung von der Göttin Venere, ihrem Vrsprung, Verehrung, vnd Königlicher Wohnung, vnd deren Gesellschaft, wie auch von den Wasser, Erd, Lufft vnd Fewer, Menschen, sampt vielen anderen wunderbaren Geschichten ; In vnd auff den Bergen vnd Hölen hin vnd wider in der Welt, so am folgenden Blat zu ersehen, ganz lustig vnd mit Verwunderung zulesen. Fischer, Frankfurt am Main 1644, Cap. XIV, S. 126–132 (). und davon abhängig die Blockes-Berges Verrichtung des Johannes Praetorius von 1668Johannes Praetorius: Blockes-Berges Verrichtung oder ausführlicher geographischer Bericht von den hohen trefflich alt- und berühmten Blockes-Berge: ingleichen von der Hexenfahrt und Zauber-Sabbathe, so auff solchen Berge die Unholden aus gantz Teutschland Jährlich den 1. Maij in Sanct-Walpurgis-Nachte anstellen sollen; Aus vielen Autoribus abgefasset und mit schönen Raritäten angeschmücket sampt zugehörigen Figuren; Nebenst einen Appendice vom Blockes-Berge wie auch des Alten Reinsteins und der Baumans Höle am Hartz. Scheibe, Leipzig; Arnst, Frankfurt am Main 1668, S. 19–25 (). Heine zeigt sich begeistert:
Diese „Bearbeitung“ der Tannhäuser-Ballade, die natürlich von Heine, dem der ungehobene Goldschatz keine Ruhe ließ, selbst verfasst worden ist, bildet dann den Schluss der Elementargeister.
Während Heine in den deutschen Elementargeistern die Mystifikation einbaute, es handele sich um eine „Bearbeitung“ offenbarte er sich in der französischen Ausgabe von De l’Allemagne von 1855 als Autor: „Ich möchte dem Publikum weder in Vers noch Prosa etwas aufbinden, und ich gebe offen zu, dass das Gedicht, das wir gerade gelesen haben, aus meiner eigenen Feder stammt.“„Je ne veux en imposer au public ni en vers ni en prose, et j’avoue franchement que le poeme qu’on vient de lire est de mon propre cru.“ De l’Allemagne. Neuvieme partie. Les dieux en exil. Paris 1855. Zitiert nach: Heine-Säkularausgabe Band 17: De l’Allemagne II. Berlin 1978, S. 124.
Nachdem ein geplanter Nachtrag zum Buch der Lieder nicht sich nicht realisiert hatte, wurde das Gedicht in etwas veränderter Fassung unter dem Titel Der Tannhäuser. Eine Legende. (Geschrieben 1836) in den 1844 erschienenen Band der Neuen Gedichte aufgenommen.
Siegbert Salomon Prawer sieht in seiner Untersuchung zur späteren Lyrik Heines die Situation des Tannhäusers bei Frau Venus als Spiegelung von Heines privater Situation in Paris. Heine hatte 1833 die von ihm Mathilde genannte Augustine Crescence Mirat kennen und lieben gelernt, eine junge Schuhverkäuferin, die kein Deutsch konnte und nichts davon wusste, dass ihr Geliebter ein großer Dichter war. Prawer meint, dass Heine sich in seinem erotischen Verfallensein dem Tannhäuser ähnlich gesehen habe und die Stimme, mit der Tannhäuser dem Papst in glühenden Worten seine Liebe zu der göttlichen Venus schildert, Heines eigene sei.
Tatsächlich hat Heine sich mehrfach mit dem Tannhäuser identifiziert. So schrieb er am 29. Februar 1824 an seinen Freund Rudolf Christiani: „Ja, die Gesundheit regt sich, und mit ihr der alte Muth. Ich bin der alte Tannhäuser noch, und mit geheimnißvoller Melodie lockt es mich wieder nach dem wohlbekannten Venusberge; und es ist sehr wahrscheinlich daß ich in 4 Wochen die Ferien dazu benutze, einen Sprung nach Berlin zu machen.“Heine-Säkularausgabe Band 20. Briefe 1815–1831. Hrsg. von Fritz H. Eisner. Akademie Verlag, Berlin 1970, ISBN 3-05-005340-2, S. 146. Und Ludwig Bechstein erwähnt in einem Brief vom 29. Februar 1836, dass Heine sich bei einem Besuch Bechsteins in Paris mit Tannhäuser verglichen habe.Heine-Säkularausgabe Band 24. Briefe an Heine 1823-1836. Hrsg. von Renate Francke. Akademie Verlag, Berlin 1974, ISBN 3-05-005349-6, S. 382. Und an anderer Stelle berichtet Bechstein von der Begegnung mit Heine: „Wir sprachen von Deutschland; ich fragte ihn, ob er nicht wieder dahin zurückkehren wolle? Er lächelte wehmütig, und antwortete: ‚Schwerlich. Ich bin der Tannhäuser, der im Venusberg gefangen sitzt; die Zauberfei giebt mich nicht los.‘ ‚Freilich‘, erwiederte ich: ‚und der deutsche Papst wird ihnen nie vergeben.‘“Begegnungen mit Heine. Berichte der Zeitgenossen. Herausgegeben von Michael Werner. Band 1: 1797–1846. Hoffmann & Campe, Hamburg 1973, S. 292 (datiert Ende März 1835). Zitiert nach: Heine-Säkularausgabe Band 9: Prosa 1836-1840. Kommentar. Berlin 1994, S. 277.
Inhalt Die untenstehenden Zitate folgen der Fassung der Neuen Gedichte. Die Ballade beginnt relativ konventionell:
Ihr guten Christen laßt Euch nicht Von Satans List umgarnen! Ich sing’ Euch das Tannhäuserlied Um Eure Seelen zu warnen.
Der edle Tannhäuser, ein Ritter gut, Wollt’ Lieb’ und Lust gewinnen, Da zog er in den Venusberg, Blieb sieben Jahre drinnen.
Es folgt dann der Streit zwischen Venus und Tannhäuser, da der Tannhäuser angekränkelt ist vom süßen Leben im Venusberg:
Frau Venus, meine schöne Frau, Von süßem Wein und Küssen Ist meine Seele geworden krank; Ich schmachte nach Bitternissen.
Wir haben zuviel gescherzt und gelacht, Ich sehne mich nach Thränen, Und statt mit Rosen möcht' ich mein Haupt Mit spitzigen Dornen krönen.
Venus gibt dem nach Bitternissen schmachtenden Tannhäuser schließlich Urlaub, damit er nach Rom zum Papst ziehen kann, um dort Buße zu tun und die Absolution zu empfangen. Er kniet dann vor Papst Urban und legt eine nicht ganz überzeugende Beichte ab, die eigentlich eher ein Lobpreis der Venus und ein Bekenntnis seiner Sehnsucht nach ihr ist.
Frau Venus ist eine schöne Frau, Liebreizend und anmuthreiche; Wie Sonnenschein und Blumenduft Ist ihre Stimme, die weiche.
Wie der Schmetterling flattert um eine Blum’ Am zarten Kelch zu nippen, So flattert meine Seele stets Um ihre Rosenlippen. […] Ich hab’ mich gerettet aus dem Berg, Doch stets verfolgen die Blicke Der schönen Frau mich überall, Sie winken: komm’ zurücke!
Ein armes Gespenst bin ich am Tag, Des Nachts mein Leben erwachet, Dann träum’ ich von meiner schönen Frau, Sie sitzt bei mir und lachet.
Und so weiter. Und schließlich: O heiliger Vater, Papst Urban, Du kannst ja binden und lösen! Errette mich von der Höllenqual Und von der Macht des Bösen.
Der Papst zeigt sich hilflos und erwidert:
Der Teufel, den man Venus nennt, Er ist der Schlimmste von allen; Erretten kann ich dich nimmermehr Aus seinen schönen Krallen.
Tannhäuser kehrt darauf zurück zu Frau Venus in den Venusberg, wo er liebreich empfangen wird: Frau Venus erwachte aus dem Schlaf, Ist schnell aus dem Bette gesprungen; Sie hat mit ihrem weißen Arm Den geliebten Mann umschlungen. […] Sie gab ihm Suppe, sie gab ihm Brod, Sie wusch seine wunden Füße, Sie kämmte ihm das struppige Haar, Und lachte dabei so süße.
Nachdem er so wieder hergestellt ist, gibt Tannhäuser seiner Geliebten Bericht von der Heimreise, nun ganz in der zur Satire gewendeten Heine-Diktion, in der „Verbindung von Reiseschema und Zeitsatire das Grundmodell“ für das spätere Versepos Deutschland – Ein Wintermärchen:
Auf sieben Hügeln ist Rom erbaut, Die Tiber thut dorten fließen; Auch hab’ ich in Rom den Papst gesehn, Der Papst er läßt dich grüßen. […] Und als ich auf dem Sankt-Gotthard stand, Da hört’ ich Deutschland schnarchen; Es schlief da unten in sanfter Huth Von sechs und dreißig Monarchen.
Es folgen diverse Stationen von Tannhäusers Reise durch Deutschland, darunter Weimar, Göttingen und endlich Hamburg:
Zu Weimar, dem Musenwittwensitz, Da hört’ ich viel Klagen erheben, Man weinte und jammerte: Goethe sey todt Und Eckermann sey noch am Leben! […] Zu Göttingen blüht die Wissenschaft, Doch bringt sie keine Früchte. Ich kam dort durch in stockfinstrer Nacht, Sah nirgendswo ein Lichte. […] Zu Hamburg sah ich Altona, Ist auch eine schöne Gegend: Ein andermal erzähl’ ich dir Was mir alldort begegent.
Der Schluss in den Neuen Gedichten weicht hier von der ursprünglichen Fassung ab. Diese lautet, einen künftigen erneuten Aufenthalt in Hamburg entschieden ausschließend: Zu Hamburg, in der guten Stadt, Soll keiner mich wiederschauen! Ich bleibe jetzt im Venusberg, Bey meiner schönen Frauen.
Ansonsten besteht der Unterschied der beiden Fassungen im Wesentlichen darin, dass in den Neuen Gedichten die Ballade in die Abschnitte I (Einleitung und Streit zwischen Venus und Tannhäuser), II (Romreise) und II (Heimkehr und Reisebericht) gegliedert ist.
Rezeption
Heines Gedicht war eine der Anregungen Richard Wagners für dessen Oper Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg von 1845, mit dem Unterschied, dass Wagner die Gestalt des Tannhäusers mit dem ebenfalls halb-mythischen Heinrich von Ofterdingen verbindet – wie schon zuvor bei E. T. A. Hoffmann in der Erzählung Der Kampf der Sänger (1818) –, und dem, dass bei Wagner die Geschichte erbaulicher endet, der Held nicht in den unchristlichen Berg zurückkehrt, sondern abgehalten und erlöst wird. Dagegen hat Heine mit seiner „Verherrlichung freier Liebe ohne Sündenbewußtsein […] die Frontstellung sowohl gegen bürgerliche Ehemoral wie gegen christliche Vertröstungsreligion klar abgesteckt.“
Ausgaben Erstdruck in: Der Salon. Dritter Band. Hoffmann und Campe, Hamburg 1837. Neufassung in: Neue Gedichte. Hoffmann und Campe, Hamburg 1844. Französische Übersetzung in: De l'Allemagne. 2. Band. 9. Teil. Paris 1855.
Werkausgaben: Der Tannhäuser. In: Düsseldorfer Heine-Ausgabe. Erstfassung in: Band 9. Bearbeitet von Ariane Neuhaus-Koch. Hoffmann & Campe, Hamburg 1987, ISBN 3-455-03009-2, S. 57–64. Neufassung in: Band 2. Bearbeitet von Elisabeth Genton. Hoffmann & Campe, Hamburg 1983, ISBN 3-455-03002-5, S. 53–60. Der Tannhäuser. In: Heine-Säkularausgabe. Akademie Verlag, Berlin. Erstfassung in: Band 9: Prosa 1836-1840. Hrsg. von Fritz Mende. 1979, ISBN 3-05-005314-3, S. 130–136.