Abbas Zahedi (geboren 1984 in London) ist ein britischer Installations– und Klangkünstler. In seinen ortsbezogenen Arbeiten verbindet er Skulptur, Klang, Performance und soziale Praxis. Wiederkehrende Themen seines Werks sind Trauer und Verlust, Fürsorge, gesellschaftliche Beziehungen sowie die Frage, wie Ausstellungsräume als Orte gemeinschaftlicher Erfahrung genutzt werden können. Seit den 2020er Jahren zählt Zahedi zu den international beachteten Positionen der britischen Gegenwartskunst. 2026 realisierte er im Rahmen der Manifesta 16 Ruhr die ortsspezifische Installation Ouranophobia 47051 in der Kulturkirche Liebfrauen in Duisburg.

Leben Zahedi wuchs im Westen Londons in der Umgebung des später durch den Brand des Grenfell Tower bekannt gewordenen Stadtteils North Kensington auf. Seine Eltern stammten aus dem Iran.

Von 2002 bis 2006 studierte er Physiologie und Pharmakologie am University College London. Anschließend nahm er dort ein Medizinstudium auf, das er 2011 vor dem Abschluss beendete. Nach dem Tod seines jüngeren Bruders infolge einer Herztransplantation wandte er sich verstärkt der Kunst, der Philosophie und gemeinschaftsbezogenen Projekten zu.

Zwischen 2017 und 2019 absolvierte Zahedi am Central Saint Martins College of Art and Design den Masterstudiengang Contemporary Photography: Practices and Philosophies. Seine medizinische Ausbildung sowie persönliche Erfahrungen mit Verlust und Trauer prägen viele seiner künstlerischen Arbeiten. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit lehrt Zahedi als Associate Lecturer am Royal College of Art in London. Zwischen 2017 und 2019 absolvierte Zahedi am Central Saint Martins College of Art and Design den Masterstudiengang Contemporary Photography: Practices and Philosophies.

Während des Studiums erhielt er ein nach der beim Brand des Grenfell Tower ums Leben gekommenen Künstlerin Khadija Saye benanntes Stipendium. Saye war mit Zahedi befreundet. In seiner Abschlussarbeit ‘‘Dwelling: In This Space We Grieve’’ setzte er sich mit ihrer Abwesenheit und mit Formen gemeinschaftlicher Trauer auseinander.

Zahedi lebt und arbeitet in London.

Werk Zahedis künstlerische Praxis umfasst Installationen, Klangarbeiten, Skulpturen, Performances und gemeinschaftsbezogene Projekte. Anstelle abgeschlossener Kunstobjekte entwickelt er häufig räumliche Situationen, die durch Gespräche, Aufführungen oder die Beteiligung lokaler Gruppen aktiviert werden. Materialien und technische Systeme wie Wasserleitungen, Lüftungsanlagen, medizinische Geräte, Lautsprecher oder Musikinstrumente werden dabei zu Bestandteilen räumlicher Klang- und Beziehungsgefüge.

Der Kunstkritiker Alessandro Rabottini beschrieb Zahedis Arbeiten als räumliche und performative Eingriffe, die soziale Begegnungen ermöglichen. Die Präzision seiner Installationen verbinde sich mit offenen, teilweise unvorhersehbaren Prozessen zwischen den Beteiligten. Zahedi behandele Ausstellungsräume dabei weniger als neutrale Orte zur Präsentation von Objekten denn als soziale und emotionale Infrastrukturen.

Frühe soziale Projekte Von 2010 bis 2017 veranstaltete Zahedi im Grove Fish Bar, einem Imbiss im Londoner Stadtteil Ladbroke Grove, Gesprächs- und Diskussionsveranstaltungen zu Philosophie, Kunst und gesellschaftlichen Fragen. 2015 gründete er das zeitweilige Gemeinschaftsprojekt Barbedoun, das sich an der Geschichte der britischen Abstinenzbewegung orientierte und soziale Begegnungen mit alkoholfreien Getränken verband.

2017 nahm er am Diaspora Pavilion im Rahmen der 57. Biennale di Venezia teil. Für die Arbeit verband er ein traditionelles iranisches Erfrischungsgetränk mit in Ostlondon gebrautem Bier. Die Herstellung und Ausgabe des Getränks bildeten einen Anlass für Gespräche über Migration, Zugehörigkeit und kulturelle Übersetzung.

How to Make a How from a Why? und Ouranophobia SW3 Als Stipendiat der South London Gallery entwickelte Zahedi 2020 die Installation How to Make a How from a Why?

Die Arbeit verband Klang, Wasser, Rosenduft und skulpturale Elemente mit Ritualen des Klagens und Gedenkens. Nach Beginn der COVID-19-Pandemie wurde der Raum zeitweise als Rückzugsort für Beschäftigte des britischen Gesundheitsdienstes genutzt.

Im selben Jahr realisierte er im ehemaligen Chelsea Sorting Office in London die Installation Ouranophobia SW3. Der Titel bezeichnet die Angst vor dem Himmel. Zahedi bezog die Geschichte des Gebäudes, seine technischen Anlagen und die gegenüberliegende Spezialklinik Royal Brompton Hospital in die Arbeit ein. Klang, architektonische Eingriffe und islamische Trauergesänge schufen einen Raum für Verlust und Erholung. Während der Pandemie stand die Installation zeitweise insbesondere Beschäftigten des Krankenhauses als Aufenthaltsort offen.

Die Kunstkritikerin Chloe Carroll sah in der Arbeit weniger eine Ausstellung als eine Intervention in bereits vorhandene räumliche und gesellschaftliche Bedingungen. Zahedi vermeide die bloße Präsentation von Objekten und lenke die Aufmerksamkeit stattdessen auf die Beziehungen zwischen dem Gebäude, seiner Umgebung und den Menschen, die es nutzten.

Róisín Tapponi ordnete das Projekt in Frieze als Verbindung von Kunstausstellung und gegenseitiger Unterstützung ein. Die Öffnung für Beschäftigte des benachbarten Krankenhauses sei keine nachträgliche soziale Ergänzung gewesen, sondern Teil der künstlerischen Struktur der Arbeit.

Waiting With {Sonic Support} Als Gewinner des Frieze Artist Award entwickelte Zahedi 2022 die Arbeit Waiting With {Sonic Support} für die Kunstmesse Frieze London. Sie bestand aus zwei miteinander verbundenen Wartebereichen: einer kleineren Installation innerhalb der Messe und einem größeren Bau im Regent’s Park. Die Architektur orientierte sich an modernistischen Bushaltestellen in Zentralasien. Beiträge aus einem öffentlich zugänglichen Veranstaltungsbereich im Park wurden akustisch in die Messe und in Fahrzeuge für Gäste übertragen.

Eva Wilson interpretierte das Warten in der Arbeit als soziale und politische Situation. Zahedi schuf demnach keinen abgeschlossenen Rückzugsraum, sondern verband unterschiedliche Öffentlichkeiten innerhalb und außerhalb der kommerziellen Kunstmesse miteinander.

Metatopia 10013 und Holding a Heart in Artifice In der Ausstellung Metatopia 10013 in der Anonymous Gallery in New York setzte sich Zahedi 2022 mit privaten und kollektiven Ritualen des Trauerns auseinander. Die Installation umfasste unter anderem eine mit Rosenwasser betriebene Waterphone-Konstruktion und ein Sprinklersystem. In einem Gespräch mit Jamila Prowse beschrieb Zahedi die wiederkehrende Verwendung von Rosenwasser als Verbindung zwischen materiellen, sinnlichen und rituellen Ebenen seiner Arbeiten.

2023 zeigte Nottingham Contemporary die Einzelausstellung Holding a Heart in Artifice. Ausgangspunkt waren medizinische Systeme zur Aufrechterhaltung von Herz- und Lungenfunktionen sowie Zahedis Erfahrung mit dem Tod seines Bruders. Neben skulpturalen und klanglichen Elementen umfasste die Arbeit ein Veranstaltungsprogramm mit Gesprächen, Musik, gemeinsamem Essen und Zusammenkünften von Krankenhausbeschäftigten und Menschen mit Erfahrungen im Bereich der extrakorporalen Membranoxygenierung.

Maximiliane Leuschner beschrieb die Ausstellung in Texte zur Kunst als begehbare, prozesshafte Form zwischen Installation und gesprochener Performance. Sie verstand das Projekt zugleich als Vorschlag für eine zeitgenössische Kunstinstitution, die gemeinschaftliches Handeln, Verletzlichkeit und Austausch als Bestandteile der Ausstellung anerkennt. Kritisch verwies sie jedoch darauf, dass die institutionelle Inszenierung von Fürsorge nicht automatisch die gesellschaftlichen und materiellen Bedingungen beseitige, die solche Unterstützungsräume notwendig machten.

Begin Again Für die von 2025 bis 2026 laufende Präsentation Gathering Ground in der Tate Modern entwickelte Zahedi die Klanginstallation Begin Again. Tonwiedergabegeräte und Musikinstrumente wurden mit den Versorgungsleitungen und technischen Strukturen des Museums verbunden. Die Komposition wechselte zwischen harmonischen und auseinanderfallenden Klangzuständen. Begleitend fanden Gesprächsgruppen zum Umgang mit ökologischer Trauer statt.

Ouranophobia 47051 Für die Manifesta 16 Ruhr realisierte Zahedi 2026 in der Kulturkirche Liebfrauen in Duisburg die Klanginstallation Ouranophobia 47051. Die Zahl im Titel entspricht der Postleitzahl des Ausstellungsortes in Duisburg-Mitte. Ausgangspunkt war die nicht mehr vollständig funktionsfähige Orgel der Kirche. Zahedi ergänzte sie durch Pfeifen aus stillgelegten, beschädigten oder zerstörten Orgeln verschiedener europäischer Kirchen. Einige der Pfeifen stammten aus der durch den russischen Angriffskrieg beschädigten St.-Nikolaus-Kirche in Kyjiw.

Die Pfeifen wurden kreisförmig im Kirchenraum angeordnet und auf die Fenster und das Gewölbe ausgerichtet. Das Publikum befand sich innerhalb dieser Anordnung. Die Installation diente zugleich als Musikinstrument und als Raum für Konzerte, Gespräche und gemeinschaftliche Veranstaltungen.

Tobi Müller deutete die Arbeit in Monopol als eine Form kollektiver Trauer um den Verlust religiöser und gesellschaftlicher Gemeinschaftsräume in Europa. Er hob hervor, dass Zahedi die Besucher nicht einer frontal ausgerichteten Orgel gegenüberstelle, sondern sie in das Zentrum des klanglichen Geschehens versetze. Die aus unterschiedlichen Orten zusammengetragenen Pfeifen bezeichnete Zahedi in einem englischen Wortspiel als orphan pipes, als verwaiste Pfeifen.

Phoebe Blatton bezeichnete Ouranophobia 47051 in ArtReview als eine der eindringlichen Arbeiten der Manifesta. Die Ausrichtung der Orgelpfeifen erinnere zugleich an Raketenwerfer und verbinde die sakrale Architektur mit gegenwärtigen Erfahrungen von Krieg und Zerstörung.

Ben Livne Weitzman verglich die Pfeifen in Frieze mit Flugabwehrsystemen. Die Installation bewege sich visuell zwischen Schutzraum und Belagerungszustand. Zugleich würden die aus beschädigten Orgeln entnommenen und verstummten Pfeifen in Duisburg wieder zu Klangträgern.

Arbeitsweise und Rezeption Zahedis Werk wird in der Kunstkritik häufig im Zusammenhang mit Trauer, Fürsorge und sozialer Praxis behandelt. Patricia Grzonka bezeichnete seinen Ansatz 2022 in Monopol als „Heilen als künstlerische Praxis“. Zahedi verbinde soziale und politische Themen mit einer kommunikativen Arbeitsweise, ohne Unterschiede und Konflikte zwischen den Beteiligten aufzulösen.

Zahedi verwendet für Teile seiner Arbeitsweise den Begriff „dissoziativer Realismus“. Er bezeichnet damit eine Bewegung zwischen Nähe und Entfremdung sowie die Wahrnehmung von Bedeutungen, die sich nicht ausschließlich über materielle Gegenstände vermitteln. In der Rezeption wird der Begriff vor allem auf seine Verbindung persönlicher Erfahrungen mit räumlichen, gesellschaftlichen und gemeinschaftlichen Prozessen bezogen.

Alessandro Rabottini sah in Zahedis Werk keine einfache Übertragung biografischer Verlusterfahrungen in Kunst. Die Arbeiten entwickelten vielmehr Situationen, in denen individuelle und kollektive Erfahrungen aufeinanderträfen. Objekte fungierten dabei als Vermittler zwischen den Menschen, den jeweiligen Orten und deren Geschichte.

In der deutschsprachigen Kunstkritik wurde Zahedis Werk insbesondere als Verbindung von Installation, sozialer Praxis und gemeinschaftlichen Formen des Umgangs mit Verlust beschrieben. Patricia Grzonka bezeichnete seinen Ansatz 2022 in der Kunstzeitschrift Monopol als „Heilen als künstlerische Praxis“. Zahedi verbinde soziale und politische Themen mit einer kommunikativen Arbeitsweise, die Begegnung ermögliche, ohne Unterschiede zwischen den Beteiligten einzuebnen.