mini|Jerzy Bereś (2012) Jerzy Bereś (* 14. September 1930 in Nowy Sącz; † 25. Dezember 2012 in Krakau) war ein polnischer Bildhauer und Performancekünstler, der als Pionier der polnischen Performance-Kunst gilt. Er nahm an Hunderten von Gruppenausstellungen teil, darunter an allen bedeutenden weltweiten Präsentationen polnischer Kunst.
Werdegang Jerzy Bereś wurde 1930 in Nowy Sącz in einer Arbeiterfamilie geboren und wuchs mit seiner drei Jahre jüngeren Schwester Irena in einem kleinen Haus am Stadtrand auf. Sein Vater Władysław Bereś war Facharbeiter in den Eisenbahnwerkstätten, seine Mutter Jadwiga (geb. Wygoda) Hausfrau. Nach dem Tod der Mutter 1937 verheiratete sein Vater sich drei Jahre später mit Janina Rakuss.
Nach dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurde Władysław Bereś zusammen mit seinem Arbeitsplatz nach Osten evakuiert und Janina Bereś floh zunächst mit Jerzy Bereś und seiner Schwester Irena zu Verwandten nach Rzeszów. Noch im selben Monat kehrte die Familie nach Nowy Sącz zurück. In Folge war ihr Leben von Repressalien geprägt. Jerzy Bereś Vater musste in einer Militäranlage arbeiten und er selbst suchte mit seiner Stiefmutter in den umliegenden Dörfern nach Nahrung. 1941 wurde sein Halbbruders Roman geboren. Ab 1944 musste er Zwangsarbeit leisten und Schützengräben ausheben. Bei Kriegsende gehörte Nowy Sącz zu den am schwersten zerstörten Orten der Region. Polen verlor seine Souveränität und wandelte sich als Volksrepublik Polen in ein kommunistisches totalitäres System.
Studium und Familie Jerzy Bereś studierte ab 1950 Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste Krakau, zunächst bei Franciszek Kalfas, dann bei Stanisław Popławski und ab dem dritten Studienjahr bei Xawery Dunikowski, der seine Studenten in der Hochphase des stalinistischen Terrors unter Bolesław Bierut vor kommunistischer Indoktrination abschirmte und den verbindlichen Kunststil des Sozialistischen Realismus bei seinen Studenten nicht duldete. 1955/1956 schloss Bereś das Studium ab.
Am 28. April 1957 heiratete Jerzy Bereś die Künstlerin Maria Pinińska-Bereś, die er während der Aufnahmeprüfungen für die Akademie kennengelernt hatte, und die die dieselbe Bildhauerklasse wie er besucht hatte. Am 27. Juli 1958 wurde Tochter Bettina geboren, die später ebenfalls Künstlerin wurde. Anfänglich besaß das Paar weder eine Wohnung noch ein Atelier und lebte im Winter in Katowice, wo Marias Familie lebte. Im Sommer wohnten sie in einem unfertigen Haus in Krakau, das ihrem Großvater gehörte. 1960 wurde ihnen endlich eine kleine Einzimmerwohnung am Stadtrand von Krakau zugewiesen, die über ein Bildhaueratelier verfügte. Die Wohnung des Ehepaares diente ihnen zugleich als Atelier und Treffpunkt für Künstler und Intellektuelle.
Künstlerische Vernetzung und Zensur Ab 1956 war Jerzy Bereś Mitglied im polnischen Künstler-Verband. 1962 rief er gemeinsam mit seiner Frau die jährliche Ausstellungsreihe „Rzeźba roku“ (Skulptur des Jahres) ins Leben um die Krakauer Bildhauerszene zu beleben. Die Preise bei diesen Ausstellungen wurden von einer unabhängigen Jury vergeben. Das internationale Bildhauersymposium „Forma Viva“ auf der Insel Krk im damaligen Jugoslawien 1965 wurde, begleitet von Frau und Tochter, der erste Auslandsaufenthalt für Bereś
1966 wurde er Mitglied der Krakauer Gruppe unter Leitung von Tadeusz Kantor, den Bereś 1962 kennengelernt hatte. In ihr hatten sich Künstler zusammengeschlossen, die sich der staatlich verordneten Doktrin des Sozialistischen Realismus widersetzten und trotz „strenger politischer Isolation die Verbindung zwischen polnischer und europäischer Kunst aufrechterhalten konnten“. Später war er viele Jahre lang Vorsitzender der Gruppe.
Seine Aktionen brachten Jerzy Bereś immer weiter in Konflikt mit der Obrigkeit. Ab 1968 verschärfte sich der Druck und die staatlichen Zensurmaßnahmen. So wurde eine Ausstellung in der Galerie Foksal, die eine starke politische Botschaft zur Unabhängigkeit Polens enthielt, umgehend geschlossen und Bereś Skulpturen wurden wiederholt aus Ausstellungen entfernt. Als er 1970 mit der Foksal-Galerie an der Ausstellung *Salon International de Galeries Pilotes* im Musée cantonal des Beaux-Arts de Lausanne teilnahm, versuchen andere mit der Galerie verbundene Künstler, vermutlich auf Druck der Behörden, auf ihn einzuwirken, keine politisch engagierten Skulpturen zu zeigen. Seine Weigerung bedeutete das Ende seiner Zusammenarbeit mit der Galerie.
Zwischen 1971 und 1974 konnte er seine Arbeiten noch in mehreren Einzelausstellungen in namhaften Museen in Westeuropa zeigen. Eine seiner Einzelausstellungen in der Galerie BWA in Białystok im Dezember 1976 wurde nach wenigen Tagen auf Geheiß des Zentralkomitees der PZPR geschlossen. Bereś wurde in Polen auf eine „schwarze Liste“ gesetzt, seine Werke als für die Präsentation in Museen und Galerien ungeeignet eingestuft und sein Name durfte weder in der Presse noch im Fernsehen erscheinen. Damit wurde er über Jahre von offiziellen Galerien und der offiziellen Kulturpresse ausgeschlossen und konnte nur noch in Studentenclubs ausstellen. Mehrfach wurden seine öffentlichen Manifestationen von der polnischen Miliz gestoppt und 1979 verweigerten ihm die Behörden die Ausstellung eines benötigten Reisepasses, um einer Einladung zu einem Kunstfestival in Italien folgen zu können.
In der Zeit nach Ausrufung des Kriegsrechts in Polen 1981–1983 beteiligte Jerzy Bereś sich an der Bewegung unabhängiger Ausstellungen als sichtbare Zeichen des Widerstands gegen das Regime und engagierte sich in den folgenden Jahren aktiv in der unabhängigen Kulturbewegung.
Weiteres Leben mini|hochkant|Grabstelle von Jerzy Bereś und Maria Pinińska-Bereś 1984 realisierte der britische Performancekünstler Stuart Brisley den Film Being and Doing, der einen Bereś gewidmeten Abschnitt enthält. 1987 erhielt Bereś eine Auszeichnung des Komitees für unabhängige Kultur der immer noch verbotenen Solidarność. Auch nach der Absetzung des kommunistischen Regimes und der Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit im Jahr 1989 „blieb Bereś ein unabhängiger Künstler, unbeugsam in seinen Urteilen und seinem Handeln“. In den folgenden Jahren reiste Bereś mehrfach ins Ausland und stellte seine Werke aus, begleitet von seinen Manifestationen. Im Jahr 1994 produzierte Krystyna Czerni einen Film über Jerzy Bereś.
Jerzy Bereś wurde im April 1999 Witwer und beteiligte sich im November an der Vorbereitung einer Retrospektive zum Werk seiner Frau Maria Pinińska-Bereś, das bereits vor ihrer Erkrankung geplant war. Bereś übernahm an jedem Ausstellungsort die Gestaltung der Ausstellung, die im Bunkier Sztuki in Krakau und weiteren Städten gezeigt wurde. Im Jahr 2002 erschien das Buch „Wstyd. Między podmiotem a przedmiotem“ (Scham: Zwischen Subjekt und Objekt) mit nahezu allen Texten von Jerzy Bereś. Ende 2008 musste er sich einer Operation unterziehen, genas aber weitgehend und war bis kurz vor seinem Tod künstlerisch aktiv, führte Manifestationen im In- und Ausland durch und beteiligte sich an Ausstellungen.
Jerzy Bereś starb 2012 und wurde in der gemeinsamen Grabstelle bei Frau auf dem Friedhof im Krakauer Stadtbezirk Prądnik Czerwony beigesetzt.
Künstlerisches Schaffen Jerzy Bereś Werk umfasst eine Vielzahl von Techniken. Er schuf Plastiken, Assemblagen und Denkmäler und gestaltete Performances und Aufführungen. In seinen Arbeiten bezog Bereś sich meist kritisch auf politische und gesellschaftliche repressive Bedingungen in Polen, die er künstlerisch sichtbar machte und anprangerte.
Am Anfang der künstlerischen Arbeit von Jerzy Bereś standen Stahlbeton- und Gipsplastiken, die er 1958 in seiner ersten Einzelausstellung im Haus der Künstler in Krakau zeigte. Sie „zeichneten sich durch eine geometrische Formvereinfachung aus, die den Einfluss Dunikowskis erkennen ließ“. Nach dieser Ausstellung beschloss er, traditionelle bildhauerische Techniken aufzugeben. In den 1960er Jahren schuf er erste plastische, monumentale Assemblagen aus roh behauenem Holz, Stämmen, Ästen, Juteseilen, Ketten, Lappen und Steinen, die er Zwidy (Erscheinungen) betitelte. Statt Nägel und Schrauben zu verwenden, verband er die Teile mit Seilen und bohrte Löcher durch das Material und verkeilte darin Stangen, um das Gewicht der massiven Elemente zu stützen. Teilweise erinnern diese archaischen Werke an primitive bäuerliche Gerätschaften. Daneben stellte Jerzy Bereś von ihm gestaltete an den Dadaismus erinnernde groteske Fahrzeuge im Freien aus.
Ab 1966 nutzte Jerzy Bereś seine Kunst zunehmend zur gesellschaftspolitischen Kritik gegen das kommunistische Regime in Polen. Die „ironische, bisweilen spöttische Aussage“ hinter seinen beweglichen Holzobjekten wurden erst in der Interaktion offenbar, etwa bei seiner Klatscher betitelten Vorrichtung zur Erzeugung künstlichen Applauses oder dem Zeitungsentwerter, mit dem Zeitungen, die in Polen als Inbegriff der Lüge galten, zerdrückt und unlesbar gemacht werden konnten.
Ab 1968 wurde Jerzy Bereś durch die neoavangardistische Bewegung beeinflusst und thematisierte in seiner Kunst „existenzielle und moralische Fragen, die mit dem Leben unter einem totalitären Regime verbunden waren“. Dazu führte er Performances und von ihm als „Manifestationen“ betitelte Aktionen durch, in die er seine plastischen und beweglichen Objekte einband und auch seinen eigenen, vielfach unbekleideten, mit Symbolen und Schriftzügen bemalten Körper einbezog. Die Zeit zum Aufbau der Werke war bereits Teil der performativen Aktion, in der Bereś in Dialog über Leben, Kunst und Ethik mit dem Publikum trat.
Im März 1970 nahm Jerzy Bereś am „Symposium für Bildende Kunst Breslau ’70“ (Sympozjum Plastycznym Wrocław ’70) teil und reichte mit Arena einen Entwurf für ein „Lebendiges Denkmal“ ein. Es umfasste die Anlage eines großen Kreises, dessen eine Hälfte asphaltiert und dessen andere Hälfte mit jungen Bäumen begrünt werden sollte. Im Zentrum sollte eine große abgestorbene Eiche mit den Wurzeln nach oben platziert werden. Der Entwurf wurde 1972 teilweise von Studierenden umgesetzt. 1983 wurde der Eichenstamm von der Miliz gefällt. 1995 wurden neue Bäume gepflanzt und 2010 wurde der Entwurf vollständig ausgeführt.
Unter der staatlichen Zensur entwickelte Jerzy Bereś ab Mitte der 1970er Jahre ein Konzept der „prophetischen Kunst“. Er betrachtete den Künstler als eine Art Medium, der zukünftige gesellschaftliche und politische Zustände vorwegnehme und untermauerte seine Thesen in dem Text „Dzieło stymulatorem osądu“ (Das Werk als Impuls zur Urteilsbildung) mit Beispielen eigener Kunstwerke.
Ab Mitte der 1970er Jahre organisierte Jerzy Bereś mehrere Aufführungen zu den „Mysterien der Schöpfung“, von denen in den 1980er Jahren einige in Kirchen stattfanden. In seinen späteren Jahren inszenierte er als über Siebzigjähriger „Manifestationen“ in Japan, Kanada, und Deutschland und tourte 1979 gemeinsam mit Zbigniew Warpechowski und Andrzej Kostołowski durch Großbritannien, wo er zehn seiner „Manifestationen“ aufführte. In der nur kurz währenden Zeit der Solidarność-Bewegung konnte er im Dezember 1981 auf dem Krakauer Hauptmarkt eine „romantische Manifestation“ mit fünf Freudenfeuern inszenieren, eine Aktion, die er bereits 1975 entwickelt hatte und in den folgenden Jahren vergeblich versucht hatte, aufzuführen. Nach dem Systemwechsel und der Gründung der Dritten Polnische Republik führte er wieder öffentliche „Manifestation“ auf und stellte in staatlichen Museen aus.
Werke