Der Schreiende Bach war ein Wildbach am Nordwest- bzw. Westhang des Bosruck bei Spital am Pyhrn in Oberösterreich. Er bildete den oberirdischen Überlauf des im Bosruckstock gespeicherten Karstwassers, stürzte über den Schreibachfall talwärtsHinweistafeln am Nordportal des Bosruck-Eisenbahntunnels in Spital am Pyhrn („Das Geheimnis des Schreienden Baches“ sowie zur Kraftanlage und zum Versiegen des Baches). Texte: Hubert Fachberger / Ulrike Balek und speiste nach älteren Karten den Pflegerteich (). Der Bach galt als beliebtes Ausflugsziel.

Während des Baues des Bosruck-Eisenbahntunnels (1901–1906) durchörterte man den wasserführenden Kalkstock rund 290 m unterhalb; das Wasser brach in den Tunnel ein und der Schreiende Bach versiegte im Sommer 1904. Seither fließt ein Teil des Wassers in einem Kanal aus dem Tunnel und mündet unterhalb der Pyhrnautobahn in den Pyhrnbach bzw. die Teichl.

Name Der Name geht auf das laute Rauschen und Tosen der über die Felswände stürzenden Wasser zurück. In einer alpinistischen Schilderung von Hans „Frater Gottfried“ Hauenschild aus dem Jahr 1866 heißt es, der Bach stürze „aus beträchtlicher Höhe zuerst mit einem stäubenden Sprunge und dann in vielen gebrochenen Absätzen von den Wänden des Bosruck herab“, weshalb der Name „schreiender Bach“ sehr bezeichnend sei. Hauenschild bezeichnet den Bach in seinem Bericht als „Pyhrnerbach“. Der zugehörige Wasserfall wird auf den Hinweistafeln als Schreibachfall bezeichnet.

Lage und Verlauf Der Schreiende Bach lag am West- bzw. Nordwesthang des Bosruck oberhalb von Spital am Pyhrn, im Bereich der historischen Pyhrn-Poststraße (heute B 138) über den Pyhrnpass und dem heutigen Parkplatzes der Wurzeralm Standseilbahn. Er stürzte über den Schreibachfall talwärts und speiste nach älteren Karten den künstlich angelegten Pflegerteich, von wo das Wasser dem Teichl- bzw. Pyhrnbach-System zufloss.

Unklar bleibt eine ältere geologische Ortsangabe: Hans Commenda verortete 1900 einen „schreienden Bach an der Mausmayr- und Frumaueralm“ am Nordabhang des Bosruck. Diese Almen liegen jedoch auf der gegenüberliegenden Seite des Bosruckstocks bzw. jenseits der Tunnelachse und damit nicht im Einzugsgebiet des über den Schreibachfall zum Pyhrnpass hin abfließenden Baches. Ob Commendas Angabe tatsächlich dasselbe Gewässer meint, ist daher fraglich; möglicherweise wurde die volkstümliche Bezeichnung „schreiender Bach“ für mehrere Wildbäche des Bosruck verwendet.

Zur Höhenlage des Ursprungs Der zeitgenössische Baubericht der k.k. Staatsbahnen gibt die Quelle des Baches mit Seehöhe am Westhang an. Diese Angabe ist zweifelhaft: Der Schreibachfall selbst liegt bei etwa Seehöhe; der Ursprung kann nicht unterhalb des Wasserfalls gelegen haben. Wahrscheinlicher ist ein Ursprung weiter oben unterhalb des Lahnerkogels (), des westlichen Vorgipfels des Bosruck.

Bedeutung für den Tunnelbau

Die Wasserkraftanlage Für den Tunnelbau wurde ab 1903 am Schreienden Bach eine Wasserkraftanlage errichtet, die die Betriebskraft für beide Tunnelseiten liefern sollte. Der Bach wurde in etwa 930 m Seehöhe durch ein gemauertes Überlaufwehr gefasst; eine rund 2130 m lange Rohrleitung von 400 mm Durchmesser führte das Wasser mit 211 m Nutzgefälle zum Maschinenhaus beim Nordportal, wo Hochdruckturbinen von zusammen etwa 300 PS Ventilatoren, einen Kompressor und einen Hochspannungsgenerator antrieben.

Versiegen infolge des Tunnelbaus Als der Tunnelvortrieb 1904 in den wasserführenden Kalkstock eindrang, brachen dort große Wassermengen ein, während zugleich die Schüttung des Baches abnahm: von rund 150 Sekundenlitern im November 1903 auf etwa 35 Sekundenliter im März 1904; im Juni bzw. Juli 1904 versiegte der Bach vollständig.

Für den Bau hatte das Versiegen schwere Folgen: Mit der Wasserkraft entfiel die Grundlage des maschinellen Vortriebs, sodass auf Handvortrieb umgestellt und die Kraft durch Dampfmaschinen ersetzt werden musste; die Bewetterung war zeitweise so schlecht, dass Arbeiter in Ohnmacht fielen. Am 17. Mai 1905 brach im Südstollen erneut Wasser ein, und am 22. Mai 1905 kamen bei einer durch Schlagwetter ausgelösten Explosion 16 Arbeiter ums Leben.

Der Bach kehrte nicht zurück; ein Teil des Wassers tritt heute aus einem Kanal am Nordportal wieder zutage und mündet in den Pyhrnbach bzw. die Teichl, ein anderer wird zur Südseite geleitet.

„Das Geheimnis des Schreienden Baches“ Eine ortsbekannte Überlieferung, die eine Hinweistafel vor Ort bewahrt, berichtet vom Kornerbauer Johann Stoderegger, der als Vermessungsgehilfe und Gemeinderat den Ingenieuren vorhergesagt haben soll, das Wasser des Schreienden Baches werde eines Tages in den Tunnel einbrechen. Man wies ihn ab; er erbat für diesen Fall die Druckrohre der Kraftanlage zum halben Preis. Als das Versiegen eintrat, erhielt er die Rohre und errichtete damit im Trattenbachtal (Ortsteil Grünau) ein eigenes Kleinkraftwerk.

Heutiger Zustand Das ehemalige Bachbett zieht sich heute als trockene Rinne durch den Wald der Bosruck-Westflanke. Vom gemauerten Überlaufwehr der einstigen Kraftanlage haben sich vermooste Mauerreste erhalten. Der Bach ist damit ein frühes und dauerhaftes Beispiel für die anthropogene Veränderung einer alpinen Karsthydrologie durch einen Tunnelbau.

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Einzelnachweise

Kategorie:Geographie (Spital am Pyhrn)