Giovanni Battista Locatelli (* 7. Januar 1713 in Mailand oder Brescia; † nach 1790) war ein italienischer Operndirektor, Impresario und Leiter einer privaten Opernensembles, der größtenteils auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands, Tschechiens und Russlands wirkte.
Leben Hofpoet in Bonn und Gründung der Opernkompanie mini|Titelblatt des Textbuches von Glucks Ezio (Prag, 1750) Über das frühe Leben Locatellis in Italien ist wenig bekannt. Er tritt erstmals 1741 als Hofpoet in Bonn bei Kurfürst Clemens August in Erscheinung. Etwa 1744 schloss er sich der Operntruppe von Pietro Mingotti an, dort ist er als Librettist des Intermezzos Il matrimonio sconcertato dalla forza di Bacco (Musik von Filippo Finazzi), welches im Theater an der Kotzen in Prag von der Operntruppe aufgeführt wurde, aktenkundig. Spätestens 1744 heiratete er die Altistin Giovanna della Stella,Biografie Giovanna Delle Stelle auf www.quellusignolo.fr, abgerufen am 19. Juli 2026 (französisch) da im März dieses Jahres eine Tochter des Paares in Prag getauft wurde.Milada Jonášová: Giovanni Battista Locatelli. In: Alena Jakubcová, Hubert Reitterer (Hrsg.): Theater in Böhmen, Mähren und Schlesien (= Theatergeschichte Österreichs 10/6). Verlag der Österreichischen Akadedie der Wissenschaften, Wien 2013, ISBN 978-3-7001-6999-4, S. 394–399; doi:10.1553/0x002db2fe. Im Jahr 1745 schrieb er den Text zur Schäferoper Diana nelle selve (Musik: Giuseppe Clemente Dall’Abaco)Melania Bucciarelli, Norbert Dubowy, Reinhard Strohm: Italian Opera in Central Europe. Band 1, Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2006, S. 165., bei der neben Giovanna della Stella die Sängerin Rosa Costa mitwirkte, und die am 23. November 1745 in Bonn aufgeführt wurde. Auch schrieb er das Textbuch zu der im gleichen Jahr dort aufgeführten Pastorale Apollo fra Pastori.Wilfried Hansmann: Internationale Künstler in Bonn, 1700–1860. Ausstellung des Stadtarchivs und der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek Bonn im Ernst-Moritz-Arndt-Haus, Bonn vom 12. bis 30. September 1984, Stadtarchiv, Bonn 1984 Etwa 1748 gründete Locatelli eine eigene Opernkompanie und ging mit seiner Frau und den Sängern Settimio Canini, Rosa Costa, Angela Romani auf Reisen.
Engagements in Prag, Leipzig, Dresden und Hamburg Das Debüt der Operntruppe mit Locatelli als Impresario fand im Herbst 1748 im Theater an der Kotzen in Prag statt. Dank dreier Verträge mit der Stadtverwaltung war Locatelli von diesem Zeitpunkt an über acht Jahre lang, bis zum Karneval 1757, der Hauptverantwortliche für das Opernleben in Prag. Locatelli brachte hauptsächlich Pasticci mit Musik verschiedener Komponisten auf die Bühne, zusätzlich inszenierte er neu komponierte Opern. Darunter waren Werke von Francesco Zoppis, Christoph Willibald Gluck, Giovanni Marco Rutini, Baldassare Galuppi, Gioacchino Cocchi und Ferdinando Bertoni. Giacomo Casanova, der kurz nach dem Karneval 1753 auf der Durchreise in Prag war, schrieb über ihn in seinem Memoiren: „Er war ein origineller Charakter, dessen Bekanntschaft zu machen sich lohnte.“Giacomo Casanova: Histoire de ma vie, zuerst 1789, Digitalisat der ersten beiden Kapitel bei Gallica; deutsch zitiert nach: Giacomo Casanova, Chevalier de Saingalt: Geschichte meines Lebens. Vollständige Übersetzung von Heinrich Conrad, herausgegeben und kommentiert von Günter Albrecht in Zusammenarbeit mit Barbara Albrecht. 3. Band. C.H. Beck, München 1984, ISBN 3-406-09913-0, S. 229. mini|Abbildung des Theaters am Dragonerstall in Hamburg um 1850 Zwischen den Prager Herbst- und Karnevalssaisonen reiste die Truppe nach Norden. Im Jahr 1751 gastierte Locatellis Truppe erstmalig in Leipzig im Reithaus, das von den Mingottis ein paar Jahr zuvor zum Opernhaus umgebaut worden war. Dort wurde zur Ostermesse Ezio (komponiert von Christoph Willibald Gluck, der sich, nachdem er mit der Operntruppe von Mingotti unterwegs war, mittlerweile Locatellis Truppe angeschlossen hatte) neben dem Intermezzo Le tre gobbi (Die drei Buckligen) gespielt. Für den 14. Oktober 1751 sind dort weitere Gastspiele und für den 10. Mai 1753 ist ein erneuter Auftritt in Leipzig mit der Oper Vologeso, der Partherkönig erwähnt.Ernst Wustmann: Quellen zur Geschichte Leipzigs. 1889 S. 425. Um 1753 hatte sich der Komponist Francesco Zoppis, der vorher in der Operntruppe von Mingotti tätig war, Locatellis Gesellschaft angeschlossen. Bei einer Aufführung im Mai 1754 in Leipzig war Kurfürst Friedrich August II. inkl. mitgereisten Dresdener Hofgesellschaft zugegen, was wahrscheinlich ein Engagement in Dresden im Sommer 1754 begründete. Die Aufführungen vom Juni bis Oktober 1754 fanden im Theater des Grafen Heinrich von Brühl (Brühlsches Theater auf dem Walle) statt.
Im November 1754 reiste Locatellis Truppe von Dresden weiter nach Hamburg und führte dort während der Herbst- und Karnevalssaison Opern auf und organisierten Konzerte bis zum 11. April 1755. Sie spielten im Theater am Dragonerstall, welches Pietro Mingotti am 18. November 1751 eröffnet hatte, dieser aber wegen personeller Querelen im Juni 1752 vorerst Hamburg verlassen musste (seine Truppe spielte am 2. August 1754 letztmalig in Hamburg, sie zogen dann nach Kopenhagen). Mingotti hatte deshalb sein Theater 1753 für 3 Jahre an Johann Friedrich Schönemann für seine Theatertruppe verpachtet. Da Schönemann 1754 dem Ruf der Herzog Christian Ludwig II. von Mecklenburg nach Schwerin folgte, verpachtete er das Theater vom November 1754 bis April 1755 an Locatelli.Jonas Ludwig von Heß: Hamburg topographisch, politisch und historisch beschrieben. 2. Auflage, Band 2, Eigenverlag, Hamburg 1811, S. 426.Ludwig Wollrabe: Chronologie sämmtlicher Hamburger Bühnen. Berendsohn, Hamburg 1847, S. 53 f.
Das Dresdner Hofjournal vermerkt für das Jahr 1755 Aufführungen von Locatellis Operisti von Mai bis Ende September, die sowohl der Kurfürst und die Kurfürstin, als auch die Kurprinzessin und der Kurprinz regelmäßig gemeinsam mit dem Hofstaat besuchten. Die Aufführungen fanden im (noch hölzernen, neu erbauten) Theater von Pietro Moretti statt, wie die Notanda: Zum Reglement bey denen Locatell. Operetten im Ital. Dorffe 1755 und dem Reglement: Wie es bey denen Operetten des Hl. Locatelli zu halten, wenn solche die Königl. Herrschaften besuchen aus der Zeit beschreiben.Andrea Zedler, Lena van der Hoven, Kordula Knaus: Die Opera buffa in Europa: Verbreitungs- und Transformationsprozesse einer neuen Gattung (1740–1765). transcript, Bielefeld 2023, S. 232 f.
Mit dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges, dem Fall von Leipzig und Dresden an die Preußen und der sich nähernden Gefahr in Prag, nahm Locatelli im Mai 1757 eine Einladung der Zarin Elisabeth nach Russland an. Nachdem er in Wien mit einem russischen Gesandten der Krone einen Vertrag mit einer Laufzeit von einem Jahr ab dem 24. September abgeschlossen hatte, verließ Locatelli mit einer teilweise erneuerten Kompanie Prag endgültig und begab sich nach Sankt Petersburg.
Übersiedlung nach Russland mini|Sommerpalast in St. Petersburg 1753 In Sankt Petersburg übernahm er die Leitung des Theaters im Sommerpalast der Zarin unter Hofkapellmeister Hermann Friedrich Raupach und führte auch dessen Werke auf. Laut Vertrag war Locatelli verpflichtet, wöchentlich eine Vorstellung für den Hof zu produzieren. Die Krone ihrerseits zahlte ihm 7000 Rubel pro Jahr und stellte ihm das Theater für zwei weitere wöchentliche Aufführungen zu seinem eigenen Nutzen zur Verfügung (ab 1760 wurden es aufgrund finanzieller Probleme des Unternehmens drei). Das Debüt fand 1757 vor der Hofgesellschaft mit der Oper Il retiro degli dei statt. Fünf Tage später öffnete das Theater für das zahlende Publikum und ab Februar 1758 begann Locatelli auch mit der Aufführung von Komödien und Balletten. Während in Dresden Giuseppe Ciuti als Tanzmeister für den Impresario tätig war, waren das am russischen Hof Carlo Belluzzi und Antonio Sacco. Auch beschäftigte Locatelli von Prag bis Russland den Theatermaler Angelo Carboni (ca. 1710 – nach 1782).Iana Sokolova: Sulle strade del teatro: l’epico viaggio della compagnia teatrale di Giovanni Battista Locatelli verso San Pietroburgo attraverso il “Racconto breve” di Angelo Carboni. in Вивлиофика / Vivliofika, Nr. 13 (2025), S. 166–187.
Kaiserin Elisabeth schenkte Locatelli 5000 Rubel und begnügte sich nicht mit der wöchentlichen Vorstellung für den Hof, sondern besuchte (inkognito, aber erkannt) auch die Vorstellungen für das zahlende Publikum und gab damit Locatelli und seinem Unternehmen einen öffentlichen Segen. Locatelli brachte allein im Jahr 1758 mindestens neun Opern auf die Bühne, die teils aus dem alten Repertoire der Kompanie stammten, teils neu erworben und teils neu komponiert waren. Um die Aufführungen für ein breiteres Publikum attraktiv zu machen, ließ er sie außerdem von Pantomimen, Feuerwerken, Lichtspielen und vielem mehr begleiten. Und um auch die weniger begüterten Einwohner Petersburgs ins Theater zu locken, senkte er im September 1759 den Eintrittspreis für den Parkettbereich von einem Rubel auf 50 Kopeken.
Da das Unternehmen gut lief, wurde am 4. September 1758 wurde der Vertrag von Locatelli um weitere drei Jahre verlängert. Durch den außerordentlichen Erfolg in St. Petersburg optimistisch gestimmt, beschloss Locatelli, seine Tätigkeit auf das weitaus bevölkerungsreichere Moskau auszuweiten. Am 8. Mai erhielt er von der Zarin neben einem Darlehen von 10.000 Rubel auch die Genehmigung zum Bau eines eigenen Theaters und die Konzession für ein geeignetes Grundstück in der Ortschaft Krasnyj Prud (Roter Teich). Für die neue Moskauer Truppe holte er neue Künstler aus Italien, darunter den Kastraten Giuseppe Manfredini und dessen Bruder Vincenzo als Komponisten und Dirigenten. Schon am 9. Februar 1759 konnte das neue Theater mit Galuppis La calamita de’ cuori eingeweiht werden. mini|Titelblatt einer Sonate von Manfredini (1765) für die Zarin Nach anfänglicher Begeisterung aufgrund der Neuheit begann das Moskauer Publikum, sich rar zu machen, sei es wegen der Abneigung gegen eine in einer Fremdsprache gesungene Aufführung, wegen der schlechten Heizung des Theaters oder wegen der Gewohnheit des Moskauer Adels, die Sommermonate in seinen Landresidenzen zu verbringen. Um der immer besorgniserregenderen Finanzlage entgegenzuwirken, beantragte Locatelli die Genehmigung Maskenbälle zu veranstalten, erhielt sie auch und bekam weiteres Geld aus der kaiserlichen Schatzkammer. All dies reichte jedoch nicht aus, um das Schicksal des Theaters zu wenden. Schon Ende 1760 verließen einige Sänger und Tänzer angesichts der prekären Lage die Operngesellschaft und im Februar 1761 musste Locatelli Konkurs anmelden.
Als Locatelli mit den verbliebenen Künstlern nach Sankt Petersburg zurückkehrte, sah er sich mit einer immer ernsteren Situation konfrontiert. Ende 1761 kam es auch in der Kompanie von Sankt Petersburg zu Abgängen. Mit dem Tod der Zarin Elisabeth, der Unterstützerin seines Unternehmens, die am 5. Januar 1762 starb verlor er seine Fürsprecherin. Obwohl er erst am 24. September 1761 eine Vertragsverlängerung um weitere fünf Jahre erhalten hatte, sah sich Locatelli Anfang 1762 gezwungen, die Leitung des Theaters wieder an die Direktion der Hoftheater abzugeben.