Das Massaker in Bila Zerkwa war ein Massenmord an den jüdischen Einwohnern der Stadt Bila Zerkwa (russ. Belaja Zerkow; veraltet Bjelaja Zerkow), die heute in der Ukraine liegt (damals Sowjetunion). Die Ermordung der jüdischen Bevölkerung fand vom 8. bis zum 22. August 1941 statt. Besonders bekannt wurde das Verbrechen, weil Oberstleutnant Helmut Groscurth, Erster Generalstabsoffizier der in Bila Zerkwa stationierten 295. Infanterie-Division, sich, nachdem die Eltern ermordet worden waren, für neunzig jüdische Kinder gegen die Pläne der Einsatzgruppe C unter Paul Blobel einsetzte. Nach Genehmigung durch den Wehrmachtskommandeur der 6. Armee Generalfeldmarschall Walter von Reichenau musste Groscurth die von der Einsatzgruppe C geplante Ermordung dieser Kinder durch eine ukrainische Miliz hinnehmen. Vernichtung der jüdischen Gemeinde mini|Bila Zerkwa, Marktstraße mit der Choral-Synagoge (1915)Bila Zerkwa, eine ukrainische Stadt 70 km südwestlich von Kiew, wurde am 16. Juli 1941 von Einheiten der Wehrmacht besetzt. Die Ortskommandantur unter Oberst Riedl ordnete Mitte August des gleichen Jahres die Registrierung der Juden an. Riedl äußerte nach Aussagen von Groscurth, dass die Ermordung der jüdischen Frauen und Kinder dringend notwendig sei, da „diese Brut [...] ausgerottet werden“ müsse.Dieter Pohl: Schauplatz Ukraine. Der Massenmord an den Juden im Militärverwaltungsgebiet und im Reichskommissariat 1941–1943. In: Johannes Hürter, Peter Lieb und Dieter Pohl (Hrsg.): Der deutsche Krieg im Osten 1941–1944. Facetten einer Grenzüberschreitung (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte. Bd. 76). Oldenbourg, München 2009, ISBN 978-3-486-59138-5, S. 155–196, hier S. 166.
Die ersten sich meldenden Juden übergab ein Begleitkommando der Geheimen Feldpolizei dem SS-Offizier August Häfner des Sonderkommandos 4a der Einsatzgruppe C, der sie wegbringen und erschießen ließ. Vom 8. bis 19. August erschoss eine Kompanie der Waffen-SS 800 bis 900 erwachsene Juden des Ortes. Auch Angehörige der 295. Infanterie-Division – diese war in Bila Zerkwa stationiert – sollen an der Ermordung beteiligt gewesen sein. Eine Gruppe von etwa neunzig Kindern im Alter von bis zu sieben Jahren blieb zunächst unter erbärmlichen Umständen zurück, während weitere Kinder am 19. August mit drei Lastwagen zu einem Schießplatz gefahren und dort ermordet wurden.Ernst Klee, Willi Dreßen, Volker Rieß (Hrsg.): »Schöne Zeiten« Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer. Ein Offiziersanwärter sagte später aus, dass Wehrmachtssoldaten in Bila Zerkwa die Erschießungen mit ansehen konnten und er sie selbst nicht aus Neugierde, sondern aus Unglauben beobachtet hätte. Die Einsatzgruppe 4a gehörte zur Einsatzgruppe C, einer von vier speziellen Einsatzgruppen der deutschen Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, die hinter der Ostfront operierten und den Auftrag hatten, Juden, Kommunisten sowie alle weiteren von den Nationalsozialisten als „unerwünscht“ eingestuften Personen zu ermorden. Häfners Teilkommando bestand aus Angehörigen der Einsatzgruppe C, einem Zug der Waffen-SS sowie einer Hilfseinheit aus ukrainischen Kollaborateuren.Richard Rhodes: Mistrzowie śmierci. Einsatzgruppen. Bellona, Warschau 2008.
Die etwa 90 jüdische Waisen, Kinder und Säuglinge, von denen das älteste erst sieben Jahre alt war,Antony Beevor: Stalingrad. Książka i Wiedza, Warschau 2000. wurden in einem verlassenen Gebäude an der Hauptstraße am Stadtrand eingesperrt, ohne Aufsicht durch Erwachsene sowie ohne ausreichende Versorgung mit Wasser und Nahrung. Am 20. August 1941 machten mehrere Wehrmachtssoldaten, die durch das Weinen der Kinder aus dem Gebäude aufmerksam geworden waren, zwei Militärgeistliche auf die Situation aufmerksam. Die Kinder waren halbnackt, von Fliegen bedeckt, lagen in ihren Exkrementen und einige Ältere aßen Putz von den Wänden; Säuglinge waren größtenteils komatös.
Auseinandersetzung um die verbliebenen Kinder mini|hochkant|links|Helmuth Groscurth, 1941 mini|hochkant|rechts|Walter von Reichenau, 1941 Die beiden Militärgeistlichen Ernst Tewes und Gerhard Wilczek beschlossen, die Angelegenheit persönlich zu untersuchen. Als sie den Zustand der Kinder und die Bedingungen ihrer Gefangenschaft sahen, waren sie zutiefst erschüttert. In der Annahme, die Situation sei das Ergebnis eigenmächtigen Handelns ukrainischer Kollaborateure, meldeten sie den Vorfall ihrem unmittelbaren Vorgesetzten. Dieser begab sich gemeinsam mit ihnen zu dem Gebäude und verwies sie anschließend an den Kommandeur des rückwärtigen Heeresgebiets. Die Geistlichen begaben sich umgehend zum Divisionsstab der 295. Infanterie-Division, wo sie auf den Ersten Generalstabsoffizier der Division, Oberstleutnant Helmuth Groscurth, Offizier der Abwehr und aktiver Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, trafen. Groscurth fuhr sofort zu dem angegebenen Ort und war ebenfalls zutiefst erschüttert über die Zustände, unter denen die Kinder festgehalten wurden.
Von einem zufällig anwesenden SS-Unteroffizier erfuhr Groscurth, dass die Waisenkinder in Kürze erschossen werden sollten. Der örtliche Kommandeur des rückwärtigen Wehrmachtgebiets bestätigte diese Information. Inzwischen erschien auch August Häfner, der dem Oberstleutnant vorwarf, die Liquidierung der Kinder unrechtmäßig zu verzögern.
Mit Zustimmung des Divisionskommandeurs, Generalleutnant Herbert Geitner, ordnete Groscurth daraufhin an, die geplante Exekution auszusetzen. Außerdem ließ er das Gebäude durch Wehrmachtssoldaten absperren und befahl, notfalls Gewalt anzuwenden, falls Angehörige der SS versuchen sollten, die Kinder fortzubringen. Darüber hinaus ordnete er an, die Kinder mit Wasser und Nahrung zu versorgen. Anschließend verfasste Groscurth einen schriftlichen Bericht, den er an das Kommando der deutschen 6. Armee weiterleitete.
Am folgenden Tag, dem 21. August 1941, fand eine Besprechung zwischen Vertretern der Wehrmacht und der SS statt. Nach einer heftigen Diskussion teilte der Vorgesetzte Häfners, der SS-Standartenführer Paul Blobel, den Anwesenden mit, dass der Befehl zur Tötung der jüdischen Kinder von Bila Zerkwa vom Befehlshaber der 6. Armee, Generalfeldmarschall Walter von Reichenau, genehmigt worden sei. Damit war die Entscheidung gefallen: Die Exekution der Kinder wurde auf den folgenden Tag angesetzt.
Die Intervention zugunsten der jüdischen Waisenkinder brachte Groscurth eine Rüge durch Generalfeldmarschall von Reichenau ein. Groscurth schrieb am Ende seines Berichts zu den Vorgängen, die Tötung der jüdischen Kinder „hätte sofort mit der Beseitigung der Eltern erfolgen müssen, um diese unmenschliche Quälerei zu beenden“. Der Oberstleutnant war über diesen Ausgang zutiefst empört. Später schrieb er in einem Brief an seine Frau:
Der Mord an den verbliebenen Kindern Nach dem Ende des Konflikts mit der Wehrmacht begannen die Angehörigen der Einsatzgruppe mit den Vorbereitungen für die Hinrichtung der Waisenkinder. Häfner zögerte jedoch, seinen Männern den Befehl zu erteilen, die Kinder zu töten, da er befürchtete, dies könnte schwerwiegende Auswirkungen auf ihre Psyche und ihre Moral haben. Nach einer mehrere Dutzend Minuten andauernden heftigen Auseinandersetzung mit Paul Blobel wurde schließlich beschlossen, dass die Kinder von den ukrainischen Kollaborateuren erschossen werden sollten, die Häfner unterstanden. Am 22. August 1941 wurden die Kinder am Nachmittag auf einem von einem Traktor gezogenen Anhänger aus der Stadt gebracht und an einem Massengrab im Wald erschossen, das zuvor von Wehrmachtssoldaten ausgehoben worden war. In seiner Stellungnahme vom 26. August hielt Reichenau dann schriftlich fest, „daß die einmal begonnene Aktion in zweckmäßiger Weise durchgeführt sei“.
Über die Ereignisse sagte August Häfner später aus:
Aufarbeitung mini|hochkant|Paul Blobel, US-Aufnahme für den Einsatzgruppenprozess 1947 mini|hochkant|Grabmal für die Opfer von Bila Zerkwa 1941–1945 Nach der Kapitulation der 6. Armee bei Stalingrad geriet Helmuth Groscurth in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Im April 1943 starb er in einem Kriegsgefangenenlager an Fleckfieber.Christian Streit: Generalstabsoffizier gegen die Gräuel Süddeutsche Zeitung, 26. Dezember 2017, abgerufen am 29. Juli 2026 Nach dem Krieg wurden seine Tagebücher veröffentlicht, die in den 1960er Jahren wiederentdeckt worden waren. Sie enthalten Beschreibungen der antihitlerischen Opposition in den Kreisen der Abwehr und der Wehrmacht, darunter auch Informationen über das für September 1938 geplante Attentat auf Adolf Hitler.
Paul Blobel wurde nach dem Krieg von den Alliierten gefangen genommen und im Nürnberger Einsatzgruppen-Prozess zum Tode durch den Strang verurteilt. Das Urteil wurde am 7. Juni 1951 im Landsberger Gefängnis vollstreckt.
August Häfner wurde 1973 von einem Gericht im westdeutschen Darmstadt im Callsen-Prozess zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren verurteilt. In dem Prozess – auch als Babyn Jar Prozess bekannt – gegen führende Mitglieder der Einsatzgruppe 4a wurde deutlich, dass es sich beim Unternehmen Barbarossa, dem deutschen Krieg gegen die Sowjetunion, um keinen normalen Feldzug, sondern einen brutalen Vernichtungskrieg gehandelt hatte. Der Prozess erregte zeitgenössisch Aufsehen, weil er auch die Rolle der Wehrmacht an den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen zum Thema machte und dies besonders beim Komplex Häfner/Bila Zerkwa eine Rolle spielte. Laut eigener Aussage lehnte Häfner es damals ab, die Kinder durch seine Untergebenen oder alternativ die Waffen-SS erschießen zu lassen, da es sich um junge Männer gehandelt habe, die doch eigene Kinder hätten. Nach längerem Tauziehen schlug er vor, die Kinder durch die ukrainische Miliz der Ortskommandantur erschießen zu lassen, wogegen es keinen Einspruch gegeben habe.Ernst Klee, Willi Dreßen, Volker Rieß (Hrsg.): »Schöne Zeiten« Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer, S. 145.
Christian Streit weist darauf hin, dass zur Zeit des Massakers das Abkommen zwischen dem Oberbefehlshaber des Heeres, Walther von Brauchitsch, und dem Reichssicherheitshauptamt, Reinhard Heydrich, nur die Sicherstellung wichtiger Einzelpersonen regelte, so dass Reichenau die Erschießungen ohne weiteres hätte verhindern können. Die Chefs der Sondereinheiten erkundeten demnach zu der Zeit, wie radikal sie gegen Juden vorgehen konnten, während die NS-Führung in Siegeszuversicht die „Judenfrage“ durch ein Abschieben „in den Osten“ lösen wollte (wo die Juden in den Weiten zugrunde gehen würden).
Der Fall der Kinder wurde in der Geschichtswissenschaft als exemplarisches Beispiel dafür aufgegriffen, dass sich „gute“ Soldaten in der Wehrmachtshierarchie nicht durchsetzen konnten, weshalb es nicht nur legitim, sondern auch geboten ist, von den Verbrechen „der“ Wehrmacht als „Gesamtorganisation“ zu sprechen.
Dokumentarfilm Die Grube Der Regisseur Karl Fruchtmann hat 1995 den 90-minütigen Dokumentarfilm Die Grube geschaffen. Der Historiker Christian Streit bemängelt, dass die Bemühung von Groscurth darin falsch interpretiert werde. Aus der Aufforderung, dass es „zur Aufrechterhaltung der Manneszucht erforderlich [sei], dass alle ähnlichen Maßnahmen abseits der Truppe erfolgen“, hätte er fälschlich geschlossen, dass es Groscurth nur um die Form der Morde gegangen sei. Tatsächlich habe Groscurth aber mit der weiteren Ausführung „In vorliegendem Falle sind aber Maßnahmen gegen Frauen und Kinder ergriffen, die sich in nichts unterscheiden von Greueln des Gegners, die fortlaufend der Truppe bekanntgegeben werden“ mit Argumenten gearbeitet, die hitlergläubige Vorgesetzte nicht einfach hätten abtun können.
Quellen Helmuth Groscurth: Tagebücher eines Abwehroffiziers 1938–1940. Mit weiteren Dokumenten zur Militäropposition gegen Hitler. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1970. (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Band 19.)