mini|Heinrich Heine (Moritz Daniel Oppenheim, 1831) Elementargeister ist ein Essay von Heinrich Heine, der zuerst auf Französisch 1835 unter dem Titel Traditions populaires als sechster Teil von De l'Allemagne erschien. Der deutsche Text erschien 1837 im dritten Teil von Heines Sammelwerk Der Salon bei Hoffmann und Campe in Hamburg.

Hintergrund

In Ueber den Denunzianten, Heines Vorrede zum 3. Teil des Salons, in dem die Elementargeister erstmals auf Deutsch erschienen, schreibt er:

Im Dezember 1835 waren durch einen Beschluss des Bundestags in Frankfurt am Main die Schriften des Jungen Deutschland und an erster Stelle die von Heinrich Heine im Gebiet des Deutschen Bundes summarisch verboten worden. Heine unternahm eine ganze Reihe von Bemühungen, diesen Beschluss – jedenfalls sofern er ihn betraf – aufheben oder abmildern zu lassen oder ihn zu umgehen. Dazu gehörte auch der dritte Band des Salon mit den Elementargeistern und den Florentinischen Nächten als Belege für die Harmlosigkeit seiner Schriften.

„Ein kostbares, welterfreuliches […] Buch amüsanten Inhalts und kein Censor in der ganzen Welt wird etwas dran auszusetzen haben“, so beschreibt Heine das Werk in einem Brief vom 2. Juli 1835 an seinen Verleger Campe.Heine-Säkularausgabe Band 21. Briefe 1831-1841. Hrsg. von Fritz H. Eisner. Akademie Verlag, Berlin 1970, ISBN 3-05-005343-7, S. 114f. Ein weiterer Aspekt war der Umfang des geplanten Bandes. Aufgrund der Karlsbader Beschlüsse von 1819 unterlagen Druckschriften mit einem Umfang unter 20 Bogen der Vorzensur, die es zu vermeiden galt. Ein Bogen im Quartformat entsprach 16 Druckseiten, das heißt, dass der 3. Band des Salon einen Umfang von mindestens 320 Seiten haben musste. Es musste also der Text in der Selbstzensur gekürzt werden, andererseits musste der Umfang zur Vermeidung der Vorzensur erweitert werden. So wurde der Abschluss des Werkes kompliziert, für Heine recht qualvoll und zog sich hin.

Das von Heine in der oben zitierten Vorrede erwähnte Gedicht über den Tannhäuser erschien 1844 in veränderter Fassung in den Neuen Gedichten. Die französische Fassung des vollständige Texts der Elementargeister erschien 1855 in der Neuausgabe von De l'Allemagne, nun allerdings in zwei Teile zerlegt als 7. und 9. Teil, der 9. Teil zusammen mit den zuvor als Journaldruck erschienenen Göttern im Exil (französisch Les dieux en exil).

Inhalt Der Text beginnt unvermittelt mit der Nacherzählung einer Sage über den Sachsenherzog Wittekind, die sich in den Deutschen Sagen der Gebrüder Grimm findet.Wittekinds Flucht, Nr. 454. In: Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsche Sagen. Zwei Bände in einem Band. München , . Heine überhäuft insbesondere Jakob Grimm mit Lob, kündigt an, sich der Grimmschen Sagen öfters bedienen zu wollen, stellt dann aber Paracelsus als eine „Hauptquelle für Erforschung des altgermanischen Volksglaubens“ dar mit seiner Einteilung der Elementargeister in Nymphen, Undinen, Silvanen und Salamander entsprechend den 4 Elementen. „Wir haben keine Gründe anzunehmen […] daß diese Wesen dem Teufel gehören; und was der Teufel selbst ist, das wissen wir auch noch nicht“, sagt Paracelsus. Die Einteilung des Paracelsus wirft Heine aber sogleich über Bord und bekennt sich zum Volksglauben:

mini|Zwerg in Betrachtung einer Eisenbahn (Carl Spitzweg, ca. 1848) mini|Elfentanz auf einer Wiese (Nils Blommér, 1850) Er untersucht zunächst anhand verschiedener Sagengeschichten die „Wichtelmänner, Gnomen, Metallarii, kleines Volk, Zwerge“ genannten Wesen. Als Nächstes behandelt Heine dann die Elfen, die Luftgeister, verknüpft die mit der Welt der keltischen Sagen, erwähnt Shakespeares Sommernachtsraum und die Elfenkönigin in Spensers Faerie Queene und zitiert sich dann selbst mit einem Gedicht, das als Nr. 32 des Zyklus Neuer Frühling 1844 in Heines Neue Gedichte aufgenommen wurde und mit „In dem Wald, im Mondenscheine, / Sah ich jüngst die Elfen reuten …“ beginnt. Vom Elfenritt kommt Heine zum Elfentanz, den Heine als ein gefährliches und mitunter tödliches Vergnügen, wie man an der von Saqe vom Herrn Oluf sieht. Von den tanzenden Elfen ist dann nur ein kurzer Weg zur slawischen Sage von den „Willis“, vor ihrer Hochzeit gestorbenen Bräuten, deren unbefriedigte Tanzlust sie aus dem Grab steigen und an Kreuzwegen einsame Wanderer in einen wilden Tanz bis zum Tod zwingen lässt.

mini|Rheintöchter (Johann Heinrich Füssli, ca. 1794) Nach den Erd- und den Luftgeistern treten anschließend die Nixen als Vertreter der Wassergeister auf, die auch gerne tanzen, nun aber bei Teichen und Flüssen. Heine berichtet von den meist tragisch verlaufenden Beziehungen zwischen Nixen bzw. Wassermännern und Menschen, wobei er wieder eine der Grimmschen Sagen verwendet.Die drei Jungfern aus dem See, Nr. 307. In: Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsche Sagen. Zwei Bände in einem Band. München , . Böse endet auch die Geschichte des Schwanenritters der in der Variante mit der Prinzessin Beatrix von Kleve nicht Lohengrin, sondern Helias heißt, aber auch verschwindet, sobald man ihn nach seiner Herkunft befragt.Das Schwanschiff am Rhein, Nr. 541. In: Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsche Sagen. Zwei Bände in einem Band. München , . Von den Schwanenrittern spannt Heine dann den assoziativen Bogen zu den Schwanenjungfrauen, die nach Anlegen eines Schwanenhemdes sich in die Lüfte heben können und bei denen Heine auch nicht entscheiden mag, ob sie eher zu den Luft- oder zu den Wassergeistern zu zählen sind. Das dunkle Gegenstück zur Schwanenjungfrau ist der Nachtrabe, von dem Heine eine von Wilhelm Grimm übersetzte altdänische Ballade mitteiltDie treue Braut. In: Altdänische Heldenlieder. Übersetzt von Wilhelm Carl Grimm. Heidelberg, 1811, S. 79–83, bei der er sich nur ein paar unbedeutende „metrische Veränderungen erlaubte, […] nur am Aeußerlichen, an dem Gewande, hie und da ein Bischen geschneidert“ habe. Tatsächlich hat er den Balladentext ganz erheblich überarbeitet. In dem Gedicht trifft die Schwanenjungfrau Adelutz auf den wilden Nachtraben, der ihren Geliebten getötet hat. Es kommt zum Luftkampf: „Und als sie den wilden Nachtraben traf, / Sie schnitt ihn entzwey in der Mitten“ – und findet schließlich selbst den Tod.

Es folgt dann die Sage vom Wispertal in der Heineschen Fassung als eine durch die drei Hexen bei Macbeth hervorgerufene Reminiszenz, die in der von Shakespeare verwendeten Quelle keine Hexen, sondern Feen und ein Nachhall der germanischen Walküren gewesen seien. Bei Heine begegnen drei Handwerksburschen im Wispertal drei wunderschönen Frauen, die sie in ihr Schloss einladen und sie heiraten wollen, zuvor sollen sie aber von Sperling, Elster und Eule Auskünfte einholen. Die Eule gibt einen misogynen Spruch über das trügerische Wesen der Frauen von sich, der sich aber bestätigt, denn die wunderschönen Jungfrauen sind in Wahrheit alte Hexen.

Die Frage ob holde Fee oder Hexe erörtert Heine dann im Kontext des Sieges des Christentums über das Heidentum, nämlich, dass das Christentum die heiligen Orte der Heiden, als da sind Steine, Bäume und Flüsse, entweder selbst in Beschlag genommen oder verteufelt hat:

mini|Satan vor seinem Höllenpalast (John Martin, 1841) Womit Heine bei den Feuergeistern angekommen ist. Heine referiert dann noch eine empirische Untersuchung, die er als Knabe durchgeführt haben will. Angeblich soll der Salamander-Lurch imstande sein, im Feuer zu leben. Der Knabe Heine hat es ausprobiert, einen gefangenen Salamander in den Ofen geworfen und das Tier ist verkohlt. Salamander im Sinne von Feuergeistern kenne der Volksglaube aber nicht, beziehungsweise nur einen, dessen Element das Feuer ist, nämlich „Luzifer, Satan, der Teufel“. Heine ergreift die Gelegenheit, einige Teufels-Sagen und Teufels-Anekdoten wiederzugeben, darunter die von der Begegnung des Teufels mit Martin Luther in einer von Johann Georg Gödelmann überlieferten Form.Johann Georg Gödelmann: Von Zäuberern, Hexen und Unholden, … verteutsehet … durch M.Georgium Nigrinum … Frankfurt am Main 1592, S. 23f. (). Mit Verweisen auf den Teufel im Goetheschen Faust und in Grabbes Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung endet der erste Abschnitt des Essays.

Der zweite Teil beginnt mit einer Geschichte, die sich 1820 in Göttingen zugetragen haben soll, als Heine dort studierte. Es geht darin um einen verhinderten Autor namens Heinrich KitzlerEine Person dieses Namens konnte nicht ermittelt werden. Es könnte sich um eine nach dem Vorbild eines Studienkollegen geformte oder eine komplett fiktive Figur handeln., der immer wieder mit seinen Buchprojekten scheitert, da er jedes Mal, wenn er ein Thema ausführlich erörtert hat, aus Gründen der intellektuellen Redlichkeit es unternimmt, auch die der seinen entgegengesetzte Position zu begründen und darzustellen, bis er am Ende sich selbst vom Gegenteil überzeugt hat und sich gezwungen sieht, sein Manuskript ins Feuer zu werfen, im vom Heine beschriebenen Fall eine Abhandlung über die „Vortrefflichkeit des Christentums“.

Was sprach nun gegen die Vortrefflichkeit des Christentums? Kitzler bzw. Heine zufolge die Barbarei, die sich im Bildersturm der frühen Christen, der Zerstörung der heidnischen Tempel und Bildwerke äußerte, begründet mit einer Umdeutung der antiken Götter zu Teufeln und Dämonen. Er kritisiert die antiken Verteidiger des Heidentums, da ihre Argumente am Kern der Sache vorbeigingen:

Heine behandelt nun das Überleben der antiken Götter als Dämonen als literarischen Stoff bzw. als Programm. „[N]euere Poeten schöpften hier die Motive ihrer schönsten Dichtungen“, merkt er an und gibt sogleich eine Paraphrase des Eichendorffschen Marmorbilds, gefolgt von einer recht ähnlichen Sage, die er einem Werk des 17. Jahrhunderts mit dem Titel Mons Veneris, Fraw Veneris Berg entnommen hatte.Mons Veneris, Fraw Veneris Berg. Das ist Wunderbare und eigentliche Beschreibung der alten Haydnischen und Newen Scribenten Meynung von der Göttin Venere, … newlich zusammen getragen und … an Tag geben Durch Henricum Kornmannum [d.i. Heinrich Kornmann] … Frankfurt am Main 1614, S. 77–81. Nachdruck: Zentralantiquariat der Deutschen Demokratischen Republik, Leipzig 1978. Damit ist Heine bei der Sage vom Venusberg und ihrem Tannhäuser angelangt, dem der Rest des Textes gewidmet ist.

mini|Tannhäuser und Frau Venus (Otto Knille, 1873) mini|Der Minnesänger Tannhäuser im Codex Manesse, den Heine sich in der Pariser Bibliothèque royale in Paris 1831 vorlegen ließRolf Hosfeld: Heinrich Heine. Die Erfindung des europäischen Intellektuellen. Siedler, 2015, Kap. Die neue Welt.