Fiume o morte! ist ein kroatisch-italienisch-slowenischer Dokumentarfilm von Igor Bezinović aus dem Jahr 2025. Der Film rekonstruiert gemeinsam mit Einwohnern der kroatischen Hafenstadt Rijeka die Besetzung der damals Fiume genannten Stadt durch den italienischen Schriftsteller und Nationalisten Gabriele D’Annunzio in den Jahren 1919 und 1920. Er verbindet Archivaufnahmen, Interviews, inszenierte historische Szenen und Aufnahmen des Entstehungsprozesses.
Fiume o morte! wurde 2025 beim International Film Festival Rotterdam mit dem Tiger Award und dem Preis der internationalen Filmkritik ausgezeichnet. Im Januar 2026 erhielt er den Europäischen Filmpreis als bester Dokumentarfilm.
Inhalt Zu Beginn befragt Bezinović Menschen auf den Straßen Rijekas nach Gabriele D’Annunzio und dessen Besetzung der Stadt. Während einige Befragte mit dem Namen und den historischen Ereignissen vertraut sind, wissen andere wenig oder nichts darüber. In Italien wird D’Annunzio weiterhin als bedeutender Schriftsteller und Nationalheld erinnert, während die Besetzung in der kroatischen Erinnerung als frühe faschistische Gewaltherrschaft eingeordnet oder weitgehend verdrängt wird.
Am 12. September 1919 zog D’Annunzio mit mehreren Hundert italienischen Freischärlern in Fiume ein. Die politisch umstrittene Hafenstadt sollte nach dem Ende des Ersten Weltkriegs weder Italien noch unmittelbar dem neu gegründeten Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen zugesprochen werden. D’Annunzio widersetzte sich dieser Regelung und errichtete in Fiume eine von nationalistischen Ritualen, militärischen Aufmärschen und propagandistischen Inszenierungen geprägte Herrschaft.
Bewohner Rijekas spielen einzelne Ereignisse der Besetzung nach. Sie verkörpern D’Annunzio, seine Soldaten und weitere historische Figuren. Sieben verschiedene Männer übernehmen im Verlauf des Films die Rolle D’Annunzios. Zu ihnen gehören ein städtischer Müllwerker und ein Veteran des Kroatienkriegs. Die Inszenierungen orientieren sich an historischen Fotografien, werden aber durch heutige Schauplätze, moderne Fahrzeuge, sichtbare Dreharbeiten und bewusst anachronistische Details gebrochen.
Der Film zeigt D’Annunzios öffentliche Auftritte, die Errichtung eines Führerkults, die Ausschaltung einer gegen ihn verlaufenden Abstimmung sowie die Gewalt gegen die nichtitalienische Bevölkerung und deren Einrichtungen. Die spielerischen Rekonstruktionen gehen zunehmend in Darstellungen von Einschüchterung, Plünderung und Tod über. Die Besetzung endet nach Kämpfen zwischen D’Annunzios Truppen und der regulären italienischen Armee während der als „Blutige Weihnachten“ bezeichneten Auseinandersetzungen im Dezember 1920.
Historischer Hintergrund Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns wurde die staatliche Zugehörigkeit Fiumes zwischen Italien und dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen umstritten. D’Annunzio besetzte die Stadt eigenmächtig und erklärte dort 1920 die Italienische Regentschaft am Quarnero. Seine Herrschaft verband italienischen Ultranationalismus mit militarisierten Massenveranstaltungen, Führerkult, politischer Gewalt und einer ausgeprägten ästhetischen Inszenierung.
Mehrere von D’Annunzio in Fiume eingesetzte Symbole, Rituale und politischen Techniken wurden später vom italienischen Faschismus übernommen. Dazu gehörten Massenkundgebungen, der römische Gruß, das Führerprinzip und das Lied Giovinezza, das unter Benito Mussolini zur Hymne der faschistischen Bewegung wurde.
Die Besetzung endete, nachdem Italien im Vertrag von Rapallo der Einrichtung des Freistaats Fiume zugestimmt hatte. Da D’Annunzio die Vereinbarung ablehnte, griffen italienische Truppen seine Einheiten Ende Dezember 1920 an und zwangen ihn zum Rückzug.
Entstehung Bezinović stammt aus Rijeka. Nach eigenen Angaben erfuhr er erst als junger Erwachsener von D’Annunzios Besetzung seiner Heimatstadt. In kroatischsprachigen Schulen Rijekas sei das Ereignis kaum behandelt worden, während D’Annunzio an italienischsprachigen Schulen sowohl im Literatur- als auch im Geschichtsunterricht vorkomme.
Eine erste Beschäftigung mit dem Thema fand Bezinović in Hakim Beys Buch Temporäre Autonome Zone von 1991, in dem das besetzte Fiume als anarchistische „Piratenutopie“ beschrieben wird. Später setzte er sich mit der italienischen Forschung zu D’Annunzio und den gegensätzlichen Erinnerungskulturen in Italien und Kroatien auseinander. Als Ausgangspunkt des Films betrachtete er die Frage, wer Geschichte erzählt und welche Perspektiven in historischen Darstellungen sichtbar werden.
Bezinović entwickelte den Film über mehrere Jahre und bezog Einwohner Rijekas in die Recherche und die Inszenierungen ein. Ein öffentliches Casting wurde selbst Teil des Films. Die beteiligten Laiendarsteller wurden nicht zu einer einheitlichen historischen Verkörperung angeleitet. Die wechselnden Darsteller D’Annunzios machen die Figur als Ergebnis gesellschaftlicher Projektionen und filmischer Inszenierung sichtbar.
Der Regisseur entschied sich gegen eine illusionistische Rekonstruktion. Historische Szenen wechseln mit Straßeninterviews, Archivfotografien, kommentierenden Zwischentiteln und Aufnahmen vom Aufbau der Szenen. Moderne Gegenstände und Schauplätze bleiben erkennbar. Bezinović beschrieb die Besetzung als zugleich groteske Farce und historische Tragödie. Die zunächst spielerische Dramaturgie sollte zeigen, wie harmlos und unterhaltsam autoritäre Bewegungen erscheinen können, bevor ihre gewaltsamen Folgen sichtbar werden.
Ein großer Teil des historischen Bildmaterials stammt aus D’Annunzios eigener fotografischer Dokumentation seiner Herrschaft. Nach Angaben Bezinovićs existieren etwa 10.000 Fotografien aus der Zeit der Besetzung. Für Übergriffe gegen die nichtitalienische Bevölkerung fehlen dagegen weitgehend fotografische Zeugnisse. Der Film rekonstruiert diese Ereignisse an den historischen Schauplätzen.
Produziert wurde der Film von den Produktionsgesellschaften Restart aus Kroatien, Videomante aus Italien und Nosorogi aus Slowenien. Die Koproduktion wurde unter anderem von Eurimages gefördert.
Rezeption Carmen Gray schrieb in der vom British Film Institute herausgegebenen Zeitschrift Sight and Sound, Bezinović richte die Aufmerksamkeit auf ein aus dem örtlichen Gedächtnis weitgehend verschwundenes Ereignis. Der Film demontiere die Mechanismen politischer Macht und stelle die gemeinschaftliche Vorstellungskraft der Bevölkerung der autoritären Einschüchterung entgegen. Die wechselnden Darsteller D’Annunzios und die sichtbare Künstlichkeit der Rekonstruktionen legten offen, dass auch politische Autorität hergestellt und inszeniert werde.
Wendy Ide bezeichnete den Film in Screen Daily als direkt, kompromisslos und sehr komisch. Die Verbindung von Reenactment, Archivmaterial und gegenwärtigen Beobachtungen gebe der historischen Darstellung eine punkartige Energie. Der Humor schwäche die politische Aussage nicht ab, sondern mache die Absurdität und zugleich die Gefährlichkeit von D’Annunzios Herrschaft sichtbar.
Richard Brody hob im ‘New Yorker hervor, dass Bezinović das grundsätzliche Problem historischer Spielfilme durch die Offenlegung ihrer Machart bearbeite. Die Rekonstruktionen würden häufig vor den historischen Fotografien gezeigt, auf denen sie beruhen. Dadurch erschienen die nachgestellten Absurditäten zunächst als filmische Erfindung und anschließend als belegte historische Wirklichkeit.
Peter Bradshaw beschrieb den Film in The Guardian als Mischung aus schwarzer Komödie und einer beunruhigenden Botschaft aus der Vergangenheit. Die von Einwohnern Rijekas gespielten Tableaus unterliefen D’Annunzios Selbstdarstellung, während die Darstellung nationalistischer Gewalt zeige, dass kein Land gegen Faschismus gefeit sei.
In der österreichischen Tageszeitung Der Standard bezeichnete Bert Rebhandl den Film als „Punk-Zeitreise nach Rijeka“. Bezinović rekonstruiere D’Annunzios Herrschaft mit spielerischen Mitteln und stelle der italienischen Heroisierung des Schriftstellers die Perspektive der heutigen Stadtbevölkerung gegenüber.
Auszeichnungen
International Film Festival Rotterdam 2025
Tiger Award FIPRESCI-Preis
Filmfestival Pula 2025
Goldene Arena für die beste Regie – Igor Bezinović Goldene Arena für die beste Produktion – Vanja Jambrović und Tibor Keser Goldene Arena für das beste Casting – Sara Jakupec Goldene Arena für das beste Szenenbild – Anton Spazzapan Goldene Arena für das beste Kostümbild – Tajči Čekada und Manuela Paladin
Europäischer Filmpreis 2026
Bester europäischer Dokumentarfilm
Weblinks
Fiume o morte! Bei Lightdox Fiume o morte!bei Mubi
Einzelnachweise
Kategorie:Filmtitel 2025 Kategorie:Kroatischer Film Kategorie:Slowenischer Film Kategorie:Italienischer Film Kategorie:Dokumentarfilm