mini|Der Friedhof Grancia, im Hintergrund links die Garage einer Autovermietung, rechts die Kirche San Cristoforo (2026) Der Friedhof Grancia () ist der Gemeindefriedhof von Grancia im Schweizer Kanton Tessin. Er beherbergt bedeutende Kunstwerke von Vincenzo Vela, Antonio Soldini, Cesare Berra und Ercole Garbani-Nerini.

Grabmale

Grabkapelle der Familie Scala (1877/1904) mini|hochkant|links|Die Scala-Kapelle Die gemäss Inschrift 1877 entstandene neogotische Kapelle verdankt ihre heutige Gestalt einem Legat des Unternehmers Costantino «Constantin» Scala (1843–1904), der, gebürtig aus El Biar, in Französisch-Algerien zu beträchtlichem Reichtum gelangte. Seinen Urlaub verbrachte er jeweils in Lugano.

mini|Die Piazza Costantino Scala in Grancia im Jahr 2014 Bei seinem Tod am 8. Juli 1904 vermachte er seiner Heimatgemeinde Grancia, in der sein Vater aufgewachsen war, 10'000 Franken zur Vergrösserung der Familienkapelle, ferner das auf 4000 Franken veranschlagte Vaterhaus, um es als Schule zu verwenden, 1000 Franken für die Armen und 4000 Franken für den Bau einer Trinkwasserzuleitung sowie einen öffentlichen Brunnen und die Verbesserung des bestehenden Brunnens.La morte di un filantropo. In: Gazzetta Ticinese. 9. Juli 1904, S. 2 f. (online). Nach Scala ist ein Platz in Grancia benannt (Piazza Costantino Scala).

Im Innern der Kapelle befinden sich zwei Rundreliefs und zwei Büsten. Sie ist als Kulturgut von lokaler Bedeutung geschützt.

Grabkapelle der Familie Demartini (1879–1882) mini|hochkant|Die Demartini-Kapelle Die Grabanlage liess der Bauunternehmer und Politiker Enrico Demartini (1838–1886) für seine Frau Maria «Marie» Demartini-Scala errichten, die am 23. Mai 1876 im Alter von 29 Jahren verstarb.Nancy J. Scott: Vincenzo Vela, 1820–1891. Garland Publishing, New York/London 1979, S. 435. Demartini war unter anderem verantwortlich für den Bau der Palazzi auf der Südseite des Domplatzes in Mailand und des Bahnhofs Lugano. Ausserdem sass er 1877–1881 sowie 1885–1886 für die Radikalliberalen im Grossen Rat des Kantons Tessin.Celestino Trezzini: Enrico de Martini. In: Historisch-Biographisches Lexikon der Schweiz. Band 2: Basel - Egnach. Paul Attinger, Neuenburg 1924, S. 690 (PDF Digitalisat), abgerufen am 1. Mai 2017. 1879 beauftragte er seinen Parteikollegen und Mitparlamentarier Vincenzo Vela mit der Schaffung einer Porträtstatue der Verstorbenen für deren Grab. Das Werk war 1882 vollendet.

mini|hochkant|links|Vincenzo Vela: Die Meditation (La Meditazione) (1881–1882), Grabmal der Familie Demartini Das Postament, auf dem die Bronzestatue steht, fertigte Augusto Guidini senior. Es ist auf der Frontseite mit dem Christusmonogramm und der schlichten Widmung A MARIE («Für Marie») versehen. Die Statue, die unter dem Namen Die Meditation (La Meditazione) bekannt wurde, stellt Maria Demartini-Scala als junge Frau in zeitgenössischer bürgerlicher Kleidung dar. Sie sitzt seitlich auf einem Stuhl und sinnt über die Lektüre eines Buches, das sie aufgeschlagen am Oberkörper hält, nach.Una statua del Vela nel giardino del Liceo. In: Gazzetta Ticinese. 22. März 1952, S. 2 (online). Vela verzichtete ganz auf christlich-religiöse Symbolik.

Die einfassende neogotische Anlage besteht aus einer Ädikula mit Spitzbögen, schlanken Säulen, Fialen und reichem Masswerk. An den Innenseiten der tragenden Säulen sind Konsolen angebracht, auf denen drei Marmorbüsten stehen. Jene einer nicht näher bezeichneten alten Frau wurde 1880 von Antonio Soldini geschaffen.

Demartini war unzufrieden mit dem Grössenverhältnis von Plastik und Kapelle. Er starb wenige Jahre nach der Vollendung, im Oktober 1886, im Alter von 48 Jahren und wurde gemäss seiner testamentarischen Verfügung ebenfalls unter der Kapelle beigesetzt. Bei seinem Begräbnis war die gesamte Parteispitze der Liberalen vertreten, die konservative Partei hingegen boykottierte den Anlass und der konservative Staatsrat – Demartini starb zwei Jahre vor dem Tessiner Putsch – entsandte nicht einmal einen Delegierten. Als Freidenker verzichtete Demartini auf eine kirchliche Zeremonie.Cronaca di Lugano. In: Gazzetta Ticinese. 1. November 1886, S. 3 (online).

Als die Statue 1952 zum Verkauf angeboten wurde, erwarb sie der Kanton Tessin, liess sie vom Friedhof Grancia entfernen und stattdessen in Lugano im Garten zwischen dem Palazzo degli Studi, Sitz des Gymnasiums, und der Kantonsbibliothek aufstellen. Die Bevölkerung Grancias war empört. Ein lokaler Korrespondent der Gazzetta Ticinese nannte die Versetzung eine «Profanation» des Demartini-Grabes, «eine jener Handlungen, die vom vollständigen Niedergang der heutigen Zivilisation zeugen», und forderte Wiedergutmachung.La Meditazione del Vela. In: Gazzetta Ticinese. 8. April 1952, S. 2 (online). Dennoch wurde das Werk erst in den 1970er Jahren wieder an seinen angestammten Platz zurückgebracht, angeblich weil ihm die Gymnasiasten zu sehr zugesetzt hatten.Spätestens 1979 war die Statue wieder in Grancia. Nancy J. Scott berichtete in ihrer in diesem Jahr erschienenen Monografie, die Statue sei «nun wieder zurückgebracht worden» («has now been put back»). In einem Zeitungsartikel vom 17. März 1979 wird sie als in Grancia befindlich verzeichnet. Am 16. März 1979 wurde im an die Kantonsbibliothek anschliessenden Parco Ciani eine von Apollonio Pessina geschaffene Büste Velas platziert. Vgl. Il 100.mo della cittadinanza onoraria di Lugano allo scultore Vincenzo Vela. In: Gazzetta Ticinese. 17. März 1979, S. 4 (online).

Die Statue ist als Kulturgut von nationaler Bedeutung,Inventario PBC 2021: Lista cantonale del Canton TI (Stato: 1.1.2024). S. 7 (PDF; 147 kB). die gesamte Grabanlage als Kulturgut von kantonaler Bedeutung geschützt.Piano regolatore del comune di Grancia. Norme di attuazione. Art. 30bis. 11. März 2015, S. 14 (PDF).

Grabmal der Familie Foglia (1895) mini|hochkant|Cesare Berra: Maria mit dem Kinde (1895), Grabmal der Familie Foglia Das im Stile der Neorenaissance gestaltete Grabmal ist eines der Hauptwerke von Cesare Berra, der seit 1882 ein Atelier in Certenago führte. In einer rundbogigen, mit einem Mosaik und dem Incipit des Ave Maria geschmückten Nische steht die 1895 geschaffene bronzene Maria mit dem Kinde (130 × 75 × 80 cm). Das Grabmal ist als Kulturgut von lokaler Bedeutung geschützt.

Die stark verwitterten Inschriften auf der linken Grabtafel legen nahe, dass es der aus Grancia stammende Bildhauer Paolo Luigi Foglia (1853–1935), der den Grossteil seines Lebens in Frankreich, den USA und Italien verbrachte,La morte dello scultore P. L. Foglia. In: Gazzetta Ticinese. 5. August 1935, S. 2 (online). für seine 31-jährig verstorbene Frau Clémence Foglia geb. Beauron (* 8. September 1862; † 4. Oktober 1893) sowie ihre als Säuglinge verstorbenen Kinder Giulio Luigi (* 28. Februar 1888; † 5. Juli 1888) und Marie Louise (* 10. Dezember 1892; † 10. Juli 1893) errichten liess. Dazu passt auch das Mutter-Kind-Motiv der Statue.

Paolo Luigi Foglia kehrte im Alter ins Tessin zurück und liess sich in Lugano nieder, wo er am 3. August 1935 im Alter von 82 Jahren verstarb. Am 5. August wurde sein Leichnam im Familiengrab in Grancia beigesetzt. Er vermachte der Gemeinde Grancia 15'000 Franken sowie sein Haus und die dazugehörigen Grundstücke. Seine Bücher gingen an die Kantonsbibliothek in Lugano. Nach Foglia ist ein Platz in Grancia benannt (Piazza Paolo Luigi Foglia).

Grab von Carolina Scala-Marchettini (1918) mini|hochkant|Ercole Garbani-Nerini: Frauenfigur (1918), Grab von Carolina Scala-Marchettini Das Grabmal der Carolina Scala geb. Marchettini wurde von ihrem Schwiegersohn, dem Politiker Evaristo Garbani-Nerini, errichtet, der seinen Bruder Ercole Garbani-Nerini mit der Ausführung beauftragte. Bei der Skulptur einer in Nachdenken versunkenen Frau handelt es sich um eines von nur zwei erhaltenen Werken im öffentlichen Raum dieses hauptsächlich im Deutschen Reich tätigen Bildhauers.Giulio Foletti: Ercole Garbani Nerini. In: Arte nell’Ottocento. La pittura e la scultura del Cantone Ticino (1870–1920). Armando Dadò, Locarno 2001, S. 285–289.

Das Postament ist mit einem Porträtmedaillon geschmückt. Die Inschrift auf der davor liegenden Platte lautet:

Evaristo Garbani-Nerinis Frau und Tochter der hier Begrabenen, Nella Garbani-Nerini geb. Scala, war am 28. Januar 1908 im Alter von 32 Jahren verstorben und hatte die beiden Kinder Carolina und Ester hinterlassen.Nella Garbani-Nerini nata Scala. In: L’Azione. 28. Januar 1909, S. 3 (online).

Das Grabmal ist als Kulturgut von lokaler Bedeutung geschützt.

Grabmal der Familie Rotta (1924) mini|Das Grabmal der Familie Rotta Das Grabmal wurde für den ehemaligen Bürgermeister Grancias (Radikalliberale), den Maurermeister Michele Rotta, errichtet, der am 29. September 1924 verstarb.Rotta Michele. In: Gazzetta Ticinese. 30. September 1924, S. 3 (online). Als Freidenker hatte er verfügt, eine rein weltliche Trauerfeier abzuhalten und seinen Leichnam zu kremieren. Die Trauerrede hielt Carlo Censi, der darin letzteren Entschluss lobte: «Du, o Rotta, hast es verstanden, den Furchtsamen ein Beispiel unerschütterlicher Prinzipientreue zu geben – selbst im Tod!»Rotta Michele. In: Gazzetta Ticinese. 2. Oktober 1924, S. 3 (online).

Das Monument entbehrt demonstrativ jeglicher christlicher Symbolik und stellt eine von Akroterien bekrönte Ädikula nach antikem Vorbild dar. Die Urne und die Flamme verweisen auf die Feuerbestattung, für deren Einführung die Tessiner Liberalen seit 1866 kämpften. Ein 1902 vom Grossen Rat verabschiedetes Gesetz, das die fakultative Kremation erlaubte, wurde 1903 in einem Referendum verworfen. Erst 1916 konnte auf dem Monumentalfriedhof Lugano das erste Krematorium des Kantons eingeweiht werden, wohin Rottas Sarg nach der Trauerzeremonie abtransportiert wurde.

Weitere Gräber

Weblinks

Einzelnachweise

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