mini|Kirche und anschließende Klostergebäude (2026) Das Franziskanerkloster Euskirchen war ein Kloster des Franziskanerordens in Euskirchen im Rheinland, das von 1916 bis 2010 bestand. Seit 2016 befindet sich in dem Gebäude eine Niederlassung des Schwesternordens Daughters of Divine Love.

Erste Niederlassung 1916

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Euskirchen zur Industriestadt, insbesondere mit Textilindustrie, und die Einwohnerzahl verdoppelte sich zwischen etwa 1870 und 1904 auf etwa 10.500 Einwohner. Außerhalb der Kernstadt entstanden südlich der Eisenbahnstrecke nicht nur Industriebetriebe, sondern auch Arbeiterwohnungen, ein Gymnasium und ein Villenviertel. 1910 baten die in Euskirchen tätigen Priester den Kölner Erzbischof um Entlastung durch Aushilfsseelsorger, insbesondere für die „außerordentliche Seelsorge“ in Form von Volksmissionen, Exerzitien, Beichte und geistlicher Unterweisung für bestimmte Berufs- und Altersgruppen. Dann ergriff die Stadt Euskirchen die Initiative; Bürgermeister Gottfried Disse und Beigeordneter Engelbert Goebel fragten bei den Benediktinerabteien Maria Laach und Siegburg wegen Gründung eines Priorates in Euskirchen an, doch lehnten die Äbte beider Abteien eine Niederlassung ab, weil keine Klostertradition dort bestünde. 1913 richtete die Stadt dann eine Anfrage an die Sächsische Franziskanerprovinz (Saxonia), die seit dem Ende des Kulturkampfs bereits sechs Klöster im Erzbistum Köln gegründet oder wiedergegründet hatte, darunter in Bonn (Kreuzberg, 1889) und Köln (Ulrichgasse, seit 1890); Engelbert Goebel nahm dazu Kontakt mit dem ihm bekannten Pater Timotheus Lanzerath, Dompönitentiar in Köln und gebürtig aus dem benachbarten Kreis Rheinbach, auf, der das Vorhaben befürwortete. Bürgermeister Disse wollte mit der Klostergründung einen Gegenpart zu den Sozialdemokraten gründen, da diese mit dem Bau eines Gewerkschaftshauses in Euskirchen begonnen hatten.Gisela Fleckenstein: Die Franziskaner im Rheinland 1875–1918. (= Franziskanische Forschungen, Heft 38) Dietrich-Coelde-Verlag, Werl 1992, S. 69 (Klostergründungen); S. 79 (Motiv BMstr. Disse). Die Provinz sagte zu, am 17. Juni 1914 genehmigte Kardinal Felix von Hartmann, Erzbischof von Köln, die Klostergründung. Der Provinzialminister der Saxonia, Pater Richard Breisig, setzte sich maßgeblich für die Gründung ein.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Abriß der Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinzen von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Dietrich-Coelde-Verlag, Werl 1999, S. 549. Er wies in seinem Antrag an die preußischen Behörden vom 14. September 1914 auf die staatserhaltende Kraft des Katholizismus hin; es gelte, „mit der religiösen Überzeugung auch tatkräftige Vaterlandsliebe zu pflegen“, vor allem in Zeiten der Industrialisierung und Abwanderung vom Land in die Städte.

Einwände machte der Kölner Regierungspräsident Otto von Steinmeister „im Sinne des konfessionellen Friedens“, weil er möglicherweise, so der Historiker Reinhold Weitz, von evangelischen Kreisen kritisiert worden war, nachdem er nach dem Ende des Kulturkampfes wieder mehrere Niederlassungen katholischer Orden zugelassen hatte. Für die Gründung setzte sich besonders der Reichstags- und Landtagsabgeordnete Martin Faßbender (Deutsche Zentrumspartei) ein, an den sich mehrere Akteure aus Euskirchen und dem Rheinland wandten, so Provinzialminister Richard Breisig und Dechant Tillmann Stollmann. Faßbender beriet die Rheinländer bei der Abfassung ihrer Gesuche um Klostergründung und leitete diese empfehlend an den preußischen Kultusminister weiter. Richard Breisig begründete das Vorhaben auf Anraten Faßbenders mit den Gefahren für die Menschen, die im Industriezeitalter vom Land in die Stadt abwanderten und „darum feste Widerstandskraft gegen destruktive Bestrebungen nach verschiedenen Richtungen benötigen. Da gilt es, den christlichen Glauben zu erhalten und mit der religiösen Ueberzeugung auch tatkräftige Vaterlandsliebe zu pflegen“, so dass die Pfarrseelsorger Unterstützung durch Ordensleute benötigten. Gisela Fleckenstein bezeichnet die Argumentationsstruktur, dass die Franziskaner in Euskirchen und an anderen Orten, wo Klöster gegründet werden sollten, wegen ihres Armutsgelübdes fähig seien, das Vertrauen der Arbeiterbevölkerung zu gewinnen und deren „Abdriften zur sozialdemokratischen Bewegung“ zu verhindern, als Scheinargumantation, die aber vom Kultusministerium akzeptiert worden sei, um die „politische Dimension“ der Klostergründungen zu untermauern. Tatsächlich, so Fleckenstein, war es für die Franziskaner wichtig, an neuen Standorten ein praktisches seelsorgerliches Betätigungsfeld vorzufinden, da der Orden von Almosen für geleistete Seelsorgeaushilfe und von Einnahmen aus dem Terminieren, dem Almosensammeln bei der umliegenden katholischen Bevölkerung, lebte.Gisela Fleckenstein: Die Franziskaner im Rheinland 1875–1918. Werl 1992, S. 80f., 320 (Finanzierung).

Am 14. September 1915 erfolgte die Genehmigung zur Klostergründung durch das Preußische Kultusministerium mit der Auflage, dass in dem Kloster nur drei Patres und eine nicht limitierte Zahl von Laienbrüdern wohnen sollten; am 14. April 1916 folgte die Genehmigung durch den Heiligen Stuhl. Bürgermeister Disse schrieb im Mai 1916 in einem Zeitungsbericht: „Die Drangsale des Krieges zwang die engherzige protestantische Regierung Preußens, den Wünschen der katholischen Volkskreise Rechnung zu tragen“.

In einem vom Aachener Stadtplaner Karl Henrici erstellten Masterplan für die Entwicklung von Euskirchen zur Mittelstadt war an der Münstereifeler Straße ein Areal für eine „Südstadtkirche“ vorgesehen. Vertreter der Stadt hatten den Franziskanern im November 1915 in diesem Bereich zu einem Bauplatz von etwa 6,5 Morgen Größe verholfen, der wegen des Armutsgelübdes im Orden von einem Mittelsmann, dem Kölner Kaufmann Franz Spohr, erworben und grundbuchlich für das Franziskanerkloster Paderborn eingetragen wurde, das als juristische Person mit Kooperationsrechten galt. Der Kaufpreis für das Grundstück betrug 49.583,77 Mark, darin ein städtischer Zuschuss. Für den Bau stellte die Ordensprovinz Saxonia 108.000 Mark bereit.Gisela Fleckenstein: Die Franziskaner im Rheinland 1875–1918. Werl 1992, S. 216, 231 ff.; für den weiteren Verlauf wurde der Euskirchener Beigeordnete Engelbert Goebel zum Verwalter in Geldsachen des Klosters (Syndicus Apostolicus) ernannt; ebd. S. 202 Anm. 15. Wegen des Ersten Weltkriegs war ein Neubau dort jedoch zunächst nicht möglich. Somit gründeten am 1. Mai 1916 drei Patres und ein Laienbruder der Saxonia in einem Mietshaus in der Münstereifeler Straße 85–87 eine Residenz, eine unselbständige klösterliche Niederlassung; am 3. Mai wurde in dem Gebäude eine provisorische Kapelle benediziert. Die ersten Franziskaner in Euskirchen waren der bisherige Provinzialminister Richard Breisig als Oberer („Präses“), die Patres Fridolin Otten und Franziskus Sturm sowie Bruder Leovigild Andres. Die Patres übernahmen in den umliegenden Landgemeinden Predigten und Volksmissionen, geistliche Vorträge bei Konferenzen für Priester und waren tätig bin der Kranken- und Schwesternseelsorge.

Ein besonderer Schwerpunkt sollte auch auf der Jugendarbeit liegen, wie es auch von der Stadt erwartet wurde. Die dann begonnene Jugendarbeit richtete sich allerdings weniger auf jugendliche Arbeiter als auf Gymnasiasten. Eine Hausaufgabenbetreuung für Schüler des Gymnasiums (Silentium mit Nachhilfe), die vom Bürgermeister und dem Schuldirektor dringend erwünscht waren und von den Franziskanern in einem Saal des Gesellenhauses eingerichtet wurde, stieß auf große Nachfrage, wurde aber nach wenigen Wochen von der Bezirksregierung untersagt, da man den Franziskanern Lehrtätigkeit unterstellte, und diese war ihnen im Preußischen Schulaufsichtsgesetz von 1887 verboten. Bereits 1916 gründete sich ein Kirchenchor, der von Lehrer Schmöle geleitet wurde.Reinhold Weitz: Ein Kloster und eine Kirche für die Südstadt - Wie die Gemeinde St. Matthias entstand. In: Reinhold Weitz, Ernst Werner: Euskirchen und seine Franziskaner. Weilerswist 2013, S. 12–16, S. 23 (Kirchenchor), S. 29 (Jugendarbeit).

Bau von Kloster und Kirche 1925/1926

1919 fertigte Euskirchens Stadtbaumeister Leven erste Bauzeichnungen für einen Neubau von Kloster und Kirche an, die Sächsische Franziskanerprovinz erteilte 1920 die Baugenehmigung für einen Gebäudekomplex am Schnittpunkt zwischen Münstereifeler Straße und Eifelring. Verzögerungen gab es, weil zunächst die englischen Besatzer und 1921 das französische Militär das Terrain als Exerzierplatz beanspruchten und durch die deutschen Behörden von einer Beschlagnahme abgehalten werden mussten. Mit fortschreitender Inflation wurden die für den Bau angesparten Eigenmittel des Ordens zunehmend entwertet, 1923 verhinderten Ruhrkampf und separatistische Bestrebungen im Rheinland einen Baubeginn. 1925 ergriffen der neue Präses der Franziskaner-Niederlassung, Pater Liberius Hosmann, und Franziskanerbruder Matthias Westermann, ein gelernter Maurer, die Initiative und trieben den Baubeginn voran, genauso wie Bürgermeister Disse, der unweit des Bauplatzes wohnte, und die Bewohner der neuen Südstadt.Reinhold Weitz: Ein Kloster und eine Kirche für die Südstadt - Wie die Gemeinde St. Matthias entstand. In: Reinhold Weitz, Ernst Werner: Euskirchen und seine Franziskaner. Weilerswist 2013, S. 18.

Am 20. April 1925 wurde der Grundstein gelegt, der Rohbau stand im September, die Außenarbeiten waren bis Dezember 1925 beendet. Die Franziskaner zogen im August 1926 in den Neubau um, und die Kirchweihe fand am 25. August 1926 statt. Der Bürgermeister wies in seiner Rede bei dem Fest darauf hin, dass es 700 Jahre nach dem Todesjahr des Ordensgründers Franz von Assisi geschah. Nach der Kirchweihe wurde noch der weitläufige Garten angelegt, 1931 erhielt das Kirchendach einen sechseckigen Dachreiter. Bei ihrem Almosensammeln in der Umgebung, dem „Terminieren“, verstanden es die Franziskaner, viele Menschen zu Materialspenden, Transporthilfen, Stiftungen und unentgeltliches Helfen beim Bau zu motivieren. Fürsorgezöglinge leisteten Hilfe beim Ausschachten, Be- und Entladen, Bauern aus dem Umland leisteten Spanndienste, die Zuckerfabrik baute ein kurzes Anschlussgleis und lieh Kippwagen, außerdem lieferte sie Mutterboden für den Garten.

Baumeister Levens Plan war an älteren neo-barocken Klöstern der Saxonia in Westfalen orientiert. Er hatte eine vierflügelige Anlage vorgesehen, doch konnte wegen fehlender Ressourcen nur zweiflügelig gebaut werden. Die Kirche glich eher einer Notkirche: Es war ein schmuckloser rechteckiger Saal mit zwei Reihen von Fenstern übereinander im Stil der Zimmerfenster des anschließenden Klosters. Die Kirche besaß einen hölzernen Hochaltar und zwei Seitenaltäre rechts und links davon. Das Hauptportal war mit dem Franziskanerwappen geschmückt, auf dem sich unter einem Kreuz zwei Arme mit Stigmata kreuzen, einer im Ordenshabit (Franziskus) und einer nackt (Jesus). Die Kirche trug das Patrozinium des heiligen Franziskanerbruders Paschalis Baylon.