Quartet (GTM) 2006 ist ein Musikalbum von Anthony Braxton. Die 2006 an der Wesleyan University entstandenen Aufnahmen erschienen als 4-CD-Box am 25. März 2008 auf Important Records.
Hintergrund Anthony Braxtons Ghost Trance Music (GTM) ist „ein riesiges musikalisches Universum“, das den Komponisten von 1995 bis 2006 intensiv beschäftigte und rund 100 Kompositionen umfasste, schrieb Stuart Broomer. Die ersten Werke, „Composition Nos. 181–184“, wurden von einem Quartett aufgenommen. Jedes Stück zeichnete sich durch hypnotische, durchgehende Linien gleicher Länge und gleichmäßig akzentuierter Noten aus, die eine endlose Melodie suggerierten. Das Grundmuster blieb stets erhalten, doch die Besetzung änderte sich bald, was zu größeren Ensembles und längeren Aufführungen führte. In dem Jahrzehnt, das Braxton größtenteils der Ghost Trance-Serie widmete, reduzierte er die Besetzung gelegentlich auf Duette und Trios, kehrte aber nur selten zum ursprünglichen Quartett mit seinen eigenen Blasinstrumenten und seiner Rhythmusgruppe zurück.
Braxton hatte [beim Erscheinen des Albums] das Ende seiner Ghost Trance Music-Phase verkündet, doch die Dokumentation von GTM ist offenbar noch nicht vollständig, notierte David R. Adler. In dieser Session von 2006, aufgenommen an seiner Heimatuniversität Wesleyan, spielt er die Kompositionen Nr. 338, 340, 341 und 346 mit dem Pianisten Max Heath, dem Bassisten Carl Testa und dem Perkussionisten Aaron Siegel. Testa und Siegel waren zuvor als Mitglieder von Braxtons 12+1-Tet bei Nine Compositions (Iridium) 2006 (Firehouse 12) beteiligt.
Braxton begann GTM als Kompositionsmethode mit langen Notenfolgen – im Wesentlichen Tonreihen –, die von einem Ensemble in einem hypnotischen, pulsierenden Unisono gespielt wurden und die Grundlage für die darauffolgende Improvisation bildeten. Das System entwickelte sich im Laufe der Zeit durch verschiedene Stufen zunehmender polyrhythmischer Komplexität weiter. Auf „Quartet (GTM) 2006“ hört man eine sehr fortgeschrittene, späte Iteration, so Adler. Jedes Stück beginnt mit einer kantigen, notierten Linie, die wie mehrere Linien gleichzeitig klingt. „Man kann sich das wie Dominosteine vorstellen, die in unterschiedlichen, kontrollierten Geschwindigkeiten fallen, sich wieder aufrichten und erneut fallen“.
Titelliste Anthony Braxton: Quartet (GTM) 2006 (Important Records – imprec184) Composition No. 338 1:02:49 Composition No. 340 46:54 Composition No. 341 57:49 Composition No. 346 55:49
Die Kompositionen stammen von Anthony Braxton.
Rezeption „Der Underground ist großartig, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat“, schreibt Anthony Braxton in den Liner Notes dieser Mehrfach-CD-Box, einer von vielen in der umfangreichen Diskografie des Saxofonisten und Komponisten, so David R. Adler in JazzTimes. Er würde hier als Künstler sprechen, doch die gleiche Wahrheit gelte auch für die Zuhörer. Sich daran zu gewöhnen sei genau die richtige Einstellung, um diese vier anspruchsvollen CDs zu genießen, von denen jede eine einzelne Komposition ohne Pausen oder Kennzeichnungen enthält: insgesamt 224 Minuten Musik, die sich „wie ein Ozean in die Ferne erstreckt“.
Indem er die Streicher, Blechbläser und die verschiedenen Holzbläser der größeren Gruppe weglasse und sich auf ein Quartett reduziere, verfolge Braxton einen radikal anderen Ansatz der Klangökonomie, so Adler weiter. Die Einbeziehung eines Tasteninstruments sei bemerkenswert, wenn auch nicht beispiellos.Braxton hatte bereits GTM-Werke mit dem Akkordeonisten Ted Reichman und dem Pianisten Kevin Uehlinger (sowie dem Dudelsackspieler Matthew Welch) aufgenommen. Braxton beleuchte hier die Dichotomie zwischen Komposition und Improvisation aus einem neuen und anregenden Blickwinkel. Die Musiker könnten sich jederzeit wieder zusammenfinden, um das/die Hauptthema(en) anzuspielen, in freies Improvisieren übergehen oder in vorgegebene „Nebenstücke“ einsteigen, die nur wenige Takte lang sind und in mehrfarbiger grafischer Notation skizziert werden.
Die Spieldauer – die einzelnen Stücke dauern zwischen 47 und 63 Minuten – sei in der GTM-Reihe zunehmend zu einem integralen Bestandteil geworden und betone die prägenden zeitlichen Elemente metronomischer Präzision und durchgehender Melodie, die zusammen eine tief hypnotische, fast uhrwerkartige Ewigkeit suggerieren könnten, meint Stuart Broomer in All About Jazz. Das Quartett bestehe aus jungen Musikern, die mit Braxton an der Wesleyan University zusammengearbeitet haben. Max Heath sei ein versierter und anpassungsfähiger Pianist, dessen Name bisher nicht in anderen Braxton-Projekten auftauchte. Er agiere jedoch stets einfallsreich und finde immer wieder neue Wege, die Herausforderungen von Braxtons Musik zu meistern. Bassist Carl Testa und Perkussionist Aaron Siegel seien bekannte Gesichter aus anderen Braxton-Aufführungen der letzten Zeit und würden den ihnen durch die offene Klangstruktur des Quartetts gebotenen Raum optimal ausnutzen.
Mit zunehmender Ausdehnung des Materials und der damit einhergehenden Zeitdehnung entstünden Ähnlichkeiten zu Braxtons Quartetten vor der Ghost-Trance-Ära und den Kombinationen aus jazzinspirierten, komponierten und improvisierten Elementen, so Broomer. Immer wieder würden dem Ensemble unerwartete und überraschende Klangfarben entspringen, sei es das wunderschöne, handgedämpfte Pianospiel und die gestrichenen Bassharmonien in „340“, das schwer fassbare Sopraninosaxophon mit seinen drahtigen Beckenklängen und dem zarten Piano in der hohen Lage, die in „Nr. 341“ plötzlich miteinander verschmelzen, oder die flirrenden Sopransaxophonlinien mit den geschabten Becken in „Nr. 346“. Diese orchestrale Fülle sei nur einer der Reize dieser Experimente mit Braxtons späterer Ghost-Trance-Methode.
Einzelnachweise
Kategorie:Album (Jazz) Kategorie:Album (Neue Improvisationsmusik) Kategorie:Album 2008 Kategorie:Anthony-Braxton-Album