mini|Synagoge in Bezdružice (2014) Die Genisa Bezdružice (deutsch Weseritz) ist eine Geniza, die 1996 auf dem Dachboden der Synagoge in Bezdružice im Okres Tachov in Tschechien, etwa 120 Kilometer westlich von Prag, geborgen wurde. Die Geniza besteht aus Fragmenten von Büchern, hebräisch geschriebenen Heften sowie wenigen Sachgegenständen.

Fundumgebung und Hintergrundgeschichte Die Synagoge wurde 1812 errichtet und ersetzte und einen zuvor genutzten Betraum. Nach dem Münchner Abkommen vom 30. September 1938 wurde der Ort im Sudetenland am 1./2. Oktober 1938 in das Deutsche Reich eingegliedert und war von den Novemberpogromen 1938 betroffen. Die Synagoge wurde zwar verwüstet, aber durch Eingreifen eines Nachbarn nicht angezündet, da er ein Übergreifen des Brandes befürchtete. 1939 wurde das Gebäude „arisiert“ und anschließend an eine landwirtschaftliche Lagerhaus- und Betriebsgenossenschaft verkauft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude 1954 restituiert, das in dieser Zeit als vermietete Garage diente. 1978 verkaufte die Jüdische Gemeinde das Gebäude an eine Eisenverwertungs-Genossenschaft, die es 1995 wiederum an ein Ehepaar veräußerte.Janda-Busl: Kapitel Die Synagoge von Weseritz. In: Die Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Weseritz/Bezdružice, S. 305–345Alicke: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. Band 3: Ochtrup – Zwittau

Religionsgeschichtlicher Hintergrund Nach jüdischer Tradition werden rituelle Gegenstände und liturgische Schriften, die nach langem Gebrauch nicht mehr benutzbar sind, entweder auf dem Friedhof bestattet oder in einem eigens dafür bestimmten Ort abgelegt. Meist dient hierfür der Dachboden der Synagoge. Dieser Ort wird als Genisa (im Plural Genisot) bezeichnet, das Schatzkammer, Archiv, Depot bedeutet. Sämtliche unbrauchbar gewordenen Schriftstücke, die den Namen Gottes enthalten, werden in einer Genisa abgelegt, um sie vor Entweihung zu schützen.Uličná: Modern Genizot: “Sacred Trash” Reconsidered, S. 143Frowald Gil Hüttenmeister: Die Genisot als Geschichtsquelle. In: Monika Richarz, Reinhard Rürup (Hrsg.): Jüdisches Leben auf dem Lande. Studien zur deutsch-jüdischen Geschichte. Mohr Siebeck, Tübingen 1997, ISBN 3-16-146842-2, S. 207–218, S. 207f.Falk Wiesemann (Hrsg.): Genisa – verborgenes Erbe der deutschen Landjuden. Ausstellungskatalog, Bertelsmann, München 1992, ISBN 3-570-10501-6, S. 16

Die Fundstücke Gefunden wurde die Genisa in Bezdružice im Dachstuhl der Synagoge, genauer zwischen den Sparren, an denen das Gewölbe des Hauptraumes befestigt ist. Geborgen wurden die Fundstücke in zwei Phasen: Im Rahmen des Genisaprojekts “Geheimnisse vom Dachboden” wurde die Synagoge 1996 als eine von 13 Synagogen erforscht und Teile von Büchern, hebräisch geschriebener Hefte, Wickelbänder und Gebetsriemen geborgen. Diese Teile befinden sich im Jüdischen Museum Prag. Zudem wurde weitere Fundstücke zu einem nicht bekannten Zeitpunkt vom Besitzer des Gebäudes geborgen und der Ärztin und Heimatforscherin Ingild Janda-Busl übergeben.Uličná: Modern Genizot: „Sacred Trash“ Reconsidered, S. 150Janda-Busl, Busl: Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Weseritz/Bezdružice, S. 349

Die letzteren Fundstücke umfassen 19 Fragmente, die von Hermann Süß untersucht wurden. Die Fundstücke des Genisaprojektes sind zumindest teilweise auf der Website Jüdischen Museums Prag und des Genisaprojektes erfasst.Fundstück aus Bezdružice auf Website des Jüdischen Museums Prag unter jewishmuseum.czFundstück aus Bezdružice auf Website zum Geniza-Projekt des Jüdischen Museums Prag, unter geniza.cz Die Fundstücke konnten auf die Zeit von etwa 1600 bis in das 19. Jahrhundert datiert werden. Sie umfassen vor allem Gebetbücher, daneben biblische und rabbinische Literatur, darunter ein unbekannter Druck von 1727, aber nur vereinzelte weltliche Schriften und Sachgegenstände. Über die Dauer der Nutzung der Genisa liegen keine Angaben vor.zu allen von Hermann Süß untersuchten Fundstücken: Janda-Busl, Busl: Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Weseritz/Bezdružice, S. 352–358 sowie ergänzende Einzelangaben

Religiöse Schriften Fast alle der Fundstücke gehören zu den religiösen Schriften. Am stärksten vertreten sind Gebetbücher, insbesondere Siddurim für Alltagsgebete und Machsorim für die Feiertage, gefolgt von Bibelkommentaren und -auslegungen. Zu ihnen zählen unter anderem eine Pirqe de Rabbi Eliezer aus dem Jahr 1784. Daneben enthielt die Genisa Fragmente von drei Bibeltexten: aus einem Buch der Psalmen, eine Sammlung von Parascha sowie eine jiddische Bibelparaphrase von Jakob Aschkenasi aus Janow in Polen, die als Volksbibel schlechthin gilt. Ergänzt wird die Sammlung durch Klagelieder für den Gottesdienst, Fragmente einer liturgischen Dichtung (Pijjut) und Segenssprüche.

Weltliche Schriftstücke Bei den weltlichen Schriften ist lediglich ein einzelnes Fragment der Genisa genauer beschrieben. Dabei handelt es sich um den Rest eines Schulbuches für den Religionsunterricht, das wohl aufgrund der hebräischen Buchstaben dort deponiert wurde.

Sachgegenstände Lediglich wenige Sachgegenstände sind aus der Genisa ist dokumentiert. Im Jüdischen Museum in Prag wird ein Torawimpel aufbewahrt. Es handelt sich um zwei Fragmente aus weißem Baumwollleinen, bestickt mit rotem Faden, die bei der Restaurierung zusammengefügt wurden. Die Inschrift stammt aus dem Jahr 1749. Daneben enthielt die Genisa Wickelbänder und Gebetsriemen.

Literatur Ingild Janda-Busl, Franz Busl: Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Weseritz/Bezdružice. [= Quellen und Erörterungen 5. Otnant-Gesellschaft für Geschichte und Kultur der Euregio Egrensis (Hrsg.)]; Verlag der Buchhandlung Eckhard Bodner, Pressath 2006. ISBN 978-3-937-11738-6. Klaus-Dieter Alicke: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. Band 3: Ochtrup – Zwittau. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008, ISBN 978-3-579-08079-6 (Online-Ausgabe). Lenka Uličná: Modern Genizot: „Sacred Trash“ Reconsidered. In: Muzeológia a kultúrne dedičstvo, 7/2019, Issue Nr. 1, S. 143–154 (Online-Version als PDF).

Weblinks Website des Jüdischen Museum Prag, unter jewishmuseum.cz (tschechisch, englisch) Website zum Geniza-Projekt des Jüdischen Museums Prag, unter geniza.cz (tschechisch, englisch)

Einzelnachweise

Bezdruzice Kategorie:Depotfund (Tschechien) Kategorie:Judentum in Bezdružice