Sophie Boas (* 7. Juli oder 12. Juli 1828 als Jeannette „Sophie“ Meyer in Minden; † 6. Februar 1916 in Berlin-Wilmersdorf) war eine preußische Frauenrechtlerin.

Werdegang Jeannette „Sophie“ Meyer wurde im Juli 1828 im Haus Markt 166/67 (heute Markt 14) in Minden in der Provinz Westfalen im Königreich Preußen als eines von elf Kindern in eine jüdische Familie geboren. Ihre Eltern waren der Kaufmann Jonas Meyer (1787–1851) und Henriette „Jette“ (auch Yette) Menke (1792–1851). Jonas Meyer stammte aus einer angesehenen Petershagener Kaufmannsfamilie und hatte 1819 die Mindener Bürgerrechte erworben. Als Kornhändler und zeitweise Brauereibetreiber mit einem veranschlagten Kapital von 10.000 Talern zählte er mit seiner Familie zur Oberschicht der Mindener Kaufleute. Sophie Meyer wurde, ebenso wie ihre Geschwister, streng im jüdischen Glauben erzogen. Sie wurde erst von dem Rabbi Elkim unterrichtet und besuchte anschließend von 1843 bis 1844 die christliche Höhere Töchterschule in Minden, wo sie die „schöngeistige Bildung, die von Frauen des gehobenen Bürgertums um die Mitte des Jahrhunderts erwartet wurde“, erwarb.

Am 28. August 1850 heiratete Sophie Meyer den jüdischen Kaufmann Meier Boas (1823–1899) und zog mit ihm in die Ritterstraße in Minden. Im Februar 1851 starb ihre Mutter, im Oktober auch ihr Vater. Um 1852/1853 erfolgte ein erneuter Umzug an den Scharn. Zwischen 1852 und 1867 wurden die fünf Kinder des Ehepaares geboren: Tochter Helene (1852–1857), die im Kindesalter starb, Tochter Antonie „Toni“ (1854–1935), Sohn Franz (1858–1942 in Manhattan) sowie die Töchter Hedwig „Hete“ (1863–1949 in New York City) und Anna Margarethe (1867–1946 in Rio de Janeiro). Hedwig Boas heiratete 1885 den Philosophen und Pädagogen Rudolf Lehmann.

Im Jahr 1860 gründete Sophie Boas in Minden den ersten Reform-Kindergarten Fröbelscher Prägung mit einem großen Gartengrundstück. Unter den von einem Lehrer, einem Assistenten und ihr selbst betreuten 35 Kindern waren auch ihr Sohn Franz und Tochter Antonie. Sie förderte die naturwissenschaftlichen Neigungen ihres Sohnes und setzte später durch, dass der Sohn Franz nach dem Abitur sein Studienfach selbst wählen durfte. In den Jahren 1866 und 1870/71 war Sophie Boas während der von Preußen geführten Kriege (Deutscher Krieg und Deutsch-Französischer Krieg) ehrenamtlich bei der Pflege verwundeter Soldaten in Minden tätig.

Ab Ende 1879 wohnten Sophie Boas und ihr Mann in einer eigenen, neu erbauten Villa in der Marienstraße 19, bevor sie 1887 wegen der Geschäftstätigkeit ihres Mannes widerstrebend mit nach Berlin zog. Im selben Jahr emigrierte Sohn Franz in die USA, da er sich dort bessere Arbeits- und Karrieremöglichkeiten erhoffte. Im Jahr 1899 wurde Sophie Boas Witwe, lebte weiterhin in gutbürgerlichen Verhältnissen und wurde nach dem Tod ihres Bruders Jacob in New York Miterbin eines größeren Vermögens, das sie unter ihren Kindern aufteilte. Sie starb 1916 am Wohnort Hohenzollerndamm 10 in Berlin-Wilmersdorf und wurde drei Tage später am 9. Februar auf dem jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee beigesetzt, wo auch ihr Mann bestattet worden war.

Politisches und soziales Engagement Sophie Boas und ihre jüngere Schwester Fanny (1833–1856), zu der sie ein enges Verhältnis hatte, waren bereits als junge Mädchen in Kontakt zur demokratischen Bewegung in Minden gekommen. Maßgeblich dafür war ihre enge Freundschaft zu Abraham Jacobi ab Mitte der 1840er Jahre, der als Privatlehrer ihres 1834 geborenen Bruders Jacob oft im Haus war. Mit ihm konnten die Schwestern philosophische und politische Fragen diskutieren, begeisterten sich für die liberalen Ideen der Revolutionen 1848/1849 und waren in politischen Zirkeln aktiv, wo sie sich für die Frauenemanzipation einsetzten. Zusammen mit Fanny und ihrem 1824 geborenen Bruder Emil arbeitete Sophie Boas in einem von Louis Kugelmann im November 1848 gegründeten Bildungsverein für junge Jüdinnen und Juden mit.

Gemeinsam mit Fanny gründete Sophie Boas im Oktober 1850 ein politisches „Kränzchen für Mädchen“ von und mit jungen Frauen, die sich gegenseitig wissenschaftlich bilden wollten und nach dem Vorbild früherer Demokratenzirkel in der Stadt politisch aktiv werden sollten. Insbesondere sollten weitere Frauen für die Unterstützung und Durchsetzung der Frauenemanzipation gewonnen werden. Zur Stellung der Frau schrieb Sophie Boas 1851 an Jacobi: „Ihr braucht uns nicht mitschleppen; wir können allein gehen, doch nur von Ferne Euren Taten zusehen, zurückgestoßen und verkannt, nicht mitwirken, mitbauen zu dürfen, glaubt es, das werden die Frauen nicht ewig ertragen.“ Nach Jacobis Verhaftung im Mai 1851 in Berlin, der dem Kränzchen unter anderem das Manifest der Kommunistischen Partei hatte zukommen lassen, wurde im Juni 1851 auch das Haus Markt 14 in Minden durchsucht und das „Kränzchen für Mädchen“ polizeilich verboten. Im Herbst 1852 musste Sophie Boas im Kölner Kommunistenprozess aussagen, in dem neben anderen auch Abraham Jacobi zur Last gelegt wurde, ein Mitglied des Bundes der Kommunisten zu sein.

Sophie Boas’ Schwester Fanny heiratete 1853 den nach seiner Haft in die USA emigrierten Abraham Jacobi, während sie selbst sich bis Ende der 1850er Jahre für die Aufrechterhaltung der „demokratischen Debattierclub-Tradition“ einsetzte und ihr Haus für viele ehemalige Mitglieder der inzwischen verbotenen Demokratischen Partei öffnete, darunter Louis Kugelmann, den Arzt Hermann Cramer und seinen Bruder, den Juristen Julius Cramer. Auch nach dem frühen Tod ihrer Schwester Fanny 1856 blieb Sophie Boas ihrem Schwager Abraham Jacobi eng verbunden.

Ehrungen und Gedenken Im Jahr 1877 wurde Sophie Boas für ihr sozialreformerisches Engagement mit dem Louisenorden ausgezeichnet. Im Oktober 1989 wurde an ihrem Geburtshaus Markt 14 eine Gedenktafel für Sophie Boas angebracht (seit 2003 nicht mehr auffindbar). Im Jahr 2026 wurde Sophie Boas mit der Aufnahme in die Liste der FrauenOrte NRW gewürdigt.

Literatur Uschi Bender-Wittmann: Zwischen den Welten. Aspekte von Identität und Mobilität im Werdegang von Franz Boas (1858–1942). In: Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde. 76. Jahrgang, 2007, S. 103–127 Kristan Kossack: "Geht – lernt die Frauen kennen". Sophie Meyers Engagement für Demokratie, Frauenrechte und soziale Reformen im 19. Jahrhundert. In: Der Minden-Ravensberger. Das Jahrbuch in Ostwestfalen. Jahrgang 76, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2004, ISBN 3-89534-506-7, S. 39–45

Einzelnachweise Sophie Meyer. In: FrauenOrte NRW. Abgerufen am 2. August 2026

Jeannette genannt Sophie Meier. In: Kommunalarchiv Minden: Jüdisches Leben in Minden und Umgebung. Abgerufen am 29. Juli 2026

Meier Boas. In: Kommunalarchiv Minden: Jüdisches Leben in Minden und Umgebung. Abgerufen am 29. Juli 2026

Jette Menke. In: Kommunalarchiv Minden: Jüdisches Leben in Minden und Umgebung. Abgerufen am 29. Juli 2026

Veröffentlichungen zu Sophie Meier. In: Zeitgeschichte-Minden. Beiträge zur regionalen Zeitgeschichte / Minden – Altkreis Minden. Abgerufen am 29. Juli 2026

Stefan Koch: Schild weg – keiner hat’s gemerkt. Gedenktafel von Sophie Meyer vor anderthalb Jahren abmontiert. In: Mindener Tageblatt vom 27. Dezember 1999 (online in Zeitgeschichte-Minden. Beiträge zur regionalen Zeitgeschichte / Minden - Altkreis Minden). Abgerufen am 29. Juli 2026

Kristan Kossack: „Sophie Meyer – eine Bürgerin Mindens“. Engagement für Demokratie, Frauenrechte und soziale Reformen im 19. Jahrhundert. In: Der Minden-Ravensberger Jahrgang 76, 2004, S. 39–45 (Online in: Zeitgeschichte-Minden. Beiträge zur regionalen Zeitgeschichte / Minden - Altkreis Minden. Abgerufen am 29. Juli 2026)

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