mini|Henrik Sørensen (Foto um 1935) Henrik Ingvar Sørensen (* 12. Februar 1882 in Fryksende, Gemeinde Torsby (Värmland, Schweden); † 24. Februar 1962 in Oslo) war ein norwegischer Maler des Expressionismus. Sein Werk umfasste in mystische Natur eingebettete Figuren, realistisch ausgeführte Landschaften, sowie – er war überzeugter Pazifist – apokalyptische Fantasien gegen Krieg und Faschismus. Seine zahlreichen Porträts bringen die Persönlichkeit der jeweiligen Modelle zum Ausdruck. Ab den 1930er Jahren schuf er auch Altarbilder, u. a. für die Kathedralen von Linköping und Hamar, und monumentale Wandbilder für den Palast des Völkerbunds in Genf bzw. das Osloer Rathaus. Außerdem illustrierte er Buchausgaben norwegischer Klassiker wie Bjørnstjerne Bjørnson und Jørgen Moe.

Henrik Sørensen baute ein großes Netzwerk zu Kollegen, Kunsthistorikern, Kuratoren und Sammlern in den nordischen Ländern auf. In Norwegen bestimmte er die Ausstellungspolitik des Künstlerverbands und die Ankaufspolitik der Nationalgalerie maßgeblich mit. Er war eine charismatische, aber auch dominante Persönlichkeit, die sich oft in Presse und Rundfunk zu Wort meldete. Beeinflusst von Henri Matisse, der französischen Kunst des 19. Jahrhunderts, und von seinen väterlichen Malerfreunden Erik Werenskiold und Oluf Wold-Torne, war seine Haltung zur moderneren Malerei widersprüchlich (also nicht eindeutig ablehnend).

In den 1990er Jahren wurde Henrik Sørensen durch eine Gedächtnisausstellung im Osloer Künstlerhaus und durch eine ausführliche Monografie geehrt. Henrik Sørensens Sohn Sven Oluf hat für die Ausstellung der Werke aus dem Nachlass seines Vaters zwei Kunstmuseen in Holmsbu bzw. in Vinje eingerichtet.

Das Werk als Leben

Jugend Henrik Sørensen wurde im schwedischen Värmland als einziges Kind norwegischer Eltern geboren, die beide aus Bauernfamilien stammten. Die Mutter, Helene Høibraaten (1841–1882), starb bei Henriks Geburt. Mit dem Vater, Severin Sørensen (1858–1909), verbrachte er die ersten Kindheitsjahre in Schweden. Die Erziehung ohne Mutter war eine der Ursachen für Henrik Sørensens „spätere autoritäre und puritanische Lebensweise“. Dies ist jedenfalls die Meinung, die Henriks Sohn, der Atomphysiker Sven Oluf Sørensen (1920–2017), in der 2003 veröffentlichen Biografie über seinen Vater äußert.

Spätestens 1891 zogen Severin und Henrik Sørensen nach Lillestrøm in Akershus, wo sie mit dem Großvater Syver Sørensen (* 1814) und dem Onkel Kristian August Sørensen (* 1840) in einem gemeinsamen Haushalt wohnten. In Lillestrøm fand der Vater eine Stelle als Leiter eines Sägewerks und Henrik setzte seine Schulausbildung fort, die er 1900 mit einem Abschuss an der Handelsschule in Kristiania beendete. Nach vorübergehender Beschäftigung als Kontorist im väterlichen Sägewerk wurde er noch im selben Jahr als Gehilfe in einer Anwaltskanzlei in Lillestrøm eingestellt (bis 1904).

Frühwerk mini|Henrik Sørensen Ab 1898 malte und zeichnete Henrik Sørensen autodidaktisch, bis er 1904 an Den kongelige Tegneskole (Königliche Zeichenschule) aufgenommen wurde, und dort in der Folge Abendkurse bei Eivind Nielsen und später bei Johan Nordhagen besuchte. Im selben Jahr 1904 debütierte er mit einem Landschaftsbild auf der Høstutstillingen. Im Winter 1904–1905 studierte er bei Kristian Zahrtmann in Kopenhagen und im darauffolgenden Winter an der Académie Colarossi in Paris. Einflussreicher als diese beiden Kurse waren für Sørensens künstlerische Entwicklung die dort angeknüpften Kontakte zu anderen Malern, besonders zu Thorvald Erichsen, Oluf Wold-Torne, Einar Sandberg, Jean Heiberg und dem Schweden Birger Simonsson (1883–1938).

Da Sørensen 1910 nach einer Einzelausstellung im Kunstnerforbundet 56 seiner Leinwände zerschnitt, ist sein frühestes Werk nicht gut zu überblicken. Die noch bekannten Werke dieser Zeit „sind in ihrer Form realistisch, mit einer etwas düsteren und unreinen Farbgebung. […] Sowohl die Motivwahl als auch die Ausführung zeugen von Sørensens Fähigkeit zu Mitgefühl und Engagement.“ Sichtbar sind Einflüsse seiner väterlichen Freunde Erik Werenskiold und Wold-Torne und der „romantischen Stimmungsmalerei der 90er Jahre“.

Auf manchen Bildern, die Sørensen (nach seinem eigenen Ausdruck) in „Tempera und Verzweiflung“ gemalt hatte, wird der malerische Eindruck durch die literarische Thematik beeinträchtigt.

Im Frühjahr 1906 kamen Henrik Sørensen und Jean Heiberg mit Harriet Backer in Kontakt, die in Kristiania ihre Malschule betrieb und die Gemälde von Sørensen und Heiberg korrigierte. Sie nahm für eine kürzere Zeit Sørensen auch als Schüler an.

Im Herbst 1908 reiste Sørensen mit Heiberg und anderen norwegischen und schwedischen Malern nach Paris, um bei Henri Matisse zu studieren. Matisses „kluge Korrekturen“ wiesen Sørensen in die Richtung klarer und starker Farben jenseits des natürlichen Kolorits des Motivs. Sørensens Individualität fand ihren Ausdruck in pastosen und groben Pinselstrichen. Die moderne französische Kunst wurde für Sørensen vorbildlich, wobei ihn besonders Cézanne und van Gogh beeindruckten. Beeinflusst wurde er auch von den damals in Paris studierenden jungen Malern aus Norwegen (wie Jean Heiberg, Einar Sandberg) und Schweden (Birger Simonsson, Gösta Sandels).

Ehe und Familie

Henrik Sørensen war seit spätestens 1910 mit der Telegrafistin Gudrun Klewe (* 1. Juli 1884 in Kongsberg; † 25. Februar 1944) verheiratet, der Tochter des Organisten und Klavierlehrers Andreas Johan Julius Klewe (1832–1903) und der Lehrerin Oline („Lina“) Borgen (1844–1929). Ihr Bruder war der als Komponist und Pianist bekannte Halfdan Cleve (1879–1951). Anlässlich der Volkszählung 1910 wohnten Henrik und Gudrun Sørensen in Kristiania in der Dannevigsveien 5.

Gudrun Sørensen stand für ihren Mann öfters Modell und gebar ihm 1920 einen Sohn, Sven Oluf Sørensen, der 1961 Professor für Kernphysik an der Universität Oslo wurde. Nach dem Tode seines Vaters gründete er für dessen Kunstwerke Museen in Holmsbu und in Vinje und verfasste die Biografie Henrik Sørensens liv og kunst (2003).

Durchbruch

Sørensens Svartbækken von 1909 gilt als das erste expressionistische Gemälde Norwegens und markiert seinen Durchbruch als Künstler. Durch das Zusammenspiel von unrealistischen Farben, unruhigen kurzen Pinselstrichen und einer unkonventionellen Komposition wird die Unruhe und Anspannung des sich im Wald versteckenden flüchtigen Verbrechers sicht- und fühlbar gemacht. Auch das im Folgejahr entstandene Gutten og gullfuglen zeigt einen Aufenthalt im Wald, der diesmal nicht bedrohlich wirkt, sondern an ein Volksmärchen mit hilfreichen Tieren denken lässt.

Sørensen wählte gelegentlich auch Themen aus dem mondänen Pariser Leben und ließ sich dabei maltechnisch von Degas und van Dongen inspirieren, wie in Artister (1909–1910) und Varietéartist (1910). Die Tänzerin im Zentrum von Artister wird durch das Weiß ihrer Kleidung und das Beschneiden der Randfiguren hervorgehoben; trotz ihrer einstudierten Pose wirkt ihre Standfestigkeit nicht überzeugend. Als Varietéartist 1911 in Stockholm ausgestellt wurde, sorgte das farbenprächtige Bild für großes Aufsehen und Ablehnung. Es gilt als bekanntes Beispiel für den Fauvismus; wobei die Figur überzeichnet ist und durch den unnatürlich großen Hut dominiert wird. Der schwedische „Malerprinz“ Eugen erkannte die Qualitäten des Gemäldes und erwarb es für seine Sammlung auf Waldemarsudde – ein Affront für die Kunstkonservativen.

Nach einem Sommeraufenthalt in Telemark entstand 1910 mit Landskap fra kviteseid Sørensens erstes von vielen Landschaftsgemälden aus dieser Region. Es ähnelt Thorvald Erichsens Gemälde Fra Kviteseid i Telemark (1900), wirkt aber durch „große Tiefenwirkung und die Verwendung reiner Farben“ plastischer. Der höher gelegene Horizont ist auch für Sørensens spätere Landschaften typisch.

Unterstützt durch ein Stipendium, unternahm Henrik Sørensen 1911 seine erste Reise nach Italien. In Florenz kopierte er Zeichnungen von Michelangelo und Leonardo da Vinci.

Mit Adam og Eva präsentierte er 1914 ein ambitioniertes Großformat im dekorativen Stil. Für diesen Stilwechsel wurden verschiedene Ursachen plausibel gemacht – der soeben in Florenz erlebte Monumentalstil der Renaissancemeister, das Vorbild des dekorativen Koloristen Wold-Torne, die Vorliebe des Lysakerkreises für die norwegische Volkskunst. Adam und Eva sind mit markanten Konturen in Profilansicht dargestellt und in eine stilisierte und kontrastreiche Landschaft eingebettet, die bereits von Tieren und Pflanzen bevölkert wird. Frische grüne und blaue Farbakzente beleben den gelblichen und von der Sonne erhellten Hintergrund.

1904 war Henrik Sørensen ein Mitbegründer der Gruppe junger Künstler De 14 gewesen und wurde als ihr Anführer angesehen. Diese ehemaligen Matisse-Schüler standen im offenen Gegensatz zu den Vertretern des Neoimpressionismus. Auf der Jubiläumsausstellung 1914 war Sørensen mit 16 Bildern vertreten, darunter auch Adam og Eva. „Die Ausstellung wurde als Sørensens Durchbruch als Künstler gewertet, und die Kritik war durchweg positiv.“

Kriegsjahre in Schweden

Das im Anschluss an eine Parisreise im Herbst 1913 entstandene Doppelporträt Mann og kone erzielt psychologische Wirkung durch seine abgestufte Farbgebung. 1914 entstanden auch die ersten beiden Porträts der Ehefrau Gudrun, Gudrun på trappen bzw. Gudrun i døren. Deren Stimmung ist „klar, sanft und harmonisch“. Das introvertierte, zurückhaltend posierende Modell findet Halt durch Treppe und Türrahmen; die blau gestreifte Kleidung stabilisiert die Komposition zusätzlich.

Während des Weltkrieges hielt sich Sørensen für längere Zeit in Göteborg auf. Die dortigen Maler, zu denen er Kontakte pflegte und die er künstlerisch beeinflusste, wurden später als Göteborger Schule bezeichnet. Zwei Varianten des Bildes Menneskefuglene (1916–1917) waren Sørensens erste Versuche, den Krieg mit malerischen Mitteln auszudrücken. Er zeigt aber nicht den Schrecken des Kriegs selbst, sondern die durch ihn verursachte Angst in Form zweier Figuren, die sich zwischen zerklüfteten Fichten aneinanderpressen. Enkene (1918) schildert die Klage zweier Witwen, wobei die gestreckten, schlanken Gestalten und die gedämpften Farben spirituelle Wirkung entfalten.

Ganz anders wirken die ebenfalls in den letzten Kriegsjahren entstandenen Phantasieportäts u. a. von Edgar Allan Poe und Henrik Wergeland, deren expressive Farblichkeit an Werke von Robert Delaunay erinnert.

Wohnsitz Paris

Henrik und Gudrun Sørensen verlegten 1919 ihren Wohnsitz für sieben Jahre nach Paris, wo im Folgejahr auch ihr Sohn Sven Oluf geboren wurde. Die Sommer verbrachten sie nach wie vor in Norwegen; und 1923–1924 unternahm Sørensen gemeinsam mit dem Ehepaar Sigri Welhaven und Peter Krag eine Reise nach Nordafrika. In Ägypten gehörten sie zu den Ersten, die das Grab von Tutanchamun besichtigten konnten. Nach der Rückkehr entstanden Sørensens „lichtdurchflutete“ ägyptische Gemälde mit Ansichten von u. a. Luxor und dem Tal der Könige.

In Paris entstand auch das erste von mehreren Porträts des schwedischen Dichters Pär Lagerkvist, der mit dem Rücken zum offenen Fenster wie auf einer Bühne dargestellt wird. „Der Dichter ist in seinem tranceartigen Traumzustand zwischen der inneren und der äußeren Welt zu einem Visionär geworden.“

Anfang der 1920er Jahre begann Henrik Sørensen, christliche Motive zu malen, und schuf eine Trilogie (Golgatha, Gethsemane, Pietà), die das Allgemeinmenschliche in der Passion Jesu in den Mittelpunkt stellt. Die expressive Form- und Farbgebung drückt ekstatische Gefühle aus. Die Szene wird auf zwei bzw. fünf Personen verdichtet, die als Symbole für Schmerz und Trauer einstehen.