Dame Kobold ist eine komische Oper in drei Akten von Joachim Raff (op. 154) nach einem Libretto von Paul Reber. Die literarische Vorlage bildet die Mantel-und-Degen-Komödie La dama duende von Pedro Calderón de la Barca aus dem Jahr 1629. Die Uraufführung fand am 9. April 1870 am Großherzoglichen Hoftheater Weimar statt. Raff widmete das Werk der Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach.
Handlung Die Oper folgt in vereinfachter Form der Vorlage Calderóns.
Erster Akt Don Manuel und sein Diener Rodrigo helfen einer verschleierten Dame, einem Verfolger zu entkommen; im anschließenden Kampf verwundet Manuel den Unbekannten leicht und erkennt in ihm seinen alten Freund Don Juan. Dieser nimmt ihn und Rodrigo bei sich auf. Im Haus lebt, von Juan aus Sorge um ihre Ehre streng bewacht, auch dessen verwitwete Schwester Donna Angela – die verschleierte Dame von zuvor. Juan hat eine geheime Tür in Angelas Zimmer einbauen lassen, um ihr Kommen und Gehen zu beobachten; Angelas Zofe Beatrice entdeckt jedoch, dass die Tür in Manuels Zimmer führt. Angela schreibt Manuel einen Brief, den Beatrice heimlich in seinem Zimmer hinterlässt.
Zweiter Akt Manuel findet den Brief der „Geisterdame“ in seinem verschlossenen Zimmer; Rodrigo vermutet spukhafte Kräfte am Werk. Manuel antwortet und wartet im abgedunkelten Zimmer, woraufhin Angela durch die geheime Tür erscheint. Die beiden gestehen sich ihre Zuneigung, doch Angela verlässt den Raum, ohne sich zu erkennen zu geben. Um die Täuschung fortzusetzen, lässt Beatrice Manuel von vier vermummten Männern zu einem Treffen mit der „Geisterdame“ entführen, was Rodrigo in Angst und Schrecken versetzt.
Dritter Akt In einer Reihe von Verwicklungen und Missverständnissen löst sich die Täuschung auf. Don Juan, verzweifelt über das Verhalten seiner Schwester, verfügt schließlich, dass sie Don Manuel heiraten solle – zur beiderseitigen Freude. Die Oper endet mit einem allgemeinen Freudenfest.
Gestaltung Musik und Stil Raffs Vertonung wird für ihre eingängigen Melodien, effektvollen Solopartien und die geschickte Verzahnung von gesungenem Parlando-Dialog und traditionellen Gesungsnummern geschätzt; das Werk orientiert sich, anders als Raffs frühere Bühnenwerke, an der Leichtigkeit Gioachino Rossinis und entfernt sich vom Pathos des Wagnerschen Musikdramas. Kritiker beschreiben die Tonsprache als kraftvoller und weniger fein ziseliert als etwa bei Peter Cornelius’ Der Barbier von Bagdad, zugleich aber deutlich von der damals latenten Italienbegeisterung deutscher Komponisten geprägt. Auch sind stilistische Rückgriffe auf die französische Opéra-comique deutlich erkennbar.
Bis heute am bekanntesten ist die im Konzertsaal eigenständig gepflegte Ouvertüre des Werks.
Orchester Die Orchesterbesetzung der Oper umfasst die folgenden Instrumente:
Holzbläser: zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte Blechbläser: vier Hörner, zwei Trompeten Pauken, Triangel Streicher
Werkgeschichte Entstehung Nachdem Raff mit seinen früheren Bühnenwerken – der historischen Oper König Alfred und dem Musikdrama Samson – keinen dauerhaften Bühnenerfolg erzielt und sich zugleich der übermächtigen Konkurrenz Richard Wagners im Musikdrama ausgesetzt gesehen hatte, wandte er sich zunächst verstärkt der Symphonik und schließlich der komischen Oper zu. Dame Kobold war die erste einer Reihe komischer Opern Raffs; es folgten Die Parole, Benedetto Marcello und Die Eifersüchtigen.
Das Libretto verfasste Paul Reber. Es basiert auf der Mantel-und-Degen-Komödie La dama duende von Pedro Calderón de la Barca aus dem Jahr 1629. Dabei griff Reber auf einen Entwurf zurück, der ursprünglich von Ludwig Schnorr von Carolsfeld stammte, dem ersten Sänger der Titelpartie in Wagners Tristan und Isolde.
Uraufführung und Rezeptionsgeschichte mini|Theaterzettel des Hoftheaters Weimar zur zweiten Aufführung am 18. April 1870
Die mit Spannung erwartete Uraufführung fand am 9. April 1870 zur Nachfeier des Geburtstags der Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach am Großherzoglichen Hoftheater Weimar statt. Die musikalische Leitung hatte Eduard Lassen. Dem Theaterzettel der Folgeaufführung und der Rezension in der Neuen Zeitschrift für Musik zufolge sangen „Herr v. Milde“ (vermutlich Hans Feodor von Milde, Don Juan), „Frl. Reiß“ (vermutlich Anna Reiß, Donna Angela), „Hr. Schild“ (vermutlich Josef Schild, Don Manuel), „Frl. Radecke“ (vermutlich Louise Radecke, Beatrice) und „Hr. Schmidt“ (Rodrigo).
Über die zweite Aufführung am 20. April schrieb das Musikalische Wochenblatt:
Nach der Uraufführung 1870 in Weimar blieb Dame Kobold über 150 Jahre lang ohne weitere szenische Aufführung; einzige Ausnahme unter Raffs Bühnenwerken war die konzertante Uraufführung seiner Oper Benedetto Marcello im Jahr 2002.
Von Raffs Partitur erhielt sich ein lithografierter Umdruck der Partitur und ein im Verlag Schott Musik nach der Uraufführung erhaltener Klavierauszug. Im Zuge ihrer Joachim-Raff-Reihe erarbeitet die Edition Nordstern eine Neuausgabe von Partitur, Klavierauszug und Orchesterstimmen, herausgegeben von Volker Tosta.
Auf Basis dieser Neuausgabe erfuhr das Werk am 24. Oktober 2020 am Theater Regensburg seine mutmaßlich erste szenische Wiederaufnahme seit der Uraufführung. Die Inszenierung lag in den Händen von Brigitte Fassbaender, die musikalische Leitung hatte Tom Woods. Wegen der Bedingungen während der COVID-19-Pandemie wurde eine reduzierte Fassung erarbeitet; die Vorstellungsserie musste kurz nach der Premiere pandemiebedingt unterbrochen werden.
Die Kritiken zur Regensburger Wiederentdeckung fielen gemischt-wohlwollend aus. Gelobt wurden der musikalische Esprit der Partitur und einzelne Sängerleistungen; bemängelt wurde, dass es Reber nicht gelungen sei, den hintergründigen, melancholisch grundierten Witz von Calderóns Vorlage in ein ebenso elegantes Libretto zu übertragen. Übereinstimmend wurde festgehalten, dass nicht die Titelheldin Angela, sondern ihre Zofe Beatrice die eigentliche Antriebskraft der Handlung sei.
Im Oktober 2024 wurde das Werk dann in seiner Originalgestalt auf Basis der neuen Ausgabe im tschechischen Marienbad für CD eingespielt (siehe Diskografie). Die Aufnahme erschien im April 2026.
Ausgaben Volker Tosta: Dame Kobold, Komische Oper in drei Akten von Joachim Raff. Klavierauszug, Kritische Ausgabe. Edition Nordstern, Stuttgart 2020, Volker Tosta: Dame Kobold, Komische Oper in drei Akten von Joachim Raff. Partitur, Kritische Ausgabe. Edition Nordstern, Stuttgart 2026,
Diskografie Joachim Raff: Dame Kobold. Lara Rieken (Donna Angela), Julia Surushkina (Beatrice), Matthias Lika (Don Juan), Gustav Wenzel Most (Don Manuel), Lukas Krimmel (Rodrigo), Chor des Theaters der Stadt Ústí nad Labem, Westböhmisches Symphonieorchester, Dirigent: Dario Salvi. Naxos (8.660619-20), 2 CDs.
Literatur Programmheft des Theaters Regensburg zur Neuinszenierung 2020.
Weblinks
Verlagsseite zur Oper beim Musikverlag Edition Nordstern Werkverzeichnis (englisch, mit Handlungssynopse) auf der Joachim Raff gewidmeten Website raff.org Libretto, Berlin 1870. Digitalisat bei Google Books Libretto. Volltext (PDF; 490 kB) auf der Website des Musiklabels Naxos
Einzelnachweise Roland H. Dippel: Italianità aus Weimar. Rezension der Produktion in Regensburg 2020. In: Concerti. 26. Oktober 2020, abgerufen am 20. August 2026. Verlagsseite zur Oper beim Musikverlag Edition Nordstern, abgerufen am 20. August 2026. Informationen zur CD Naxos 8.660619-20 auf der Website des Medienversandhauses jpc, abgerufen am 20. August 2026. Musikalisches Wochenblatt. 18. März 1870, S. 190 (online im Internet Archive). Musikalisches Wochenblatt. 15. April 1870, S. 254 (online im Internet Archive). Musikalisches Wochenblatt. 29. April 1870, S. 285 (online im Internet Archive). Informationen zur CD Naxos 8.660619-20 auf der Website des Musiklabels Naxos. Werner M. Grimmel, Susan Baxter (Übersetzung): Details zur CD Naxos 8.660619-20 auf der Website des Musiklabels Naxos. Juan Martin Koch: Mittlerer komödiantischer Drive: Joachim Raffs „Dame Kobold“ am Theater Regensburg. In: Neue Musikzeitung. 25. Oktober 2020, abgerufen am 20. August 2026. Neue Zeitschrift für Musik. 6. Mai 1870, S. 181 (online im Internet Archive). Ingobert Waltenberger: Rezension der CD Naxos 8.660619-20. In: Online Merker. 20. April 2026, abgerufen am 20. August 2026. Catalogue – Vocal Music auf der Joachim Raff gewidmeten Website raff.org, abgerufen 2026. „Dame Kobold“ am Theater Regensburg. Ankündigung der Produktion in Regensburg 2020 auf der Website der Joachim-Raff-Gesellschaft. 21. Mai 2020, abgerufen am 20. August 2026. Oper „Dame Kobold“ mit SchwyzKulturPlus. Informationen über die Produktion von SchwyzKulturPlus 2023 auf der Website der Joachim-Raff-Gesellschaft. 24. Oktober 2023, abgerufen am 20. August 2026.
Kategorie:Operntitel Kategorie:Oper in deutscher Sprache Kategorie:Musik 1870 Kategorie:Werk nach Pedro Calderón de la Barca