Fragments (The Complete 1969 Salle Pleyel Concerts) ist ein Musikalbum der Cecil Taylor Unit. Die am 3. November 1969 im Rahmen des Paris Jazz Festival im Salle Pleyel in Paris entstandenen Aufnahmen erschienen am 18. April 2026 auf drei Langspielplatten auf Elemental Music in Kooperation mit dem Institut national de l’audiovisuel. Im Mai 2026 wurde die CD-Ausgabe im Digipack veröffentlicht.

Hintergrund mini|Cecil Taylor Fragments (The Complete 1969 Salle Pleyel Concerts) dokumentiert die Cecil Taylor Unit kurz vor dem Ende ihrer ursprünglichen Schaffensphase, in der Taylor sich für mehr als drei Jahre aus dem Konzertbetrieb zurückzog, um sich der Lehrtätigkeit zu widmen. Zur Unit gehörten Cecil Taylors langjährige musikalischen Partner Jimmy Lyons am Altsaxophon und Andrew Cyrille am Schlagzeug, ergänzt durch den Tenorsaxophonen Sam Rivers.

Das Stück „Fragments“ ist auf dem Album zweimal enthalten, und zwar in Form einer 50-minütigen Abendvorstellung und einer 90-minütigen Nachmittagsvorstellung. Es handelt sich um „Fragmente einer Widmung an Duke Ellington“. In den Wochen rund um den Auftritt der Cecil Taylor Unit am 3. November 1969 beim 8. jährlichen Pariser Jazzfestival in der Salle Pleyel nahm die Band an George Weins Newport Jazz Festival in Europa teil, bei dem auch das Ellingtons Orchester sowie das Miles-Davis-Quintett auf dem Programm standen. Die Vollendung des 70. Lebensjahres von Ellington wurde dabei gefeiert, ähnlich auch am 6. November bei den Berliner Jazztagen.

Zuvor hatten die Musiker der Unit die Gelegenheit, über Wochen hinweg in einer Künstlerresidenz an der französischen Riviera zu proben. Nach Ansicht von Michael Haifl hat das die Entwicklung der freien, aber strukturierten Arbeitsweise zusätzlich geprägt.

Lange Zeit galten die Mitschnitte der Pariser Konzerte als verschollen bzw. waren nur in stark eingeschränkter Bootleg-Qualität verfügbar. Das Album Fragments (The Complete 1969 Salle Pleyel Concerts) ist ein Ergebnis der Zusammenarbeit des Produzenten Zev Feldman mit dem Institut national de l’audiovisuel, dem französischen Rundfunk- und Fernseharchiv, das bereits mehrere Alben mit Jazzmusik herausgebracht hat, die ursprünglich für französische Rundfunk-Sendungen aufgenommen wurden. Das Tonmaterial wurde von Marc Doutrepont bei EQuuS anhand der analogen Originalbänder restauriert und abgemischt, von Matthew Lutthans bei The Mastering Lab für die LP geschnitten und in einem Dreifach-Gatefold-Cover mit einem Booklet in Originalgröße präsentiert.

Titelliste Cecil Taylor Unit – Fragments (The Complete 1969 Salle Pleyel Concerts) () Fragments Of A Dedication To Duke Ellington A Evening Set Version: Part 1 24:43 B Evening Set Version: Part 2 25:05 C Afternoon Set Version: Part 1 20:46 D Afternoon Set Version: Part 2 22:51 E Afternoon Set Version: Part 3 25:03 F Afternoon Set Version: Part 4 24:10

Die Kompositionen stammen von Cecil Taylor.

Rezeption Keine aus der aktuellen Reihe an Archiv-Veröffentlichungen Cecil Taylord sei wohl bedeutender als dieser Mitschnitt eines Konzerts, das im September 1969 in Paris stattfand, meint S. Victor Aaron (Something Else!). Jede neue Veröffentlichung von Cecil Taylor sei eine Offenbarung; selbst wenn er komponierte Musik spielte, habe sein Improvisationsgeist die Führung übernommen, sobald er vor dem Klavier und dem Publikum Platz nahm. Man spüre, dass seine Musik einem bestimmten Konzept folgt, und doch lasse sich nicht vorhersagen, wohin die Reise gehe. Für Cecil Taylor habe der Jazz im Sinne des „Sound of Surprise“ – des Klangs der Überraschung – in ganz besonderem Maße gegolten. mini|Sam Rivers (1976) Es sei nicht das erste Mal gewesen, dass Sam Rivers in einer von einer Jazz-Größe geleiteten Band spielte; 1964 habe er dem Quintett von Miles Davis angehört und für einige Wochen den Part am Saxophon übernommen, kurz bevor Wayne Shorter diesen Posten antrat (Miles in Tokyo), so Aaron weiter. Rivers’ Jazz-Verständnis sei jedoch im Vergleich zu dem von Miles zu jener Zeit radikal gewesen; die wenigen Aufnahmen des Quintetts aus dieser Phase würden den Eindruck bestätigen, dass er „wie ein eckiger Klotz“ wirken würde, der in ein rundes Loch passen sollte. In Taylors „Unit“ hingegen habe sich Rivers hingegen deutlich wohler gefühlt und schnell Anschluss an ein Trio gefunden, das bereits seit fünf Jahren gemeinsam musizierte.

„In gewisser Hinsicht kann man ihn als einen der Wegbereiter der Free-Jazz-Tradition betrachten“, sagt der Pianist Matthew Shipp über Cecil Taylor in dem umfangreichen Booklet zu Fragments (The Complete 1969 Salle Pleyel Concerts). „Andererseits … bestand er sehr darauf, dass er aus einer bestimmten Tradition stammte, und er sprach von [der Traditionslinie] Ellington, Monk und Cecil Taylor.“ So schwer diese Verbindung für den durchschnittlichen Hörer auch zu erkennen sein möge, stimme Shipps Aussage mit dem Titel des hier zweimal dargebotenen Stücks überein, meint Joshua Weiner in All About Jazz. Man könne sich fragen, ob der Widmungsempfänger Taylors Auftritte auf dieser Tournee gehört hat und, falls ja, welchen Eindruck sie auf ihn gemacht hätten. Man könne davon ausgehen, dass Ellingtons Anwesenheit Taylor dazu inspirierte, die Höhen rasender, konzentrierter Energie zu erreichen, die während der gesamten zweieinhalb Stunden dieses gigantischen Sets zu spüren waren.

Michael Haifl (Saitenkult) meinte, dass dem Album eine Aufnahme veröffentlicht wurde, „die lange Zeit als Mythos durch die Free Jazz-Geschichte geisterte“. Cecil Taylor habe sich hier mit seiner Unit an einem Punkt befunden, an dem alles zusammenkomme, was diese Musik Ende der sechziger Jahre ausgemacht hätte: „radikale Offenheit, völlige Unabhängigkeit von konventionellen Formen und ein Zusammenspiel, das wie ein reagierendes Kollektiv erscheint.“ Durch die Restaurierung der Aufnahme sei „die vollständige Dimension dieser Konzerte wieder zum Vorschein“ gekommen.

Fragments (The Complete 1969 Salle Pleyel Concerts) enthalte nicht nur zwei Konzerte, „sondern einen selten dokumentierten Moment musikalischer Entwicklung, in dem sich freie Improvisation, kompositorische Struktur und kollektive Energie auf engstem Raum begegnen. Die Veröffentlichung macht diese Musik erstmals in ihrer vollen Länge und Klarheit zugänglich und gibt ihr genau jene Präsenz zurück, die sie im Originalabend hatte.“ Es handele sich um eine „erlesene Rekonstruktion eines Schlüsselmoments im Free Jazz, der hier in seiner ganzen Konsequenz hörbar gemacht wird.“

Die kürzere Abendaufführung werde zuerst auf LP 1 präsentiert, was Sinn mache, da es sich um die prägnantere, besser aufgenommene und zugänglichere Version des Stücks handelt. „Zugänglich“ sei ein relativer Begriff, wenn es um Taylor gehe, so Weiner weiter. Wie immer habe der Pianist das Stück komponiert, und in dem Film, der von dem Konzert im Umlauf ist, könne man sehen, dass Rivers und Lyons Noten auf einem Notenständer vor sich stehen haben. Doch während sich auf der Makroebene ein Muster abzeichne (die gesamte Band, dann Klavier und Schlagzeug, dann Rivers an der Flöte, dann Klaviersolo usw.), würde die Musik auf der Mikroebene frei klingen. Taylor spiele so viele Töne auf dem Klavier mit solcher Schnelligkeit, dass ein ständiger Fluss aus Trillern, Glissandi und Clustern entstehen würde; Cyrille sei ständig in Bewegung und lasse sich selten auf einen wiederholten Rhythmus ein, und die Saxophonisten würden über ihren gesamten Tonumfang hinweg trillern, rufen und schreien. Für den Zuhörer sei es vielleicht am besten, diese Musik einfach fließen zu lassen, wohin sie wolle, und dabei auf die Energie, die Textur und die Wirkung zu achten, die die Veränderungen in ihrem Charakter im Verlauf des Stücks haben.

Die deutlich längere Nachmittagsaufführung würde sich über LP 2 und LP 3 erstrecken, und hier ließen sich Fragmente von Ellington manchmal leichter heraushören, so Weiner. Taylor spiele diatonische Filigranpassagen auf dem Klavier, untermalt von bluesigen Einwürfen von Lyons, der seine Wurzeln in der Tradition von Charlie Parker offenbare. Die dominierende Stimme sei hier jedoch Sam Rivers, der – während sich das Geflecht mit dem Einsetzen des Schlagzeugs verdichte – mehrere Minuten lang frei auf seiner Tenorsaxophon loslegt und schreit. Eine ruhige Episode mit Klavier-Solo würde diese Spannung wieder auflösen, und schon bald spiele Rivers einige wunderschöne, lyrische Passagen auf seiner Flöte. Doch als Lyons einsetze und sein freies Spiel ausbaue, beginne Rivers, laut zu stöhnen, zu jammern und schließlich markerschütternde Schreie auszustoßen. Live im Jahr 1969 mag dies als kraftvolles Statement existenzieller oder politischer Unruhe gewirkt haben, doch auf einer Aufnahme, die Jahrzehnte später übermoduliert wurde, wirke es wie „ein Moment avantgardistischer Selbstparodie“. Fragments (The Complete 1969 Salle Pleyel Concerts) sei ein Muss für eingefleischte Fans des monumentalen musikalischen Erbes von Taylor oder Rivers. Die wunderschön aufbereitete Box fange ein Quartett von immenser Kraft und Kreativität ein – zu einer Zeit, als der Avantgarde-Jazz neben Ellington und Davis auch ein wertschätzendes Mainstream-Publikum für sich gewinnen konnte.

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Einzelnachweise

Kategorie:Album (Jazz) Kategorie:Cecil Taylor Kategorie:Album 2026 Kategorie:Livealbum Kategorie:Duke Ellington