Dornröschen ist ein zwischen 1855 und 1856 entstandenes Märchen für Soli, Chor und Orchester in vier Teilen von Joachim Raff (WoO 19) auf ein Libretto seines späteren Schwagers Wilhelm Genast. Raff wählte die Gattungsbezeichnung ‚Märchen-Epos‘. Die Handlung ist eine freie Adaptation der gleichnamigen Geschichte aus der Sammlung der Gebrüder Grimm.
Das Werk ist in seiner Form hybrid angelegt. Ein singender Erzähler führt durch die Handlung. In die Erzählung sind opernhaft, dramatische als auch kontemplativ, malerische Szenen eingebettet. Zudem gibt es eine Reihe von rein orchestralen Teilen, die Aspekte des Geschehens rein klanglich illustrieren. Bei der Uraufführung wurden zudem lebende Bilder zur Illustrierung der Handlung gezeigt. Die verschiedenen Element addieren sich somit zum Totaleindruck einer theatralischen Chorsymphonie, bzw. eines symphonisch-theatralischen Gesamtkunstwerks.
Inhalt Orchestervorspiel Erster Teil Ein See im Schatten des alten Königsschlosses.
Der Erzähler hebt an: In der Dämmerung wandelt ein alter König am Ufer eines stillen Sees. Von Sehnsucht und Erinnerung getrieben ruft er in die Tiefe – und aus dem Wasser erhebt sich die Wasserfee. Sie fragt ihn, ob er gekommen sei, um Abschied zu nehmen, oder ob er wage, die Glut ihrer einstigen Liebe neu zu entfachen. Aus dieser verbotenen Verbindung sei Dornröschen geboren worden.
Der König weist die Vergangenheit zurück. Die Zeit der Liebe sei vorüber, erklärt er, doch trage er eine Botschaft von Gewicht: Dornröschen solle einst sein Reich erben, müsse dafür jedoch einen mächtigen König heiraten. Der Bräutigam sei bereits erwählt.
Erschüttert widerspricht die Wasserfee. Sie prophezeit, dass der Großvater dieses künftigen Gemahls noch nicht geboren sei. Der König fühlt sich verhöhnt, weist ihre Weissagung zornig zurück. Beide beschwören das doppelte Erbe ihrer Tochter – Mensch und Zauberwesen zugleich. Zum Abschied spricht die Fee eine letzte Prophezeiung: In hundert Jahren werde Dornröschen ihr Glück finden.
Der König kehrt langsam zum Schloss zurück. Ein Chor der Elfen erhebt sich: Sie haben den Streit belauscht und fassen ihn in Gesang. Zwischen Zweifel und Hoffnung kündigen sie an, dass diese Geschichte dennoch ein glückliches Ende nehmen wird. .
Zweiter Teil Ein neuer Morgen im Schloss.
Der Erzähler schildert das geschäftige Erwachen des Hofes. Der ungeduldige Küchen-meister scheucht die Mägde herbei; diese antworten ihm keck im Chor und verlangen Klarheit über all jene Zutaten, die er vergessen hat zu benennen. Der Kellermeister stimmt ein genüssliches Inventar der Trinkgefäße an, worauf ein Chor der Küfer verschiedene Weine preist – Vorzeichen eines großen Festes.
Hoch oben im Turm sitzt Dornröschen am Spinnrad. Von dunkler Ahnung erfüllt, fürchtet sie, ihre Heimat bald verlassen zu müssen, und ruft die Elfen um Beistand. Aus der Ferne antwortet ihr Chor: Sie solle die Spindel festhalten – sie werde sie schützen.
Da treten zwei Könige in ihre Kammer: ihr Vater und ein königlicher Freier. Unbeirrt spinnt Dornröschen weiter. Der Freier versucht sie zu locken, bietet an, die Spindel gegen seine Krone zu tauschen. Als sie sich weigert, ruft er den Vater an, mit königlicher Autorität einzugreifen. Doch Dornröschen bekennt offen, dass ihr Herz dem Freier verschlossen ist. In Zorn droht der König, die Spindel zu zerbrechen.
Der Erzähler berichtet: Die Spindel zerbricht – Dornröschen sticht sich in den Finger. Ein mächtiges Brüllen erhebt sich aus den Tiefen des Sees. Entsetzt flieht der Freier mit seinem Gefolge. Dornröschen lächelt über das scheinbare Ende der Gefahr – und sinkt in Schlaf. Einen Augenblick später schläft auch der König ein. Einer nach dem anderen fallen alle Schlossbewohner in tiefen Zauber, während eine Dornenhecke das Schloss umschlingt.
Orchester-Intermezzo: Die Dornhecke. Dritter Teil Im schlafenden Schloss.
Der Erzähler berichtet von den Jahren, die vergehen. Die Legende von Dornröschen im uneinnehmbaren Schloss lockt viele, doch niemand überwindet die Dornen. Nur die Elfen schweben hinauf, und die Wasserfee wacht an der Seite ihrer schlafenden Tochter.
In einem Wiegenlied singt die Wasserfee von dem Mann aus Dornröschens Träumen – ihrem Auserwählten. Sie verheißt, dass sich diese Träume bald erfüllen werden. Nach den Worten des Erzählers erhebt sich der Elfenchor: Voll Erwartung verkünden sie die nahende Ankunft des Bräutigams. Sie schildern, wie Dornen zu Blumen werden, wie Schloss und Menschen aus dem Schlaf erwachen.
Orchester-Intermezzo: Elfenwalten. Vierter Teil Vor dem Schloss.
Der Erzähler kündigt eine Jagdgesellschaft an. Jäger preisen in kraftvollen Klängen die Lust der Jagd.
Orchester-Intermezzo: Aufbruch zur Jagd. Der Anführer, ein junger Graf, erzählt vom Lied einer Nachtigall, das ihn fort von den Gefährten in den Wald lockt. Getrieben von innerer Sehnsucht sucht er das Schloss Dornröschens. Er verlässt seine Gefährten.
Orchester-Intermezzo: Der Graf und die Dornhecke. Der Erzähler schildert seinen mühevollen Kampf durch das Dickicht. Beinahe verzwei-felt, erblickt er einen Sonnenstrahl, der auf ein Turmfenster fällt. Die Nachtigall ermutigt ihn – und die Dornen verwandeln sich in Blumen.
Im Turmgemach.
Der Graf betritt das schlafende Schloss, eilt in den Turm und erkennt Dornröschen als die Frau aus seinen Träumen. Er bittet sie zu erwachen, küsst sie – und sie erwacht. Auch sie erkennt ihn. Verwirrt fragt sie nach der Zeit, doch der Graf drängt sie, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich mit ihm zu verbinden. Sie willigt ein, bittet jedoch um die Zustimmung ihres Vaters.
Mit einem Kuss weckt Dornröschen den König. Der Graf stellt sich vor; der König reagiert empört auf den ihm unbekannten jungen Mann. Dieser erklärt, dass hundert Jahre vergangen seien und das Schloss von Dornen umschlossen war. Er habe den Zauberschlaf beendet. Als der König sich weiterhin widersetzt, erscheint die Wasserfee. Sie weist auf die unüberwindbare Macht der Liebe hin, segnet die Vereinigung und fordert den König auf, es ihr gleichzutun.
Der König erkennt seine Ohnmacht gegenüber dem Zauber. Er willigt ein. Die Liebenden danken der Fee, die zum See zurückkehrt. Ein Elfenchor weckt die Schlossbewohner. Der König dankt den Getreuen und stellt Tochter und Bräutigam vor.
Orchester-Intermezzo: Hochzeitsmarsch. Im Festsaal.
Die Schlossbewohner heißen den Grafen willkommen. Die Jagdgesellen treffen ein. Alle huldigen der neuen Herrin. In einem großen Schlusschor preisen sie das Wunder von Dornröschens Erweckung und verkünden dem alten Königsstamm eine glückliche Zukunft.
Orchesternachspiel. …
Stilistische Einordnung Mit seinem *Dornröschen* betritt Joachim Raff ein ästhetisches Grenzgebiet, das für die Musik des 19. Jahrhunderts ebenso charakteristisch wie problematisch ist: die Verbindung eines scheinbar naiven, volksnahen Stoffes mit den avancierten Ausdrucksmitteln der zeitgenössischen Kunstmusik.
Der zugrunde liegende Text von Wilhelm Genast orientiert sich zwar am bekannten Märchen, löst sich jedoch deutlich von dessen schlichter Erzählweise. An die Stelle der klar konturierten, episodischen Struktur tritt eine stärker lyrisch-dramatische Anlage, die bereits auf musikalische Umsetzung hin konzipiert ist. Genasts Dichtung ist damit weniger Nacherzählung als vielmehr Transformation: Sie entnimmt dem Märchen seine Motive, überführt sie jedoch in eine Kunstform, die auf Stimmungsentfaltung, symbolische Verdichtung und musikalische Ausdeutung zielt.
Gerade hierin liegt eine der zentralen Spannungen des Werkes. Denn der eigentümliche Reiz des Volksmärchens – seine Mischung aus Einfachheit, Andeutung und leiser Ironie – lässt sich nur bedingt in eine durchkomponierte musikalische Form übertragen. Wo das Märchen mit knappen Gesten und scheinbar beiläufigen Wendungen arbeitet, verlangt die Musik nach Ausgestaltung, Wiederholung und motivischer Durchdringung. Diese Differenz prägt sowohl Genasts Text als auch Raffs kompositorische Antwort.
Raff begegnet dieser Herausforderung mit den Mitteln eines hochentwickelten Personalstils. Seine Musik ist reich an harmonischen Nuancierungen und sorgfältig gearbeiteten motivischen Verbindungen. Zugleich zeigt sich ein ausgeprägtes Interesse an polyphoner Verdichtung, die dem musikalischen Gewebe eine eigene innere Dynamik verleiht. In *Dornröschen* treten darüber hinaus Ansätze einer charakterbezogenen Motivik hervor: Einzelne Figuren und Situationen werden durch wiederkehrende musikalische Gestalten (Leitmotive) profiliert – ein Verfahren, das im zeitgenössischen Musikdenken zunehmend an Bedeutung gewinnt. Das Orchester hat hier eine besondere Rolle. Es gibt sieben rein instrumentale Sätze, die das Werk wie eine eingebettete Sinfonie durchziehen: das Vorspiel, das fesselnde Scherzo-Fugato Die Dornhecke, das zarte Elfenwalten, der Aufzug zur Jagd, Der Graf und die Dornhecke, ein Hochzeitsmarsch – und ein Orchesternachspiel. Raff malt mit dem Orchester: man hört Wellenschlag, das Kichern der Mägde, das Wachsen der Dornenhecke, das Erwachen eines ganzen Schlosses. Manchmal ist es vielleicht ein Zuviel – Liszt meinte das auch –, doch es ist ein „schöner Fehler“, wie er schrieb: „Offenbar leichter zu beheben als Magerkeit und Gehaltlosigkeit.“
Auch die formale Anlage des Werkes entzieht sich einer eindeutigen Zuordnung. *Dornröschen* steht zwischen Oper, Oratorium und sinfonischer Dichtung – eine Mischform, die sich im 19. Jahrhundert zunehmend etabliert, ohne bereits feste Gattungsgrenzen auszubilden. Die Handlung wird nicht im Sinne eines geschlossenen Dramas entwickelt, sondern entfaltet sich in einer Folge von Szenen, die gleichermaßen epische, lyrische und dramatische Elemente vereinen. Chor und Orchester übernehmen dabei eine tragende Rolle in der Vermittlung der Handlung und ihrer atmosphärischen Dimensionen.
In dieser Offenheit der Form spiegelt sich ein zentrales ästhetisches Anliegen der Zeit: die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten jenseits traditioneller Kategorien. Raffs *Dornröschen* ist somit weniger als abgeschlossenes Modell denn als Versuch zu verstehen – als ein Werk, das die Möglichkeiten und Grenzen einer solchen Synthese exemplarisch vor Augen führt.
Gerade in dieser Spannung liegt sein besonderer Reiz. Denn *Dornröschen* zeigt einen Komponisten, der mit großer Ernsthaftigkeit und handwerklicher Souveränität an der Erweiterung musikalischer Ausdrucksformen arbeitet. Das Werk eröffnet Einblicke in eine Phase des Übergangs, in der sich neue ästhetische Konzepte herausbilden, ohne bereits vollständig stabilisiert zu sein.
So erscheint Raffs Märchen heute nicht nur als reizvolle Wiederentdeckung, sondern auch als bedeutendes Dokument eines musikalischen Denkens, das zwischen Tradition und Innovation vermittelt – und gerade darin seinen eigenen, unverwechselbaren Platz einnimmt.
Rezeptionsgeschichte Raff komponierte *Dornröschen* unmittelbar nach Fertigstellung des Librettos ab dem Sommer 1855. Die Komposition ging schnell vonstatten, wurde aber stets durch andere Arbeiten, z. B. die Orchestrierung von Liszts „Prometheus“-Musik unterbrochen. Am 16. Mai 1856 war die Partitur (500 Seiten) beendet, acht Tage vor der Uraufführung. Offenbar war die Stimmung bei den Proben ausgezeichnet. Raff schrieb an seine spätere Frau (Doris Raff): „… Die Orchestermitglieder, weit entfernt, zu ermüden, oder verdrießlich zu werden, geriethen bald in jene eigenthümliche Art von Enthusiasmus, welcher man am besten mit dem Ausdruck musikalischer Besoffenheit bezeichnet. Sie spielten mit strahlenden Gesichtern, und werfen nach einigen Sätzen immer wieder die Instrumente bei Seite, um durch Applaudiren, Zurufen, Stampfen, und andern Anzeichen erklecklicher Verrücktheit ihren Gefühlen Luft zu machen. Aus der Probe entlassen fielen diese Unglücklichen … friedliche Menschen auf der Strasse an, um ihnen den Grund ihrer Exaltation mitzutheilen.“