mini|Naʿīm ʿAtīq (2011)

Naʿīm Stīfan ʿAtīq (), alternative Transkription: Naim Stifan Ateek (geboren 1937 in Baisān) ist ein anglikanischer Priester und palästinensischer Befreiungstheologe. Er ist israelischer Staatsbürger und lebt seit seinem Ausscheiden aus dem Pfarrdienst mit seiner Familie in den Vereinigten Staaten.

Biografie Familiärer Hintergrund Naʿīm ʿAtīqs Vater war der aus Nablus stammende Goldschmied Stīfan Salāmeh ʿAtīq, geboren 1892. Seine Familie gehörte der rum-orthodoxen Minderheit in Nablus an; er besuchte die Schule der Church Missionary Society und näherte sich dem Protestantismus an. Während des Ersten Weltkriegs entging er der Rekrutierung für die osmanische Armee, indem er sich Beduinen im Raum Baisān anschloss. Nach Kriegsende zog er in die Kleinstadt Baisān und schloss seine Lehre als Goldschmied ab. Im Jahr 1921 heiratete er in der anglikanischen St. Philippskirche in Nablus die wesentlich jüngere Nawart Karnik Sarkisian (geboren 1906 in Beirut). Es war eine arrangierte Ehe. Die Familie Sarkisian gehörte ursprünglich der Armenischen Apostolischen Kirche an. In der Kleinstadt Tulkarm, wo die Sarkisians lebten, waren Christen eine kleine Minderheit, und man hielt sich zur rum-orthodoxen Kirche, die dort auch nur schwach präsent war. Nawarts ältere Schwestern besuchten die Schneller-Schulen in Jerusalem, so dass sich ein Kontakt zum Protestantismus ergab.Naʿīm ʿAtīq: Call and Commitment, Eugene 2023, S. 10–20.

mini|Luftbild von Baisān (1937)

Nach einigen Jahren in Nablus zog die Familie nach Baisān. Naʿīm ʿAtīq war das achte von zehn Kindern. Das Goldschmiedegeschäft des Vaters war einträglich. Anfang der 1930er Jahre baute er ein großes Haus an der Hauptstraße und einen Multifunktionsbau, in dem die kleine anglikanische Gemeinde des Orts am Sonntag Gottesdienste feierte. Stīfan Salāmeh ʿAtīq amtierte später als Laienprediger in der neugebauten anglikanischen Kirche zum Guten Hirten in Baisān.Naʿīm ʿAtīq: Call and Commitment, Eugene 2023, S. 23.

Nakba mini|Mitglieder der Yiftach-Brigade vor der Polizeistation von Baisān (1948)

Aufgrund der strategisch wichtigen Lage Baisāns beschloss Jigal Allon als Kommandeur der Palmach im April 1948, den Ort zu erobern und die arabischen Einwohner zu vertreiben. Das war auch ein Anliegen der Bewohner der benachbarten jüdischen landwirtschaftlichen Siedlungen. Der Ort wurde von etwa 200 Freiwilligen verteidigt, darunter 75 Jordanier. Sie hatten sich auf dem benachbarten Tell und in der Polizeistation verschanzt. Nachdem die Golani-Brigade am 10. Mai den Tell sowie zwei Nachbardörfer eingenommen hatte und dort mit der Zerstörung der Häuser begann, kontaktierte der Brigadeführer Avraham Joffe die Notabeln von Baisān und verlangte die Übergabe des Orts.Mustafa Abbasi: City of Farmers and Merchants: Beisan in the Palestine Mandate Period (1918–1948). In: Journal of Holy Land and Palestine Studies, Band 14.2 (2015), S. 203–220. Am 12. Mai 1948 besetzte die Palmach die Kleinstadt, ohne auf Widerstand zu stoßen. Zwei Wochen später wurden die Oberhäupter der in Baisān vertretenen Religionsgemeinschaften zur örtlichen Polizeistation zitiert. Der Militärgouverneur befahl ihnen, den Ort binnen zwei Stunden zu räumen; wer zurückbleibe, werde getötet. Sie könnten nach zwei Wochen wieder zurückkehren. Am ehemaligen Rathaus (Saraya) wurden Muslime und Christen voneinander getrennt. Die Muslime wurden gezwungen, Richtung jordanische Grenze zu wandern; für die Christen wurden Busse bereitgestellt, die sie in die Nähe der noch nicht besetzten Stadt Nazareth brachten.Naʿīm ʿAtīq: Call and Commitment, Eugene 2023, S. 3–9.

Studium, Pfarrdienst und Promotion In Nazareth besuchte Naʿīm ʿAtīq die High School der Baptisten. Sein Wunsch war, anglikanischer Priester zu werden, aber die Near East School of Theology in Beirut konnte er aufgrund der politischen Situation nicht besuchen. Mit einem Stipendium der Baptisten, das er 1959 annahm, studierte er an der privaten Hardin-Simmons University in Abilene (Texas) Chemie. Unterstützt von Bischof James Pike, war für ihn anschließend ein Theologiestudium an der Church Divinity School of the Pacific in Berkeley möglich, wo er den Mastergrad erlangte. Er kehrte zurück in das anglikanische Bistum Jerusalem. Am 16. Mai 1966 empfing er die Diakonenweihe. Erzbischof Campbell MacInnes weihte ihn am 21. Mai 1967 in der St. Johanneskirche in Haifa zum Priester. Seine erste Pfarrstelle war an der St. Pauluskirche in Schefarʿam, einer Stadt in Galiläa mit relativ hohem christlichen Bevölkerungsanteil. Nach fünf Jahren wurde er nach Haifa versetzt. Zum anglikanischen Kirchspiel Haifa gehörte auch Akkon und Ramla. Während seines Pfarrdienstes in Haifa schrieb ʿAtīq an seiner Dissertation, die vom San Francisco Theological Seminary angenommen wurde (Toward a strategy for the Episcopal Church in Israel with special focus on the political situation: Analysis and prospects). Nach seiner Promotion wurde ʿAtīq 1985 zum Kanoniker der St. Georgskathedrale in Jerusalem ernannt und diente der arabischsprachigen anglikanischen Gemeinde in Jerusalem als Pfarrer.Yazid Said: Naim Ateek, London 2024, S. 8–19.

mini|St. Georgskathedrale Jerusalem, Blick zum Altar (2010)

Während der Ersten Intifada (1987–1993) predigte Naʿīm ʿAtīq jeden Sonntag in der St. Georgskathedrale; anschließend sprach er mit den Gottesdienstbesuchern über die Beziehungen zwischen dem gepredigten Evangelium und der Situation, in der sie aktuell lebten.Elizabeth S. Marteijn: The Revival of Palestinian Christianity, 2020, S. 265.

Palästinensische Befreiungstheologie Mit dem 1989 erschienenen Buch Justice, and only Justice legte ʿAtīq den ersten Entwurf einer palästinensischen Befreiungstheologie vor. Er nutzte dazu Material aus seiner Dissertation, weitete aber den Blick über die Situation der Episkopalkirche hinaus auf die Situation aller Palästinenser. Im Ost-Jerusalemer Stadtteil Schuʿafat gründete er das Ökumenische Zentrum für Befreiungstheologie Sabeel (arabisch sabīl: „Weg; Quelle“). Im Jahr 1990 richtete Sabeel seine erste Konferenz im Ökumenischen Institut Tantur aus. Daran nahmen etwa vierzig Palästinenser und zehn internationale Gäste aus den Vereinigten Staaten, Südafrika, Irland, den Philippinen, Simbabwe und Sri Lanka teil. Daraus entstand ein internationales Netzwerk (Friends of Sabeel). Seine Materialien veröffentlicht Sabeel meist in englischer Sprache, was zur Bekanntheit des Zentrums wesentlich beiträgt. Nach Einschätzung von Elizabeth S. Marteijn erlangte die von ʿAtīq mitvertretene Befreiungstheologie zwar weltweite Bekanntheit, blieb aber lokal eine Bewegung der palästinensisch-christlichen Elite ohne große Breitenwirkung in den Gemeinden.Elizabeth S. Marteijn: The Revival of Palestinian Christianity, 2020, S. 265 und 272.

Ausscheiden aus dem kirchlichen Dienst Als 1996 die Amtszeit von Bischof Samir Kafity endete, war ʿAtīq einer der beiden Kandidaten für die Nachfolge. Nachdem Riyāh Abū al-ʿAsal zum Koadjutor gewählt worden war, schlugen die beiden Bischöfe ʿAtīq vor, die Pfarrstelle Nablus zu übernehmen. ʿAtīq bat aber darum, nach Ramallah versetzt zu werden, damit seine Tochter die Möglichkeit hatte, ihr Studium an der Anglican International School in Jerusalem abzuschließen. Als ihm dies verweigert wurde, quittierte ʿAtīq den Pfarrdienst und zog mit seiner Familie nach Texas, wo er seinen Ruhestand verbringt.Yazid Said: Naim Ateek, London 2024, S. 8–19.

Werk Als palästinensischer Befreiungstheologe setzt sich Naʿīm ʿAtīq mit dem Gottesbild der Hebräischen Bibel auseinander: Ist JHWH ein universaler oder ein nationaler Gott? Allerdings ist Nationalismus ein modernes Konzept, das bezogen auf die Entstehungszeit der Bibel anachronistisch ist; bei Universalismus muss ʿAtīq klären, was er darunter verstehen will.Maayan Raveh: Universalism and Nationalism in Palestinian Christian Thought, 2021, S. 439 f. Die israelische Religionswissenschaftlerin Maayan Raveh erläutert den Kontext, in dem ʿAtīq seine Theologie entwickelt: Er befindet sich im „Auge des Sturms“ des Nahostkonflikts, der einen zunehmend national-religiösen Charakter annimmt. ʿAtīq stellt sich der Aufgabe, gegen den Zionismus und für den palästinensischen Nationalismus zu argumentieren, ohne dabei Konzepte zu nutzen, die in der westlichen Christenheit nach dem Holocaust inakzeptabel sind.Maayan Raveh: Universalism and Nationalism in Palestinian Christian Thought, 2021, S. 440.

Das zentrale Anliegen der Befreiungstheologie ist laut ʿAtīq Frieden durch Gerechtigkeit. Dazu müssen die Kirchen die Ungerechtigkeit des Lebens und das Leiden unter der israelischen Besatzung sowie die Verletzung der Menschenrechte der palästinensischen Bevölkerung wahrnehmen, ohne auszuweichen. ʿAtīq zufolge fühlen sich die palästinensischen Christen der Bibel entfremdet, weil diese von Christlichen Zionisten missbraucht wird, um den Staat Israel religiös zu legitimieren. Der universale Gott, von dem sie Gerechtigkeit erhoffen, verwandle sich in einen Gott, der auf Seiten Israels gegen sie Partei ergreife.Maayan Raveh: Universalism and Nationalism in Palestinian Christian Thought, 2021, S. 442 f. Daher ist eine andere Bibelhermeneutik nötig; diese übernimmt ʿAtīq von lateinamerikanischen Befreiungstheologen wie Juan Luis Segundo. Demnach geht es nicht darum, was die Texte einst bei ihrer Niederschrift besagten, sondern was sie heute besagen, wenn sie von den Leidenden und Unterdrückten gelesen werden und ihnen erschließen, wie Gott in ihrem Alltag wahrnehmbar ist. Die Schlüsselfrage beim Lesen der Bibel ist für ʿAtīq: „Entspricht die Art und Weise, wie ich dies höre, dem, wie ich Gott in Christus kennengelernt habe?“Maayan Raveh: Universalism and Nationalism in Palestinian Christian Thought, 2021, S. 443 f. und 447.

Zwei Schlüsseltexte, auf die sich ʿAtīq immer wieder bezieht, sind das Buch Jona und die Erzählung von Nabots Weinberg (). Dem Buch Jona entnimmt ʿAtīq, dass JHWH ein universaler Gott ist, der sich um alle Menschen sorgt (auch um die Niniviten, Israels Feinde) und dessen Handeln nicht geografisch auf das Land Israel begrenzt ist, sondern die ganze Welt umfasst. Das ist ein Gegenentwurf zu der für das Judentum kennzeichnenden engen Verbindung von Nation, Religion und Land.Maayan Raveh: Universalism and Nationalism in Palestinian Christian Thought, 2021, S. 446.

Da ʿAtīq sich als palästinensischer Theologe versteht, ist sein Universalismus verbunden mit einem spezifischen Partikularismus: Die im Heiligen Land verwurzelte palästinensische Christenheit hat eine besondere Rolle. Sie bezeugt die Kontinuität christlicher Präsenz in dem Land, in dem das Christentum seinen Anfang nahm. Wenn sich also jüdische Israelis auf ihre lange Verbindung zum Land Israel berufen, erheben christliche Palästinenser einen vergleichbaren Anspruch.Maayan Raveh: Universalism and Nationalism in Palestinian Christian Thought, 2021, S. 447 f.